{"id":11110,"date":"2026-10-29T22:16:00","date_gmt":"2026-10-29T21:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=11110"},"modified":"2026-10-26T23:55:46","modified_gmt":"2026-10-26T22:55:46","slug":"franz-und-einheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2026\/10\/29\/franz-und-einheit\/","title":{"rendered":"Franz und Einheit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Franz von Assisi (1181\/2 \u2013 1226)<\/strong> wird bis heute als \u00abverr\u00fcckter\u00bb Heiliger verehrt: Er umarmt Auss\u00e4tzige, erscheint Papst Innozenz im Traum als Retter der Kirche und sein Bettelorden verbreitet sich schon zu Lebzeiten explosionsartig in Europa. Er redet mit Tieren und schafft mit dem Sonnengesang das erste greifbare italienische Gedicht. Sein 800ster Todestag am 03. Oktober 2026 ist Grund genug, ihn zu erinnern.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hat Franziskus meditiert?&nbsp;<\/strong><br>Ich weiss es nicht. Hier deute ich einige seiner Lebensstationen bildhaft-allegorisch f\u00fcr die Kontemplationspraxis der via integralis, das Sitzen in Stille.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das g\u00f6ttliche Geheimnis ist f\u00fcr Franziskus nicht weit weg in den Himmeln, sondern konkret, hier, jetzt, auf dem Boden der Tatsachen. Eine moderne Ikone zeigt ihn zusammen mit der heiligen Klara in meiner Schweizer Heimat, dem Kanton Zug: Barfuss, V\u00f6gel in den H\u00e4nden, im Vordergrund der Zuger See mit tanzenden R\u00f6teln, dahinter die ber\u00fchmte Silhouette der Rigi mit Funkantenne zum Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine erste allegorische Deutung sei gewagt: <\/em><br><em>Auch <strong>Kontemplation ist immer konkret<\/strong>, findet im Alltag statt, auf dem nackten Boden der Tatsachen. Hier ist das Tor f\u00fcr die grosse Erfahrung.&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franziskus wird in eine erfolgreiche Kaufmannsfamilie geboren. In den italienischen St\u00e4dten bildet sich eine reiche b\u00fcrgerliche Oberschicht. Der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Vater w\u00e4hlt den Namen Franziskus, um den Handel mit Frankreich zu st\u00e4rken. Bildung, dolce vita, die Sicherheit eines b\u00fcrgerlichen Elternhauses, pr\u00e4gen die ersten Lebensjahre. Franziskus ist privilegiert. Er richtet sich ein im guten Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein zweiter Hinweis: <\/em><br><em><strong>Auch Kontemplierende sind privilegiert<\/strong>. Wir leben in einem der reichsten L\u00e4nder der Erde. Wir k\u00f6nnen es uns leisten, in Stille zu sitzen. In warmen R\u00e4umen, auf weichen Matten, die Hintern auf Baumwollkissen.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschichten des Rittertums inspirieren den J\u00fcngling Franziskus mit zwei Idealen. Einerseits der heroische Kampf f\u00fcr eine gerechte Sache \u2013 andererseits die Minne als \u00abgrosse Liebe\u00bb. Etwas setzt sich in seinem Herzen fest: Da muss es doch mehr geben als dieses privilegierte Leben. Eine Sehnsucht flackert in seinem Herzen auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine dritte allegorische \u00dcberlegung: <\/em><br><em>Kennen wir das nicht auch in unserer \u00dcbungspraxis? Dieses heroische Gef\u00fchl als Meditierende jemand ganz Besonderes sein zu wollen, jemand, der sich vor anderen Menschen auszeichnet? Manchmal sogar gepaart mit \u00dcberheblichkeit: Wie toll w\u00fcrde die Welt aussehen, wenn noch mehr Menschen so \u00fcben w\u00fcrden wie wir?!&nbsp;&nbsp;Zugleich erleben wir <strong>in den stillen Momenten auf dem Kissen, da ber\u00fchrt uns etwas<\/strong> \u2013 in Minne, ganz zart \u2013 was scheinbar nicht von dieser Welt ist. Wir \u00ablieben\u00bb diese \u00dcbung.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 20 Jahren zieht Franz in den St\u00e4dtekrieg mit Perugia. Hauen und Stechen, Mord und Totschlag. Schliesslich Verletzung, Krankheit, \u00fcber ein Jahr eingekerkert beim Gegner. Franz ist am Boden, am tiefsten Punkt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein vierter Transfer: <\/em><br><em><strong>Mitunter holt uns in den Perioden des Sitzens das ganze Elend der Welt ein<\/strong>. Da ploppt wie aus dem Nichts unser Lebenskampf auf, die Gewalt, der Schmerz von Niederlagen, die Dem\u00fctigungen, Schuld, Selbstzweifel. Jetzt gilt es standzuhalten, sitzen zu bleiben und dem, was sich da offenbart, nicht auszuweichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1207 gibt Franziskus in einem bewegenden Augenblick dem leiblichen Vater auf dem Domplatz von Assisi seine pr\u00e4chtigen Kleider zur\u00fcck. Er verl\u00e4sst seine bisherige Existenz und seine Rolle in der Gemeinschaft. Er steht buchst\u00e4blich nackt da.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein f\u00fcnfte \u00dcbertragung: <\/em><br><em>Als \u00dcbende haben wir immer unsere ganze Existenz dabei. Wir \u00fcben als gewordene Menschen. Doch das Fr\u00fcher n\u00fctzt uns nichts. Das, was wir einmal in der Welt und in der \u00dcbung erfahren haben, es z\u00e4hlt nicht. Sondern: <strong>Es geht darum nackt, Atemzug um Atemzug in diesen einen Augenblick einzuwilligen<\/strong>.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sinnkrise, Franziskus h\u00f6rt in St. Damiano den Ruf Jesu: \u00abBaue meine Kirche wieder auf.\u00bb Der verr\u00fcckte Heilige nimmt diesen Anruf w\u00f6rtlich. Mit den eigenen H\u00e4nden, Stein um Stein, renoviert er die verfallene Kapelle. In einer Begegnung mit dem Auss\u00e4tzigen f\u00e4llt er diesem um den Hals und erf\u00e4hrt: Er umarmt Christus selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Eine sechste Erkenntnis: <\/em><br><em>Kontemplation erm\u00f6glicht es, unseren Alltag zu heiligen. <strong>Der Alltag ist die wahre \u00dcbung<\/strong>. Beim Blumengiessen, in der Begegnung mit der knurrigen Nachbarin im W\u00e4schekeller, im m\u00fchseligen B\u00fccken und Putzen der Klosch\u00fcssel ist alles enthalten. Es fehlt nichts.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens kommt es anders und zweitens als Franz denkt. Die Bewegung um Bruder Franziskus und Schwester Klara w\u00e4chst rasant. Und die &#8220;Minderen Br\u00fcder&#8221; werden \u2013 entgegen dem Wunsch ihres Gr\u00fcnders \u2013 noch zu dessen Lebzeit ein kirchlicher Orden. Franz zieht sich zur\u00fcck, in die Stille der Natur. Und bricht auf, buchst\u00e4glich zu neuen Ufern. 1219, w\u00e4hrend des Kreuzzugs von Damiette, soll er in \u00c4gypten Sultan al-Kamil begegnet sein, dem F\u00fchrer des muslimischen Heeres. Eine Begegnung, die tiefe gegenseitige Wertsch\u00e4tzung und interreligi\u00f6ses Bewusstsein bei beiden er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als Siebtes: <\/em><br><em>In der via integralis kennen wir beides, das t\u00e4tige Leben und den R\u00fcckzug. Alltag und Kissen sind \u00dcbung. Die Kontemplationstage und -wochen, an stillen Orten, helfen integrieren. <strong>Scheinbar Gegens\u00e4tzliches vereint sich. Der Weg des Erwachens und der Integration<\/strong> bewirkt eine <strong>\u00d6ffnung f\u00fcr interreligi\u00f6ses Bewusstsein<\/strong> in wertsch\u00e4tzender Bewahrung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und er geschieht auch in Verantwortung f\u00fcr kommende Generationen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine letzten Lebensjahre sind gepr\u00e4gt von schwerer Krankheit. Franziskus erblindet. Er weiss, das nahende Ende, Bruder Tod, erwartet ihn. Und w\u00e4hrend dieser Leidenszeit entsteht der Sonnengesang. \u00abLaudato si\u00bb ist Gebet, Hymnus, Dank, Lobpreis, ein dichterisches Gewebe, in dem aus Sternen, Natur, Wind, Wasser, Feuer und Erde, F\u00fcrsorge, Leid, Tod, aus Allem, das g\u00f6ttliche Geheimnis spricht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein letzter Gedanke: <\/em><br><em><strong>In der Kontemplation lernen wir, Leben<\/strong>, alles Leben, ist Lobgesang. Und in allem offenbart sich das <strong>lebendige EINE<\/strong>. Es gibt keine Trennung zwischen Schwester Mond und uns. Eins mit Dir, Urgrund allen Seins \u2013 vermag eine Erfahrung aufzuleuchten: Dein ICH-Bin ist mein ICH BIN.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Christian Dillo<\/strong>, Zen-Meister, Abt und spiritueller Leiter das Boulder Zen Centers <strong>nennt diese Erfahrung ganz simpel &#8220;Lebendigkeit&#8221;:<\/strong>&nbsp;\u00abDas Gef\u00fchl des innigen Vertrautseins mit der Welt ist (also) unabh\u00e4ngig vom Erleben hoher Intensit\u00e4t oder grandioser Natursch\u00f6nheit. Lebendigkeit kann sich einstellen, wenn man das Gewicht eines Glases Wasser in der eigenen Hand f\u00fchlt, w\u00e4hrend man sich mit einer guten Freundin unterh\u00e4lt, oder wenn man auf einem Spaziergang den Fr\u00fchlingswind auf der Haut sp\u00fcrt. Lebendigkeit kann sogar zum Hintergrundempfinden all unseres Erlebens werden \u2013 es ist m\u00f6glich, uns in unserem Traurig- und Gl\u00fccklichsein gleichermassen lebendig zu f\u00fchlen\u00bb.<em>&nbsp;<\/em>(Dillo, der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit, S. 25)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Franziskus besingt diese Einheitserfahrung im Sonnengesang als \u00ablaudato si\u00bb.&nbsp;<\/strong><br>\u00dcbende der via integralis sagen mit Johannes vom Kreuz: Nada!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bernhard Lenfers Gr\u00fcnenfelder<\/strong><br>Kontemplationslehrer via integralis<br>Seelsorger St. Johannes Zug<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9086\" style=\"width:331px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo-300x225.jpg 300w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo-768x576.jpg 768w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Foto-Bernardo.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotos: Bernhard Lenfers Gr\u00fcnenfelder<br>Ikone: <em>Franziskus und Klara vor der Rigi<\/em> von Janina Zang<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz von Assisi (1181\/2 \u2013 1226) wird bis heute als \u00abverr\u00fcckter\u00bb Heiliger verehrt: Er umarmt Auss\u00e4tzige, erscheint Papst Innozenz im Traum als Retter der Kirche und sein Bettelorden verbreitet sich schon zu Lebzeiten explosionsartig in Europa. 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