{"id":8929,"date":"2024-05-17T00:45:00","date_gmt":"2024-05-16T22:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=8929"},"modified":"2024-05-07T19:49:57","modified_gmt":"2024-05-07T17:49:57","slug":"interview-mit-bernard-senecal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2024\/05\/17\/interview-mit-bernard-senecal\/","title":{"rendered":"Interview mit Bernard Sen\u00e9cal"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Jesuit und Zen-Meister, S\u00fcdkorea<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Interview f\u00fchrte Ursula Klumpp anl\u00e4sslich ihrer Teilnahme an der Schweigeretraite vom 4.-9. M\u00e4rz 2024 in Estavayer-le-Lac bei Bernard Sen\u00e9cal. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hat im November 2023 den Lehrgang zur Kontemplationslehrerin via integralis abgeschlossen. <br>Vielen Dank, liebe Ursula, f\u00fcr die Horizonterweiterung f\u00fcr die via integralis durch ein weiteres Beispiel gegenseitiger Befruchtung von Buddhismus und Christentum in der Person von Bernard Sen\u00e9cal.<br><br><a href=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Entrevue-avec-Bernard-Senecal-Estavayer-le-Lac.pdf\">Link<\/a> zum Original-Interview auf franz\u00f6sisch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula Klumpp<\/strong>: Wir kennen uns seit 2015, seit ich an deinen \u00abretraites zen et \u00e9vangile\u00bb teilnahm, die du in Qu\u00e9bec anbotest, wo ich f\u00fcnfzehn Jahre gelebt hatte. Seither bist du mein Begleiter auf meinem spirituellen Weg. Seit Jahren bietest du auch in Frankreich und in der Schweiz Schweigeretraiten an zum Thema Zen und Bibel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erz\u00e4hle uns bitte die grossen Linien deines Lebenslaufes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard Sen\u00e9cal SJ<\/strong>: Ich bin 1953 in Montr\u00e9al (Qu\u00e9bec) in einer katholischen Familie geboren und aufgewachsen. Meine Mutter, eine ausserordentliche Frau, wollte unbedingt, dass ich Arzt werde, und meine Eltern schickten mich nach Bordeaux, wo mein Pate lebte, um Medizin zu studieren. Ich wurde in Qu\u00e9bec in keiner Fakult\u00e4t angenommen. Ich war nicht motiviert, da ich meine Freundin in Montr\u00e9al zur\u00fcckgelassen hatte und nur an sie dachte. Unser&nbsp;brieflicher Kontakt war f\u00fcr mich vom Inhalt her sehr verwirrend &#8211; mit der Konsequenz, dass ich mich nicht auf das Studium konzentrieren konnte und mein erstes Studienjahr nicht bestand. Bei meiner R\u00fcckkehr nach Montr\u00e9al erlebte ich eine sehr schmerzhafte Trennung von meiner Freundin, die, wie ich bef\u00fcrchtet hatte, jemand anderen kennen gelernt hatte. Nach den Sommerferien flog ich wieder nach Bordeaux, wo ich das erste Jahr bestand, und danach vier Jahre Medizin studierte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem war ich tief in mir nicht gl\u00fccklich, ich suchte nach etwas anderem. W\u00e4hrend diesen Studienjahren entdeckte ich das spirituelle Leben. Die regelm\u00e4ssige \u00dcbung der Meditation f\u00fchrte mich zuerst in eine tiefe existentielle Krise, und danach in eine \u00abretraite de choix de vie\u00bb, eine Entscheidungsretraite. In dieser Retraite entschied ich mich, das Medizinstudium aufzugeben und in den Jesuitenorden in Lyon in Frankreich einzutreten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits bei meinem Eintritt ins Noviziat 1979 fragte mich der Provinzial, ob ich nach China, in ein muslimisches Land oder in die UDSSR gehen wolle. Ich antwortete ihm, ich w\u00e4re gl\u00fccklich dorthin zu gehen, wohin man mich schicken werde. Zwei Jahre sp\u00e4ter, als er mir vorschlug nach S\u00fcdkorea zu gehen, verlangte ich zuerst eine Landkarte, da ich nicht wusste, wo dieses Land war.&nbsp;&nbsp;Als ich sah, dass es ein zweigeteiltes Land war, umgeben von China, Russland und Japan, wo etwa 30&#8217;000 amerikanische Soldaten stationiert waren, empfand ich eine mysteri\u00f6se Art von Verliebtheit, und ich nahm diese Herausforderung an. Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1985 kam ich in S\u00fcdkorea an und wohnte im Orden der jungen koreanischen Jesuiten. In den zwei darauf folgenden Jahrzehnten studierte ich zuerst die koreanische Sprache. Dann, tief verwundert \u00fcber den religi\u00f6sen Pluralismus in S\u00fcdkorea, begann ich die dort existierenden Religionen zu studieren: Schamanismus, Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Es gibt 27% Christen, davon 7% Katholiken und 20% Protestanten. 1992 wurde ich als Priester ordiniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ermutigt vom Verantwortlichen der Jesuiten in S\u00fcdkorea habe ich das Studium des Buddhismus vertieft. 2004 schloss ich mit dem Doktortitel ab. Von 2004 bis 2015 unterrichtete ich Buddhismus an der Universit\u00e4t in Seoul als Titularprofessor. Parallel dazu wurde ich von einem einheimischen Zen-Meister in die Praxis des Zen eingef\u00fchrt, das in S\u00fcdkorea \u00abSeon\u00bb genannt wird. Nach 25 Jahren Koan-Schulung wurde ich 2021 zum Zen-Meister ernannt. Seit 1991 biete ich Schweige-Retraiten an, um den Zen-Geist und die Ignatianischen Exerzitien zu integrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ich meinen Platz in der jesuitischen Gemeinschaft in Seoul, die sich nicht f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Dialog interessierte, nicht fand, gr\u00fcndete ich 2015 mit einer Gruppe von Menschen mit derselben Offenheit eine Vereinigung. Diese Vereinigung heisst: \u00abThe Way\u2019s End Stone Field Community\u00bb (Das steinige Feld am Ende des Weges). Drei Pfeiler charakterisieren unsere Gemeinschaft, doch davon sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula<\/strong>: Erz\u00e4hle uns von dir, diesem Mann auf der Grenze \u2013 \u00abhomme fronti\u00e8re\u00bb: Du hast auf drei Kontinenten gelebt (Nordamerika, Europa, Asien), bist christlicher Priester und buddhistischer Zen-Meister und sprichst mehrere Sprachen. Wie pr\u00e4gten dich diese verschiedenen Erfahrungen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard<\/strong>: Ich verstand, dass ich ein Frosch auf dem Grunde eines Brunnens bin, dass ich dies immer sein werde, auch wenn ich gr\u00f6sser werde. Dadurch lernte ich das Leben und die Erfahrungen, mit denen wir konfrontiert sind, aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu betrachten. Unsere Vorstellung der Realit\u00e4t ist immer begrenzt. Gleichzeitig sehnen wir uns nach etwas unendlichem, das gr\u00f6sser ist als wir. Das Ziel aller Mystiker der grossen Religionen ist die Vereinigung des Menschen und des Universums in Gott. Ich bin r\u00f6misch-katholisch geboren, in Frankreich habe ich den Protestantismus, Atheismus und die \u00d6kumene kennen gelernt, in Korea entdeckte ich den religi\u00f6sen Pluralismus, andere Religionen in der Welt. Als ich klein war, lernte ich, Franz\u00f6sisch sei die sch\u00f6nste Sprache und am schwierigsten zu erlernen. Obwohl es nicht einfach ist, sich dem Ethnozentrismus zu entziehen, ist es m\u00f6glich zu lernen, die Welt so zu betrachten, dass man sich nicht in deren Zentrum sieht. Damit Franz\u00f6sisch meine Muttersprache ist, muss sie nicht die sch\u00f6nste sein, und nicht am schwierigsten zu lernen. Es gen\u00fcgt einfach, dass es die Sprache meiner Mutter war, als sie noch lebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Begegnung der anderen Religionen auf intellektueller, praktischer und sozialer Ebene, im Speziellen des Buddhismus, hat mich zu meiner religi\u00f6sen Muttersprache zur\u00fcckgef\u00fchrt, zur christlichen Tradition. Korea hat eine mindestens 1700-j\u00e4hrige buddhistische Tradition. Man nimmt dessen Pr\u00e4senz \u00fcberall wahr.&nbsp;In der Begegnung mit Buddhisten realisierte ich, dass sie sehr gut leben ohne Jesus Christus, dass ihnen Jesus, in dem ich lebe, nicht fehlte. Das hat mich sehr verwundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe Englisch in Kanada gelernt, weil dies ein Land ist, wo Franz\u00f6sisch und Englisch gesprochen wird. In Korea lernte ich koreanisch. Ich habe die kanadische, franz\u00f6sische und koreanische Staatsb\u00fcrgerschaft, aber meine Muttersprache bleibt Franz\u00f6sisch. Ich&nbsp;habe mich in Buddhismus spezialisiert, ich bin begeistert vom Buddhismus, ich liebe ihn, aber meine religi\u00f6se Muttersprache bleibt auf Jesus Christus zentriert. Der wichtigste Punkt ist, dass ich nach etwa zwanzig Jahren der spirituellen und intellektuellen Verwirrung, hin- und hergerissen zwischen Buddhismus und Christentum, mit gest\u00e4rkten Wurzeln daraus hervorgegangen bin.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich die aktuelle Weltlage betrachte: wir sind in einer total chaotischen Situation auf \u00f6kologischer und geopolitischer Ebene, auch was die Zukunft der Weltordnung anbelangt, die nach dem zweiten Weltkrieg gegr\u00fcndet wurde. Um die Orientierung nicht zu verlieren, brauche ich einen Kompass. Die religi\u00f6se Orientierung ist mir im christlichen Glauben gegeben, durch Christus. Ich betone, dass vor allem die Person Jesus Christus den Schwerpunkt meiner gesamten Existenz ausmacht. Und dank des Buddhismus habe ich ihn wiederentdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula:<\/strong>&nbsp;Du bist Christ, bist als Christ aufgewachsen. Warst du denn im christlichen Glauben verunsichert, dass du Buddhismus studiert hast?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard<\/strong>: Zu Beginn motivierte mich weniger die Verunsicherung, sondern der unwiderstehliche Wunsch, diese mir unbekannte Welt des Buddhismus kennenzulernen. Es gab eine Zeit in meinem Leben, nachdem ich intensiv die Vipassana-Meditation in Indien praktiziert hatte (1990) unter der Anleitung des Meisters S. N. Goenka (1924-2013), in der ich glaubte, der Buddhismus k\u00f6nne mir etwas Gr\u00f6sseres bieten als die christliche Tradition. Damals dachte ich, Zen-M\u00f6nch zu werden. In dieser Zeit war Christus total abwesend in meinem Leben. Ich hatte tiefgehende Zweifel in Bezug auf seine Existenz und suchte Hilfe bei einem Jesuiten, da ich nicht verstand, was mit mir geschah. Er sagte mir, ich sei in einer tiefen christologischen Krise. Ich bef\u00fcrchtete, ich k\u00f6nne nicht mehr ordinierter Priester sein, ohne an Christus zu glauben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dialog mit dem Buddhismus f\u00fchrt mich weg von der Unterscheidung in \u00abbesser\u00bb oder \u00abschlechter\u00bb. Jetzt weiss ich, dass man nicht der Beste zu sein hat, um gl\u00fccklich und in Frieden zu sein. Christus hat nicht der Beste zu sein f\u00fcr alle, obwohl er sich an alle wendet. Es gen\u00fcgt, wenn er es f\u00fcr mich ist, f\u00fcr diejenigen, die an ihn glauben. Es war ein grosser Schock zu realisieren, dass er, der in mir lebt, f\u00fcr die Menschen in Korea keine Bedeutung hat. Ich konnte ihnen davon erz\u00e4hlen, aber es interessierte sie nicht. Sie lebten ihre religi\u00f6se Tradition, ohne dass ihnen etwas fehlte. Ich verstehe heute, dass der Buddhismus f\u00fcr sie das Beste ist. Ich versuche nicht, meinen buddhistischen Meister zu bekehren, er versucht nicht, mich zu bekehren. Wir respektieren uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwas finde ich nicht im Buddhismus, obwohl ich ihn liebe und bewundere, ihn unterrichte. Die Buddhisten fragen mich: \u00abWarum wirst Du nicht Buddhist? Du kennst den Buddhismus besser als wir, warum l\u00e4sst Du Christus nicht sein?\u00bb Ohne Christus f\u00fchle ich mich verloren in der Welt, auf der sozialen, kosmischen und geopolitischen Ebene. Mit Ihm bekommt alles Sinn. Ohne Ihn habe ich den Eindruck, wir seien zur Zeit Noahs oder des Turmbaus zu Babel, dass unsere Zivilisation in einer tiefen und hoffnungslosen Krise steckt, am Zusammenbrechen ist. Die Beziehung zu Jesus Christus gibt meinem Leben etwas, das mir der Buddhismus nicht geben kann. Mit Christus kann geschehen, was will, ich glaube an das Leben, an das Licht, an die Ewigkeit. Der Glauben an Jesus Christus gibt mir die notwendige Hoffnung, die Welt zu betrachten ohne zu verzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula<\/strong>: Seit 2014 bist du Leiter einer interreligi\u00f6sen und internationalen Gemeinschaft. Du hast sie mit anderen Menschen zusammen aufgebaut. Du lebst und arbeitest dort. Was lehrt dich die Arbeit mit den H\u00e4nden in der Erde? Was kannst du von dem, was du studiert hast, hier umsetzen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard<\/strong>: Anfangs gab es sehr starke Widerst\u00e4nde von meinem jesuitischen Orden her gegen dieses Projekt. Der Provinzial sagte, typisch f\u00fcr einen Asiaten: \u00abIch unterst\u00fctze und ermutige Dich, aber ich kann Dir die Erlaubnis nicht geben, Du musst in Rom fragen\u00bb. In Rom bekam ich zur Antwort, das m\u00fcsse in Korea entschieden werden. Es war wie ein Ping-Pong-Spiel, ich schaute dem Ball zu. Dann kam ein wundervolles Ereignis. Papst Franziskus besuchte 2014 Korea. Sein \u00dcbersetzer, der einige Wochen nach diesem Besuch mein Vorgesetzter wurde, erz\u00e4hlte ihm vom Bericht, den ich nach Rom geschickt hatte, um eine neue Gemeinschaft zu gr\u00fcnden. Der Papst sagte ganz einfach: \u00abSolche Projekte sind unsere Zukunft!\u00bb Von da an ging alles reibungslos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was habe ich gelernt? Wenn man in einen religi\u00f6sen Orden eintritt, wird f\u00fcr alles gesorgt  &#8211; Wohnen, Essen, Kleidung, Studium. Man braucht sich um das Materielle keine Sorgen zu machen. Im \u00abUnser Vater\u00bb sagen wir: \u00abUnser t\u00e4glich Brot gib uns heute.\u00bb Das ist der Geist, in dem Jesus von Nazareth lebte. Er war vollkommen von seinem Vater abh\u00e4ngig wie ein Kind, das alles von seinem Vater erwartet. Gleichzeitig und paradoxerweise war er von einer ausserordentlichen menschlichen, psychologischen und spirituellen Reife. Er war erwachsen, vollkommen erwachsen. Ich habe also gelernt zu leben, ohne vom religi\u00f6sen Orden, zu dem ich geh\u00f6re, abh\u00e4ngig zu sein. Diese Situation zwingt mich, tiefer in eine Beziehung zu Christus, zu Gott im Heiligen Geist zu treten. Ich lerne, nur noch diesen einen Reichtum zu haben. Ich bin arm, wir sind arm, aber diese Armut ist ein immenser Reichtum.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula<\/strong>:&nbsp;Was war schlussendlich der Ausl\u00f6ser, diese Gemeinschaft zur Selbstversorgung zu gr\u00fcnden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard<\/strong>: Wie gesagt, mit dem, was in mir lebte, gab es keinen Ort mehr, wo ich sein konnte, auch nicht in meiner jesuitischen Gemeinschaft. Die koreanischen Jesuiten sagten: \u201eWarum unterrichtet er nicht Franz\u00f6sisch an der Fakult\u00e4t der Sprachen? Warum studiert er Buddhismus?\u201c Das ist das \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl des Katholizismus gegen\u00fcber dem Buddhismus. Ich musste also einen Ort erschaffen, um mein Charisma zu leben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula<\/strong>: Kannst du etwas zu den drei Pfeilern Eurer Gemeinschaft sagen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernard<\/strong>: Der erste Pfeiler: Was mich das ganze Leben getragen hat, durch St\u00fcrme und Depressionen hindurch, war immer das stille Gebet, die Meditation. Die Batterie eines Handys muss t\u00e4glich mit Elektrizit\u00e4t aufgeladen werden. Auch der Mensch muss sich durch Meditation t\u00e4glich mit spiritueller Energie aufladen. Meditieren ist f\u00fcr mich wie atmen. Wir leben im Heiligen Geist. Er war die treibende Kraft von Jesus von Nazareth. Im Heiligen Geist leben heisst, in der Erleuchtung zu leben wie Christus, der der Erleuchtete ist unter uns. Der Heilige Geist, \u201epneuma\u201c auf Griechisch, \u201eruah\u201c auf Hebr\u00e4isch, heisst Atem. So wie wir konstant ein- und ausatmen, sind wir eingeladen, permanent im Heiligen Geist zu leben. Es gen\u00fcgt, zu meditieren. Wer regelm\u00e4ssig meditiert erkennt, dass das ganze Leben Meditation ist, von einem Moment zum andern, und nicht nur die Zeit, in der wir auf dem Kissen sitzen. Alles im Alltag wird zur Meditation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Pfeiler: Indem ich w\u00e4hrend f\u00fcnfzehn Jahren Buddhismus an einer grossen Universit\u00e4t in Seoul unterrichtete, konnte ich enorm viel lernen. Gut angeeignetes Wissen tr\u00e4gt dazu bei, das spirituelle Leben zu n\u00e4hren und zu vertiefen. Deshalb ist die Forschung und der Unterricht auf der Grundlage des Studiums heiliger Texte anderer Religionen auch wichtig f\u00fcr unsere Gemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Pfeiler: Im Jahre 2010 sagte mir ein Bauer, mein Zugang zu Korea sei rein intellektuell. Ich habe ihm daf\u00fcr gedankt, weil er recht hatte. Dieser Bauer ist auf einem Kartoffelacker zur Welt gekommen. Einige Zeit sp\u00e4ter kam er mit Gartenger\u00e4ten und sagte: \u201eLass uns zusammen ein Feld bepflanzen.\u201c Indem er mich in die Landwirtschaft einf\u00fchrte, hat er mir, ohne es zu merken, nach und nach das Virus der Arbeit mit den H\u00e4nden \u00fcbertragen. Seit drei Jahren bin ich nun offiziell Bauer in S\u00fcdkorea. Dazu braucht es mindestens 1\u2018000 Quadratmeter Land \u2013 wir haben 3\u2018000 m<sup>2<\/sup>. Als Ordensangeh\u00f6riger habe ich das Armutsgel\u00fcbde abgelegt, d.h. ich darf keinen Besitz haben. Dennoch hat mir mein Orden erlaubt, Besitzer des Landes zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit in der Landwirtschaft ist sehr hart. 95% der Menschen in Korea, die zur\u00fcck in die Landwirtschaft gehen, verlassen sie wieder nach zwei Jahren, weil es zu beschwerlich ist. Mit der Landarbeit habe ich einen neuen Zugang zur Welt entdeckt. Die Erde hat mich mindestens so viel gelehrt wie das Doktorstudium und die f\u00fcnfundzwanzig Jahre Arbeit mit den Koans. Jesus ist in Nazareth aufgewachsen, in einem b\u00e4uerlichen Dorf, innerhalb einer Agrargemeinschaft. Wer wirklich spirituell leben m\u00f6chte, wird im Entdecken und in der Erfahrung der Bearbeitung der Erde viel dazu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im <strong>Gedicht von Rainer Maria Rilke<\/strong> finde ich wunderbar formuliert, was mich als Mensch auf der Grenze zwischen den Kulturen, Sprachen und Religionen im Verlauf meines Lebens gepr\u00e4gt hat:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"736\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Bernard-Senecal-2-e1714670571690-736x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8934\" style=\"width:295px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Bernard-Senecal-2-e1714670571690-736x1024.jpeg 736w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Bernard-Senecal-2-e1714670571690-216x300.jpeg 216w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Bernard-Senecal-2-e1714670571690.jpeg 757w\" sizes=\"auto, (max-width: 736px) 100vw, 736px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Habe Geduld<br>gegen alles Ungel\u00f6ste in Deinem Herzen<br>und versuche die Fragen selbst liebzuhaben<br>wie verschlossene Stuben und wie B\u00fccher<br>die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Forsche jetzt nicht nach Antworten&nbsp;<br>die Dir nicht gegeben werden k\u00f6nnen<br>weil Du sie nicht leben kannst<br>Und es handelt sich darum:<br>alles zu leben<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lebe jetzt die Fragen!<br>Vielleicht lebst Du dann allm\u00e4hlich<br>ohne es zu merken<br>eines fernen Tages<br>in die Antwort hinein<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Ganz herzlichen Dank Dir, Bernard, f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ursula Klumpp<\/strong><br>Das Interview fand in franz\u00f6sischer Sprache statt und wurde von mir \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Fdtx4EbNObs\">Link<\/a> zu einem Video der Gemeinschaft \u201eThe Way\u2019s End Stone Field Community\u201c (franz\u00f6sisch)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesuit und Zen-Meister, S\u00fcdkorea Das Interview f\u00fchrte Ursula Klumpp anl\u00e4sslich ihrer Teilnahme an der Schweigeretraite vom 4.-9. 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