{"id":5118,"date":"2021-11-26T06:00:00","date_gmt":"2021-11-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=5118"},"modified":"2021-11-25T06:35:49","modified_gmt":"2021-11-25T05:35:49","slug":"amin-aus-afghanistan-leben-zwischen-zwei-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2021\/11\/26\/amin-aus-afghanistan-leben-zwischen-zwei-welten\/","title":{"rendered":"Amin aus Afghanistan &#8211; Leben zwischen zwei Welten"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">von Gabi Schr\u00f6der<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine erste Begegnung mit Gefl\u00fcchteten war Anfang 2016. In unserer Nachbargemeinde Eschbach mit knapp 2500 Einwohnern war im Zuge der grossen Zuwanderung von Asylsuchenden Ende 2015 eine Gemeinschaftsunterkunft mit bis zu 1000 Bewohnern errichtet worden. F\u00fcr den kleinen Ort war das eine sowohl organisatorische als auch strukturelle Herausforderung. Gleichzeitig gab es ein grosses Engagement in der Gemeinde. So entstanden Fl\u00fcchtlingshelferkreise, die in Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern und der Verwaltung wertvolle Arbeit leisteten. Unter anderem entstand auch in unserer Gemeinde Heitersheim eine Initiative f\u00fcr Deutschunterricht f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge, wo auch ich mitarbeitete. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Stunde: Ein kleiner Behelfsraum mit einem Dutzend junger M\u00e4nner aus verschiedenen L\u00e4ndern, voller Energie, Neugier und Emotionen. Ein Sprachgewirr und ein lebendiges Chaos. Sp\u00e4ter sagte einer der Jungs zu mir, er habe noch nie so viele alte Menschen auf Fahrr\u00e4dern gesehen wie in Deutschland. In L\u00e4ndern, deren Einwohner eine Lebenserwartung von durchschnittlich sechzig Jahren haben, ist eine Sechzigj\u00e4hrige auf dem Fahrrad durchaus ein Ereignis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Staatlich finanzierte Integrationskurse wurden nur f\u00fcr Menschen mit guter Bleibeperspektive, d.h. zum Beispiel aus Syrien, Irak, Iran und Eritrea angeboten. Hingegen hatten Menschen aus Afghanistan keine Aussicht auf einen bezahlten Sprachkurs. Deshalb begannen wir, im Gemeindezentrum von Heitersheim, kostenlose Deutschkurse f\u00fcr Gefl\u00fcchtete anzubieten. Unser Ziel war es, durch den Deutschunterricht ihre Chancen f\u00fcr eine sp\u00e4tere Integration und den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verbessern. Ausserdem war unser Deutschtreff, in dem ein Dutzend ehrenamtliche Deutschlehrende halfen, eine M\u00f6glichkeit zum Austausch und eine Abwechslung zum eint\u00f6nigen Leben im Camp. Sehr schnell entstanden gute Beziehungen und auch Patenschaften unter den Lehrenden und Sch\u00fclern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier lernte ich Amin kennen, einen jungen Mann, 35 Jahre, aus Afghanistan, der Mitte 2015 nach Deutschland gekommen war und mit anderen zusammen in einem Vierbettzimmer in der Gemeinschaftsunterkunft lebte. Amin wurde in einem Dorf in der Provinz Ghazni s\u00fcdwestlich von Kabul gross. Seine Eltern starben sehr fr\u00fch und er wuchs bei einem Onkel auf. Er hat keine Geschwister, was in Afghanistan eine Besonderheit ist. Da es weder Krankenversicherung noch Altersvorsorge gibt, kommt der Familie eine grosse Bedeutung zu. Sie sch\u00fctzt den Einzelnen und sorgt auch f\u00fcr die Schw\u00e4cheren. Entsprechend ist es in Afghanistan praktisch unm\u00f6glich, allein ohne den R\u00fcckhalt der Familie zu \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 25 heiratete Amin und lebte mit seiner Frau und dem kleinen Sohn in Ghazni. Als selbst\u00e4ndiger Subunternehmer hatte er einen kleinen Handwerksbetrieb mit mehreren Mitarbeitern und arbeitete auch f\u00fcr staatliche und internationale Unternehmen. Durch diese T\u00e4tigkeit kam er ins Visier der Taliban. Amin geh\u00f6rt zur Volksgruppe der Hazara, einer schiitischen Minderheit in Afghanistan. In den Provinzen greifen sunnitische Taliban die D\u00f6rfer der Hazara an, in der Hauptstadt Kabul werden Hazara vor allem von K\u00e4mpfern des \u00abIslamischen Staates\u00bb attackiert, die ebenfalls Sunniten sind. Durch ihre \u00e4usserlich erkennbare ethnische und konfessionelle Zugeh\u00f6rigkeit waren und sind Hazara schon immer sehr exponiert. Einmal, so erz\u00e4hlte mir Amin, wurde er in Freiburg i.Br. von einer Gruppe chinesischer Touristen freudestrahlend begr\u00fcsst, da sie in ihm einen Landsmann vermuteten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr internationale Unternehmen wurde Amin zuerst bedroht und dann 2014 bei einem \u00dcberfall durch die Taliban schwer verletzt. Aus Angst vor weiteren Angriffen entschloss er sich nach einem langen Krankenhausaufenthalt zu fliehen. Da sein Sohn damals noch ein Kleinkind und die Flucht f\u00fcr Frau und Kind zu gef\u00e4hrlich war, wollte er beide sp\u00e4ter zu einem sicheren Zeitpunkt nachkommen lassen. Heute ist sich Amin unsicher, ob diese Entscheidung richtig war \u2013 und ich glaube, dieser Zweifel lastet schwer auf ihm. Leider erwies sich der Familiennachzug als problematisch, da sein Asylantrag vom Bundesamt f\u00fcr Migration abgelehnt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu diesem Zeitpunkt lernte ich Amin n\u00e4her kennen. Im Deutschtreff war es \u00fcblich, dass die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen auch mit ihren Antr\u00e4gen und Beh\u00f6rdenschreiben kamen. So erfuhr ich von der Ablehnung des Asylantrags und wir wendeten uns an eine auf Asylrecht spezialisierte Anw\u00e4ltin. In stundenlangen Sitzungen mit einem \u00dcbersetzer musste Amin die traumatischen Ereignisse Schritt f\u00fcr Schritt rekonstruieren und in einen zeitlichen Ablauf bringen, was eine grosse seelische Belastung f\u00fcr ihn bedeutete. Aber auch die Klage vor dem Verwaltungsgericht scheiterte, trotz monatelanger intensiver Vorbereitung und ausf\u00fchrlicher Klagebegr\u00fcndung. Amin stand unter einer so grossen inneren Anspannung und Aufregung, dass er die Fragen des Richters nur unvollst\u00e4ndig beantwortete, was ihm letztlich als Unglaubw\u00fcrdigkeit ausgelegt wurde. Das bedeutete, das Amin ab 2020, dem Zeitpunkt des Gerichtsentscheids, den Status der Duldung hat, einem nur vorl\u00e4ufigen Bleiberecht ohne Anrecht auf Familiennachzug. Die psychosoziale Beratungsstelle Refugium in Freiburg sch\u00e4tzt, dass ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte aller seelischen Erkrankungen der gefl\u00fcchteten Menschen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind auf ihren unklaren Bleibestatus und die st\u00e4ndige Angst vor einer Abschiebung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amins Frau und sein kleiner Sohn leben seit Amins Flucht, gemeinsam mit einem \u00e4lteren Familienangeh\u00f6rigen, dem Onkel der Frau, im Verborgenen, da auch sie sich bedroht f\u00fchlen. Die nun \u00fcber sechsj\u00e4hrige Trennung von der Familie lastet schwer auf Amin. Telefonische Kontakte sind selten und kurz, da seine Frau kein Mobilfunkger\u00e4t besitzt und auf die Hilfsbereitschaft der Nachbarn angewiesen ist, die ihr ab und zu eines leihen. Nach den Gespr\u00e4chen ist Amin meist bedr\u00fcckt. Er sagt dann, sein Kopf sei kaputt, weil seine Frau nicht versteht, warum sie so lange warten muss und warum er seine Familie nicht nach Deutschland holen kann. Die beh\u00f6rdlichen H\u00fcrden und das Verwaltungssystem sind nicht in einem kurzen Telefongespr\u00e4ch zu erkl\u00e4ren, da die afghanische nicht mit der deutschen Verwaltung vergleichbar ist. Zahlreiche Menschen geben dort einen betr\u00e4chtlichen Teil ihres Jahreseinkommens in Form von Bestechungsgeldern aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tags\u00fcber gelingt es Amin, so gut es geht zu verdr\u00e4ngen. Er wirkt trotz der grossen inneren Anspannung gefasst. Aber nachts liegt er oft wach und seine Gedanken und \u00c4ngste lassen ihn nicht schlafen. Seit drei Jahren hat er eine unbefristete Stelle als Maschinenf\u00fchrer, und sein Arbeitgeber ist sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Unbefriedigend ist nach wie vor seine Wohnsituation. Er wohnt noch in einer st\u00e4dtischen Unterkunft in einer Dreizimmerwohnung, die er sich mit f\u00fcnf anderen Bewohnern teilt. Jeweils zwei Bewohner sind in einem kleinen Zimmer untergebracht, und durch die Schichtarbeit ist das Zusammenleben sehr unruhig und beengt. Eine erholsame Nachtruhe oder eine Privatsph\u00e4re gibt es unter diesen Umst\u00e4nden nicht. Generell gestaltet sich die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen schwierig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Freizeit versucht Amin, sich aufs Deutsch lernen zu konzentrieren oder er trifft sich mit deutschen Kollegen oder Freunden aus Afghanistan, die er in der Sammelunterkunft kennengelernt hatte. Wir sehen uns nach wie vor regelm\u00e4ssig am Wochenende. Die vielen Stunden Deutschunterricht, aber auch die tagelangen Abkl\u00e4rungen und Gespr\u00e4che, die wir zur Kl\u00e4rung seines Aufenthaltsstatus f\u00fchrten, haben gegenseitiges Vertrauen und Beziehung wachsen lassen. Aufgrund eines neuen, seit 1.1.2020 g\u00fcltigen Gesetzes konnten wir f\u00fcr Amin in diesem Jahr die sogenannte Besch\u00e4ftigungsduldung beantragen. Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag und guten Deutschkenntnissen erf\u00fcllt er alle daf\u00fcr notwendigen Voraussetzungen. Nach 30 Monaten wird der \u00dcbergang in eine Aufenthaltserlaubnis m\u00f6glich und somit k\u00f6nnte er auch seine Familie nachkommen lassen. Das ist seine grosse Hoffnung, seine Motivation zum Weiterleben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Macht\u00fcbernahme der Taliban im August dieses Jahres hat seine Lebenssituation nochmals vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Wochenlang wartete er auf ein Lebenszeichen seiner Familie und war in grosser Ungewissheit. In einem kurzen Telefonat konnte seine Frau ihm mitteilen, dass sie sich gemeinsam mit einer Nachbarsfamilie auf den Weg nach Kabul gemacht hatte. Der Onkel war zwischenzeitlich verstorben und die Nachbarn hatten ihr angeboten, sie und ihren Sohn mit nach Kabul zu nehmen. In Kabul lebte sie, wie viele andere, zuerst ohne Unterkunft auf der Strasse. Sp\u00e4ter gelang es ihr und den Nachbarn, ein Zimmer ausserhalb Kabuls zu finden. Trotz geringer Chancen machten sie sich am vorletzten Tag der Evakuierung auf den Weg zum Flughafen, angetrieben von der Hoffnung, ausfliegen zu k\u00f6nnen. Nach Abschluss der Evakuierungsmassnahmen durch die Alliierten bleibt jetzt nur noch der Landweg f\u00fcr eine Flucht aus Afghanistan.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meisten Gefl\u00fcchteten, die ich unterst\u00fctze, kommen aus Afghanistan. Da ich sie \u00fcber viele Jahre begleite, teile ich ihre Sorge. Viele von ihnen haben noch Familie oder Verwandte im Land, die nun in Furcht leben. In den sozialen Medien ist das Thema sehr pr\u00e4sent und alle suchen in den Unmengen von Informationen einen Weg, wie sie ihren Familien beistehen und ihnen Hilfe zukommen lassen k\u00f6nnen. Leider ist es nur noch begrenzt m\u00f6glich, Geld zu senden, das heisst, maximal 200 Euro. Die Banken zahlen wegen Geldknappheit nur kleine Betr\u00e4ge an die vielen Wartenden aus. Amin hat nach wie vor Kontakt zu seiner Frau. Und jedes Mal, wenn wir uns sehen, ist immer wieder seine Frage, ob es nicht doch eine M\u00f6glichkeit gibt, sie nach Deutschland zu holen. Sein Leid ber\u00fchrt mich sehr. Es f\u00e4llt mir schwer, seine Ohnmacht und meine Hilflosigkeit auszuhalten. Nach und nach lerne ich, immer neu offen zu sein f\u00fcr das, was gerade ist und nicht nachzulassen in meiner Pr\u00e4senz und meinem Mitgef\u00fchl. Mit den Worten von Hilde Domain &#8220;Nicht m\u00fcde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">p.s. Amin heisst in Wirklichkeit anders. Sein Name wurde zum Schutze seiner Person ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gabi Schr\u00f6der Meine erste Begegnung mit Gefl\u00fcchteten war Anfang 2016. In unserer Nachbargemeinde Eschbach mit knapp 2500 Einwohnern war im Zuge der grossen Zuwanderung von Asylsuchenden Ende 2015 eine Gemeinschaftsunterkunft mit bis zu 1000 Bewohnern errichtet worden. F\u00fcr den kleinen Ort war das eine sowohl organisatorische als auch strukturelle Herausforderung. 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