{"id":1943,"date":"2020-05-15T09:41:36","date_gmt":"2020-05-15T07:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=1943"},"modified":"2022-03-11T12:10:41","modified_gmt":"2022-03-11T11:10:41","slug":"wie-der-mensch-seine-werke-am-vernuenftigsten-wirken-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2020\/05\/15\/wie-der-mensch-seine-werke-am-vernuenftigsten-wirken-soll\/","title":{"rendered":"Wie der Mensch seine Werke am vern\u00fcnftigsten wirken soll"},"content":{"rendered":"<h2>von J\u00fcrgen Lembke anl\u00e4sslich des Jahrestreffens vom 7. bis 9.\u00a0Februar\u00a02020 in der Propstei Wislikofen<\/h2>\n<p>Die Jahresversammlung der via integralis 2020 steht unter dem Motto \u201eWie der Mensch seine Werke am vern\u00fcnftigsten wirken soll\u201c. Der Titel stammt von Meister Eckehart\u2019s Erfurter Rede Nummer 7. Darin behandelt er die Haltung, mit welcher ein Mensch sich im Spannungsfeld zwischen Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pfung bew\u00e4hren kann. Aus dem Inhalt dieser Rede k\u00f6nnen wir zahlreiche Anregungen f\u00fcr eine sinnvolle Lebensf\u00fchrung gewinnen, Anregungen, die auch f\u00fcr uns als Lehrende gelten.<\/p>\n<p>Im \u00fcbertragenen Sinn m\u00f6chte ich reflektieren, wie wir als Gemeinschaft von Lehrenden unsere Werke am vern\u00fcnftigsten wirken sollen. Die Reflexion soll sich auf vier Aspekte beziehen, n\u00e4mlich <strong>\u201eVer\u00e4nderung\u201c, \u201eWachstum\u201c, \u201eTradition\u201c<\/strong> und nat\u00fcrlich die konkreten Handlungen, \u201e<strong>Werke<\/strong>\u201c, die wir vollbringen. Diese vier Aspekte stehen nicht f\u00fcr sich allein sondern beziehen sich wechselseitig aufeinander. Sie beinhalten etwas Fluktuierendes, Dynamisches. Manchmal stehen Wachstum oder Ver\u00e4nderung im Vordergrund. Manchmal geht\u2019s mehr darum uns zu fragen, wie wir etwas zusammenhalten k\u00f6nnen, und wie wir die Tradition gewichten. Bezogen auf unsere Situation heute k\u00f6nnen wir feststellen, dass unsere Gruppe noch einmal deutlich angewachsen ist. Heute sind ca. sechzig Lehrende hier versammelt. Seit November 2019 sind rund <strong>100 Kontemplationslehrende Mitglieder des Vereins. <\/strong>Weiter werden wir heute Nachmittag den Wechsel in der Spirituellen Leitung bezeugen und mitgestalten. Neben den Ernennungen von <strong>Regula Tanner<\/strong> und <strong>Margrit Wenk-Schlegel<\/strong> feiern wir auch die Ernennung von <strong>Juris Rubenis<\/strong> zum Kontemplationslehrer Stufe 3, welche bereits fr\u00fcher in Lettland stattgefunden hat. Somit kann er in Lettland nun selber Menschen, die den Lehrgang absolviert haben, zu Kontemplationslehrenden ernennen. Damit w\u00fcrdigen wir seinen Einsatz und die Aufbauarbeit, welche er in seiner Heimat zusammen mit Inga, seiner Frau, geleistet hat. Gestern Abend haben wir bereits <strong>Maryline Darbelley<\/strong> begr\u00fcsst, unser k\u00fcnftiges, <strong>erstes prim\u00e4r franz\u00f6sisch-sprachiges Mitglied<\/strong>, in unserem Kreis. Am Sonntag werden wir zum ersten Mal in der jungen Vereinsgeschichte <strong>Gesamterneuerungswahlen des Vorstands<\/strong> durchf\u00fchren. Wir haben in unseren Statuten festgeschrieben, dass wir auf drei Jahre gew\u00e4hlt werden. Um es uns einfacher zu machen beschloss die Gesamtleitung im vergangenen Sommer, diese Wahlen in einem Drei-Jahres-Rhythmus durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Alle diese Ereignisse beeinflussen die eingangs genannten vier Aspekte und werden ihrerseits entsprechend unserer Haltung erlebt, gelebt, verinnerlicht oder zur\u00fcckgewiesen. In diesen vier Aspekten oder Feldern wandeln wir uns, wir wachsen weiter, wir \u00fcbernehmen etwas und geben es weiter. Und es hat Auswirkung darauf, wie wir unser Leben gestalten, was f\u00fcr Angebote wir machen oder wie wir uns grunds\u00e4tzlich im Alltag bew\u00e4hren. Aus dieser wechselseitigen Weiterentwicklung entspringt je neu unsere Identit\u00e4t. Identit\u00e4t k\u00f6nnen wir nicht definieren oder festschreiben. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess, in dem wir immer wieder je neu werden. Wir sind damit Teil eines Sch\u00f6pfungsprozesses der immerw\u00e4hrend ist. Und wir zeigen uns darin jeweils so, wie wir gerade sind. Wenn wir uns so weiterentwickeln und eines dieser Felder \u00fcberhandnimmt, merken wir, \u201ejetzt geht\u2019s ans Eingemachte\u201c, dann h\u00f6ren wir unter Umst\u00e4nden \u201eich komme nicht mehr mit!\u201c, \u201ewir drehen uns um uns selbst!\u201c, \u201ewir sollten mehr tun!\u201c oder \u201ehier bin ich zu Hause!\u201c \u201edies ist meine Heimat!\u201c. Dies sind alles Aussagen, anhand derer wir feststellen k\u00f6nnen, dass es jetzt stimmt oder, dass Anpassung und gegebenenfalls aufmerksames Reflektieren gefordert ist.<\/p>\n<p>Meister Eckehart beginnt seine Rede, indem er uns etwas aus unserem Leben spiegelt, und zwar folgendermassen:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eMan findet&#8217;s bei vielen Leuten, und leicht gelangt der Mensch dahin, wenn er will, dass ihn die Dinge, mit denen er umgeht, nicht hindern noch irgendeine haftende Vorstellung in ihn hineinsetzen; denn, wo das Herz Gottes voll ist, da k\u00f6nnen die Kreaturen keine St\u00e4tte haben&#8230;\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In diesem vollen Herz-Gottes-Geist erfahren wir, wenn wir uns darauf einlassen, wie alles ineinander eingefaltet ist. Eingefaltet zum einen in der Erfahrung unserer zentralen Praxis, des Zazen, und durch diese zudem in der Einheit aller kreat\u00fcrlichen Unterscheidung im blossen Sein. Wenn wir ganz in diese Erfahrung eintauchen, gibt es keine Kreatur mehr und keine Unterscheidung, dann sind wir gewissermassen zu Hause.<\/p>\n<p>Aber Meister Eckehart bleibt bei dieser Aussage nicht stehen. Diesem Verweis auf den Herz-Gottes-Geist&#8230;<\/p>\n<p><strong><em>\u201e&#8230; Daran aber soll&#8217;s uns nicht gen\u00fcgen; wir sollen uns alle Dinge in hohem Ma\u00dfe zunutze machen, sei&#8217;s was immer es sei, wo wir sein, was wir sehen oder h\u00f6ren m\u00f6gen, wie fremd und ungem\u00e4\u00df es uns auch sei. Dann erst sind wir recht daran und nicht eher. Und nimmer soll der Mensch darin zu Ende kommen; vielmehr kann er darin ohne Unterlass wachsen und immer mehr erreichen in einem wahren Zunehmen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Er ermutigt uns darin, uns gegen\u00fcber allem was uns begegnet zu \u00f6ffnen, egal ob es fremd oder ungem\u00e4ss erscheint, so in dieser urspr\u00fcnglichen Haltung, in der wir aufgefordert sind, nicht zu urteilen, sondern uns wirklich vertrauensvoll auf alles einzulassen, was uns begegnet. Dies ist ein Querverweis zur Zen-Tradition und ihrem wiederholten Aufruf, nicht in der tiefen Erfahrung der Einheit stehen zu bleiben und somit auf der hundert Fuss hohen Spitze des Fahnenmastes sitzen zu bleiben sondern von dort weiterzugehen, zur\u00fcck in die Welt. Und hier in der Welt weiter zu lernen, alle Ph\u00e4nomene anzunehmen. Er f\u00e4hrt dann fort:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eUnd der Mensch soll zu allen seinen Werken und bei allen Dingen seine Vernunft aufmerkend gebrauchen und bei allen ein einsichtiges Bewusstsein von sich selbst und seiner Innerlichkeit haben und in allen Dingen Gott ergreifen in der h\u00f6chsten Weise, wie es m\u00f6glich ist.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Aus diesen Zeilen h\u00f6re ich Bernie Glassman heraus, der uns einl\u00e4dt alles anzunehmen, was uns begegnet, mehr noch, aus diesen Zutaten das erhabene Mahl zuzubereiten. An gestern Nachmittag zur\u00fcckdenkend, als wir hier in der Propstei Wislikofen angekommen sind und pl\u00f6tzlich realisiert haben, dass der Benediktsaal, den wir sonst traditionsgem\u00e4ss immer zur Verf\u00fcgung hatten, schon anderweitig f\u00fcr eine Feier vergeben wurde, habe ich zun\u00e4chst gestutzt. Dann hatte ich die Idee, zuoberst unter dem Dach, beim Durchgang zum Raum der Stille, wo \u00fcblicherweise ein paar St\u00fchle und ein Salontisch stehen, Platz f\u00fcr unsere Kontemplationseinheiten herzurichten. Dann beim Zazen gestern abend und heute fr\u00fch habe ich gedacht: \u201eist doch wunderbar, sehr angenehm, guter Boden, solid, da kann man gut sitzen.\u201c Meister Eckehart f\u00e4hrt weiter:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eDenn der Mensch soll sein, wie unser Herr sprach: &#8220;Ihr sollt sein wie Leute, die allzeit wachen und ihres Herrn harren&#8221; (Luk. 12,36). Wahrhaftig, solche harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, von wannen er komme, dennen sie harren, und sie erwarten ihn in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht doch etwa darin sei. So sollen auch wir in allen Dingen bewusst nach unserm Herrn ausschauen. Dazu geh\u00f6rt notwendig Flei\u00df, und man muss sich&#8217;s alles kosten lassen, was man nur mit Sinnen und Kr\u00e4ften zu leisten vermag; dann wird&#8217;s recht mit den Leuten, und sie ergreifen Gott in allen Dingen gleich, und sie finden von Gott gleich viel in allen Dingen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>So sind auch wir eingeladen, alles je neu mit staunenden Sinnen wahrzunehmen, aufzunehmen und aus dieser letzten Wirklichkeit heraus zu leben, zu gestalten und in absichtsloser Einfachheit unser Leben zu f\u00fchren und das zu praktizieren, was wir hier miteinander \u00fcben. Es braucht dazu nicht sehr viel.<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen und Monaten war in verschiedenen Emails und Gespr\u00e4chen wiederholt die Identit\u00e4t der via integralis ein Thema. Besonders beim \u00dcbersetzen des via integralis Buches ins Englische, das ich dabei das erste Mal richtig Wort f\u00fcr Wort gelesen habe, wurde mir dies besonders deutlich. Bei dieser Arbeit ist mir aufgefallen, dass auf den rund einhundertf\u00fcnfzig Seiten der Begriff \u201evia integralis\u201c ungef\u00e4hr einhundertzwanzigmal genannt wurde. Dies ist in meinem Empfinden deutlich zu viel. Wir sollten weniger dar\u00fcber sprechen, was die via integralis ist, sondern vielmehr dar\u00fcber, was wir tun, wie wir in der Welt aktiv sein k\u00f6nnen, und was wir mit allen in der Welt teilen k\u00f6nnen. Am Abschlusswochenende des vierten Kontemplationslehrganges im November 2019 habe ich den Teilnehmenden unsere sch\u00f6nen Powerpoint-Folien gezeigt, um ihnen unser Vereinsleben nahezubringen. Auf jeder dieser Folien war in der Mitte des dargestellten Inhaltes das via integralis Emblem enthalten. Vielleicht m\u00f6gen einige von euch sich auch daran erinnern, dass ich die ersten Jahre nach der Vereinsgr\u00fcndung anl\u00e4sslich unserer Veranstaltungen das Symbol, auf ein Tuch gen\u00e4ht, in der Mitte des Raumes hingelegt hatte. Das war am Anfang gut und identit\u00e4tsstiftend. Dennoch denke ich heute, wir sollten das Emblem nicht zum goldenen Kalb werden lassen und es nur sparsam einsetzen, wie z.B. heute Nachmittag, wenn in w\u00fcrdigem Rahmen <strong>Hildegard Schmittfull<\/strong> und <strong>Bernhard Stappel<\/strong> die Spirituelle Leitung, welche sie bis anhin innehatten, an <strong>Margrit Wenk-Schlegel<\/strong> und <strong>Regula Tanner<\/strong> \u00fcbertragen werden. Eckehart f\u00e4hrt fort uns zu zeigen, dass es um die Werke geht und um die Art wie wir handeln:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eWohl ist ein Werk anders als das andere; wer aber seine Werke aus dem gleichen Gem\u00fct t\u00e4te, wahrlich, dessen Werke w\u00e4ren auch alle gleich, und mit wem es recht st\u00fcnde, wem Gott so (eigen) geworden w\u00e4re, f\u00fcrwahr, dem leuchtete Gott ebenso unverh\u00fcllt im weltlichen wie im allerg\u00f6ttlichsten Werk.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Da ist mir das Schweizer Volkslied mit dem Titel \u201eEs isch mer alles eis Ding\u201c in den Sinn gekommen (<em>die 60 anwesenden via integralis Lehrer und Lehrerinnen beginnen spontan zu singen, Anm. d. Red.<\/em>) \u2026 es ist ein wunderbares Lied, das ganz einfach ausdr\u00fcckt, wie alles zusammenkommt. Wie das Nicht-Urteilende alles annimmt, gerade so wie es sich gerade zeigt und aus einem Guss ist. Daraus folgend entsteht das Lieben, das schliesslich ganz nat\u00fcrlich und einfach str\u00f6mt und fliesst.<\/p>\n<p>Heute wird die allenthalben vorhandene Wehmut, die mit dem <strong>Abschied von Hildegard und Bernhard aus der Spirituellen Leitung<\/strong> einhergeht, einfach zu einem Moment im unendlichen Lauf des Lebens, der abgel\u00f6st wird durch die <strong>Freude dar\u00fcber, dass Regula und Margrit diese wichtige Funktion \u00fcbernehmen,<\/strong> und dass wir mit den neuen Lehrenden so viele engagierte Menschen neu in unserem Kreis haben. Auf diese Weise lernen wir, wie der Mensch sich darauf einl\u00e4sst, Gott in allen Dingen zu haben. Dies tun wir, indem wir untereinander Beziehung schaffen, im wachen Ausschauen darauf, was es gerade braucht. Das kann bezogen auf die praktischen Dinge bedeuten, dass wir unsere website \u00fcberarbeiten oder, dass wir morgen an unserer Generalversammlung die <strong>Arbeitsgruppe Mehrsprachigkeit<\/strong> ins Leben rufen. Dazu geh\u00f6rt auch die allf\u00e4llige \u00dcberarbeitung von gestandenen Texten. Und nicht zuletzt die wiederkehrende Reflexion dar\u00fcber, was die Welt und die Menschheit brauchen und wir nicht nur um uns selbst kreisen. Zu schauen, was die Menschen, die wir begleiten an Stille, Inspiration und Leiblichkeit ben\u00f6tigen. So werden wir schliesslich selber zu den Augen und H\u00e4nden von Kanzeon, breiten Marias Mantel weit aus oder setzen uns mit Greta Thunberg daf\u00fcr ein, was die Erde n\u00f6tig hat. Und so lernen wir, das zu werden, wozu wir berufen sind \u2013 Menschen<a id=\"aGoBack\"><\/a>, die ihre Werke vern\u00fcnftig wirken.<\/p>\n<p>Nummer 7 aus den Erfurter Reden des Meister Eckehart, Reden der Unterweisung: <a href=\"http:\/\/www.eckhart.de\/index.htm?reden.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.eckhart.de\/index.htm?reden.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von J\u00fcrgen Lembke anl\u00e4sslich des Jahrestreffens vom 7. bis 9.\u00a0Februar\u00a02020 in der Propstei Wislikofen Die Jahresversammlung der via integralis 2020 steht unter dem Motto \u201eWie der Mensch seine Werke am vern\u00fcnftigsten wirken soll\u201c. Der Titel stammt von Meister Eckehart\u2019s Erfurter Rede Nummer 7. 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