{"id":2031,"date":"2020-05-15T13:55:18","date_gmt":"2020-05-15T11:55:18","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=2031"},"modified":"2020-11-03T14:20:52","modified_gmt":"2020-11-03T13:20:52","slug":"willigis-jaeger-gest-am-20-maerz-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2020\/05\/15\/willigis-jaeger-gest-am-20-maerz-2020\/","title":{"rendered":"Willigis J\u00e4ger (gest. am 20.&nbsp;M\u00e4rz&nbsp;2020)"},"content":{"rendered":"<p><em>Willigis J\u00e4ger (1925\u20132020)<\/em><\/p>\n<h2>Ein Nachruf von Ursula Nuzzo-Forrer<\/h2>\n<p>Willigis J\u00e4ger OSB (1925\u20132020) war deutscher Benediktinerpater, Mystiker und Zen-Meister mit dem Namen Kyo-un Roshi. Er gr\u00fcndete und leitete das Meditationszentrum St. Benedikt in W\u00fcrzburg, den Benediktushof, ein \u00fcberreligi\u00f6ses und \u00fcberkonfessionelles Zentrum f\u00fcr Meditation und Achtsamkeit.<\/p>\n<p>Das erste Mal durfte ich Willigis J\u00e4ger am Kontemplationskurs im April 2001 im Haus St. Benedikt in W\u00fcrzburg begegnen. Es war \u201eVerstehen\u201c auf den ersten Blick! Nach dem ersten Gespr\u00e4ch sagte Willigis zu mir: Du gehst jetzt in die Bibliothek, besorgst Dir das Buch \u201eDie Welle ist das Meer\u201c, liest es heute Nacht und kommst morgen wieder zum Gespr\u00e4ch! Das habe ich getan, und dann war es \u201eVerstehen auf den zweiten Blick!\u201c So wurde ich Sch\u00fclerin von Willigis.<\/p>\n<p>In dieser kurzen Zusammenfassung meiner Erfahrungen auf dem spirituellen Weg mit Willigis m\u00f6chte ich auf seine wichtigsten Lehrs\u00e4tze hinweisen und darauf, was sie bei mir, und sicher bei vielen weiteren seiner Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, bewirkten und noch bewirken werden.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eEin spiritueller Weg, der nicht in den Alltag f\u00fchrt ist ein Irrweg.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Willigis wollte uns durch eine zeitgem\u00e4sse Lehre eine Hilfe f\u00fcr den Alltag geben, eine Lehre die \u201eraus aus dem \u201eEgotunnel\u201c, wie er es nannte, f\u00fchrt. Sein ganzes Wirken d\u00fcrfen wir zusammenfassend als \u201eLiebe und Hingabe f\u00fcr die Menschheit\u201e bezeichnen.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eWir haben uns als Menschheit in eine katastrophale Egozentrik hinein entwickelt. Wir werden als Spezies aus dieser Misere nur herauskommen, wenn wir unser wahres Wesen erkennen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie aber finden wir zu unserem wahren Wesen? In all seinen Kursen war es Willigis wichtig, alltagsnah und alltagstauglich seine Lehre zu vermitteln. Es soll ein einfacher Weg sein, auch wenn er nicht ganz leicht ist. Wenn wir ihn fragten: \u201eWas ist der Sinn des Lebens?\u201c Antwortete er ganz einfach:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eGanz Mensch zu sein! Weil Gott in mir als Mensch durch diese Zeit gehen m\u00f6chte.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ganz Mensch, ganz diese individuelle Note in der Symphonie Gottes zu werden, wie Willigis es nannte, daf\u00fcr war f\u00fcr mich die psychologische Begleitung essentiell. Das K\u00f6rperbewusstsein war immer Teil der Kurse, und so begleitete Willigis uns jeweils mit seinen Worten mindestens w\u00e4hrend einer Sitzung zur ganzheitlichen Wahrnehmung.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eDer K\u00f6rper ist unser Partner und Freund auf dem spirituellen Weg. Spirituelle Wege setzen im K\u00f6rper an. Er ist der Ausgangspunkt, gleichsam das Gef\u00e4ss, in dem die Begegnung mit der g\u00f6ttlichen Wirklichkeit gefasst ist. Tats\u00e4chlich steht der K\u00f6rper unserem wahren Selbst n\u00e4her als der Gedanke. Der Gedanke grenzt ein, der K\u00f6rper \u00f6ffnet f\u00fcr umfassendere Bewusstseinserfahrungen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wichtige Worte w\u00e4hrend dieser \u201eHinf\u00fchrung in die Stille\u201c waren immer wieder das Sp\u00fcren, das Horchen, das Lauschen in die Stille hinter der Stille.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eSp\u00fcre, horche, lausche in die Weite und Unendlichkeit hinein.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Unterst\u00fctzend f\u00fcr unser K\u00f6rperbewusstsein waren die K\u00f6rperachtsamkeits\u00fcbungen, das K\u00f6rpergebet mit Beatrice Grimm und in den Intervallen das kontemplative Gehen. Es entstand ein spezieller Raum der k\u00f6rperlichen Leichtigkeit und Ganzheit. Der Tanz zum Abschluss geh\u00f6rte immer dazu, Willigis hat immer mitgetanzt, erst 2015 und 2016 dann nicht mehr. Willigis: \u201eIch bin auch ein Tanzschritt im ewigen Tanz Gottes\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eDie Quelle des menschlichen Leidens liegt in der Identifikation mit dem Ego. Unser Ego-Bewusstsein ist eine Illusion.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Gut gef\u00fchrt und getragen w\u00e4hrend der Kurse waren wir f\u00e4hig, unser Leid anzunehmen, und es bei uns auszuhalten, damit Wandlung und Heilung geschehen konnten. Die frohen Gesichter der Menschen, die jeweils mit viel weniger Ballast nach den Kursen wieder den Heimweg antraten, bezeugten es. Das T\u00f6nen am Morgen auf JEOSCHUA und am Abend auf SCHALOM-SALAM, das bis in unsere Zellen hinein wirkte, begleitete uns w\u00e4hrend der Kurse und begleitet mich noch heute vor und nach den Meditationen.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eShakyamuni Buddha und Jesus Christus haben uns Wege in eine tiefere Erfahrungsebene gezeigt, die ins Hier und Jetzt f\u00fchrt, in den Augenblick. Nur eine zeitgem\u00e4sse, trans-konfessionelle Spiritualit\u00e4t f\u00fchrt uns in die n\u00e4chste Entwicklungsstufe unserer Spezies.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Durch seine langen Aufenthalte in Kamakura\/Japan und als Zen-Meister war er tief mit der \u00f6stlichen Lehre verbunden, es war ihm aber ein Anliegen, den Erfahrungsweg der Mystik in unseren eigenen Kirchen wieder lebendig werden zu lassen. Seine Lehre f\u00fchrte aber weit dar\u00fcber hinaus in eine universelle, Spiritualit\u00e4t. Als ich jeweils im Gespr\u00e4ch meine Schwierigkeiten mit der Katholischen Kirche vorbrachte, ermunterte er mich, dran zu bleiben, nicht auszutreten sondern eine Gruppe zu bilden, und den Weg in die Kirche hinein zu tragen. Seit M\u00e4rz 2003 biete ich in meinem Meditationszentrum \u201ezur Quelle\u201c hier in M\u00fcllheim Kontemplationsabende und -Tage an, und seit 2011 auch in der Evangelischen Kirche M\u00fcllheim monatlich ein kontemplatives Abendgebet f\u00fcr beide Konfessionen, aber auch f\u00fcr Konfessionslose.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war es ganz wichtig, dass ich in den Vortr\u00e4gen von Willigis die Lehre der Mystik von Ost und West mit klaren Worten und auf verst\u00e4ndliche Art zu h\u00f6ren bekam. Es war Willigis wichtig, dass auch unge\u00fcbte und religionsferne Menschen an seinen Kursen teilnehmen konnten, ihnen widmete er teilweise besondere Aufmerksamkeit und Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che, sodass auch sie w\u00e4hrend den Kursen durchhielten und viele dann den Weg weitergehen konnten.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eWer sich auf die Stille einlassen kann, mit dem geschieht etwas. Die Stille ver\u00e4ndert uns, eint und heilt.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>So durften wir jeweils am Ende eines Kurses, auch an Pfingsten, eine sehr tiefgreifende Agape-Feier erleben, bei der auch Tr\u00e4nen des Ber\u00fchrtseins bei vielen Teilnehmenden fliessen durften. Sein tiefes Mitgef\u00fchl war immer sp\u00fcrbar an den Kursen, aber er legte auch grossen Wert auf Disziplin, war auch streng, wenn sich einige nicht an die Struktur und die Regeln halten wollten. In seinen Vortr\u00e4gen geh\u00f6rten zwei Themen immer dazu: Das Gleichnis vom \u201everlorenen Sohn\u201c (Lk 15,11-32): damit wollte er uns sagen, am Ende steht nicht ein \u201estrafender Vater\u201c, der uns erwartet, nein, ein g\u00fctiger Vater erwartet uns: \u201egib ihm Schuhe, einen Ring, gib ihm ein Kleid, er hat sein wahres Wesen gefunden, wir wollen ein Fest feiern\u201c. In all seinen Vortr\u00e4gen war ihm als unsere Lebenshilfe wichtig, dass wir den Tod nicht zu f\u00fcrchten brauchen.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eSterben ist nach unserer Geburt das wichtigste Ereignis in unserem Leben. Wir sollten darauf hin leben wie auf ein Fest \u2013 das Fest unserer Heimkehr zu unserem Ursprung.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das ist im Moment nicht einfach, angesichts des grossen Leids, das die Welt in diesen Tagen erf\u00e4hrt. \u201eFeiern\u201c heisst f\u00fcr mich jetzt einfach still und dankbar zu sein. Sicher ist unser spiritueller Weg eine sehr grosse Hilfe dabei. Eine andere Geschichte war das Gleichnis von \u201eMaria und Marta\u201e \u2013 wie sie auch Meister Eckehart (Predigt 28) darstellt: es war ihm wichtig aufzuzeigen, der Weg muss in den Alltag f\u00fchren, Maria muss noch zu Marta werden, wir d\u00fcrfen nicht bei der Entz\u00fcckung stehen bleiben. Ganz wichtig ist f\u00fcr mich, im Alltag die Balance zu finden, zwischen Aktion und Meditation.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eUnser soziales Verhalten erw\u00e4chst aus keinem Gebot, sondern aus der Erfahrung der universellen Liebe.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Schon bald durfte ich durch die Anfrage von Beatrice Grimm an den Kursen mithelfen, in der \u00dcbergangszeit in der Villa Unspunnen, dann ab 2003 am Benediktushof. In dieser schwierigen \u00dcbergangszeit in der Villa Unspunnen, in der Willigis nicht wusste, wie es weitergeht, fragte er mich: Willst Du nicht nach Bad Sch\u00f6nbrunn wechseln, ins Lassalle-Haus? Das war damals noch zu fr\u00fch f\u00fcr mich, erst 2009 war ich reif f\u00fcr die Ausbildung in der Lassalle Kontemplationsschule via integralis.<\/p>\n<p>In der Anfangszeit am Benediktushof war f\u00fcr uns alle speziell sp\u00fcrbar, wie wir als Maschen im Netz verbunden sind. Wir alle spendeten einen materiellen Beitrag, damit auch noch die restlichen Anschaffungen, wie letzte M\u00f6bel und weitere Gegenst\u00e4nde, besorgt werden konnten und die Kurse 2003 starten durften. Anfangs wurde noch gebohrt und geh\u00e4mmert, und ich sagte zu Willigis: Das ist wunderbar, hier wird gebohrt, damit wir den Weg in die Tiefe finden k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kamen dann die Kurse im Felsentor auf der Rigi dazu. Diese Kurse an Pfingsten waren auch f\u00fcr Willigis eine besondere Zeit \u2013 er genoss es, die Gespr\u00e4che, wenn es das Wetter erlaubte, draussen im Garten zu f\u00fchren, und so entstand auch f\u00fcr uns eine pers\u00f6nliche N\u00e4he und entspannte Atmosph\u00e4re. Trotzdem blieb immer die klare, geordnete Struktur erhalten.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eEs gibt keine Trennung zwischen Spiritualit\u00e4t und Alltag. Erst mit dieser Erkenntnis sind wir auf dem wirklichen spirituellen Weg angekommen.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie in allen Zen- und Kontemplationskursen war die t\u00e4gliche kurze Arbeitszeit Teil der \u00dcbung:<\/p>\n<p><strong><em>\u201eBleibt in der \u00dcbung, ob Ihr geht, steht oder, wenn ihr nachts nicht schlafen k\u00f6nnt.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Kontemplation ist eine Lebenshaltung, sie bleibt \u00fcber das Kursende erhalten und f\u00fchrt in einen von Achtsamkeit und Respekt gegen\u00fcber allen Wesen gepr\u00e4gten Alltag. Sein tiefes Mitgef\u00fchl durfte ich an Pfingsten 2015 erleben. Als ich ein paar Tage nach der Beisetzung meiner Zwillingsschwester wieder zum Assistieren am Kurs im Felsentor teilnahm, kam Willigis auf mich zu und sagte: \u201e Ich nehme Deine Schwester mit ins Gebet\u201c. Speziell danke ich Willigis auch f\u00fcr seine Weisheit und G\u00fcte, die es mir ab 2009 erlaubte, parallel zu ihm auch den Weg der via integralis zu gehen (es gab damals keine entsprechende Schulung am Benediktushof). So konnte ich mich auch in der Schweiz vernetzen, wof\u00fcr ich heute sehr dankbar bin.<\/p>\n<p>An Pfingsten 2016 kam Willigis das letzte Mal zum Kontemplationskurs ins Felsentor. Wieder durfte ich assistieren, und ich sp\u00fcrte, dass es wohl das letzte Mal sein w\u00fcrde. Er sagte zu mir, dass er m\u00fcde sei, dass er alles aufgeschrieben habe und alles gesagt habe, \u201eeigentlich m\u00f6chte ich jetzt sterben, aber es ist nicht so einfach, wollen kann man nicht, man muss gerufen werden!\u201c<\/p>\n<p>Ich danke Beatrice Grimm von Herzen, dass sie es zusammen mit einem Betreuungsteam erm\u00f6glicht hat, dass Willigis bis zum Schluss am Benediktushof liebevoll umsorgt werden konnte.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eWo gehen wir hin, wenn wir sterben? Wir gehen zur\u00fcck in den Seinsgrund, aus dem wir gekommen sind.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Lieber Willigis nun bist Du in den Seinsgrund zur\u00fcckgekehrt, f\u00fcr uns ist es eine Ehre, Deine Anliegen weiter zu tragen, jede, jeder auf seine Weise, nicht als Deine Kopien, was Dir so wichtig war! Viele Male schon durfte ich erleben, wie gepr\u00e4gt ich von Dir bin, wie Deine Lehre in mir wirkt, wie getragen ich mich f\u00fchle von all den Vortr\u00e4gen, die ich h\u00f6rte, durch all Deine B\u00fccher, die ich lesen durfte und die CDs, die wir weiter h\u00f6ren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>M\u00f6gen wir, alle Deine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, den Weg weiter gehen, offen f\u00fcr neue Erfahrungen und Begegnungen, die uns weiter reifen und zum Wohle aller Wesen beitragen lassen, und m\u00f6gen wir, wenn die Zeit kommt, wie Du, den Tod willkommen heissen!<\/p>\n<p>Wir sind und bleiben verbunden als Maschen im grossen Netz! Jedes Mal bedanktest Du Dich f\u00fcr unsere Mithilfe an den Kursen. Jetzt begleiten Dich unsere Liebe und Dankbarkeit in die neue Seinsweise \u2013 es war wohl auch Liebe auf den ersten Blick zu Dir &#8211; zum Urgrund.<\/p>\n<p><strong><em>\u201eDas EINE ist meine wahre Natur &#8211; und die Natur aller Wesen. Es ist zeitlos und entfaltet sich in der Zeit. Es entsteht nicht bei meiner Geburt und vergeht nicht durch meinen Tod. Dieses EINE ist der Urgrund aller Dinge.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Alle Zitate von Willigis stammen aus den B\u00fcchlein: In jedem Jetzt ist Ewigkeit, Jenseits von Gott, Der spirituelle Jahresbegleiter 2015.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willigis J\u00e4ger (1925\u20132020) Ein Nachruf von Ursula Nuzzo-Forrer Willigis J\u00e4ger OSB (1925\u20132020) war deutscher Benediktinerpater, Mystiker und Zen-Meister mit dem Namen Kyo-un Roshi. 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