{"id":9133,"date":"2024-08-28T00:13:00","date_gmt":"2024-08-27T22:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=9133"},"modified":"2024-11-26T08:31:28","modified_gmt":"2024-11-26T07:31:28","slug":"koerper-haben-oder-leib-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2024\/08\/28\/koerper-haben-oder-leib-sein\/","title":{"rendered":"K\u00f6rper haben oder Leib sein?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen, die regelm\u00e4ssig meditieren, stellen sich u.U. irgendwann die Frage, inwieweit sie sich in ihrem K\u00f6rper zuhause f\u00fchlen oder ob dieser ihnen, gleichsam objekthaft &#8211; eher fern als nah &#8211; gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verm\u00f6gen wir in der Beantwortung dieser Frage zu sagen: \u00abWir sind unser Leib geworden\u00bb oder \u00abWir haben einen K\u00f6rper\u00bb?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der deutschen Sprache gibt es den Unterschied zwischen \u00abK\u00f6rper\u00bb und dem \u00e4lteren Begriff \u00abLeib\u00bb. Dabei steht der \u00abLeib\u00bb dem Lebendigen nahe, dem Gelebten, dem Ersp\u00fcrbaren. Er ist die Erscheinung der lebendigen Gegenwart eines Menschen schlechthin, w\u00e4hrend der \u00abK\u00f6rper\u00bb verdinglicht den materiellen Gegenstand meint, als den ich den K\u00f6rper von aussen betrachten kann. Unser K\u00f6rper ist stofflich und sichtbar. Wir sind geneigt, ihn zu instrumentalisieren, geh\u00f6rt er doch zur Welt der Materie. Wir verm\u00f6gen dank ihm enorme Leistungen zu vollbringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch den Descartschen Dualismus der Moderne, der unser abendl\u00e4ndisches Menschenbild in einen unk\u00f6rperlichen Geist und einen \u00e4usserlich sichtbaren K\u00f6rper aufgespalten hat, ist der menschliche K\u00f6rper gleichsam zu einer \u00abMaschine\u00bb degradiert worden. Die Seele als menschliche Seins-Dimension des Lebendigen ist dabei g\u00e4nzlich aus dem Bewusstsein verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Folge haben wir Menschen weitgehend ein inneres, gef\u00fchltes Verh\u00e4ltnis zu unserem K\u00f6rper im Sinne von Leiblichkeit verloren. Diese fehlende innere Verbundenheit zum K\u00f6rper, die nicht angeboren, sondern erst im Laufe unserer Entwicklung entstanden ist, wird vielen von uns dann schmerzhaft bewusst, wenn k\u00f6rperliche und\/oder seelische Schmerzen uns dauerhaft an dem Leben hindern, wie wir es bis anhin gef\u00fchrt haben. Dann machen wir uns auf, nach Wegen zu suchen, die uns wieder mehr gef\u00fchlte Lebendigkeit erm\u00f6glichen. Es ist der K\u00f6rper, der uns hierbei auf dem Weg nach Innen zum Lehrmeister wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Apostel Paulus h\u00f6ren wir im christlichen Kontext in seinem 1. Brief an die Korinther (1. Kor 6,19) den bewusstseins-weckenden Satz: \u00abWisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser bald zweitausend Jahre alte Satz ist leider nicht zu einem kollektiven Kulturgut in unserem christlichen Abendland geworden. Er ist in einer patriarchalen Gesellschaft \u2013 wie die unanschauliche Seele \u2013 aus dem Bewusstsein verdr\u00e4ngt worden. Er hat nicht zu einer Integration der Polarit\u00e4ten von Geist und K\u00f6rper \u2013 Denken und F\u00fchlen \u2013 m\u00e4nnlich und weiblich \u2013 beigetragen. Es kam zu keiner Heiligung des Leibes als g\u00f6ttliches Geschenk, woran Menschen sich erfreuen d\u00fcrfen, sondern zur Heranbildung des K\u00f6rpers als \u00abDienstleib\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf meinem mehr als 30-j\u00e4hrigen Unterwegssein in Meditation und Kontemplation bin ich durch einen meiner Lehrer auf den Verhaltensmediziner Dr. Jon Kabat-Zinn aufmerksam gemacht worden. Der US-amerikanische Arzt praktizierte Achtsamkeits-Meditation und hat diese f\u00fcr das Behandlungsprogramm seiner Patient*innen in der \u00abStress Reduction Clinic\u00bb des University of Massachusetts Medical Center fruchtbar gemacht. Ich hatte das Privileg, ihn und seinen Kollegen Saki Santorelli in einem mehrt\u00e4tigen Seminar eines Bildungszentrums in \u00d6sterreich kennen zu lernen. Von ihnen und ihren Mitarbeiter*innen wurde der sogenannte \u00abBody Scan\u00bb weiterentwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00abBody Scan\u00bb f\u00fchrt, angeleitet durch eine geschulte Person, die Aufmerksamkeit der auf dem R\u00fccken liegenden anderen Person durch die verschiedenen Regionen des K\u00f6rpers. Diese werden wach f\u00fcr jede Empfindung, die \u2013 ohne zu bewerten \u2013 in dem jeweiligen K\u00f6rperteil aufgesp\u00fcrt wird. Die H\u00f6renden werden aufgefordert, darin mehrere Atemz\u00fcge lang zu verweilen. Begonnen wird mit den Zehen des linken Fusses durch die Beine bis zum Becken, von den Zehen des rechten Fusses erneut bis zum Becken und dann aufw\u00e4rts durch Rumpf, Lenden, Bauch, Kreuz, Brust und Schultern. Weiter geht es von den Fingern durch die Arme zu den Schultern, weiter zum Hals, zum Gesicht und Hinterkopf bis zum Scheitel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00abBody-Scan\u00bb \u00fcber l\u00e4ngere Zeit praktiziert, erm\u00f6glicht \u00fcber das achtsame meditative \u00abScannen\u00bb allm\u00e4hlich den K\u00f6rper als einen gef\u00fchlten Leib wahrzunehmen. Der Leib wird der \u00fcbenden Person in seiner von Augenblick zu Augenblick gef\u00fchlten Ver\u00e4nderung nach dem Grundsatz der stetigen Ver\u00e4nderbarkeit des Lebens gewahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Einleitung ins \u00abrechte Sitzen in der Stille\u00bb am Anfang der kontemplativen \u00dcbung bediene ich mich wie einige andere Lehrende der Kontemplationsschule via integralis des \u00abBody-Scans\u00bb. Er f\u00fchrt zu einer aufmerksamen Wahrnehmung des K\u00f6rpers. Dieser soll als Gef\u00e4ss f\u00fcr eine rechte \u00e4usserlich wie innerlich aufgerichtete Haltung zun\u00e4chst ausbalanciert werden, gilt es doch, anschliessend f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit stillsitzend in wacher Pr\u00e4senz zu verweilen. Im Laufe der kontemplativen Praxis kann sich so immer mehr die Erfahrung des Leib-Seins einstellen. Die Frucht dieses \u00dcbens ist die Integration in den Alltag. Er ist der Ort, an dem die Praxis, Leib zu sein, fortw\u00e4hrend weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz wach da-zu-sein heisst im christlichen Kontext, den Leib zu einem Tempel der g\u00f6ttlichen Gegenwart werden zu lassen, in der das Leben in F\u00fclle erfahren werden darf, trotz k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-4fc3f8e1 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ute Monika Schelb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-4fc3f8e1 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Kontemplationslehrerin vi<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Initiatische LeibTherapeutin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Ref. Pfarrerin &#8211; ehemalige Spitalpfarrerin<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bild: Ausschnitt aus &#8220;Eink\u00f6rperung&#8221; von Ute Monika Schelb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen, die regelm\u00e4ssig meditieren, stellen sich u.U. irgendwann die Frage, inwieweit sie sich in ihrem K\u00f6rper zuhause f\u00fchlen oder ob dieser ihnen, gleichsam objekthaft &#8211; eher fern als nah &#8211; gegen\u00fcbersteht. Verm\u00f6gen wir in der Beantwortung dieser Frage zu sagen: \u00abWir sind unser Leib geworden\u00bb oder \u00abWir haben einen K\u00f6rper\u00bb? 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