{"id":10246,"date":"2025-11-27T23:53:00","date_gmt":"2025-11-27T22:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=10246"},"modified":"2025-11-29T13:26:03","modified_gmt":"2025-11-29T12:26:03","slug":"geboren-werden-wir-nackt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2025\/11\/27\/geboren-werden-wir-nackt\/","title":{"rendered":"GEBOREN WERDEN WIR NACKT"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir kennen uns seit diesem Sommer, die Birke und ich, und haben begonnen, Jahreszeiten miteinander zu teilen. Wenn auch nicht einheimisch, verwurzelt steht sie da. Ich bin erst zugezogen. Zugewandt sind wir einander durchs Fenster. Auf meiner Augenh\u00f6he pr\u00e4sentiert sie ihre Baumkrone. Ob ich stehe, sitze oder liege \u2013 sie ist da. Ihre Gegenwart spricht mich an, sobald ich im Zimmer bin. Ehrlich, wir haben ein Verh\u00e4ltnis, in aller Verschiedenheit ein inniges. Auf K\u00e4lte scheinen wir unterschiedlich zu reagieren: W\u00e4hrend ich mir eine Schicht mehr \u00fcberziehe, kommt sie mit immer weniger aus. Zuerst verlor sie ihre Farben, dann auch die Bl\u00e4tter, die ihre Farben getragen haben\u2026 und jetzt zeigt sie sich mir mehr oder minder nackt. Ist Nacktheit auch etwas, das man tr\u00e4gt? Ein letztes Etwas oder ist sie nichts?&nbsp;Mein Blick ruht mittlerweile auf der Birke, geht durch sie hindurch, sucht Tiefe. Das Bild l\u00f6st sich auf, das Fragen er\u00fcbrigt sich. Auch was Birke ist, was ein Ich. Ruhe ist da. Friede. Ein Ja.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter erinnere ich mich an einen \u00e4lteren Kollegen. Wie es ums Sterben ging, bat er die Pflegenden, ihn auszuziehen. Nackt wollte er unter der Decke liegen. Nackt sei er geboren worden, nackt sei er eigentlich sein Leben lang geblieben, nackt m\u00f6chte er sterben. Und so geschah es auch.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"427\" height=\"640\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/birch-3172051_640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10260\" style=\"width:222px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/birch-3172051_640.jpg 427w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/birch-3172051_640-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 427px) 100vw, 427px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Birke wird mir wieder zum Vis-\u00e0-vis. Mir wird bewusst: Ihre Nacktheit war immer schon da. Wegen ihres Bl\u00e4ttermantels habe ich sie \u00fcbersehen. Meine Augen wandern jetzt zwei Stockwerke den Stamm hinunter. Erkenne verschiedentlich gr\u00fcn bemooste Stellen, Efeu rankt sich in fettem Gr\u00fcn zu mir in die H\u00f6he. Bemerke unten die br\u00e4unliche Einf\u00e4rbung der Rinde, oben im j\u00fcngsten Bereich blenden \u00c4ste weiss wie Schnee. Nehme im Stamm auch Risse und Narben wahr, als w\u00e4ren da Platzwunden gewesen. Wie sich in allem Leben zeigt! Ich atme durch. Dank ist da\u2026 und mit ihm ein Moment, in dem ich meine Nacktheit annehmen kann. Ein Geschenk! Das ist \u00abbei-leibe\u00bb nicht immer so. Auch wenn ich mit mir alleine bin, bin ich nicht vom \u00abanderen Blick\u00bb frei, schaue mich an, als sei ich ein \u00abAnderer\u00bb, werde mir selbst zum Objekt und sehe mich so, wie mich andere auch anschauen k\u00f6nnen und sie ihre Blicke auf mich werfen, ja: werfen! Es ist die Scham, die \u00aburpl\u00f6tzlich\u00bb da ist. Die Scham macht es schwierig, Nacktheit zu ertragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWas, ich bin ohne H\u00f6schen auf die Welt gekommen?!\u00bb Nein, lustig habe er das ganz und gar nicht gefunden, v\u00f6llig erschrocken sei er gewesen, wie er sich auf einem Foto mit Nabelschnur und Schmiere neugeboren auf ihrem nackten Bauch habe liegen sehen, erz\u00e4hlt mir die Mutter von ihrem F\u00fcnfj\u00e4hrigen. Inzwischen hat er sich offensichtlich mit dem \u00abanderen Blick\u00bb, mit dem \u00abBlick der Anderen\u00bb betrachten gelernt. Und mag schon vor rund drei Jahren begonnen haben zu realisieren, dass das, was er im Spiegel sieht, er selbst ist. Faszinierend und erschreckend in einem, ein \u00abheiliger\u00bb Augenblick? Und jetzt ist er \u00abim Bild\u00bb und ist mit seiner Nacktheit konfrontiert. Wie l\u00e4sst sich das aushalten? Erwachendes Bewusstsein spiegelt sich darin.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Narrativ dazu finde ich im Mythos vom Verlust des Paradieses. Befreie ich den Text, wie er sich zeigt, vom Schuldkonzept, das ihm als Korsett angezogen worden ist, erlebe ich mit, wie der Mensch als Adam und Eva aus der selbstverst\u00e4ndlichen Ganzheitlichkeit herausf\u00e4llt, sobald ihm \u00abdie Augen aufgehen\u00bb f\u00fcr seine Nacktheit. Was \u00abWelt\u00bb ist und wie Menschen sich in ihr bewegen, f\u00fchlt sich anders an. Erkennen sie einander, ist in der Begegnung auch Nacktheit gegenw\u00e4rtig. Sie k\u00f6nnen einander wie ein Objekt wahrnehmen und einander beurteilen. Zur\u00fcck ins Fr\u00fchere f\u00fchrt kein Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Scham scheint uns im genetischen Programm mitgegeben zu sein, sie stellt sich unabh\u00e4ngig von Kulturen und Wertinhalten ein, entwickelt sich im Zusammenhang mit fortschreitender Individuation und ist in seiner Ambivalenz auch als schier unertr\u00e4gliches Lebensgef\u00fchl wertzusch\u00e4tzen. Denn Scham ist nicht nur ein Gef\u00fchl, Scham hat auch eine Funktion \u2013 sie ist \u00abT\u00fcrh\u00fcterin des Selbst\u00bb (Daniel Hell), das sich abgrenzt und (!) verbunden ist mit den andern. Sie zeigt an, wenn das Koh\u00e4renzerleben in einem Menschen gef\u00e4hrdet ist und setzt Prozesse in Gang, die das problematische Erleben seiner selbst ins Bewusstsein heben und f\u00fcr den Einzelnen beantwortbar machen. In der Verantwortung leben wir unsere W\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sch\u00e4me ich mich, erlebe ich mich zun\u00e4chst als vereinzelte Person. Wie bei einer Geburt werde ich in eine \u00abWelt\u00bb ausgestossen, in der ich fremd bin und (noch) \u00abfremdle\u00bb.&nbsp;<br>Gleichzeitig bleibe ich in meiner schamhaften Vereinzelung auf die menschliche Mitwelt bezogen. (\u00abScham-los\u00bb w\u00fcrde dieser Bezug wegbrechen, ich lebte in narzisstischem Selbstbezug. Narzissmus, Schamlosigkeit und Besch\u00e4mung anderer h\u00e4ngen zusammen.) Im Unterschied zu Angst und Wut bringt mich Scham aber in eine Situation, aus der ich nicht fl\u00fcchten kann. Ich habe eine Wahrheit anzuerkennen, die ich nicht wahrhaben wollte oder die ich \u00fcbergangen habe. Scham hilft mir, die W\u00fcrde wieder herzustellen: \u00abIch bin\u2019s, der sich in dieser Situation so und so verhalten hat.\u00bb Im Mythos k\u00f6nnen Adam und Eva diesen Schritt nicht machen. Sie bleiben verstrickt. Die Verantwortlichkeit schieben sie einander zu und verpassen sich selbst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstbehauptungen geben auf die Schnelle einem Druck nach. M\u00f6gen Kr\u00e4nkungen im eigenen Selbstbild auf langen Wegen daherkommen und subtil das Erleben mitbestimmen oder grob und massiv hereinbrechen \u2013 sie suchen Entlastung, sobald sie sich melden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Scham als Reaktion bietet \u00abweitere\u00bb M\u00f6glichkeiten als es Selbstbehauptungen tun: Sie kann zur Auseinandersetzung mit sich selbst f\u00fchren. Der Weg dorthin wird leichter, wenn Zuwendung und Anteilnahme Raum bekommen. Im Vorwurf Geworfenes wird dann als differenzierende Kritik aufgefangen und kann Bearbeitung finden, bewusst und willentlich und auch in einem Prozess, der sich \u00abwie von selbst\u00bb innerlich vollzieht, sobald ich nicht dagegen ank\u00e4mpfe, meine Nacktheit bejahen kann und offen bin f\u00fcr das, was sich meldet.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der gegenstandslosen Sitzmeditation erlebte ich schon Phasen, in denen mich Kr\u00e4nkungen \u00abheimsuchten\u00bb. Sie wurden mir angetan, ich habe sie andern angetan, ich habe sie mir angetan\u2026 Tr\u00e4nen flossen. Kain und Abel fanden sich\u2026 und k\u00f6nnen miteinander tanzen. In sitzender \u00dcbung findet die Scham ihren guten Ort, ich kann nicht fl\u00fcchten und brauche nichts zu verh\u00fcllen. Stelle mich meiner Nacktheit \u2013 mal mit dem verinnerlichten \u00abBlick der Anderen\u00bb, mal mit einem ruhigen Ja und bin da wie die Birke. Bin Birke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich freue mich an der \u00abnackten Geburtlichkeit\u00bb des Herbstes\u2026 und auf Weihnachten, wie von ihr gesungen wird: \u00ab\u2026er liegt dort elend, nackt und bloss\u2026\u00bb. Nichts von Windeln! Dem F\u00fcnfj\u00e4hrigen blinzle ich zu und l\u00e4chle.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Urs Zangger<\/strong>, Kontemplationslehrer via integralis<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger-640x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10248\" style=\"width:178px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger-640x1024.jpg 640w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger-188x300.jpg 188w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger-768x1229.jpg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger-960x1536.jpg 960w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Portrait-22-UrsZangger.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leopold Szondi und Josua Boesch danke ich f\u00fcr einen Zugang in Freundschaft mit Kain&amp;Abel; Daniel Hell f\u00fcr die Klarsicht, wie \u00abnot-wendig\u00bb Scham ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur:&nbsp;<br>Daniel Hell, Lob der Scham \u2013 Nur wer sich achtet, kann sich sch\u00e4men, Giessen 2018<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bilder:<br>Birkenillustration, Baum, Feld: pixabay<br>Foto einer Birke im Winter: pixabay<br>Portrait Urs Zangger: KG Nidau\/Marco Roth<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir kennen uns seit diesem Sommer, die Birke und ich, und haben begonnen, Jahreszeiten miteinander zu teilen. 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