{"id":2720,"date":"2020-11-27T00:25:40","date_gmt":"2020-11-26T23:25:40","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=2720"},"modified":"2023-05-04T18:01:39","modified_gmt":"2023-05-04T16:01:39","slug":"alpsegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2020\/11\/27\/alpsegen\/","title":{"rendered":"Alpsegen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">von Alois Ebneter<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieso komme ich dazu, einen Text \u00fcber den Alpsegen zu gestalten? Dies wohl, weil ich zu Beginn der Coronazeit gefragt wurde, ob ich nicht einen Stadtsegen (Alpsegen, in der Stadt gerufen, und an die Coronaverh\u00e4ltnisse angepasst) auf dem Dach der \u00f6kumenischen Haldenkirche in St. Gallen rufen w\u00fcrde. Damals habe ich sofort zugesagt, obwohl ich \u00fcber den Hintergrund des Alpsegens gar nicht viel wusste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer einen tiefen Glauben an die heilvolle Wirkung des Segensrufes auf der Alp hat, kann durchaus diese Art Gebetsrezitation in die Stadt \u00fcbertragen. Wie auf der Alp, wo neben dem Sennen vielleicht keine Menschenseele in der N\u00e4he ist, so kann der Stadtsegen auch in die laute Stadt gerufen werden und ein ganzes Quartier einh\u00fcllen. Es ist dann ein Segenswunsch f\u00fcr alle, die ihn h\u00f6ren und auch f\u00fcr jene, die ihn nicht h\u00f6ren. Fr\u00fcher glaubte ich immer, ein Segen k\u00f6nnte nur von einem Priester gespendet werden. Nun war ich sehr erfreut, dass ich eine solche Aufgabe in der \u00f6kumenischen Gemeinde Halden erf\u00fcllen durfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alpsegen, in der Innerschweiz Betruf genannt, ist in katholischen Berggebieten der Schweiz verbreitet. Man ruft ihn im Gebiet rund um den S\u00e4ntis, im Sarganserland, in der Innerschweiz, im Goms und in der Surselva. Er wird aber auch im F\u00fcrstentum Liechtenstein, im Vorarlberg und im s\u00fcddeutschen Allg\u00e4u praktiziert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"253\" height=\"199\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Alpsegen_AlbertR\u00e4ssRuftDenAlpsegenFotomuseumWinterthur.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2722\"\/><figcaption>Albert R\u00e4ss ruft den Alpsegen <br>(Fotomuseum Winterthur)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Betruf ist ein urspr\u00fcnglich vorchristlicher Alpsegen, welcher vom Senn beim Einnachten mit der sogenannten Volle, einem megafon\u00e4hnlichen Trichter aus Holz, oft in alle vier Himmelsrichtungen gesungen wird. 1609 verbot die Luzerner Obrigkeit das Ritual, da es heidnisch sei. Erst sp\u00e4ter haben dann die Kirchenoberen versucht, die Texte in eine christlichere Form zu bringen, indem man zum Beispiel die Rufform \u00abLoba\u00bb (f\u00fcr die Anrufung der Kuh) in das \u00abGott ze lobe\u00bb umwandelte und so aus dem Viehsegen einen christlichen Text schuf, und so hat die Kirche diesen Ritus dann auch toleriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute rufen auch Frauen den Alpsegen. Die aktuellen Texte sind von Region zu Region und gar von Alp zu Alp verschieden. Auf dem Lande ist es wie selbstverst\u00e4ndlich, dass man die Tradition mittr\u00e4gt. St\u00e4dter sind fasziniert und begeistert vom Betruf und m\u00f6chten ihn immer wieder erleben. Sie sp\u00fcren beim abendlichen Ritual eine uralte Sehnsucht, die sie selbst haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es handelt sich um eine Art Sprechgesang mit Rufmelodik ohne Liedform. In dieser Art Gebetsrezitation werden Maria und verschiedene Schutzheilige angerufen zum Schutz f\u00fcr das Vieh, die Alp und die Menschen da oben. Der \u00c4lpler bittet in seinen 4 bis 5 Rezitationst\u00f6nen: \u00abBh\u00fcet \u00fcs Gott, Vech und Hab und alles wo do ume isch\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da mich vor allem die Gedanken des Schutzringes auf den Alpen im Urnerland begeisterten, so m\u00f6chte ich es nicht unterlassen auf das Buch eines Urner Arztes hinzuweisen. In diesem Buch mit dem obigen Titel beschreibt Eduard Renner (erstmals erschienen 1941) wie im Weltbild der Urner Bergler die magische, vorchristliche Welt mit der christlichen Welt durchaus vers\u00f6hnt sind. Der Senn, der den allabendlichen Betruf macht, legt somit einen goldenen Ring um die Alp, um diese vor dem sogenannten Es zu sch\u00fctzen. Mit diesem Es bezeichnen die Bergler dasjenige, was wir heute als das Unbewusste bezeichnen w\u00fcrden. Der Betruf ist ein Schutzring gegen das Es, gegen das Unbewusste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Senn steht in der Mitte dieses durch den Betruf symbolisch gebildeten Ringes oben auf der Alp. Unten im Tal sind es die Kirchenglocken, die einen Schutzring bilden. Oben auf der Alp h\u00f6rt man die Glocken aus dem Tal nicht mehr, denn da oben steht auch keine Kirche, wodurch der Senn auf der Alp sozusagen zum Priester wird. Er bildet damit einen an sich vorchristlichen magischen Schutzring.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da mich die Symbolik in dieser Bergkapelle interessiert hat, reiste ich f\u00fcr diesen Beitrag ins Isenthal. Von Isleten am Vierwaldst\u00e4ttersee geht es \u00fcber eine schmale, steile Strasse zum Bergdorf Isenthal. Von dort f\u00fchrt eine Strasse weiter nach St. Jakob im Grosstal. Dann f\u00fchrt uns eine 8er Kabine hinauf auf \u00fcber 1500 m zur Siedlung Gitschenen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Alpsegen_BetrufkappelleGitschenen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2725\"\/><figcaption>Betrufkappelle Gitschenen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Bau dieses Andachtsraumes kam es aufgrund eines Gel\u00fcbtes. Obwohl erst vor gut 20 Jahren gebaut, hat man das Gef\u00fchl, die Kapelle stehe schon seit Urzeiten an diesem Ort. Die Betrufkapelle ist f\u00fcr alle Religionen offen, so hat schon eine buddhistische Hochzeit darin stattgefunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber dem Altar befindet sich oben ein Dreieck in die Wand eingelassen, die Trinit\u00e4t. Unten ein fast gleichschenkliges Kreuz, das Kreuz des irdischen Lebens. Dazwischen sehe ich den goldenen Ring mit dem goldenen Punkt in der Mitte, ein uraltes Gottesbild. Sind da nicht Parallelen zum buddhistischen Kreissymbol oder dem kreisrunden Meditationsbild des Niklaus von Fl\u00fce (an der Hinterwand der Kapelle) oder gar der hinduistischen Mandalas?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was denkt der\/die Rufende dabei? Sonja Lieberherr (Vom Zauberklang der Dinge: Folge 9 auf youtube) sagt, dass sie den Alpsegen auch f\u00fcr die Murmeltiere und die Hirsche rufe. Sie sagt alles geh\u00f6re dazu, alles sei eins. Ich zitiere: \u00abIn Gedanken bin ich mit allem verbunden, es ist eine Gemeinschaft. Ja, im Alpsegen erfahre ich ein unglaubliches Miteinander\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt dann auch keine Trennung zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Sonja sagt : \u00abEs ist wichtig, dass ich ihn f\u00fcr alle rufe, f\u00fcr diejenigen, die da sind \u2013 und f\u00fcr jene, die nicht da sind. Ich empfinde den Alpsegen als etwas sehr Tiefes\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Weiterf\u00fchrende Quellen und Beispiele<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Goldener Ring \u00fcber Uri, Eduard Renner 1941, 1969<br><a href=\"https:\/\/books.google.ch\/books\/about\/Wissen_und_Ahnung.html?id=Y8TZtgEACAAJ&amp;redir_esc=y\">Wissen und Ahnung, Theodor Abt, 2007<\/a><br><a href=\"https:\/\/books.google.ch\/books\/about\/Alpzeit.html?id=d9hCLgEACAAJ&amp;redir_esc=y\">Alpzeit, Gelebte Traditionen im Toggenburg, Andreas Bachofner, 2012<\/a><br>Die Betrufkapelle von Gitschenen, Doku in der Kapelle <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.roothuus-gonten.ch\/cms\/images\/PDF\/Alpsegen2009JohFritsche.pdf\">Alpsegen im Alpstein \u2013 Roothuus Gonten, Melodie: P. Ekkehard H\u00f6gger, 1948, Text: P. Erich Eberle<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Stadtsegen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=evjQVcdZwZo\">2. St. Galler Corona-Segen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qbw9qBf6TzM\">4. St. Galler Coronasegen von Georg Schmucki<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso komme ich dazu, einen Text \u00fcber den Alpsegen zu gestalten? Dies wohl, weil ich zu Beginn der Coronazeit gefragt wurde, ob ich nicht einen Stadtsegen (Alpsegen, in der Stadt gerufen, und an die Coronaverh\u00e4ltnisse angepasst) auf dem Dach der \u00f6kumenischen Haldenkirche in St. Gallen rufen w\u00fcrde. Damals habe ich sofort zugesagt, obwohl ich \u00fcber den Hintergrund des Alpsegens gar nicht viel wusste. 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