{"id":1069,"date":"2018-11-18T14:38:26","date_gmt":"2018-11-18T13:38:26","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=1069"},"modified":"2020-05-05T13:48:45","modified_gmt":"2020-05-05T11:48:45","slug":"japanische-gruesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2018\/11\/18\/japanische-gruesse\/","title":{"rendered":"Japanische Gr\u00fcsse"},"content":{"rendered":"<header class=\"entry-header\">\n<h1 class=\"entry-title\"><span style=\"font-size: 16px;\">Impressionen aus Japan<\/span><\/h1>\n<\/header>\n<div class=\"entry-content\">\n<p><strong>Monika Risse, Kyoto im Oktober 2018<\/strong><\/p>\n<p>Warum ich immer wieder nach Kyoto gehe, werde ich oft gefragt. Um es vorwegzunehmen: Nein, ich habe keinen Liebhaber da! Und es gibt Stimmen, die sagen, ich w\u00fcrde es machen, damit ich unsere unglaublich riesige Hecke im Herbst nicht schneiden m\u00fcsste. Auch das ist nur der kleinste Teil der Wahrheit.<\/p>\n<p>Auf Japanisch w\u00fcrde ich auf die Frage nach dem Warum erst einmal ein langgezogenes: \u201eSooo des neeeeeeeeeeeee\u2026\u201c antworten, was in etwa heisst: \u201eHmmmm, lass mich mal dar\u00fcber nachdenken\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Auch ich frage mich immer mal wieder, was es denn eigentlich ist, das mich hierher zieht. Und wenn ich dann da bin, ist die Antwort ganz einfach:\u00a0<strong>Wegen dem Japangef\u00fchl!<\/strong>\u00a0Das zu beschreiben ist schon etwas schwieriger, damit es nachvollziehbar wird, aber ich will es versuchen: Da sind erst mal die Menschen, die mir so freundlich, aufmerksam und achtsam erscheinen. Ein Nicken als Radfahrer oder Fussg\u00e4nger als Zeichen: Ich habe wahrgenommen, dass du mir den Vortritt l\u00e4sst, oder dass ich dir gerade den Weg abgeschnitten habe. Und entgegen dem Klischee erlebe ich die Menschen in Kyoto entspannter als bei uns, auch wenn ich nat\u00fcrlich in vieles nicht hineinsehen kann. Und die unglaublich freundliche Bedienung \u00fcberall! Es kann einem schon auch Mal zu viel werden, dieses Omnipr\u00e4sente: Iraschaimaseeee! Das einem \u00fcberall in den L\u00e4den entgegengerufen wird. Aber trotzdem, hier f\u00fchle ich mich tats\u00e4chlich als Kunde noch als K\u00f6nig. Und das Sch\u00f6ne ist, sie wollen einem \u00fcberhaupt nichts aufschwatzen. Du kannst in Ruhe deine Sachen anschauen\u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1299\" src=\"http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-004.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" srcset=\"http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-004.jpg 640w, http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-004-300x200.jpg 300w\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" \/><\/p>\n<p>Kyoto ist absolut geschichtstr\u00e4chtig! Hier bin ich umgeben von unz\u00e4hligen alten Tempeln (ca. 1\u2018600!) und G\u00e4rten, eingebettet in einen gr\u00fcnen Ring aus H\u00fcgeln (was den Sommer unertr\u00e4glich heiss und feucht macht, aber die alte Kaiserstadt etwas vor Taifuns sch\u00fctzt). Diese Tempel sind eine Oase der Ruhe, der Einkehr und Sch\u00f6nheit! Sofern man nicht einen dieser f\u00fcnf Tempel besucht, den alle 1\u2018000 Touristen gleichzeitig auch besichtigen wollen. Das Motto in Kyoto ist f\u00fcr mich: Geh auf Nebenstrassen durch G\u00e4sschen und Strassen und suche dir Tempel am Stadtrand.<\/p>\n<p>Was ich dieses Jahr wieder f\u00fcr Neuentdeckungen gemacht habe! So wie letzten Sonntag, als ich eigentlich den Daikakuji besuchen wollte, in welchem nur alle 60 Jahre die kalligrafierten Sutren den Normalos zug\u00e4nglich gemacht werden. Und als ich in die N\u00e4he des Tempels kam, fragte ich mich, ob es vielleicht einen Unfall gegeben h\u00e4tte oder irgendetwas gratis zu bekommen sei: Schlangen von Bussen und Menschen \u00fcberall. So war f\u00fcr mich klar: Da werde ich heute nicht hingehen. Schwang mich wieder aufs Rad und fuhr tats\u00e4chlich nur einige Hundert Meter weiter und stiess auf einen sagenhaft sch\u00f6nen, verwunschenen und einsamen Tempel. Sehr sch\u00f6n gepflegt, mit viel Moos und einer kleinen, aber sehr feinen Buddhahalle. Und die Kanzeon, mein Lieblingsboddhissatva im Garten war einmal mehr sehr sch\u00f6n\u2026 So gehe ich fast jeden Tag in einen der Tempel oder G\u00e4rten, geniesse das Umgeben sein von solcher Sch\u00f6nheit und Sorgfalt, einfach unglaublich! Es macht etwas mit meinem Inneren\u2026<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat es auch damit zu tun, dass ich eigentlich nichts tun muss, ausser Japanisch lernen und kalligrafieren. Aber das alleine ist es nicht. Ich bin \u00fcberzeugt, dass es mit die Menschen ver\u00e4ndert, wenn Orte in einer Art und Weise gepflegt werden, dass sie aussehen, als k\u00f6nnten sie gerade exakt nur so aussehen, weil es einfach nichts hinzuzuf\u00fcgen oder wegzunehmen gibt. Und alles wirkt auf mich so nat\u00fcrlich. Nichts von franz\u00f6sischen bombastischen Louis XIV Anlagen, auch wenn das wieder eine andere Welt f\u00fcr sich ist.<\/p>\n<p>Aber es sind nicht nur die beschriebenen Orte an sich, sondern auch die Wege und Strassen dorthin, die ich wie immer mit dem Rad zur\u00fccklege: \u00dcberall komme ich an alten H\u00e4uschen vorbei (und nat\u00fcrlich auch an neuen), vor denen T\u00f6pfe mit Bonsais oder Blumen stehen, alles nat\u00fcrlich im japanischen Stil. Und die in Form geschnittenen B\u00e4ume \u00fcberall, die sch\u00f6nen Schriftzeichen und Schilder, die ich gr\u00f6sstenteils immer noch nicht lesen kann (auch wenn ich inzwischen vielleicht \u201eschon\u201c 15% verstehe).<\/p>\n<p>Was ich dieses Jahr etwas anders gemacht habe als die letzten Jahre, ist das h\u00e4ufigere Rumschlendern und auch mal alleine in ein Restaurant gehen. So war ich mutiger unterwegs und hatte kaum mehr das Gef\u00fchl, wie ich es die letzten Male h\u00e4ufiger hatte, dass ich irgendetwas falsch machen k\u00f6nnte. Ich war ganz einfach noch entspannter unterwegs.<\/p>\n<p>Der Jetlag war dieses Mal l\u00e4nger andauernd. So konnte ich selten vor 1 Uhr schlafen. Aber genoss es dabei, in dieser Zeit noch mehr \u00fcber Buddhismus zu lesen. Jedes Jahr erschliesst sich mir darin wieder etwas Neues. Und schlussendlich geht es ja darum, dieses alte Wissen heute in meinen Alltag zu \u00fcbertragen und zu leben.<\/p>\n<p>Das letzte Jahr war zeitweise schwierig und mit schmerzhaften inneren Prozessen verbunden. Und trotzdem konnte ich immer wieder den Sinn und mein m\u00f6gliches Wachsen darin sehen. Auch dank der Unterst\u00fctzung von FreundInnen und Hildegard. Angst und allerhand Sonstiges Loszulassen und ganz da sein, darin \u00fcbe ich mich immer wieder neu. Manchmal geduldig, manchmal mit viel Kraftaufwand und dem Gef\u00fchl des Feststeckens und nicht weiter kommen\u2026 Und dann dieser Aufenthalt in Kyoto, der meiner Seele so gut tut. Wo ich mich wieder als ganz erlebe, in meiner Kraft, im Verbunden-Sein mit dem Grossen. Das ist dann wie: \u201eAh, endlich\u2026 es geht ja auch anders.\u201c Diese geschenkte Leichtigkeit, das Gl\u00fccklich sein im Jetzt, das Wunder des Augenblicks! Wie oft habe ich mich danach gesehnt die letzten Monate\u2026 Und es wollte sich einfach nur schwer einstellen. Und nun ist es wieder da! Mit klarem, unverstelltem Blick den jetzigen Moment in seiner Ganzheit erleben. Die Verg\u00e4nglichkeit des Lebens um mich wahrnehmen und umso mehr die Kostbarkeit des jetzigen Augenblickes geniessen und sch\u00e4tzen. Es gelingt mir hier \u00f6fters, diesem SEIN n\u00e4her zu sein als im Alltag. Die \u00dcbung besteht darin, mich immer wieder daran zu erinnern und gerade JETZT da zu sein, wo immer ich bin. Nur das bleibt mir: gerade dieser Augenblick, jetzt.<\/p>\n<p>Die Japaner hat es diesen Sommer hart getroffen: Erst diese unertr\u00e4gliche Hitze und Feuchtigkeit im Juli und August, und dann, als etwas Abk\u00fchlung kam, der riesige Taifun vom 4. September, der die Gegend von Osaka, Kobe und Kyoto besonders hart getroffen hat. Solch einen Taifun g\u00e4be es nur alle 40 Jahre, wurde mir gesagt. Ganze Waldr\u00e4nder wurden flachgelegt, \u00fcberall umgest\u00fcrzte B\u00e4ume. Auch viele der Alten im Kaiserpalast zum Beispiel fielen dem Sturm zum Opfer. Viele der Wanderwege sind immer noch unpassierbar. Die Aufr\u00e4umarbeiten werden noch Monate dauern. So war ich dieses Jahr weniger in den H\u00fcgeln unterwegs. Ich habe ja immer eher am Stadtrand gewohnt und wollte es auch dieses Mal, aber ich fand nichts Passendes. Und so lernte ich auch die Vorteile kennen, wenn man so zentral wohnt. Der Supermarkt um die Ecke, die Bahnstation, wo ich Freundinnen treffen, kann gleich vor der T\u00fcr. Und trotzdem war mein Guesthaus ruhig und mit sch\u00f6nem Blick auf einen kleinen Tempel mit Friedhof. Was nat\u00fcrlich ein Muss ist, ist die N\u00e4he zum Kamofluss. Dort kann man von Nord nach S\u00fcd radeln, picknicken, lesen, joggen, Leute beobachten, ein Bier trinken\u2026 Das ideale Naherholungsgebiet!<\/p>\n<p>Das Kalligrafieren bei meiner Lehrerin war einfach auch wieder so gut! Ich liebe Kitagawasensei mit ihrer Liebensw\u00fcrdigkeit, Grossz\u00fcgigkeit und p\u00e4dagogischem Fingerspitzengef\u00fchl. Und die gemeinsamen Abendessen mit einigen ihrer Sch\u00fcler waren wie immer ein Erlebnis, auch kulinarischer Art! Meine Japanischlehrerin kenne ich nun schon drei Jahre, und sie ist einfach ein Gl\u00fccksfall! Da ein grosser Bedarf an Japanischlehrern in Kyoto besteht, konnte ich nicht die ganze Zeit \u00fcber bei ihr sein. Und lernte, dass es da ziemliche Unterschiede gibt.<\/p>\n<p>Dieses Jahr hatte ich zum ersten Mal das Gef\u00fchl, dass ich einiges mehr verstehen konnte und mir die Sprache immer fl\u00fcssiger \u00fcber die Lippen kommt. Es geht mit kleinen Schritten vorw\u00e4rts. Und nach wie vor habe ich sehr viel Freude am Lernen! So eine komplexe und vielschichtige Sprache. Es gehen immer wieder neue Welten auf f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Das Nebeneinander von Alt und Neu, Sch\u00f6n und Kitsch, heilig und nicht, geht hier ganz nat\u00fcrlich. So war zum Beispiel das Banjokonzert in einem Tempel, zu diesem ich zuf\u00e4llig stiess, ein solcher Anlass, den man so bei uns vermutlich kaum finden w\u00fcrde: Ein Japaner, der seit vielen Jahren in Tasmanien lebt, gab im sehr kleinen Rahmen ein Konzert. Ich besuchte eigentlich einen Garten und sah dann die Anschrift. In diesen Tempel hat man sonst gar keinen Zugang. Der M\u00f6nch, der dort lebt, scheint sehr offen zu sein und immer wieder mal solche Anl\u00e4sse zu erm\u00f6glichen. So sassen wir etwa zu zehnt in traumhafter Kulisse in diesem Tempel: Vorne der banjospielende, amerikanisch singende Japaner, hinten der wundersch\u00f6ne Innengarten mit Teich. Dazu der M\u00f6nch, der manchmal zur Musik wippte oder tanzte, Sp\u00e4sse machte mit dem kleinen M\u00e4dchen, das mit der Grossmutter da war. Ein Bild und Erlebnis f\u00fcr die Seele\u2026<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1300 size-full\" src=\"http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-005.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 864px) 100vw, 864px\" srcset=\"http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-005.jpg 864w, http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-005-300x200.jpg 300w, http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-005-768x512.jpg 768w, http:\/\/meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/vi_newsletter-06_05-005-840x560.jpg 840w\" alt=\"\" width=\"864\" height=\"576\" \/><\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich habe ich ein kleines Netz an Bekannten in Kyoto: Yurika, die S\u00e4ngerin und Freundin von Saki (die zurzeit in Deutschland studiert und darum sicher bald wieder sehe), Taka, den ich vom Pilgern her kenne, einige Leute vom Kalligrafieren und zwei Bekannte von meiner St. Galler Japanfreundin. So war es eine sch\u00f6ne Mischung aus alleine unterwegs sein und immer wieder mal jemanden treffen. Das Lustige war, dass die Physiotherapeutin meiner Schwester mit ihrer Partnerin ebenfalls in Kyoto war, zum ersten Mal. Und auch sie haben sich absolut in dieses Land verliebt! Das mit Menschen zu teilen, die diese Kultur sch\u00e4tzen und respektieren, war eine grosse Freude.<\/p>\n<p>Wenn ich dich\u00a0<em>gluschtig<\/em>\u00a0gemacht habe, ich kann es dir als Reiseland nur w\u00e4rmstens empfehlen. N\u00e4chsten Herbst werde ich wieder gehen, sofern Gott will. Und in zwei Jahren plane ich einen Aufenthalt von mehreren Monaten, sofern es von allen Stellen bewilligt wird.<\/p>\n<p>Nun schicke ich euch allen ganz herzliche, gl\u00fcckliche Gr\u00fcsse!<\/p>\n<p><strong>Monika Risse, November 2018<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Impressionen aus Japan Monika Risse, Kyoto im Oktober 2018 Warum ich immer wieder nach Kyoto gehe, werde ich oft gefragt. Um es vorwegzunehmen: Nein, ich habe keinen Liebhaber da! Und es gibt Stimmen, die sagen, ich w\u00fcrde es machen, damit ich unsere unglaublich riesige Hecke im Herbst nicht schneiden m\u00fcsste. 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