{"id":1955,"date":"2020-05-15T10:54:02","date_gmt":"2020-05-15T08:54:02","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=1955"},"modified":"2020-11-03T14:24:24","modified_gmt":"2020-11-03T13:24:24","slug":"ich-glaube-hilf-meinem-unglauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2020\/05\/15\/ich-glaube-hilf-meinem-unglauben\/","title":{"rendered":"Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"},"content":{"rendered":"<h2>Spiritueller Impuls von Margrit Wenk-Schlegel<\/h2>\n<p>Wie jedes Jahr lasse ich mich von der Jahreslosung der evangelisch-reformierten Kirchen anregen. Wie sehr dieser Satz in die Herausforderung unserer Zeit durch das Coronavirus passt!<br \/>\nEine spannungsgeladene Situation: \u201eIch glaube; hilf meinem Unglauben\u201c (Mk 9,24), ruft ein verzweifelter Vater, der seinen kranken Sohn zu den J\u00fcngern gebracht hat. Die J\u00fcnger konnten nicht helfen. Spannung, Hilflosigkeit, Aggression. Einer fehlte, Jesus. Endlich kommt er. Der besorgte Vater fordert Jesus heraus und schreit verzweifelt: &#8220;Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!&#8221; Ein grundehrlicher Mann. Jesus erwischt ihn an seiner Schwachstelle. \u201eDu sagst: wenn du kannst! Alle Dinge sind m\u00f6glich dem, der glaubt.\u201c Da br\u00fcllt der Vater verzweifelt: \u201eIch glaube; hilf meinem Unglauben!\u201c Dieser Mann mutet sich total zu. Nackte Ehrlichkeit. Er setzt alles auf die Karte Vertrauen.<\/p>\n<p>Wenn wir den Weg der Kontemplation entschieden gehen, kommen wir unweigerlich in Phasen, in denen der alte Glaube zusammenf\u00e4llt und sich vermeintliche Sicherheiten aufl\u00f6sen. Nichtwissen, Ratlosigkeit, Nacht der Seele&#8230;<\/p>\n<p>Solche Phasen auszuhalten und bei andern Menschen zu begleiten fordert uns ganz. Wie hilfreich ist es zu wissen, dass diese Erfahrungen unabdingbar zum Befreiungsweg geh\u00f6ren. Sie l\u00f6sen uns schmerzhaft von Anhaftungen an Scheinsicherheiten. Johannes vom Kreuz beschreibt diese Phase des Weges sehr eindr\u00fccklich in seinem Buch \u201eDie dunkle Nacht der Seele.\u201c \u201eNur auf dem Pfade der Nacht erreicht man die Morgenr\u00f6te\u201c, schreibt auch Khalil Gibran.<\/p>\n<p>In seinem Hirtenbrief im Januar 2020 schrieb Bischof Markus von St. Gallen: \u201eMein Glaube ist doch immer neu ein Suchen, ein Ringen, manchmal auch ein Zweifeln, jedenfalls immer wieder herausgefordert von neuen Erfahrungen und Ereignissen im Leben.\u201c<\/p>\n<p><strong>Meister Eckehart<\/strong> ermuntert uns, uns allen Dingen zu entziehen, alle Kr\u00e4fte zu sammeln: \u201edas alles kehre in den Grund, darin dieser Schatz verborgen liegt. Soll dies geschehen, so musst du alle anderen Werke fallen lassen und <strong>in ein Unwissen kommen<\/strong>, wenn du ihn finden willst.\u201c Dieses Unwissen verlangt Mut. Und doch ist das radikale Loslassen aller Vorstellungen gleichzeitig eine \u00dcbung des Vertrauens. So beschreibt auch der Zen-Buddhismus, dass der Grosse Zweifel aus dem Grossen Vertrauen erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Es ist wohl einzigartig unter den grossen Religionen, dass <strong>Zen sogar zum Grossen Zweifel auffordert<\/strong>. F\u00fcr unser menschliches Ermessen steht der Zweifel doch im Gegensatz zum Vertrauen. Zweifelnd sind wir verschlossen, \u00e4ngstlich, anhaftend an vermeintliche Sicherheiten. Halt eben ohne Vertrauen. Ja, diese Art von Zweifel ist hinderlich auf dem Weg. Sie hinterfragt, durchsucht, ist misstrauisch, will festhalten, engt ein. Wenn wir aber die drei Grundqualit\u00e4ten des Zen anschauen, wird klar, dass es da um eine andere Art des Zweifelns geht. Drei Qualit\u00e4ten werden auf dem Zenweg ge\u00fcbt: Die <strong>Grosse Entschiedenheit<\/strong>, das <strong>Grosse Vertrauen, <\/strong>und daraus erw\u00e4chst der Mut, sich ganz einzulassen in den <strong>Grossen Zweifel<\/strong>. Dazu ermuntert uns Buddha, der gelehrt hat, nichts einfach zu glauben, sondern selber in die Erfahrung zu gehen. Der Grosse Zweifel ist der Mut, ganz radikal loszulassen, was wir als Sicherheit und Vorstellung in uns tragen. Ein existentielles sich Einlassen in das Nichtwissen. Darin er\u00f6ffnet sich uns die totale Offenheit, weil es nichts mehr gibt, was begrenzt. Forschergeist, Neugier, Entdeckerlust, Nichtwissen, offene Weite. Eine Energie, die im jetzigen Augenblick verortet vorw\u00e4rts strebt und immer wieder neu aufr\u00e4umt mit Konzepten. Denn darin sind wir ja Meister, dass wir immer neue Konzepte schaffen. Nur Offenheit ohne Anhaften. Das braucht Mut und totale Hingabe und kann nur auf der Grundlage des Grossen Vertrauens vollzogen werden. Boshan, ein Zenmeister sagte: \u201eWenn du vollst\u00e4ndig vertraust, wirst du vollst\u00e4ndig zweifeln. Zweifelst du vollst\u00e4ndig, wirst du ebenso vollst\u00e4ndig erwachen.\u201c (Boshan 1575-1630). An anderer Stelle sagt Boshan sogar: \u201eIn der Zenpraxis ist der essentielle Punkt derjenige, Zweifel zu entfachen!\u201c<\/p>\n<p>Der grosse Zweifel und das mutige Weitergehen entstehen also nicht aus einer Haltung des Mangels. Denn der grosse Zweifel bewahrt uns vor dem Stehenbleiben in einmal gemachten Erfahrungen. Immer wieder neu aufbrechen, denn mit Tauler wissen wir: \u201eAlles, worauf der Mensch mit Lust ausruht, wird wurmstichig und fault.\u201c<\/p>\n<p>Das immer wieder neue Aufbrechen gr\u00fcndet in der nicht-gewussten Zusage, die <strong>Augustinus <\/strong>Gott in sich sagen h\u00f6rt: <strong>\u201eDu w\u00fcrdest mich nicht suchen, wenn ich dich nicht schon gefunden h\u00e4tte.\u201c<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiritueller Impuls von Margrit Wenk-Schlegel Wie jedes Jahr lasse ich mich von der Jahreslosung der evangelisch-reformierten Kirchen anregen. 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