{"id":10421,"date":"2026-01-27T23:49:50","date_gmt":"2026-01-27T22:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=10421"},"modified":"2026-05-15T14:14:25","modified_gmt":"2026-05-15T12:14:25","slug":"bewusstsein-aus-islamischer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2026\/01\/27\/bewusstsein-aus-islamischer-sicht\/","title":{"rendered":"Bewusstsein aus islamischer Sicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:23px\"><strong>Islamische (w\u00f6rtlich: gottergebene) Mystik ist keine Romantik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Imam, der auch Meditationen anleitet und verschiedene Formen der Traditionen kennenlernte, besch\u00e4ftigt mich seit jeher aus privaten wie aus theologischen Gr\u00fcnden, wozu diese Meditationen dienen und was sie in uns aufzeigen oder bewegen d\u00fcrfen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist f\u00fcr mich der Begriff des Bewusstseins, der nicht nur die geistige, sondern f\u00fcr mich auch die k\u00f6rperliche Welt umfasst. Da ich nicht viele Artikel kenne, die diesen ganzheitlichen Blick aus einer progressiven Theologie heraus versuchen zusammenzufassen, war f\u00fcr mich bei der Anfrage, einen Beitrag f\u00fcr den Blog der via integralis zu schreiben, sofort klar: Ich schreibe etwas zu Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Was verstehen wir unter Sufismus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte zum Einstieg den Sufismus als einen Sammelbegriff aufgreifen, um ihn gleich wieder in den Hintergrund zu r\u00fccken. Ein eurozentrischer Blick romantisiert die Sufis sehr stark. Teile von Rumis Gedichten und Spr\u00fcchen (13. Jh.) sind beliebte Zitate, jedoch ist sein monumentales Werk <em>Mathnawi<\/em> nur Wenigen ein Begriff und noch Wenigeren gut bekannt. Ich z\u00e4hle mich trotz langj\u00e4hriger Lekt\u00fcre auch nicht zu den Kennern dieses bedeutenden Werkes, eher zu den von ihm im Herzen stark bewegten Menschen. Sind denn Sufis nicht die \u00abModeraten\u00bb, welche die spirituelle Dimension der islamischen Religion leben? Dies, indem sie (dreh)tanzen und regelm\u00e4ssig meditieren, um des Namens Gottes zu gedenken und Ihn zu verinnerlichen? Ist das nicht schon Romantik, mindestens ein wenig?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So viel ist klar: Unter den Sufis gibt es auch erzkonservative, sehr orthodoxe Gl\u00e4ubige, die noch genauer auf die Geschlechtertrennung schauen und penibler auf die Einhaltung der Regeln eines sehr traditionellen Islams pochen als so mancher Imam einer gew\u00f6hnlichen Moschee. Und dann gibt es Orte wie die der Mevlevi Schweiz, die ich auch besuche, in der der Scheich Peter H\u00fcseyin Cunz kraft seines Amtes eine offene Gruppe aufbaute im Namen eines sonst sehr traditionell orientierten Ordens. Sein Anliegen: die Essenz bewahren. Es gilt also generell genau hinzuschauen, da der Sufismus nat\u00fcrlich auch nicht frei ist von Kultur, Konfession und Tradition. Dies ist wichtig f\u00fcr mich beim Finden m\u00f6glicher Perspektiven auf unser Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch sei hier unbedingt die sagenumwobene Rabia von Basra aus dem 8. Jhdt. erw\u00e4hnt, die f\u00fcr mich als die Mutter der islamischen Mystik gilt. Die Legende von ihr als Sklavin, der ihr Herr die Freiheit schenkte aufgrund ihrer grossartigen spirituellen Kenntnisse, ist ein Symbolbild f\u00fcr die <strong>Bedeutung der Freiheit und des Friedens durch die best\u00e4ndige Verehrung des g\u00fctigen, geschlechtlosen, alles umfassenden Gottes<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Koran als Quelle islamischer Mystik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Koranexeget m\u00f6chte ich in die erste Quelle jeglicher <em>islamischer<\/em> Mystik schauen: den Koran.<sup data-fn=\"5c0fd051-6009-49e9-b125-cae3649da4c2\" class=\"fn\"><a href=\"#5c0fd051-6009-49e9-b125-cae3649da4c2\" id=\"5c0fd051-6009-49e9-b125-cae3649da4c2-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Koran 26:87-90 Und schm\u00e4he mich nicht am Tag (des J\u00fcngsten Gerichts), wo sie auferweckt werden; am Tag, wo weder Verm\u00f6gen noch Kinder n\u00fctzen, <strong>au\u00dfer dem, der zu Gott mit einem heilvollen Herz (bi-qalbin sal\u012bm) kam<\/strong>. Und der Garten wurde den Achtsamen n\u00e4hergebracht.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Adjektiv sal\u00eem teilt sich dieselbe Wurzel wie das Wort Islam oder Muslim: s\u00een-l\u00e2m-m\u00eem. Die Wurzel umfasst Bedeutungen wie Frieden, Friedensstiftung, Unversehrtheit, Hingabe, Ergebung oder Widerstandslosigkeit. Im Sinne des g\u00f6ttlichen Bewusstseins stehen wir also vor dem Antlitz des G\u00f6ttlichen mit einem unversehrten, heilvollen Herzen da, wenn wir widerstandsfrei und erl\u00f6st sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gelangen wir nun zu dieser Form des Bewusstseins? Der Koran beschreibt unser Selbst mit dem Begriff <em>nafs<\/em>, welcher verschiedene Zust\u00e4nde annehmen kann; so wie unser Ego. Darin ist der Hauch oder Geist Gottes verankert, der <em>ruh <\/em>auf Arabisch (oder die <em>ruach<\/em> auf Hebr\u00e4isch), aus dem wir erschaffen sind. Wir haben also alle, unabh\u00e4ngig von der Religion, diesen g\u00f6ttlichen Kern in uns, der als Fundament menschlicher W\u00fcrde gilt: <em>Koran 17:70 <strong>Wir haben bereits den Kindern Adams W\u00fcrde verliehen<\/strong>, sie auf dem Festland und auf dem Meer getragen, sie mit guten Dingen versorgt und sie \u00fcber viele, die wir erschufen, in vorz\u00fcglicher Weise bevorzugt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun kann unsere Identit\u00e4t, unser Selbstbild dieser W\u00fcrde im Weg stehen (12:53) oder aber diese W\u00fcrde ehren (75:2, 89:27-28). Das Festland kann hier die materielle Welt und das Meer die seelische Welt symbolisieren.<sup data-fn=\"ec162a9a-f2c4-44f7-b9c3-2054ddf2906d\" class=\"fn\"><a href=\"#ec162a9a-f2c4-44f7-b9c3-2054ddf2906d\" id=\"ec162a9a-f2c4-44f7-b9c3-2054ddf2906d-link\">2<\/a><\/sup> Diese Verbindung des Geistigen und Weltlichen ist wesentlich, denn nach dem Koranvers 39:70 wird jeder Seele bzw. jedem Selbst (nafs) voll zur\u00fcckerstattet, was sie hier auf Erden im \u00c4usseren und Inneren getan hat. Dies ist keine Verbindung, die mit einem Leistungsgedanken verkn\u00fcpft ist, welche Gott ablehnt (8:35), sondern mit einer st\u00e4ndigen Suche nach und Umkehr zu Gott und somit zum innersten Kern von uns selbst. Wie viel st\u00e4rker ist die Wirkung, wenn mein Handeln wirklich aus Gottes Liebe heraus wirkt? Ich werde geliebt, da ich einfach existiere. Daf\u00fcr muss ich nichts tun. In einer Freitagsansprache sagte ich einst: Gott beh\u00e4lt Seine Gnade denen vor, die Achtsamkeit (taqwa; gew\u00f6hnlich, jedoch falsch, oft mit \u00abGottesfurcht\u00bb \u00fcbersetzt) pflegen und zur L\u00e4uterung (zak\u00e2h; ebenfalls oft falsch \u00fcbersetzt mit \u00abAlmosensteuer\u00bb) ihrer Selbst und dieser Welt beisteuern (vgl. 7:156, 6:12, 6:54). Dabei ist der Fokus die <strong>tiefe Aufrichtigkeit, Dankbarkeit<\/strong> sowie die <strong>Hilfeleistung f\u00fcr andere im Dienste Gottes<\/strong> als gottergebene (islamische) Tugenden und keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, dass ich Leistung beweise, indem ich diese oder jene Errungenschaften ergattere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Selbstheilung &#8211; Wunden, in die das Licht Gottes eindringen kann<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesen Versen leite ich ab, dass eine Selbstheilung auf Erden notwendig ist und die Verbindung zum eigenen Herzen nicht vergessen gehen darf. Dies ist der schwierigste Weg auf dem Pfad zu Gott hin, da eine Auseinandersetzung mit sich selbst ge\u00f6ffnet wird, die nicht nur romantisch idealisiert bleiben kann, sondern schmerzhaft ern\u00fcchternd ist. So kann es schmerzhaft und ern\u00fcchternd sein, wenn ich beispielsweise bemerke, dass ich mich in meinem Selbstbild derart verformt habe, dass ich mich anderen anpasse und mich nicht mehr als ich selbst zeige. Wenn sich nun andere von mir entfernen, wenn ich beginne mich selbst zu zeigen, dann war ich bereits vorher einsam in mir durch meine Selbstdistanz. Diese Einsamkeit war also vorher schon da, nur verdeckt. Dies kann vielerlei Gr\u00fcnde haben, wie etwa entwicklungstraumatische Urspr\u00fcnge, die sich so tief in meine Psyche vernarben, dass ich den Blick daf\u00fcr selbst nicht mehr haben konnte. Deshalb haben Mystik und Psychologie f\u00fcr mich einen engen Zusammenhang, nicht nur in neuerer Zeit, wenn wir den Begriff \u2018ilmu-n-nafs (Lehre der Seele) anschauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Herz kann psychisch bedingt und symbolisch gesprochen nicht nur ein Stein, sondern laut Koran dann h\u00e4rter als Stein werden: <em>2:74 Dann aber verh\u00e4rteten sich nach diesem eure Herzen, so dass sie wie Steine sind oder noch h\u00e4rter. Und gewiss, aus manchen Steinen m\u00f6gen Fl\u00fcsse entspringen und andere m\u00f6gen Risse bekommen, aus denen dann das Wasser herausfliesst, und andere fallen aus Ehrfurcht vor Gott herunter. Und Gott ist nicht achtlos dessen, was ihr tut.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Herzensverbindung lebendig zu halten ist also wichtig, denn selbst als Stein ist Hoffnung gegeben. Einige m\u00f6gen Wunden (Risse) erhalten, in die das Licht Gottes eindringen kann. Einige k\u00f6nnen aus ihrer Erfahrung selbst zu einer Inspirationsquelle (Fluss) werden und andere k\u00f6nnen ein Beispiel f\u00fcr die Ehrfurcht Gottes sein, was f\u00fcr mich eine tiefe spirituelle Verbundenheit mit allem Seienden darstellt. Es kann auch notwendig werden, unsere Herzen bei Verlust oder Gefahr aktiv wiederzubeleben. Wenn ich bereits ein Stein bin, also die Verbindung verloren habe, kann ich mich darum k\u00fcmmern, dass ein Fluss oder ein Riss entsteht oder mein Bewusstsein gest\u00e4rkt wird. Die hoffnungsvolle Botschaft ist, dass selbst als Stein noch die M\u00f6glichkeit besteht, die Verbindung wieder mit Leben zu f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Koran werden viele verschiedene Ebenen des Seins angesprochen, damit wir dabei nicht in die Irre gehen m\u00f6gen. Wir sollen nachdenken (tafakkur), reflektieren, sinnieren (tadabbur), uns unseres Verstandes (\u2018aql) bedienen, Lehren (\u2018ibra) ziehen oder zu den Einsicht \u00dcbenden (\u2018ulu-l-alb\u00e2b) geh\u00f6ren. Genauso ist es wichtig zu sp\u00fcren (scha\u2019ara), zu f\u00fchlen (ahassa) und unsere seelischen oder empfindungsorientierten Herzen (qalb oder fu\u2019\u00e2d) auf dem Weg Gottes einzusetzen. So ist auch Jesus im Koran als Prophet und Wort Gottes ein Beispiel daf\u00fcr, wie er den Zustand seiner J\u00fcnger erf\u00fchlt (im arabischen Wortlaut \u2018ahassa\u2019 \u2013 er f\u00fchlte, 3:50-52).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>2:20 Beinahe raubt der Blitz ihre Blicke. Jedes Mal leuchtet er f\u00fcr sie, dann gehen sie darin und wenn es sich um sie verdunkelt, dann stehen sie. H\u00e4tte Gott gewollt, dann h\u00e4tte er ihr Geh\u00f6r und ihre Blicke weggenommen. Gott ist gewiss \u00fcber alle Dinge m\u00e4chtig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Vers ist wesentlich im Verst\u00e4ndnis unseres Bewusstseins. Ich gehe auch dann, wenn ich keinen Blitz sehe, weil das Licht Gottes zur Hilfe ausreicht. Ich kann mein inneres Licht, den g\u00f6ttlichen Geist (ruh) in uns allen, f\u00fcr andere zur Verf\u00fcgung stellen, so wie die anderen mir ihr inneres Licht zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen. Unsere Sinne (w\u00f6rtlich wie auch metaphorisch) sollen also gesch\u00e4rft bleiben und nicht abgelenkt werden. Gott hat uns diese F\u00e4higkeit bereits geschenkt, wir d\u00fcrfen sie im Innern erkennen. Wir wachen auf zum Bewusstsein (Gottes) hin. Deshalb verwechseln viele die Reihenfolge: <strong>Nicht tun, um etwas zu sein. Sondern aus dem Sein d\u00fcrfen und k\u00f6nnen wir tun.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist es wichtig, bei sich selbst zu bleiben. Wenn ich also beim Beispiel von vorhin merke, dass andere sich von mir distanzieren, da ich mein Selbstbild anders gepr\u00e4gt habe, suche ich die Schuld nicht bei anderen und ist es nicht ihr \u201cFehler\u201d, dass sie sich dann von mir entfernen. Es geht hierbei nicht um eine Schuldsuche, sondern um die St\u00e4rkung der Selbstverantwortung. Gott \u00e4ndert den Zustand eines Volkes nicht eher, <strong>bis sie das \u00e4ndern, was in ihnen selbst ist<\/strong> (13:11). Und f\u00fcr diese \u00c4nderung unseres Selbst brauchen wir Geduld oder Standhaftigkeit (sabr), Hoffnung bzw. Zuversicht und auch Zeit (3:200, 65:3). Das Gras w\u00e4chst nicht schneller, wenn wir daran ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Dankbarkeits-Dhikr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>13:17 Er sandte Wasser vom Himmel herab, dann fluteten sich T\u00e4ler nach ihrem Ma\u00df. So trug die Flut anwachsenden Schaum. Und ein ihm vergleichbarer Schaum ist in dem, wor\u00fcber man das Feuer anz\u00fcndet, im Trachten nach Schmuck oder Utensilien. So pr\u00e4gt Gott die Wahrheit und die Falschheit. Was nun den Schaum angeht, vergeht er aufl\u00f6send, und was den Menschen n\u00fctzt, bleibt in der Erde. So pr\u00e4gt Gott die Gleichnisse.<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir ben\u00f6tigen Zeit f\u00fcr dieses Aufwachen zum Bewusstsein hin, damit der ablenkende Schaum vergeht. Das daf\u00fcr n\u00f6tige Vertrauen wird von Gott gest\u00e4rkt, indem Er (Sie\/Es) uns mitteilt, dass wir in uns sicher sind, sowohl geistig als auch k\u00f6rperlich. Er belastet keine Seele \u00fcber ihr Verm\u00f6gen hinaus (2:286). Somit k\u00f6nnen wir das Prinzip des <em>embodiment<\/em>, also der Verk\u00f6rperung nutzen, um diese Sicherheit in uns zu manifestieren, da unser Ego generell misstrauisch bleibt, gerade nach Verletzungen (12:53). Dies kann zum Beispiel in Meditationen, islamisch Dhikr genannt, geschehen, wenn wir in Dankbarkeit kontemplieren, dass Gott uns die Sicherheit gibt im Fundament der Existenz auf dieser Erde. Zum Beispiel schickt Er uns einen Regen, der nicht salzig auf die Erde herabstr\u00f6mt, sondern durch das Wasser die zuvor tote Erde wiederbelebt (56:68-70, 6:141).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesen sogenannten Dankbarkeits-Dhikr kann ich konkret wie folgt \u00fcben:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim <strong>Einatmen <\/strong>sage ich <strong>al-Hamdu <\/strong>(das Lob &#8230;) und halte meinen Atem f\u00fcr einige Sekunden, die Lobpreisung ausdehnen.<br>Beim Ausatmen sage ich <strong>lillah <\/strong>(&#8230; ist f\u00fcr Gott) f\u00fcr &#8230; und nenne etwas, wof\u00fcr ich das Bewusstsein f\u00fcr die unendliche Versorgung Gottes st\u00e4rken m\u00f6chte.<br>Beispiele, die ich nutzen kann: f\u00fcr den Regen, den Wechsel von Tag und Nacht (es ist nicht immer Tag\/Nacht), Tiere, Partner, Familie, Sprachen, Farben, Sehen\/Augen, H\u00f6ren\/Ohren, Kl\u00e4nge, Gef\u00fchle\/F\u00fchlen, Denken, Verstand, Vernunft, Herz, Empfindungen, Schmecken, Meere, Berge, geistige wie materielle Nahrung, &#8230; Oder ich kann mich in Wortfindung versuchen. Mein Gedicht \u201eDie Stille atmen\u201c, geschrieben w\u00e4hrend einer schwierigen Phase, ist solch ein Versuch in Anlehnung an einige Koranverse:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zeit, sie verweilt in des Mondes Umarmung,<br>Tr\u00e4nen, Samen der inneren Erbarmung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Narben des Geistes, Getriebe am Firmament,<br>erz\u00e4hlen lichte Geschichten von Liebe, die brennt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Blumen der Hoffnung bl\u00fchen nur im Licht,<br>bedeckt in den W\u00e4ldern, verborgen in Sicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>In der Tiefe des Seins, wo die Wurzeln sich finden,<br>erbl\u00fcht eine Kraft, die die Wunden \u00fcberwinden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Erweckt sich das Herz und die Wunden vernarben,<br>ent-deckt der Gef\u00fchlsfluss den heiligen Garten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>So atme die Stille, tanz\u2018 im Schatten des Zweifels<br>Trage die Brille im Glanz der Ergebenheiten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Winde der Barmherzigkeit fl\u00fcstern Heilung<br>F\u00fchl\u2019 in Warmherzigkeit d\u00fcster die Befreiung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Befreiung meiner Selbst und die Sicherheit kann ich mir aber nicht erdenken. Unsere Angst vor Verlust, besonders Kontrollverlust sitzt sehr tief. Gott spricht davon, dass wir uns zuerst Gott ergeben und Ihn (Sie\/Es) allein als genug ansehen (Gen\u00fcgsamkeit kultivieren) m\u00fcssen, bevor wir die Sicherheit erfahren (49:14, 39:36). Das arabische Wort <em>im\u00e2n<\/em>, das auf Deutsch gew\u00f6hnlich als Glaube \u00fcbersetzt wird, bedeutet jedoch in der Wurzel eine zutiefst verankerte <strong>Sicherheit<\/strong>. Ich glaube nicht blind, sondern ich entwickle eine tiefe, verl\u00e4ssliche, weise und auf Verk\u00f6rperung sowie Wissen basierte Zuversicht in Gottes Sch\u00f6pfung und Wirken und verlasse mich darauf zusammen mit all meinen F\u00e4higkeiten und Unsicherheiten. Und dann lasse ich los und vertraue auf Gott (tawakkul) in all der Versorgung, dass Er mein Licht vervollkommne (66:8).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Unendlichkeit des Kosmos sind wir bedeutungslos klein, aber f\u00fcr Gott sind wir bedeutungsvoll, eben w\u00fcrdevoll. Dieses Bewusstsein zu pflegen, ist enorm schwer und gerade deshalb herzensnotwendig f\u00fcr unser Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kerem Ad\u0131g\u00fczel, People Leader bei den SBB in der IT, liberaler Imam, Initiant des Vereins <em>Al-Rahman &#8211; mit Vernunft und Hingabe<\/em>, Autor.<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"5c0fd051-6009-49e9-b125-cae3649da4c2\">Im Artikel wurde die Hanif-\u00dcbersetzung des Koran verwendet, nachzulesen auf alquran.eu. Ebenfalls empfehlenswert ist die \u00dcbersetzung von Muhammad Asad. <a href=\"#5c0fd051-6009-49e9-b125-cae3649da4c2-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 1\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"ec162a9a-f2c4-44f7-b9c3-2054ddf2906d\">Der Koran verf\u00fcgt \u00fcber mehrere Deutungsebenen, die nicht beim W\u00f6rtlichen enden, sondern eben auch symbolische Ebenen umfassen. So ist das Meer oftmals ein Symbolbild f\u00fcr die Seele, wof\u00fcr auch andere Koranverse Hinweise liefern. In diesem Zusammenhang ist das Buch <em>Die Kultur der Ambiguit\u00e4t<\/em> von Thomas Bauer sehr erhellend, um nicht dem oft in den Medien oder fundamentalistischen Str\u00f6mungen vorhandenen Fehler zu unterliegen, den Koran und seine Verse oder den Islam &#8211; auf Deutsch &#8220;Gottergebenheit&#8221; &#8211; als eine eindeutige Angelegenheit zu betrachten. <a href=\"#ec162a9a-f2c4-44f7-b9c3-2054ddf2906d-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 2\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Islamische (w\u00f6rtlich: gottergebene) Mystik ist keine Romantik Als Imam, der auch Meditationen anleitet und verschiedene Formen der Traditionen kennenlernte, besch\u00e4ftigt mich seit jeher aus privaten wie aus theologischen Gr\u00fcnden, wozu diese Meditationen dienen und was sie in uns aufzeigen oder bewegen d\u00fcrfen. 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