{"id":10951,"date":"2026-09-24T22:27:00","date_gmt":"2026-09-24T20:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=10951"},"modified":"2026-10-10T17:43:14","modified_gmt":"2026-10-10T15:43:14","slug":"weg-des-nada-dienst-ohne-erwartung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2026\/09\/24\/weg-des-nada-dienst-ohne-erwartung\/","title":{"rendered":"Weg des Nada \u2013 Dienst ohne Erwartung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe den Vertiefungsweg des Nada und werde von Gabriele Geiger-Stappel begleitet. Die Nada Vertiefungsgruppe trifft sich dreimal im Jahr zum gemeinsamen Sitzen, zum Dialog aus der Stille und zum Studium von Texten aus der Nada Tradition der christlichen Mystik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit September 2025 besch\u00e4ftigen wir uns mit Meister Eckhart, der die Haltung des Nada in seinem \u201eOhn Warum\u201c zusammenfasst. Am letzten Wochenende befassten wir uns mit der Predigt 28 zu Martha und Maria und mit der Verk\u00f6rperung der Nada Erfahrung im Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede und jeder aus unserer Gruppe lebt Nada auf eigene Weise, Im Folgenden meine Erfahrung aus einem Abschnitt in unserem Leben, der uns ersch\u00fcttert und bereichert hat:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben zwei jugendliche M\u00e4dchen aus dem Balkan bei uns in Pflegschaft aufgenommen. Ich kenne E., die J\u00fcngere, und I., die \u00c4ltere seit einigen Jahren aus der Schule, wo ich sie betreute und die siebenk\u00f6pfige Familie immer mal wieder unterst\u00fctzte.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Der Anfang<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war nachts um elf. Die T\u00fcrklingel. Ich schlief bereits, als mein Mann mich weckte:&nbsp;<em>\u201eE. und I. sind hier. Sie wollen nicht mehr nach Hause.<\/em>&#8220;<br>Ich wei\u00df noch, dass ich in diesem Moment nicht weit dachte. Zwei M\u00e4dchen standen vor unserer T\u00fcr. Sie brauchten ein Bett. Also machten wir ein Bett f\u00fcr sie.<br>Am n\u00e4chsten Morgen das erste Bild, das mich traf: Ihre Schuhe. Ordentlich nebeneinandergestellt auf der Treppe. So still. So sorgf\u00e4ltig. Etwas in mir \u00f6ffnete sich.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Was dann kam<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir erfuhren von physischer und psychischer Gewalt, die die beiden Jahre begleitet hatte. Es war E., die J\u00fcngere, die gesagt hatte:&nbsp;<em>\u201eIch gehe \u2013 egal ob allein oder zusammen.&#8221;<\/em>&nbsp;<br>Es folgten Gespr\u00e4che mit dem Jugendamt, Kontakt mit der Polizei, die uns des Kindesentzugs bezichtigte, Ungewissheit \u2013 und schlie\u00dflich die Entscheidung: Die M\u00e4dchen d\u00fcrfen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Was wir lie\u00dfen<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Erste waren unsere Zimmer. Wir r\u00e4umten sie aus und richteten sie neu ein \u2013 f\u00fcr die beiden.<br>Mein Mann lie\u00df seinen Schlaf &#8211; von dem Moment an, als die Verantwortung begann. Und ja, er lie\u00df das Badezimmer und richtete sich in der Toilette ein.<br>Ich lie\u00df meine Musik\u00fcbungen, meine Gymnastikmatte, den stillen Platz f\u00fcr die t\u00e4gliche Meditation. Ich lie\u00df das so genannte geordnete Leben.<br>Wir lie\u00dfen unsere Ruhe \u2013 und merkten irgendwann, dass wir sie nicht vermissten. Zumindest nicht sofort.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Der Alltag<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstaunlicherweise funktionierte das Zusammenleben. Die M\u00e4dchen halfen, sahen was zu tun war, waren r\u00fccksichtsvoll. Das h\u00e4tte ich nicht erwartet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Badezimmer wurde zum Sch\u00f6nheitssalon. Es fiel mir schwer, das zuzulassen und die Kontrolle \u00fcber den Zustand unserer Wohnung zu lassen. Unsere Essenszeiten und Essensgewohnheiten \u00e4nderten sich. Die K\u00fcche roch nach Nudeln in allen Variationen, nach D\u00f6ner und Pizza, nach Ketchup und Mayo. M\u00fclltrennung? Ein Projekt f\u00fcr sp\u00e4ter. Die Tonnen quollen \u00fcber. Ich \u00fcbte mich t\u00e4glich darin, die Kontrolle loszulassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die M\u00e4dchen wollten vor allem eins, sch\u00f6n sein und gesehen werden. Hinter all dem \u00c4u\u00dferen erkannten wir nach und nach, wie tief die Wunden waren. Eine Psychotherapeutin sprach von Verwahrlosung. Nicht b\u00f6se gemeint \u2013 aber das Wort sa\u00df. Mit viel Unterst\u00fctzung von au\u00dfen gelang es uns, Psychotherapie und psychiatrische Begleitung zu organisieren.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Die Krisen<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide M\u00e4dchen waren stark untergewichtig. Sie a\u00dfen unregelm\u00e4\u00dfig, manchmal nur eine einzige Mahlzeit am Tag. Gekocht wurde viel \u2014 gegessen wenig. Die Reste \u00fcbernahmen mein Mann und ich. Bei E. deutete sich fr\u00fch eine Essst\u00f6rung an. Mit I. kamen wir zweimal in die Notaufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als E. \u00fcber Haarausfall klagte, bestand ich darauf, dass sie einen Bluttest machen lie\u00df. Das Ergebnis f\u00fchrte zur sofortigen Einweisung in die Kinderklinik: ein chronischer, jahrelanger Eisenmangel. Der Arzt sagte uns, dass sie es unter normalen Umst\u00e4nden nicht \u00fcberlebt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Die Familie<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Tag verging ohne Anrufe, Drohungen, Versprechungen. Das Familiengericht hatte den Eltern das Sorgerecht entzogen und ein Kontaktverbot ausgesprochen \u2013 aber Verbote halten keine Handys auf. Die Ger\u00e4te klingelten Tag und Nacht. Die M\u00e4dchen konnten nicht widerstehen. Wir verstanden: Diese st\u00e4ndige Erreichbarkeit war kein Trost, sie war ein Sog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vater sagte zu I., er werde uns umbringen. <br>Wir lebten weiter.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Die Unterst\u00fctzung<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mich bis heute bewegt: Wie viele Menschen f\u00fcr uns da waren. Auch Gabriele und Bernhard Geiger-Stappel. Wenn die Wellen hoch waren, schrieb ich Gabriele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal schickte sie mir einen Satz aus der Bhagavadgita (zentrale Schrift des Hinduismus):<br><em>\u201eDu hast ein Recht auf die Handlung, niemals aber auf ihre Fr\u00fcchte. Lass die Fr\u00fcchte der<\/em> <em>Handlung nicht dein Motiv sein, aber verfalle auch nicht in Unt\u00e4tigkeit. Der Wert einer<\/em> <em>Handlung liegt nicht in ihrem Ausgang, sondern in der Reinheit ihrer Absicht<\/em>.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich las ihn. Dieser Satz war so etwas wie ein Leuchtturm in der Nacht f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Die Eskalation<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">I. wandte sich zunehmend wieder der Familie zu. Sie begann zu l\u00fcgen, zu verschleiern. E. wusste es \u2013 und litt schweigend darunter. Die Schwestern hatten trotz oder wegen ihrer symbiotischen Beziehung immer tiefere Konflikte. Es endete in einem Suizidversuch. E. wollte nicht mehr leben. In einem stillen Gespr\u00e4ch danach sagte sie mir, dass dieser Gedanke sie schon lange begleitete. Lange vor uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Jugendamt brachte I. in eine Jugendunterkunft. Am n\u00e4chsten Tag kehrte sie zu den Eltern zur\u00fcck.<br>E. blieb noch eine Woche. Dann hielt sie es ohne ihre Schwester nicht mehr aus.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Der Abschied<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir konnten die Schwestern nicht retten vor sich selbst, vor ihrer Familie, vor ihren eigenen Entscheidungen. Sie kehrten zur\u00fcck in ihre Herkunftsfamilie. Das, wof\u00fcr wir gesorgt und gehofft hatten, l\u00f6ste sich auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch.<br>F\u00fcr einige Monate standen ordentlich zwei Paar Schuhe auf unserer Treppe. F\u00fcr einige Monate wussten sie: Es gibt da Menschen. Ohne Bedingung. Ohne Berechnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt?<br>Der Dienst. Er war wahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gabi Schr\u00f6der<\/strong><br>Kontemplationslehrerin via integralis<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"571\" height=\"640\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Gabi-Foto.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11029\" style=\"width:182px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Gabi-Foto.jpeg 571w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Gabi-Foto-268x300.jpeg 268w\" sizes=\"auto, (max-width: 571px) 100vw, 571px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gehe den Vertiefungsweg des Nada und werde von Gabriele Geiger-Stappel begleitet. 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