{"id":2387,"date":"2019-06-04T09:35:02","date_gmt":"2019-06-04T07:35:02","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=2387"},"modified":"2020-06-18T11:55:48","modified_gmt":"2020-06-18T09:55:48","slug":"achtsamen-frieden-nichtsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2019\/06\/04\/achtsamen-frieden-nichtsen\/","title":{"rendered":"Achtsamen, frieden, nichtsen"},"content":{"rendered":"<h2>Spiritueller Impuls von Norbert Kasper<\/h2>\n<p><strong>Beim Jahrestreffen 2019 der Lehrerinnen und Lehrer der via integralis in Wislikofen im Januar dieses Jahres haben wir in Kleingruppen \u00fcber den Vortrag von Margrit Wenk-Schlegel gesprochen. Dabei kam die Idee auf, das Thema Frieden einmal grunds\u00e4tzlich zu beleuchten und zu \u00fcberlegen, wie wir es in unsere Praxis integrieren k\u00f6nnen. Dabei sind folgenden Gedanken entstanden.<\/strong><\/p>\n<p>Drei Verben, die es in der deutschen Sprache nicht gibt, aber wenn man ein wenig mit ihnen spielt, dann k\u00f6nnen sie wichtig f\u00fcr uns werden. Manchmal tut es ja gut, Selbstverst\u00e4ndlichkeiten einfach zu hinterfragen. Und \u00e4hnlich k\u00f6nnen wir bisher gewohnte Begriffe wie Achtsamkeit, Friede oder Nichts kreativ umschreiben bzw. fortschreiben, so dass die Haltung dahinter in den Blick kommt; mehr noch: es kann uns helfen, immer intensiver in jene innere Haltung hineinzuwachsen, um die es dabei geht, so dass wir das werden, was wir anstreben! Daf\u00fcr sind diese Worte sehr hilfreich.<\/p>\n<p><strong>Achtsamkeit<\/strong> ist heute in aller Munde. Und viel Oberfl\u00e4chliches ist auch mit dabei. Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, ein Begriff, in dem sich heute viele spirituelle Praktiken zusammenfassen lassen, dann fokussieren wir uns auf ein Zentrum. Wir lernen, unseren eigenen Mittelpunkt zu finden und uns auf das Wesentliche in unserem Leben zu konzentrieren. Achtsamkeit wird so zu der religi\u00f6sen oder spirituellen Praxis schlechthin. Und wie oft wird in der Literatur dazu aufgefordert, Achtsamkeit zu entwickeln und zu f\u00f6rdern, in ihr finden wir derzeit das Allheilmittel gegen die Gefahren f\u00fcr Leib und Seele, die uns modernen Menschen drohen. Diese Sichtweise ist nicht falsch. Fr\u00fcher haben die Religionen ihre Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger aufgefordert, ein moralisch einwandfreies Leben zu f\u00fchren. Was als richtig galt, wurde von der jeweiligen \u201eLehre\u201c bzw. von deren Experten, den Schriftgelehrten und Theologen, festgelegt. wer diesen Forderungen nicht entsprochen hatte, lief Gefahr, gesellschaftlich ge\u00e4chtet oder im Schlimmsten Fall get\u00f6tet zu werden. Davon sind wir heute gl\u00fccklicherweise weit entfernt. Doch der Begriff Achtsamkeit oder die Aufforderung achtsam zu sein, gewinnt eine \u00e4hnlich starke Bedeutung wie fr\u00fcher die Moral. Und da sehe ich eine Gefahr. Durch die Tendenz zum Moralisieren wurde die Religion immer mehr ins \u00c4u\u00dfere, ins Sichtbare verlagert. \u00c4hnliches geschieht jetzt schon mit der Achtsamkeit. <\/p>\n<p>Wenn Du den Anschein erweckst, achtsam zu sein, dann reicht das aus, rede ab und zu dar\u00fcber, dann zeigst Du, dass Du auf der H\u00f6he der Zeit bist. Aber das ist zu wenig, wie wir wissen. So wenig wir Gut-Sein auf Moral beschr\u00e4nken k\u00f6nnen, so wenig k\u00f6nnen wir Achtsamkeit auf \u00e4u\u00dfere Verhaltensweisen reduzieren. Es kommt eben auf die innere Haltung darauf an. Da reicht es nicht aus, \u00e4u\u00dferlich achtsam zu sein oder Achtsamkeit zu \u00fcben, sondern wir sollten sie uns ganz zu eigen machen, indem wir sie ganz und gar praktizieren, wenn wir sie tun. Achtsamkeit als innere Haltung durchdringt unser ganzes Dasein. Genau das m\u00f6chte dieses Wort zum Ausdruck bringen: Wir \u00bbachtsamen\u00ab!<\/p>\n<p>Nun zum Thema <strong>Frieden<\/strong> \u2013 ganz praktisch: Jeder redet von der Liebe und viel wird dar\u00fcber gesprochen und gesungen. Aber nur wenn wir lieben, machen wir selber die Erfahrung, welche sich hinter dem Wort verbirgt. Da machen wir die ganzheitliche Erfahrung. Denn wenn wir lieben, dann mit aller Energie, die uns zur Verf\u00fcgung steht, und wir lassen uns ganz davon in Beschlag nehmen: Wir lieben. \u00c4hnlich ist es mit dem Hass und mit dem Verb hassen.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr Friede gibt es kein entsprechendes Verb. Wir setzen uns f\u00fcr den Frieden ein. Wir schaffen Frieden, so gut es geht und wir versuchen in unserem Umfeld, so friedlich wie m\u00f6glich zu agieren. Dabei ist Frieden aber, wie mir scheint, immer ein Objekt, auf das ich mich hinbewege. Beim Meditieren lerne ich aber, alle Objekte loszulassen, auch den Frieden. Wie kann dann Frieden geschehen? F\u00fcr den Kampf gibt es ein solches Verb, denn wir k\u00e4mpfen. Selbst f\u00fcr den Krieg gibt es noch das alte Wort kriegen, das ben\u00fctzt wurde, wenn man sich heftig streitet. Ein Verb f\u00fcr den Frieden jedoch gibt es nicht. Wenn ich mir aber Frieden ganz zu Eigen mache, wenn ich selbst Friede werde, dann friede ich \u2013 oder nicht? Lasst uns viel mehr \u00bbfrieden\u00ab!<\/p>\n<p>Und noch ein Drittes: Mit was besch\u00e4ftigen wir uns beim Sitzen? Nat\u00fcrlich: mit dem <strong>Nichts<\/strong>! Und das, ohne etwas dabei zu wollen. Dieses Nichts, um das es in der Kontemplation geht, l\u00e4sst sich schlecht beschreiben. Im elften Vers im Tao te King hei\u00dft es: \u00bbDer Reifen eines Rades wird von den Speichen gehalten. Doch das Leere darin ist das Sinnvolle beim Gebrauch. Aus nassem Ton werden Gef\u00e4\u00dfe geformt. Jedoch die Leere darin erm\u00f6glicht erst das F\u00fcllen der Kr\u00fcge. Aus Mauern, durchbrochen von T\u00fcren und Fenstern, baut man ein Haus. Aber der Leerraum, das Nichts macht es erst bewohnbar. So ist das Sichtbare zwar von Nutzen, doch das Wesentliche bleibt unsichtbar.\u00ab<\/p>\n<p>Das Wesentliche ist jenes Nichts. Es ist in allen Dingen, auch in jeder und in jedem von uns. Wenn ich mir nun diese Sichtweise ganz zu eigen mache, wenn ich mich dieser Haltung ganz hingebe, wenn ich ganz darin aufgehe, in der Erfahrung bin und bleibe, dann praktiziere ich das Wesentliche, dann gehe ich in jenem unsagbaren Nichts auf. Und Dieses ist dann kein Objekt mehr, \u00fcber das ich nachdenke, sondern ich bin es \u2013 , mit Haut und Haaren, ganz eben. Das nenne ich \u00bbnichtsen\u00ab!<\/p>\n<p><strong>Norbert Kasper, Gaggenau\/D, Juni 2019<\/strong><br \/>\n<em>Theologe und Pastoralreferent, Kontemplationslehrer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiritueller Impuls von Norbert Kasper Beim Jahrestreffen 2019 der Lehrerinnen und Lehrer der via integralis in Wislikofen im Januar dieses Jahres haben wir in Kleingruppen \u00fcber den Vortrag von Margrit Wenk-Schlegel gesprochen. 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