{"id":9895,"date":"2025-06-26T21:42:00","date_gmt":"2025-06-26T19:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=9895"},"modified":"2025-11-14T21:36:18","modified_gmt":"2025-11-14T20:36:18","slug":"mich-duerstet-nach-der-quelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/en\/2025\/06\/26\/mich-duerstet-nach-der-quelle\/","title":{"rendered":"Mich d\u00fcrstet nach der Quelle"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz vor seinem Sterben am Kreuz rief Jesus: &#8220;Mich d\u00fcrstet&#8221;. Dr\u00fcckte er damit ein k\u00f6rperliches Verlangen aus oder war es die Sehnsucht, aus seiner Erfahrung der Gottverlassenheit erl\u00f6st zu werden und wieder die Verbundenheit mit der Quelle allen Lebens zu erfahren? Wir wissen es nicht. <strong>Das Leben von Jesus war durchdrungen von der Tiefenerfahrung der Einheit<\/strong>, die er ausdr\u00fcckte mit den Worten: &#8220;Ich und der Vater sind eins.&#8221;<sup data-fn=\"f7fe749a-d33f-4f79-a3b7-b8cbeeb60c12\" class=\"fn\"><a href=\"#f7fe749a-d33f-4f79-a3b7-b8cbeeb60c12\" id=\"f7fe749a-d33f-4f79-a3b7-b8cbeeb60c12-link\">1<\/a><\/sup> Und am Kreuz dann die Seelennot in der Frage: &#8220;Mein Gott, warum hast du mich verlassen?&#8221;<sup data-fn=\"223f6a83-aaa3-4e81-91d2-02ccc4ab55eb\" class=\"fn\"><a href=\"#223f6a83-aaa3-4e81-91d2-02ccc4ab55eb\" id=\"223f6a83-aaa3-4e81-91d2-02ccc4ab55eb-link\">2<\/a><\/sup>&nbsp;<strong>Kann man sich tieferen Schmerz&nbsp;&nbsp;vorstellen, als die Verlassenheit im Erleben, aus dieser Einheit herausgefallen zu sein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Zeit seines Wirkens erlebte Jesus eine Begegnung mit einer Frau am Jakobsbrunnen. Er bat&nbsp;die Frau aus Samaria, ihm Wasser zu sch\u00f6pfen, um seinen k\u00f6rperlichen Durst zu stillen. Mit dem Becher in der Hand wies er darauf hin, dass der Durst des Leibes immer wieder zur\u00fcckkehrt, dass er aber ein Wasser schenken kann, das unseren Durst f\u00fcr immer stillt: Ein Wasser, das <strong>die wohl tiefste Sehnsucht des Menschen nach Verbundenheit mit der Quelle allen Lebens<\/strong> stillt, ein Wasser, das auch uns ganz gew\u00f6hnliche Menschen erkennen l\u00e4sst:&nbsp;Der Vater und ich sind eins.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meiner Zenschulung&nbsp;wurde die Sehnsucht, die Menschen in eine intensive Suche nach der Essenz allen Lebens treibt, &#8220;Durst&#8221; genannt. Ja, es braucht einen grossen Durst, um stundenlang, tagelang, wochenlang in der Schweigemeditation zu sitzen, oft verbunden mit Schmerzen. Und doch treibt&nbsp;viele Meditierende ein existentielles M\u00fcssen, diesen Erfahrungsweg zu gehen, der uns so unbeschreiblich viel schenkt, auch wenn er sehr viel von uns abverlangt. Das erlebe ich auch als Kontemplationslehrerin in der Begleitung von Menschen. <strong>Der Weg in die eigene Tiefe ist nicht immer ein Honiglecken<\/strong>, denn er f\u00fchrt, nebst den zutiefst begl\u00fcckenden Erfahrungen, durch die Abgr\u00fcnde des Menschseins in der Begegnung mit dem eigenen Schatten und durch das &#8220;Absch\u00e4len&#8221;, wie die christliche Mystik es nennt. Johannes vom Kreuz hat von der dunklen Nacht der Seele geschrieben, in der alle vermeintlichen Sicherheiten abfallen und die innere F\u00fchrung nicht mehr gesp\u00fcrt werden kann. In solchen Phasen muss der Durst gross sein, um auf diesem herausfordernden&nbsp;\u2013 und doch zutiefst begl\u00fcckenden \u2013 Weg zu bleiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Text aus&nbsp;meinem&nbsp;Tagebuch, geschrieben in einer W\u00fcstenzeit:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Meine Kraftlosigkeit aushalten<br>weitergehen im Nebel<br>unauffindbar das Ziel<br>nur das leise Sehnen<br>der Seele ahnt die Spur.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Schleppende Schritte des Nichtwissens<br>aushalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mich f\u00fchren lassen<br>ohne F\u00fchrung zu sp\u00fcren<br>in der W\u00fcste des Nebels.<br>Grau und einsam die Schritte.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Meine Dunkelheit aushalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Sehnsucht nach Licht<br>leise &#8211; mehr Ahnung als Sehnen &#8211;<br>spinnwebengleich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Tastendes Suchen des Nichtwissens.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>All meine Trockenheit hinhalten.<br>Hoffend, DICH in der \u00d6de&nbsp;<br>meines Herzens zu finden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hinhalten &#8211; mich hinhalten<br>zur Wandlung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In solch schmerzhaften Phasen des Weges ist es gut, begleitet zu sein von einer erfahrenen Person, die weiss, dass diese W\u00fcstenerfahrungen Wegstrecken sind, die uns formen<\/strong> und immer tiefer hineinverwandeln in das, was wir im Tiefsten sind: Ausdruck der g\u00f6ttlichen Liebe, Mensch geworden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8220;Alles beginnt mit der Sehnsucht,<br>immer ist im Herzen Raum f\u00fcr mehr,<br>f\u00fcr Sch\u00f6neres, f\u00fcr Gr\u00f6\u00dferes.<\/em>&#8220;<sup data-fn=\"5972277a-ad66-4060-b46d-526fb4acff03\" class=\"fn\"><a href=\"#5972277a-ad66-4060-b46d-526fb4acff03\" id=\"5972277a-ad66-4060-b46d-526fb4acff03-link\">3<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesen Satz von Nelly Sachs erlebe ich in der R\u00fcckschau auf mein Leben und auch in den heutigen Prozessen. Von klein auf war ich ein sogenanntes Heimwehkind. Es qu\u00e4lte mich nicht das Heimweh nach meinen liebevollen Eltern, sondern das Sehnen nach der geistigen Heimat, aus der ich kam und von der ich meinte, sie durch die Inkarnation verloren zu haben. Nicht verwunderlich, dass eine Krankheit entstand, die mich immer wieder in die Todesn\u00e4he und in Nahtoderfahrungen brachte. So wurde ich zu einer Grenzg\u00e4ngerin zwischen Leben und Tod \u2013 aus Sehnsucht nach der wahren Heimat. <strong>Damals glaubte ich noch, sterben zu m\u00fcssen um heimzukommen<\/strong> \u2013 und das auch noch nach der letzten Nahtoderfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Tagebucheintrag<\/strong> von diesem Erleben:<br><br><em>&#8220;Drei\u00a0Wochen nach der Geburt unseres zweiten Kindes in Kolumbien setzen ganz starke Nachblutungen ein. Ich rufe nach Hilfe und werde ins Spital gebracht. Die Blutung ist nicht zu stillen, rasch werde ich in den Operationssaal gefahren. Das letzte, was mein Mann Charlie und ich noch h\u00f6ren, ist der Ausruf der Krankenschwester: <strong>\u2018Schnell, diese Frau\u00a0stirbt!\u2018 <\/strong>Mein Mann muss Blutspender suchen, sonst bekomme ich kein Blut. Der Arzt beginnt mit der K\u00fcrettage, bevor die Narkose wirkt. Ich tauche weg, versinke in Dunkelheit. Keine Ahnung, wie lange ich dort war, kein wahrnehmendes Bewusstsein, Bewusstlosigkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Da, ein pl\u00f6tzliches Auftauchen in eine Erfahrung, f\u00fcr die alle Worte zu schwach und zu eng sind.<\/strong> Ich bin angekommen in meinem Daheim. Totales Drin-sein im Licht, in einer unbeschreiblichen Licht-Liebe. Ganz drin-sein und gleichzeitig durchflutet werden von einer unbeschreiblichen Liebe. Ich weiss, diese Liebe ist die Erf\u00fcllung aller Sehnsucht. Baden in dieser Liebe, sie trinken, aber gar nichts tun als diese Licht-Liebe wahrnehmen \u2013 und das bei ganz klarem Bewusstsein. Ich bin drin, ich bin erf\u00fcllt, ich bin geliebt und liebe, bin ganz daheim. Ein Aufgehoben-sein im Ganz-Grossen, in der unendlichen Liebe. Keine Frage, kein Erstaunen, nur unbeschreibliches Gl\u00fcck, Liebe, Leichtigkeit, W\u00e4rme&#8230;.. Irgendwie sind da auch Kl\u00e4nge. Aber nicht h\u00f6rbar, denn alles ist Schwingung von Licht. <strong>\u2018T\u00f6nt\u2018 Liebe so?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich bin trunken von Gl\u00fcck. Da ist kein Gegen\u00fcber, nur Liebe und trotzdem weiss ich, dass ich gemeint bin.<br>Es ist wie ein Schweben in den \u2018Wolken\u2018 von warmer Licht-Liebe. Jubel, Dankbarkeit in mir. Ein tiefes Zugeneigt sein, Trunkenheit \u2013 unbeschreiblich! Pl\u00f6tzlich, v\u00f6llig unvorbereitet sehe ich durch ein quadratisches Loch auf die Erde. Ich bin erstaunt, auch in der Erfahrung, \u00fcber diese quadratische Form. Sie passt \u00fcberhaupt nicht in diese Umgebung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Durch dieses Loch sehe ich meinen Mann Charlie mit den beiden kleinen Kindern bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Kloten, meine Eltern schwarz angezogen vor der Glaswand. Ich sp\u00fcre ihren gewaltigen Schmerz. <strong>Grenzenlose Liebe zu diesen Menschen und eine unbeschreibliche Entschiedenheit und Kraft durchfahren mich.<\/strong> Wilder Aufruhr in mir. \u2018Nein, Gott!\u2018, schreie ich ohne Klang aber mit wilder Kraft, \u2018nein, ich kann nicht bleiben \u2013 noch nicht. Jetzt noch nicht, <strong>ich muss zur\u00fcck, ich kann sie nicht allein lassen!<\/strong>\u2018 Ich weiss, es w\u00e4re wunderbar, zu bleiben, ganz einzutauchen in die Gl\u00fcckseligkeit, aber ich kann es trotzdem nicht, ich will es nicht! Mit aller Kraft zieht es mich zur\u00fcck ins irdische Leben. <strong>Die Liebe zieht.<\/strong> Da ist niemand, der mich zur\u00fcckhalten w\u00fcrde, niemand, die mich schickt, da ist nur absolut klare Entschiedenheit und Liebe in mir. Auch keine Frage, wo es mir besser gefallen w\u00fcrde. Nur wilde Entschiedenheit und Liebe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9921\" style=\"width:464px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Margrit-Kolumbien-1-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Diese beiden Kr\u00e4fte sind das Letzte, was ich bewusst erfahre \u2013 danach tauche ich irgendwann im Aufwachsaal auf. Auferstehung ins irdische Leben. Tr\u00e4nen der Dankbarkeit und der tiefen Ber\u00fchrung \u00fcber das Erfahrene und \u00fcber das Geschenk des neuen Lebens. Langsames Auftauchen in diese neu geschenkte Wirklichkeit. In diesem Auftauchen werde ich von der Krankenschwester gefragt, ob ich das schreiende neugeborene, schwarze B\u00fcblein stillen w\u00fcrde, seine Mutter k\u00f6nne&nbsp;es&nbsp;nicht. Ich denke nicht an die Narkosemittel, die noch in mir drin sind und willige schlaftrunken ein. <strong>Der kleine Krauskopf trinkt gierig und holt mich damit ganz in meinen K\u00f6rper zur\u00fcck.<\/strong> Er schl\u00e4ft nachher viele Stunden lang&#8230; meine Narkose hat nachgewirkt \u2013 und ich hoffe fest, dass sie ihm nicht geschadet hat.<\/em>&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch, auch nach dieser pr\u00e4genden Erfahrung blieb ein Gef\u00fchl des Getrenntseins von Gott, der Quelle allen Lebens. <strong>Es blieb eine ziehende Sehnsucht nach dem Wesen aller Dinge.<\/strong> Dieses nach Innen-gezogen-werden \u00e4usserte sich im starken Wunsch nach Stille. Noch sehnte sich mein Herz nach der Essenz allen Lebens, obwohl ich sie in den Nahtoderfahrungen in mir erlebt hatte, noch schienen mir Gott und Sch\u00f6pfung getrennt. <strong>Oder war es&nbsp;eher&nbsp;so, dass das, was ich suchte, mich suchte?<\/strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Charlie, mein Mann unterst\u00fctzte mich in diesem Durst nach dem Urgrund allen Lebens und erm\u00f6glichte mir eine jahrelange Zenschulung und anschliessend die Ausbildung zur Kontemplationslehrerin, indem er in meinen Abwesenheiten unsere drei Kinder allein \u00fcbernahm.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Stille sch\u00e4lt uns, Vorstellungen und Identifikationen l\u00f6sen sich auf, entstehen neu, l\u00f6sen sich erneut auf bis ins Hineinfallen in Erfahrungen, f\u00fcr die es kaum Worte gibt.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch geh\u00f6rt es in den Prozess der Integration, <strong>Worte zu finden f\u00fcr das Unsagbare:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dort, <br>wo Gott keinen Namen mehr hat,<br>nicht mehr Gott,<br>auch nicht DU.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dort am ortlosen Ort<br>in unserem Herzen,<br>wo nichts ist und alles<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dort, wo alles Werden\u00a0<br>schon immer Sein war<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dort gibt es nur noch&nbsp;<br>das wortlose JA.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass ich Menschen in der Schweigemeditation in ihre Tiefe begleiten darf, erlebe ich als grosses Privileg. Was f\u00fcr ein Geschenk ist es doch, wenn Menschen ihre Sehn-sucht bewusst wahrnehmen und sie nicht fehlgeleitet in Sucht zu befriedigen suchen! Manche Menschen werden durch Schicksalsschl\u00e4ge und Not auf den inneren Weg gef\u00fchrt, andere sp\u00fcren, dass etwas mehr existieren muss als ein noch so erf\u00fcllter Alltag, wieder andere suchen in der Stille nach Antworten auf brennende Fragen oder wollen sich selbst erforschen und erfahren dabei das, <strong>was Teresa von Avila immer wieder betont hat: keine Gotteserkenntnis ohne Selbsterkenntnis.<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei vielen Meditierenden ist der Durst nach der Quelle gross. <strong>So schreibt die Kontemplationssch\u00fclerin Ingrid W\u00e4lti<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8220;Das Gef\u00fchl, das wir Sehnsucht nennen, kennen Menschen sehr gut, die notgedrungen ihre Heimat verlassen mussten. Diese Form der Sehnsucht nennen wir Heimweh. Ist unsere spirituelle Sehnsucht nicht ebenso Heimweh nach unserer geistigen Heimat, die uns ruft?&nbsp; Dieser Ruf l\u00e4sst uns immer wieder unsere Widerst\u00e4nde und unsere Tr\u00e4gheit \u00fcberwinden und uns je neu auf das Str\u00f6men dieser Urkraft, die wir gemeinhin mit &#8220;Gott&#8221; bezeichnen, eintreten. So gesehen ist <strong>unsere Sehnsucht<\/strong> Chance und Geschenk, oder vielleicht k\u00f6nnte man auch sagen, sie <strong>ist unsere spirituelle Nabelschnur<\/strong>, die uns je neu in die Beziehung ruft und die uns n\u00e4hrt.&#8221;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Sitzen in der Stille ist also ein Heimweg aus aller \u00c4usserlichkeit in ein inneres Erleben, in eine \u00d6ffnung des Bewusstseins in die grenzenlose Weite des Urgrundes.<\/strong> Das Zazen, die Schweigemeditation des Zen, ist das Kernst\u00fcck unserer Form der Kontemplation via integralis, die Zen und christliche Mystik verbindet. Wir \u00fcben die gegenstandslose Meditation. Alle Bilder und Vorstellungen werden losgelassen und die klare Gegenw\u00e4rtigkeit wird immer intensiver erfahren. Wenn eine Gruppe von Meditierenden miteinander \u00fcber Tage mit Hingabe in der Stille sitzt,<strong> ist mir der Satz von Meister Eckehart immer ganz nah: &#8220;Es ist eine Kraft in der Seele, die ist weiter als die ganze Welt. Es muss gar weit sein, worin Gott wohnt&#8221;.<\/strong><sup data-fn=\"73397f63-4ce3-468c-a900-b5d5199a9159\" class=\"fn\"><a href=\"#73397f63-4ce3-468c-a900-b5d5199a9159\" id=\"73397f63-4ce3-468c-a900-b5d5199a9159-link\">4<\/a><\/sup><sup>&nbsp;<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser erfahrenen Weite erleben die Meditierenden auf eine intensive Weise die Verbundenheit allen Lebens,&nbsp;ja die Einheit mit dem Urgrund, den wir Gott nennen. Daraus entsteht ganz nat\u00fcrlich der Wunsch, dass alle Wesen in Gl\u00fcck und Frieden leben k\u00f6nnen und dass wir unseren ganz pers\u00f6nlichen Beitrag dazu leisten wollen. Im Alltag zeigt sich, wie pr\u00e4gend eine Einheitserfahrung war: Kann ich, christlich ausgedr\u00fcckt, Christus in jedem Gegen\u00fcber erkennen? Weiss ich in meinem Herzen, dass die Menschen, die oft unter unmenschlichen Bedingungen unsere g\u00fcnstig zu kaufenden Kleider herstellen, genauso Ausdruck der g\u00f6ttlichen Liebe sind wie wir? <strong>Dr\u00e4ngen mich die tiefinneren Erfahrungen in eine bewusste Verhaltens\u00e4nderung?<\/strong> Wie kann ich, ganz pers\u00f6nlich, mich f\u00fcr Gerechtigkeit und Frieden einsetzen? <strong>Woran erkennt man &#8220;erwachte Menschen&#8221;?<\/strong> Ich meine, sie m\u00fcssten erkennbar sein an ihrem Durst nach Leben in F\u00fclle f\u00fcr alle Wesen und an ihrer Sehnsucht nach einer von Egozentrik erl\u00f6sten und friedvollen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Innerlichkeit will und muss sich \u00e4ussern.<\/strong> So stellt sich nach jeder Tiefenerfahrung die Frage, wie das Erlebte in den Alltag umgesetzt werden kann. So ganz im Sinn eines Koans der Zentradition: <strong>Alltag ist der Weg!<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder wie es die moderne <strong>&#8220;Mystikerin der Strasse&#8221; Madeleine&nbsp;Delbr\u00eal<\/strong> ausdr\u00fcckt:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&#8220;Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,<br>ohne die Erwartung von M\u00fcdigkeit,<br>ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen \u00fcber ihn,<br>ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek \u2013<br>geht so auf die Begegnung mit ihm zu.<br>Brecht auf ohne Landkarte \u2013 und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist<br>und nicht erst am Ziel.<br>Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,<br>sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banalen Lebens.<\/em>&#8220;<sup data-fn=\"d8d70a8c-f529-4fc2-acbc-b365ec185f2a\" class=\"fn\"><a href=\"#d8d70a8c-f529-4fc2-acbc-b365ec185f2a\" id=\"d8d70a8c-f529-4fc2-acbc-b365ec185f2a-link\">5<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"820\" height=\"547\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/vi_Portrait-320_MargritWenk.jpg\" alt=\"Margrit Wenk Lehrendenportrait\" class=\"wp-image-4461\" style=\"width:444px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/vi_Portrait-320_MargritWenk.jpg 820w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/vi_Portrait-320_MargritWenk-300x200.jpg 300w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/vi_Portrait-320_MargritWenk-768x512.jpg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/vi_Portrait-320_MargritWenk-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 820px) 100vw, 820px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Margrit Wenk-Schlegel, Kontemplationslehrerin via integralis<br><strong>www.meditation.margritwenk.ch&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"f7fe749a-d33f-4f79-a3b7-b8cbeeb60c12\">Joh 10.30 <a href=\"#f7fe749a-d33f-4f79-a3b7-b8cbeeb60c12-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 1\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"223f6a83-aaa3-4e81-91d2-02ccc4ab55eb\">Mt 27,46 <a href=\"#223f6a83-aaa3-4e81-91d2-02ccc4ab55eb-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 2\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"5972277a-ad66-4060-b46d-526fb4acff03\">Sachs, Nelly;\u00a0Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels <a href=\"#5972277a-ad66-4060-b46d-526fb4acff03-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 3\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"73397f63-4ce3-468c-a900-b5d5199a9159\">D\u00f6ll, Ermin; Wege der Meister l, 1988 <a href=\"#73397f63-4ce3-468c-a900-b5d5199a9159-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 4\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"d8d70a8c-f529-4fc2-acbc-b365ec185f2a\">Delbr\u00eal, Madeleine; Gott einen Ort sichern. Topos 2010, S 3 <a href=\"#d8d70a8c-f529-4fc2-acbc-b365ec185f2a-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 5\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Beitrag ist erstmals erschienen in:<br>inspiration <\/em><br><em>Zeitschrift f\u00fcr christliche Spiritualit\u00e4t und Lebensgestaltung. Ausgabe 1-2\/2025, S. 20-27<br>Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des Echter Verlag, W\u00fcrzburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz vor seinem Sterben am Kreuz rief Jesus: &#8220;Mich d\u00fcrstet&#8221;. Dr\u00fcckte er damit ein k\u00f6rperliches Verlangen aus oder war es die Sehnsucht, aus seiner Erfahrung der Gottverlassenheit erl\u00f6st zu werden und wieder die Verbundenheit mit der Quelle allen Lebens zu erfahren? Wir wissen es nicht. 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