{"id":2728,"date":"2020-11-27T00:05:00","date_gmt":"2020-11-26T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=2728"},"modified":"2020-11-27T00:21:25","modified_gmt":"2020-11-26T23:21:25","slug":"die-sinnliche-seele-spiritualitaet-und-sexualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2020\/11\/27\/die-sinnliche-seele-spiritualitaet-und-sexualitaet\/","title":{"rendered":"Die sinnliche Seele: Spiritualit\u00e4t und Sexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Ein Einblick in die diesj\u00e4hrige Fortbildung der via integralis Lehrenden vom 4. &#8211; 6. September 2020 auf Maria Lindenberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Hella Sodies und Franziska Bolt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der diesj\u00e4hrigen Lehrer*innen-Fortbildung im September auf dem Lindenberg im Schwarzwald hat sich eine grosse Zahl der via integralis-Lehrenden unter dem Leitgedanken \u201eDie sinnliche Seele\u201c auf ein anspruchsvolles Thema eingelassen: Unter der Leitung und Begleitung von Franziska Bolt, \u00c4rztin und seit Jahren Forschende auf diesem Fachgebiet, stellten wir uns dem bis heute bestehenden, oft schmerzhaften Bruch zwischen einer offen gelebten Spiritualit\u00e4t und einer vielfach von Sprachlosigkeit gepr\u00e4gten oder gar unterdr\u00fcckten, teilweise heimlich und pervertiert gelebten Sexualit\u00e4t, die viel Leiden erzeugt. Ein existentielles Thema, ein Thema, das beileibe nicht nur f\u00fcr der via integralis zugewandte Menschen relevant ist, das aber gerade f\u00fcr uns als via integralis, die wir uns einer integralen Spiritualit\u00e4t verpflichtet wissen, aus den Dunkelkammern ins Licht unseres Bewusstseins zu holen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franziska Bolt sorgte mit ihrer Erfahrung und ihrer gleichermassen klaren wie liebevollen Pr\u00e4senz f\u00fcr einen sicheren und professionellen Rahmen, um sich ernsthaft und ohne zu moralisieren auf das Thema einlassen zu k\u00f6nnen. Mit ihrer Unverkrampftheit und der humorvollen Leichtigkeit, mit der sie Worte f\u00fcr Totgeschwiegenes anbot, machte sie Mut und weckte Freude, eigene Erfahrungen einzubringen und pers\u00f6nliches Entwicklungspotential wahrzunehmen und zuk\u00fcnftig zu entfalten. So zeigte die von viel Dankbarkeit und Bewegung erf\u00fcllte Schlussrunde, dass es belebende Tage waren: intensiv, herausfordernd und reich an neuen Einsichten \u2013 f\u00fcr Frauen wie M\u00e4nner. Die Fortbildung verst\u00e4rkte in den Teilnehmenden die \u00dcberzeugung, dass es wichtig und an der Zeit ist, unsere Leiblichkeit und damit auch unsere Sexualit\u00e4t \u2013 als eine wesentliche Ausdrucksform unseres Menschseins \u2013 bewusst zu integrieren und entsprechende Impulse in unsere pers\u00f6nlichen Beziehungen wie auch in unsere Kirchen und unsere Gesellschaft hineinzutragen. In diesem Sinne m\u00f6ge der folgende ausf\u00fchrliche Tagungsbericht, der die Inhalte der Impulse und Vortr\u00e4ge von Franziska Bolt zusammenfasst, dazu ermutigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste inhaltliche Block nahm uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, die viel Betroffenheit ausl\u00f6ste und uns alte Pr\u00e4gungen verstehen liess. Franziska Bolt f\u00fchrte aus, weshalb in der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte das Heilige\/Spirituelle und das Sinnliche\/K\u00f6rperliche, die urspr\u00fcnglich eine Einheit bildeten, auseinandergebrochen sind \u2013 um im zweiten Teil des Wochenendes aufzuzeigen, wie wir beides wieder zusammenf\u00fchren k\u00f6nnen. Sie bezog sich dabei im ersten Teil schwerpunktm\u00e4ssig auf das Werk \u201eKelch und Schwert\u201c von Riane Eisler (Kelch und Schwert. Weibliches und m\u00e4nnliches Prinzip in der Geschichte. Unsere Geschichte, unsere Zukunft, Arbor Verlag, 3. Auflage 2005), welches f\u00fcr sie Augen \u00f6ffnend war. Es erm\u00f6glichte ihr, eigene innere Bilder mit einem auch rational begr\u00fcndeten Weltbild zusammenzubringen. Eisler verwendet u.a. arch\u00e4ologische Funde neuerer Ausgrabungsst\u00e4tten in Osteuropa und dem Nahen Osten, um die Geschichte Alteuropas anders zu deuten, als wir dies aus dem Geschichtsunterricht in der Schule kennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Folgenden ein Auszug aus dem unver\u00f6ffentlichten Manuskript \u201eIntegrale Weiblichkeit \u2013 die Wiederverbindung des Heiligen mit dem Sinnlichen\u201c von Franziska Bolt zum Buch von Riane Eisler: \u201eIm Zentrum von Eislers Werk steht die Feststellung, dass der Gedanke der Herrschaft eines Geschlechts \u00fcber das andere \u2013 also eines Patriarchats oder Matriarchats \u2013 bereits eine m\u00e4nnlich verzerrte kulturelle Vorstellung ist und dass wir Gefahr laufen, die Geschichte des europ\u00e4ischen Neolithikums falsch zu deuten, wenn wir von dem Grundgedanken ausgehen, dass zu jedem Zeitpunkt der Geschichte ein Geschlecht dominant gewesen sein muss. Eisler nennt das auf maskulinen Werten beruhende, von M\u00e4nnern dominierte patriarchale System, das unsere Kultur seit mindestens f\u00fcnftausend Jahren pr\u00e4gt, Androkratie und setzt diesem den Begriff der Gylanie entgegen (gy-: griech. gyne = Frau, l-: engl. linking, verbinden, sowie griech. lyein, l\u00f6sen; an-: griech. aner, Mann). Sie definiert Gylanie als ein Gesellschaftssystem, das auf der Gleichwertigkeit (nicht Gleichheit!) und Kooperation beider Geschlechter beruht und durch maskuline wie feminine Werte gepr\u00e4gt ist. Und sie postuliert, dass es im neusteinzeitlichen Europa im Zeitraum zwischen 9000v.Chr. und ca. 5000v.Chr. eine mehrere Jahrtausende dauernde, stabile gylanische Epoche gegeben haben muss. Anhand konkreter Hinweise auf arch\u00e4ologische Funde zeichnet sie das Bild eines ausgedehnten alteurop\u00e4ischen Kulturraums, in dem es entgegen der g\u00e4ngigen Lehrmeinung mehrere Wiegen der Zivilisation gab. Siedlungen wurden ohne Befestigungen in fruchtbaren Niederungen angelegt. Die gesellschaftlichen Hierarchien waren flach; G\u00fcter wurden relativ gleichm\u00e4ssig verteilt, \u00dcbersch\u00fcsse flossen in eine gut ausgebaute gemeinschaftliche Infrastruktur (B\u00e4der, Strassen, Parks). Sklaverei und Krieg waren unbekannt. \u00c4sthetik und eine \u00e4sthetische Architektur sowie Kunst, Spiritualit\u00e4t, spielerische Sportarten und eine eher freiz\u00fcgig gelebte Sexualit\u00e4t spielten eine wichtige Rolle. Handel und Handwerkskunst bl\u00fchten von Nord- bis S\u00fcdeuropa. Insgesamt fand eine langsame, aber allm\u00e4hliche kulturelle Entwicklung statt. Und: Die Quelle des Lebens wurde als weiblich empfunden, entsprechend genossen Frauen hohes Ansehen. Eine allgegenw\u00e4rtige Mutterg\u00f6ttin durchdrang s\u00e4mtliche Bereiche des Lebens, und dies schien auch den M\u00e4nnern gut zu bekommen. Spiritualit\u00e4t und Alltag waren aufs Engste miteinander verkn\u00fcpft, wie die zahlreichen Altarnischen, religi\u00f6sen Gegenst\u00e4nde und Gem\u00e4lde in den H\u00e4usern zeigten. Das Lebensgef\u00fchl der Menschen wurde durch einen Sinn f\u00fcr die Heiligkeit des Lebens gepr\u00e4gt. Die grosse Mutterg\u00f6ttin schenkte alles Leben, und in ihren Schoss kehrte alles wieder zur\u00fcck. Der Kreis des Lebens war vollst\u00e4ndig, und die Angst vor dem Tod verblasste angesichts \u00fcppiger Lebensfreude. In dieser Zeit gab es auch keine Hinweise f\u00fcr K\u00f6nigsfolgen; es sind keine Namen, Skulpturen oder Gem\u00e4lde von Einzelherrschern oder Dynastien erhalten geblieben, was den Arch\u00e4ologen bisher merkw\u00fcrdig und primitiv vorkam. Eisler verwirft auch die g\u00e4ngige Hypothese, dass das Ph\u00e4nomen des Krieges eng an die neu aufkommende Verarbeitung von Metallen gekoppelt ist. Sie zeigt auf, dass die Metallverarbeitung in der gylanischen Epoche durchaus schon bekannt war, aber ausschliesslich f\u00fcr die Herstellung von Schmuck, Werkzeugen, Kunst- und Kultgegenst\u00e4nden verwendet wurde. Als Beispiele nennt Eisler u.a. die minoische Kultur auf Kreta und neolithische Ausgrabungsst\u00e4tten in Catal H\u00fcy\u00fck, Hacilar (beide auf der Hochebene des heutigen Anatolien) sowie die Megalith-Kulturen von Stonehenge, Avebury und Malta.(&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"765\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-765x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2841\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-765x1024.jpeg 765w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-224x300.jpeg 224w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-768x1028.jpeg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-1147x1536.jpeg 1147w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-1530x2048.jpeg 1530w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-600x803.jpeg 600w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/vi-NL-010-05_Fortbildung_Die-sinnliche-SeeleGoettin-scaled.jpeg 1912w\" sizes=\"auto, (max-width: 765px) 100vw, 765px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anhand systemtheoretischer \u00dcberlegungen skizziert Riane Eisler dann das Ende der gylanischen Epoche, als eine kulturelle Anomalie am Rand des damaligen Alten Europa auftrat. Diese anf\u00e4nglich kleine Randerscheinung vermochte das gesamte Kultursystem zu ersch\u00fcttern und in relativ kurzer Zeit in ein androkratisches System zu kippen, unter dem die westliche Kultur \u2013 und aufgrund des gewaltsamen Exports unserer Werte in den vergangenen Jahrhunderten auch weite Teile des gesamten Globus \u2013 bis heute leiden. Im \u00dcbergang vom Kupfer- zum Bronzezeitalter (ab 5000 \u2013 2500 v. Chr) drangen bewaffnete Horden von Kurgan-V\u00f6lkern (Kurgan = Grabh\u00fcgel) aus Nordostasien, Nordosteuropa sowie Nomadenst\u00e4mme aus dem Nahen Osten in mehreren Einwanderungswellen in den alteurop\u00e4ischen Kulturraum ein. Sie geh\u00f6rten zur indoeurop\u00e4ischen Sprachgruppe. Als Beispiele nennt Eisler die Arier in Indien, die Hethiter und Mitaner im Fruchtbaren Halbmond, die Luwer in Anatolien, die Kurgan-V\u00f6lker in Osteuropa, die Ach\u00e4er und Dorer in Griechenland und semitische St\u00e4mme in Kanaan. Sie brachten ein dominatorisches Modell gesellschaftlicher Organisation mit einer autorit\u00e4ren, steil hierarchischen Sozialstruktur. Die aus dem Norden kommenden St\u00e4mme kamen h\u00e4ufig zu Pferd. Sie eroberten, pl\u00fcnderten, ermordeten die M\u00e4nner und Kinder, schw\u00e4ngerten die jungen Frauen und setzten ihre Kultur zun\u00e4chst mit roher Gewalt durch, \u00fcbernahmen mit der Zeit aber auch Merkmale der alteurop\u00e4ischen Kultur wie z.B. den Sinn f\u00fcr Kunsthandwerk und \u00c4sthetik. Sie brachten m\u00e4nnliche, aggressive und strafende Kriegs- und Bergg\u00f6tter mit. (&#8230;) Neu war der physisch St\u00e4rkste, Brutalste und Skrupelloseste der Anf\u00fchrer. Eine patrilineare Erbfolge wurde installiert. Nun gab es H\u00e4uptlingsgr\u00e4ber, und auf Anh\u00f6hen wurden befestigte Siedlungen gebaut. Priestertum und Geschichtsschreibung wurden von M\u00e4nnern \u00fcbernommen. (&#8230;) Der materielle Besitz war in M\u00e4nnerh\u00e4nden. Es gab soziale Ungleichheit, Armut, Versklavung und Exekutionen. Die Grosse G\u00f6ttin wurde zur Konkubine m\u00e4nnlicher Herrscherg\u00f6tter degradiert. Gesetze, Mythen und Ges\u00e4nge wurden im Lauf der Zeit zugunsten der M\u00e4nner umformuliert, Symbole umgedeutet. (&#8230;) Frauen und Kinder wurden zum Besitz des Mannes, und friedliebende M\u00e4nner wurden genauso unterdr\u00fcckt. Geb\u00e4ren und Menstruieren galten neu als unrein. Die Funktion der Frauen wurde auf Geb\u00e4ren, Kindererziehung und Gartenbau reduziert. Die weibliche Sexualit\u00e4t wurde fortan von M\u00e4nnern kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die androkratische Transformation der alteurop\u00e4ischen Kultur war gr\u00fcndlich. Eine Welle der Vernichtung und des kulturellen Niedergangs fegte \u00fcber das neusteinzeitliche Europa. Nach einer Periode des Chaos fand die kulturelle Entwicklung ver\u00e4ndert statt. Erst sp\u00e4ter entstanden aus der Verschmelzung von Resten der gylanischen mit der neuen androkratischen Kultur die Hochkulturen von Sumer und \u00c4gypten, die gemeinhin als Wiege der europ\u00e4ischen Zivilisation gelten. Bis heute dauert diese Geschichte von Gewalt und Unterdr\u00fcckung an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Gott ein Mann wurde, brach der Kreis des Lebens. Mit dem Verlust der gylanischen Lebensfreude und der Entthronung der Grossen G\u00f6ttin brach die Einheit aller Dinge, und damit ging ein tiefes Gef\u00fchl der Einsamkeit der Menschen einher. Weil die Mutterg\u00f6ttin fehlte, in deren Schoss die Sterbenden Frieden und Neugeburt fanden, wurde der Tod nun viel bedrohlicher. Die Angst vor dem Tod und seine Vermeidung wurden zu einer m\u00e4chtigen Triebfeder der europ\u00e4ischen Kultur und sind es bis heute geblieben. Der Sinn f\u00fcr die Heiligkeit des Lebens ging verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der neue androkratische Gott verlangte eine Unterwerfung der Natur; sie wurde nun ausgebeutet. Die unterdr\u00fcckte und missbrauchte Sexualit\u00e4t wurde von der \u00fcbrigen geistigen Entwicklung im Menschen abgespalten. Das Heilige und das Sinnliche, die lange Zeit eine Einheit im Leben unserer Vorfahren gebildet hatten, brachen auseinander.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel dazu ging das vermutlich unbewusste, aber im Alltag gelebte Wissen vom ganzheitlichen Menschen und der Gleichwertigkeit der Geschlechter aus der gylanischen Epoche verloren. Weil das m\u00e4nnliche Prinzip des Trennens (Analyse) in unserer Kultur st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt war als das weibliche Prinzip des Verbindens zu einem Ganzen (Synthese), zerfiel der europ\u00e4ische Mensch in eine Psyche und einen K\u00f6rper, zwischen welchen praktisch keine Verbindung mehr bestand, statt unser Selbst-Bewusstsein einfach in verschiedene Anteile zu differenzieren, die ein harmonisches Ganzes ergeben h\u00e4tten. Diese radikale Spaltung zwischen K\u00f6rper und Psyche (welche mit Verstand gleichgesetzt wurde) wird Europ\u00e4ische Dissoziation genannt. Sie fand in Europa v.a. in der griechischen Antike statt und zieht sich bis in die Gegenwart. Franziska Bolt f\u00fchrte weiterhin aus, dass aus dieser Vorstellung Bruchlinien in unserer &#8220;K\u00f6rperpsyche&#8221; resultierten (Trennung von Sexualit\u00e4t und Psyche sowie Trennung von Emotionen und Verstand), die bis heute wirken. Fatal dabei eine weitere Folge: Auch die Transzendenz wurde abgekoppelt und abgewertet und wird \u2013 vor diesem Hintergrund nicht erstaunlich \u2013 in der klassischen Psychiatrie bis heute oft als pathologisch betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franziska Bolt beendete den ersten inhaltlichen Block der Fortbildung mit einem Verweis auf die zahlreichen Androkraten unserer Tage in allen Kontinenten und zeigte damit auf, dass Spiritualit\u00e4t und Sexualit\u00e4t bis in die Gegenwart hinein auch politische Themen sind. Weiterhin brachte sie \u2013 ersch\u00fctternd f\u00fcr uns Teilnehmende \u2013 die weltweiten Konsequenzen des androkratischen Prinzips f\u00fcr die Sexualit\u00e4t auf den Punkt: Sexualit\u00e4t, die \u2013 vorwiegend, aber nicht ausschliesslich von M\u00e4nnern \u2013 bis heute als Macht- und Folterinstrument missbraucht wird, Kontrolle der Sexualit\u00e4t von Frauen mit weiblicher Genitalverst\u00fcmmelung als schlimmster Form, Femizide (T\u00f6tung von M\u00e4dchen und Frauen wegen ihres Geschlechts) mit dem daraus resultierenden Frauenmangel, in dem Soziologen eine Ursache f\u00fcr zuk\u00fcnftige soziale Gewalt und Kriege voraussehen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wie setzen wir dieses Wissen zuk\u00fcnftig gewinnbringend ein und finden zur\u00fcck zu einer Kultur der Gleichwertigkeit und Kooperation beider Geschlechter \u2013 auch in der Sexualit\u00e4t, in der wir vielfach sprachlos und anscheinend wenig selbst-bewusst unseren Energien ausgeliefert sind?<\/li><li>Wie st\u00e4rken wir (junge) M\u00e4nner, ihre m\u00e4nnlichen Anteile konstruktiv zu leben und einen Zugang auch zu ihren weiblichen Anteilen zu finden und diese ebenfalls selbstbewusst einzubringen?<\/li><li>Wie ermutigen wir (junge) Frauen, ihre weiblichen Anteile selbstbewusst zu leben und einen Zugang zu ihren m\u00e4nnlichen Anteilen zu finden und diese ebenfalls konstruktiv einzubringen?<\/li><li>Wie k\u00f6nnen wir (auch) in der Sexualit\u00e4t vorleben, was verlocken kann?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Suche nach Antworten auf diese Fragen stand wegweisend \u00fcber dem zweiten Teil der Fortbildung, in dem Franziska Bolt eine von ihr modellhaft entwickelte Landkarte der verschiedenen sexuellen Energien und der Interpretation von sexuell-spirituellen Erfahrungen vorstellte. Sie differenziert dabei auf Basis unz\u00e4hliger Gespr\u00e4che mit Frauen und M\u00e4nnern in den letzten ca. 15 Jahren \u00fcber k\u00f6rperliche, emotionale und spirituelle Erfahrungen in der Sexualit\u00e4t zwischen roter, oranger, goldgelber und diamantener sexueller Energie. Da es ihr nicht um eine Bewertung der Energien im Sinne von Stufen geht und weil ihr ein sprachlich niederschwelliger Zugang ohne vorbelastete Ausdr\u00fccke wichtig ist, hat sie sich f\u00fcr ein Farbenmodell entschieden. Wichtig ist dabei, dass alle vier Energien f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen erfahrbar sind \u2013 und dies nicht nur in Beziehungen und partnerschaftlich gelebter Sexualit\u00e4t, sondern auch als allein lebender Mensch. Die gelebte Sexualit\u00e4t ist ihrer Ansicht nach jedoch der f\u00fcr Viele \u201eeinfachste\u201c T\u00fcr\u00f6ffner zu entsprechenden Erfahrungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit ihrem Modell<strong> <\/strong>bietet sie Sprache, um Erlebnisse, W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse in Worte zu fassen und m\u00f6chte Paare ermutigen, sich gemeinsam auf eine bewusste Entdeckungsreise ihrer sexuellen Energien zu begeben. Rot steht dabei f\u00fcr eine feurige sexuelle Energie, die zielstrebig und dr\u00e4ngend auf den Orgasmus hinzielt und zu einem kurzen, k\u00f6rperlichen Zustand der Ekstase f\u00fchrt. Sie entspricht im K\u00f6rper von Frauen und M\u00e4nnern am meisten dem maskulinen Prinzip des Tuns und ist in Klitoris und Vulva resp. Penis verortet (sog. klitoraler Orgasmus bei Frauen). Orange ist die sexuelle Energie von Vagina und Prostata und besitzt sowohl feurige wie s\u00fcssliche, weiche und leidenschaftliche Eigenschaften. Sie wird durch den G-Zustand (= Vertrauen, Offenheit, Hingabe) und fakultativ durch die Stimulation der Vagina (\u201eG-Punkt\u201c oder andere erogene Zonen in der Vagina resp. durch fakultative Stimulation der Prostata) geweckt und f\u00fchrt zu einem Orgasmus (sog. vaginaler Orgasmus), der l\u00e4nger andauert und als tiefer empfunden wird als der rote, d.h. als k\u00f6rperliche und emotionale Ekstase, welche zu vermehrter Intimit\u00e4t und Verbundenheit mit dem Partner f\u00fchrt. Goldgelbe sexuelle Energie schliesslich ist bei Frauen im Bereich der Geb\u00e4rmutter zu finden und besitzt fast ausschliesslich feminine Eigenschaften, d.h. hier geht es nicht mehr um Tun, sondern um einen Zustand. Sie ist immer noch sehr lustvoll, hat aber einen weichen, s\u00fcsslichen, magnetischen Charakter. Sie ruht in sich selbst und dr\u00e4ngt nirgends hin. Der orgastische Zustand (sog. Muttermund-Orgasmus in g\u00e4ngiger Literatur) ist kein Gipfelereignis, sondern ein Zustand wellenf\u00f6rmiger ekstatischer sexueller und emotionaler Gl\u00fcckseligkeit, der im ganzen K\u00f6rper sp\u00fcrbar ist und als Tor zu transzendenten Erfahrungen dienen kann. Die goldgelbe sexuelle Energie kann durch Achtsamkeits- und Visualisierungs\u00fcbungen allein oder in der Partnerschaft durch eine langsame, eher meditative Vereinigung geweckt werden, in der die volle Pr\u00e4senz beider Partner gefragt ist. Goldgelbe sexuelle Energie kann mit etwas \u00dcbung dauerhaft zum Fliessen gebracht werden und f\u00f6rdert Kreativit\u00e4t, Heiterkeit, Gelassenheit, ein Gef\u00fchl der Vollst\u00e4ndigkeit und F\u00fclle sowie das Gef\u00fchl k\u00f6rperlicher Gesundheit. Von M\u00e4nnern wird Goldgelb anatomisch ebenfalls im Bereich der Prostata empfunden. Diamantene (sexuelle) Energie ist ein Zustand, der sich nach wiederholten Kundalini-Erfahrungen einstellen kann, die zu einer Verbindung der Energie aller Chakras und damit aller menschlichen Wesensaspekte f\u00fchrt. Die sexuellen Energien sind ganz mit den \u00fcbrigen verbunden und ergeben ein Einheitsbewusstsein von K\u00f6rper, Seele und Kosmos. Der diamantene Zustand ist luzide \u2013 eine belebende k\u00f6rperliche, emotionale, geistige und seelische Klarheit, Frische, Pr\u00e4senz, Vitalit\u00e4t, Weichheit, Sinnlichkeit, Z\u00e4rtlichkeit, All-Verbundenheit. Per se beinhaltet der diamantene Zustand keine orgastische Erfahrung und kann auch durch Meditation etc. geweckt werden, aber Rot, Orange und Goldgelb k\u00f6nnen weiterhin gelebt werden, wenn gew\u00fcnscht. In diesem Zustand werden Galaxien zum sinnlichen K\u00f6rper des G\u00f6ttlichen, der menschliche Schoss zum sakralen Tempel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franziska Bolt f\u00fchrte aus, dass sie durch ihre Forschungsarbeit zu der \u2013 vor dem Hintergrund der Inhalte im ersten Teil der Fortbildung nicht \u00fcberraschenden \u2013 Erkenntnis gekommen ist, dass wir im Kollektiv in unserer psychosexuellen Entwicklung weitgehend bei Vorstellungen und Ausdrucksformen von \u201eroter Sexualit\u00e4t\u201c stehen geblieben sind. Die M\u00e4nner, weil sie nicht anders konnten\/k\u00f6nnen, d.h. weil sie aufgrund ihrer nat\u00fcrlicherweise stark ausgepr\u00e4gten roten sexuellen Energie kaum Zugang zu ihren anderen Energien haben und nicht dazu angeleitet werden, die Frauen, weil sie nicht anders durften\/d\u00fcrfen, da \u201erote Sexualit\u00e4t\u201c als die einzig richtige bewertet wird und andere Energien nicht kultiviert werden. Dies ist zu bedauern, da wir als Menschheit so weitgehend von erg\u00e4nzendem, in uns brach liegendem Potential abgeschnitten sind. So sieht Franziska Bolt es als unsere Aufgabe, dazu beizutragen, dass wir diese verhinderte Entwicklung nachholen und ALLE Energien integrieren, um die Bruchlinien zu \u00fcberwinden, die unsere Kulturgeschichte in uns hinterliess. Sie diagnostiziert, dass der extreme technologische Fortschritt in den beiden letzten Jahrhunderten in einem krassen Gegensatz zur emotionalen, sexuellen und spirituellen Unterentwicklung in unserem Kulturraum steht. Die Entwicklung letzterer drei wurde im androkratischen System bewusst systematisch verhindert. Dies nicht zuletzt auch durch eine christliche Religion, in der transzendente Erfahrungen der Gl\u00e4ubigen gar nicht vorgesehen waren, da es seit 1600 Jahren prim\u00e4r um die Erhaltung des androkratischen religi\u00f6sen Machtapparates ging und geht. Wer eigene Erfahrungen macht, braucht jedoch m\u00f6glicherweise keinen Hirten mehr. Tragisch aus heutiger Sicht: Die Erz\u00e4hlung von Adam und Eva im Garten Eden zeigt, dass zu biblischen Zeiten noch eine wehm\u00fctige Erkenntnis \u00fcber das Verlorene da war: Das Paradies als letzte Erinnerung \u201eunserer\u201c Zeit und unseres Kulturraumes an das gylanische Zeitalter. Doch auch wenn wir es verloren haben: In uns liegt das Potential, uns mit unserer Vorgeschichte neu zu verbinden und unseren Beitrag zu leisten f\u00fcr ein neues gylanisches Gesellschaftssystem, das auf der Gleichwertigkeit und Kooperation der Geschlechter und auf der bewussten Integration aller Dimensionen unseres Menschseins aufbaut. Franziska Bolt hat dazu Mut gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">D A N K E !<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Voraussichtlich im kommenden Jahr ver\u00f6ffentlicht sie ihre Erkenntnisse in Buchform. Wir d\u00fcrfen uns darauf freuen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-998x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2730\" width=\"390\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-998x1024.jpeg 998w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-scaled-600x616.jpeg 600w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-292x300.jpeg 292w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-768x788.jpeg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-1496x1536.jpeg 1496w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/NL-010_DieSinnlicheSeele-FranziskaBolt-1995x2048.jpeg 1995w\" sizes=\"auto, (max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><figcaption>Dr. med. Franziska Bolt<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der diesj\u00e4hrigen Lehrer*innen-Fortbildung im September auf dem Lindenberg im Schwarzwald hat sich eine grosse Zahl der via integralis-Lehrenden unter dem Leitgedanken \u201eDie sinnliche Seele\u201c auf ein anspruchsvolles Thema eingelassen: Unter der Leitung und Begleitung von Franziska Bolt, \u00c4rztin und seit Jahren Forschende auf diesem Fachgebiet, stellten wir uns dem bis heute bestehenden, oft schmerzhaften Bruch zwischen einer offen gelebten Spiritualit\u00e4t und einer vielfach von Sprachlosigkeit gepr\u00e4gten oder gar unterdr\u00fcckten, teilweise heimlich und pervertiert gelebten Sexualit\u00e4t, die viel Leiden erzeugt. Ein existentielles Thema, ein Thema, das beileibe nicht nur f\u00fcr der via integralis zugewandte Menschen relevant ist, das aber gerade f\u00fcr uns als via integralis, die wir uns einer integralen Spiritualit\u00e4t verpflichtet wissen, aus den Dunkelkammern ins Licht unseres Bewusstseins zu holen ist.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":2729,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"neve_meta_sidebar":"","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"off","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","neve_meta_reading_time":"","footnotes":""},"categories":[37,134],"tags":[142,145,143,146,144],"class_list":["post-2728","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-newsletter","category-nl-010","tag-androkratie","tag-einheitsbewusstsein","tag-gylanie","tag-kundalini","tag-sexuelle-energie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2728"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2886,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2728\/revisions\/2886"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}