{"id":1055,"date":"2019-04-26T13:23:01","date_gmt":"2019-04-26T11:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=1055"},"modified":"2020-05-17T04:10:43","modified_gmt":"2020-05-17T02:10:43","slug":"interview-mit-yves-saillen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2019\/04\/26\/interview-mit-yves-saillen\/","title":{"rendered":"Interview mit Yves Saillen"},"content":{"rendered":"<header class=\"entry-header\">\n<p class=\"entry-title\"><span style=\"font-size: 16px;\">Der Inter-Kulturalit\u00e4t des Anlasses entsprechend haben wir uns in der \u201eLago-Lodge\u201c (italienisch-englisch)\u201c am Bielersee, der \u201eStamm-Beiz\u201c (schwiizerd\u00fctsch) von Yves, verabredet. Biel ist eine typische Grenzstadt der Westschweiz, wo die \u201esuisses allemands\u201c und die \u201eromands\u201c Nachbarn sind, man auf der Strasse ganz gut auf Deutsch fragen und die Antwort auf Franz\u00f6sisch erhalten kann. Das Interview f\u00fchrte Regina Gr\u00fcnholz \u2013 nat\u00fcrlich bilingue!<\/span><\/p>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content\">\n<p><b><i>Via integralis (Regina Gr\u00fcnholz): Yves, gibt es urspr\u00fcngliche franz\u00f6sische Mystikertexte?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b> Ja, sicher gibt es das, so z.B. von Blaise Pascal, Francois F\u00e9nelon, Th\u00e9r\u00e8se de Lisieux, Charles de Foucauld, Teilhard de Chardin (Wissenschaftler und Mystiker zugleich), Madeleine Delbr\u00eal, Simone Weil, Henri Le Saux und andere mehr.\u00a0<span class=\"tm14\">Teilhard de Chardin (als Herzst\u00fcck \u2013 Wissenschaftler und Mystiker zugleich) und Henri Le Saux (Lettres d`un sannyasi chr\u00e9tien \u00e0 Josef Lemari\u00e9) machen einen Teil derer aus, die mich am meisten inspiriert haben. Ansonsten habe ich mich nicht eigens mit der franz\u00f6sischen Mystik befasst.<\/span><\/p>\n<p><b><i>VI: Gibt es urspr\u00fcngliche franz\u00f6sische Zen-Texte?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Zahlreiche klassische Texte wurden ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt. Was mich betrifft, so habe ich f\u00fcr meine Sch\u00fcler unter anderem Kommentare zu Texten von Seng-Ts\u00e0n, dem dritten chinesischen Patriarchen, zu Houei-Neng (Eno), dem sechsten Patriarchen und zu Dogen verfasst.<\/p>\n<p><b><i>VI: \u00dcbersetzt Du selber deutsche oder anderssprachige Texte ins Franz\u00f6sische?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Nein, daf\u00fcr habe ich keine Zeit. F\u00fcr meine Praxis integriere ich deutsche, englische, japanische und chinesische Texte, die von anderen ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n<p><b><i>VI: W\u00e4re Interesse da f\u00fcr einen Newsletter der via integralis auf Franz\u00f6sisch?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Ich weiss nicht. Die franz\u00f6sisch sprechende Sangha ist im Moment klein. Vor einigen Jahren habe ich f\u00fcr sie eine website geschaffen (<a href=\"http:\/\/www.meditation-zen-vi.ch\/\">www.meditation-zen-vi.ch<\/a>). \u00dcber diesen Kanal und durch einen Rundbrief, der<a id=\"aGoBack\"><\/a>\u00a0zweimal im Jahr per Post verschickt wird, verbreite ich die wichtigsten Informationen.<\/p>\n<p><b><i>VI: Wie steht es allgemein mit dem Interesse an Meditation im franz\u00f6sischen Sprachraum? Wie mit dem Bekanntheitsgrad der via integralis?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Wie \u00fcberall auf der Welt interessieren sich auch die Frankophonen f\u00fcr Meditation und praktizieren sie gerne. Aber sie sind gewohnt, die Grenzen der verschiedenen Traditionen, wie diejenigen des Buddhismus oder des Christentums, zu respektieren. Die Grundlagen der buddhistischen Tradition und der christlichen Mystik in einer einzigen Schule oder Methode zu vereinen \u2013 das ist ihnen eher fremd. Ich bin im Augenblick der einzige durch die Kontemplationsschule via integralis ernannte Lehrer in der franz\u00f6sischen Schweiz und in Frankreich. Seit ich 2007 zu lehren begonnen habe, hatte ich zahlreiche Gelegenheiten dar\u00fcber zu sprechen und Meditationswochen zu leiten. Eine kleine Gruppe langj\u00e4hrig Praktizierender unterst\u00fctzt mich bei dieser Aufgabe.<\/p>\n<p><b><i>VI: Hast Du Sch\u00fcler? Sch\u00fclerinnen? Du arbeitest nicht mit Schl\u00fcsselworten sondern mit \u201eNur-Sitzen\u201c (Shikantaza)? Woran erkennst Du die Entwicklung eines Sch\u00fclers \/ einer Sch\u00fclerin?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die formal Sch\u00fcler bei mir sind. Andere wiederum sind es in einer informellen Weise. Ich bin ja der Einzige in der Region, der Sch\u00fcler anleitet und \u00dcbende begleitet. Shikantaza ist eines der zentralen Elemente in der buddhistischen Tradition, bei der die Praxis des Zazen unmittelbare Verwirklichung und Weitergabe des Dharma ist. Das Dharma bedeutet dabei zugleich die Lehre des Buddha als auch den WEG der Verwirklichung. Die Praxis des Zazen ist somit Verwirklichung des Buddha Weges. Sogar dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Zazen IST Verwirklichung, und als solche konkretisiert sie sich auch im Alltag. Die Praktizierenden sind angehalten, jegliche Absicht fallen zu lassen, jegliche Erwartung ganz radikal loszulassen und nichts als in dieser Haltung, an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt, pr\u00e4sent zu sein. Auf diese Weise zeigt sich, was ist, das So-sein. Nicht mehr und nicht weniger. In seiner ganzen F\u00fclle. Auf diesem \u00dcbungsweg ist das Lehren eher ein Anstossen, ein Unterrichten im Sinne einer Begleitung der Praxis, als die Weitergabe von Wissen. Die in der t\u00e4glichen Praxis, allein oder mit anderen, im Sitzen f\u00fcr ein paar Stunden bis hin zu mehreren Tagen und im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch mit dem Lehrer oder in der Gruppe gemachten Erfahrungen k\u00f6nnen so verbalisiert und dabei Schritt f\u00fcr Schritt integriert werden, was zu einem spirituellem Weg, einer Art Transformation bei den Praktizierenden f\u00fchrt. Meine Ausbildungszeit war im Wesentlichen eine Zeit des Experimentierens, des Entdeckens, des Integrierens und der Transformation. Sie ist die Basis meiner Lehrkompetenz, welche von meinem Lehrer Niklaus Brantschen best\u00e4tigt wurde. Diese Kompetenz ist es, welche es mir erlaubt, die Fortschritte meiner Sch\u00fcler einzusch\u00e4tzen, indem ich ihr Verhalten beobachte, ihr \u00dcben, ihre Gegenw\u00e4rtigkeit, auch indem ich auf ihre Aussagen h\u00f6re w\u00e4hrend der Einzelgespr\u00e4che. Ich empfehle, das Nicht-Wissen zu praktizieren, ohne explizit zwischen deutscher und spanischer Mystik oder buddhistischer Sichtweise zu unterscheiden.<\/p>\n<p><b><i>VI: Wie war Dein eigener spiritueller Weg? Wie kamst Du zum \u201eNur-Sitzen\u201c (Shikantaza)? Wieso nicht mit Schl\u00fcsselworten? Wo liegt Deine Pr\u00e4ferenz? Was waren Marksteine in Deiner Entwicklung?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Es war die nicht-gesuchte spirituelle Erfahrung, die ich mit 24 Jahren machte, welche mich den Zen-Buddhismus und die \u00dcbung des Zazen entdecken liess. Diese hat mich besonders durch ihre Einfachheit und Feinsinnigkeit beeindruckt. Ich begann, Shikantaza zu praktizieren, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. In der Folge hatte ich die Gelegenheit, diesen Weg auszuloten und zu vertiefen und konnte so die verschiedenen Schulen besser verstehen und unterscheiden. Ich nahm eher wahr, was im Eigentlichen die Soto und die Rinzai Schule ausmachen. Die Begegnung mit Niklaus Brantschen, sein Lehren und seine Begleitung, gaben mir die Best\u00e4tigung, dass mein Weg darin bestand und heute noch meiner ist, Shikantaza zu praktizieren. Es ist eines der zentralen Elemente der Soto Tradition, oder in der Sprache der via integralis: den \u201eWeg des Nada\u201c zu gehen. Diese Praxis hat mir den Erfahrungsweg zur Wesensnatur eines jeden Dinges, oder gem\u00e4ss unserer christlichen Tradition, zu Gott hin, er\u00f6ffnet, was die Integration der Erfahrung und das anschliessende \u201eVergessen\u201c mitbeinhaltet \u2013 ein langsamer Prozess, der in die Einfachheit eines erf\u00fcllten Lebens m\u00fcndet, je von Augenblick zu Augenblick.<\/p>\n<p><b><i>VI: Du hast beim Lehrertreffen uns von deiner Erkrankung erz\u00e4hlt (M.Parkinson). M\u00f6chtest Du hier etwas dazu sagen? F\u00fchlst Du Dich beeintr\u00e4chtigt?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Diese Krankheit entwickelt sich, bevor man noch irgendwelche Vorzeichen bemerkt. Bei mir war es so: Ich habe festgestellt, dass mein Schreibfluss nicht mehr harmonisch war, dass die Bewegungen meines rechten Arms und rechten Beins weniger fliessend vor sich gingen, und dass ein Zittern bestimmte Bewegungen st\u00f6rte. Dank verschiedener Therapien ist mein Zustand recht stabil. Allgemein bin ich langsamer geworden und unsicherer als zuvor, aber das Meditieren hilft mir sehr immer pr\u00e4sent zu sein.<\/p>\n<p><b><i>VI: Gibt es verschiedenen Phasen, verschiedene Zeiten von mehr oder weniger Akzeptanz?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Zu erfahren, dass ich von dieser Krankheit betroffen bin, hat mich \u00fcberrumpelt, und ich f\u00fchlte mich in Frage gestellt. Die Akzeptanz geht nicht ohne Arbeit an mir selber. Sie beeinflusst auch die gesamte Organisation meines Lebens. Ich lerne es, mit mehr Klarheit zu unterscheiden, welches die Priorit\u00e4ten sind, und wo ich zu w\u00e4hlen habe. Ich konzentriere mich auf Wesentliches.<\/p>\n<p><b><i>VI: Wie wirkt sich die Krankheit auf Deine Spiritualit\u00e4t und Deinen Alltag aus?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Dieses oben zitierte Infrage-Gestelltsein betrifft auch mein spirituelles Leben. Es gibt mir die Gelegenheit, alles, was in meinen Augen noch \u00fcberfl\u00fcssig ist, zu lassen zu Gunsten einer Vertiefung, gr\u00f6sserer Einfachheit und auch gr\u00f6sser werdendem Vertrauen. Mein spirituelles Leben erf\u00e4hrt so eine Belebung und zunehmende Intensit\u00e4t auch im Alltag.<\/p>\n<p><b><i>VI: M\u00f6chtest Du sonst noch etwas von Dir privat mitteilen?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Aufgewachsen bin ich in der Agglomeration Lausanne, als drittes von sechs Kindern. Meine Sozialisation inklusive Schulen fand im katholischen Milieu dieser Region statt. Nach meinem Studium an der Universit\u00e4t von Lausanne, war ich beruflich als Sozialarbeiter im Kindes- und Erwachsenenschutz t\u00e4tig. Ich bin noch bis Ende Jahr beim Sozialamt Biel\/Nidau angestellt, bin verheiratet, Vater von drei S\u00f6hnen und Grossvater von vier Enkelkindern.<\/p>\n<p><b><i>VI: Zum Schluss: Wie sieht die via integralis in 20 Jahren aus? Wir haben diese Frage ja schon einmal an einem Lehrer-Weiterbildungswochenende in den Raum gestellt \u2026<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>YS:<\/b>\u00a0Vor meiner Erkrankung hatte ich da eine genaue Vorstellung \u2013 meine Krankheit liess mich das als Vor-stellung erkennen! Ich bin \u00fcberzeugt, dass die via integralis Zukunft hat. Sie wird sich aber von sich selber emanzipieren m\u00fcssen, wird kr\u00e4ftiger werden in ihrer Pr\u00e4senz. Als Form soll sie immer mehr vergessen werden. Das Konzept darf nicht zu stark sein. Das bleibt vorl\u00e4ufig ein Spannungsfeld. Es geht um eine Kraft IN uns. Und die ist m\u00f6glich, wenn Menschen ganz dabei sind, im Dialog. Ich setze mich ein f\u00fcr die Verbreitung der via integralis im franz\u00f6sischen Sprachraum. Die Form der via integralis ist daf\u00fcr wichtig. Klarheit entsteht und nimmt nur zu, wenn diese Praxis gepflegt wird. Und dann bin ich zuversichtlich. Die \u00dcbung lohnt sich wirklich, weitermachen \u2013 unbedingt!<\/p>\n<p><b><i>VI: Lieber Yves, ich danke dir, dass du dir Zeit genommen und uns Einblick gegeben hast in Dein Leben.<\/i><\/b><\/p>\n<p><strong>Regina Gr\u00fcnholz, Biel\/CH, 26. April 2019<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Inter-Kulturalit\u00e4t des Anlasses entsprechend haben wir uns in der \u201eLago-Lodge\u201c (italienisch-englisch)\u201c am Bielersee, der \u201eStamm-Beiz\u201c (schwiizerd\u00fctsch) von Yves, verabredet. Biel ist eine typische Grenzstadt der Westschweiz, wo die \u201esuisses allemands\u201c und die \u201eromands\u201c Nachbarn sind, man auf der Strasse ganz gut auf Deutsch fragen und die Antwort auf Franz\u00f6sisch erhalten kann. 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