{"id":2402,"date":"2018-05-15T10:40:44","date_gmt":"2018-05-15T08:40:44","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=2402"},"modified":"2020-06-18T12:05:56","modified_gmt":"2020-06-18T10:05:56","slug":"meditieren-mit-demenzkranken-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2018\/05\/15\/meditieren-mit-demenzkranken-menschen\/","title":{"rendered":"Meditieren mit Demenzkranken Menschen"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Schille<\/em><\/p>\n<h2>Kontemplation im Pflegeheim \u2013 Eine Anstiftung<\/h2>\n<p class=\"tm7\"><span class=\"tm13\">Gegen das Altern ist kein Kraut gewachsen. Das Alter setzt Grenzen. Die Kr\u00e4fte lassen nach und unerw\u00fcnschte G\u00e4ste melden sich: Einschr\u00e4nkungen der Beweglichkeit und Nachlassen der Sinneskraft. Der Geist ist nicht mehr so geschwind. Vergesslichkeiten nehmen zu. Neue Herausforderungen fehlen schon mal. Manchmal entsteht Langeweile. Besonders \u00e4ngstigend: der m\u00f6gliche Verlust der Selbst\u00e4ndigkeit. Entsteht Pflegebed\u00fcrftigkeit, f\u00fchlt man sich mit der nicht gewollten Abh\u00e4ngigkeit nicht selten \u00fcberfordert. Dazu M\u00fcdigkeiten, Schw\u00e4che, Krankheiten: Die Vorzeichen des Sterbens, die Boten des Todes stellen sich ein. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm12\"><span class=\"tm13\">Wenn so vieles abnimmt und verabschiedet werden mu\u00df, was man zeitlebens als sichere Ausstattung gewohnt war, ist das f\u00fcr manche die absolut schwerste Lebensphase. Viele, die <a id=\"aGoBack\"><\/a>damit konfrontiert sind, sp\u00fcren instinktiv, dass selbst das Leben kein Eigentum ist und aus den festhaltenden H\u00e4nden gleitet. Manche w\u00e4ren froh, es ginge schneller zu Ende. Doch Scheiden will gemeistert sein. Im Alter sehen sich Seele und Geist einem hohem Reifungsdruck ausgesetzt. Das \u201eIch\u201c erfindet sich neu als ein zutiefst Abschiedliches. Mit biographischen Retouren und Fotoalben allein ist es nicht getan. Ganzwerden im langsamem Verschwinden und Frieden finden im Weggehen und Sterben sind gro\u00dfe Aufgaben. Alt sein wird zu hoher Zeit. Rumsitzen ist zu wenig. Kinderspiele zu flach. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm12\"><span class=\"tm13\">Hier setzt unsere Erfahrung ein: Kontemplation kann ein wunderbarer Weg sein, aus dem \u201eSitzenm\u00fcssen\u201c einen Dienst zu entwickeln, das f\u00fcr manche langweilige D\u00e4umchendrehen in ein Dasein f\u00fcrs Ganze zu wandeln. Wir haben es ausprobiert. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm12\"><strong><span class=\"tm14\">Alte Menschen im Pflegeheim sitzen oft. Das ist der Ausgang.<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"tm12\"><span class=\"tm13\">Zusammen mit sechs Mitgliedern unserer Meditationsgruppe haben wir in Illingen 2010 ein mutiges Abenteuer begonnen. Wir begannen mit alten und dementiell erkrankten Menschen in einem saarl\u00e4ndischen Pflegeheim Kontemplation zu \u00fcben. Dabei entdeckten alle Beteiligten \u00dcberraschendes: Gemeinsame, gestaltete Stille kann selbst f\u00fcr dementiell erkrankte Menschen eine Hilfe sein, wenn sie von \u00dcbenden mit eigener kontemplativer Erfahrung begleitet wird. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm12\"><span class=\"tm13\">Was haben wir gemacht? Wir vereinbarten mit der Heimleitung einen monatlichen Termin f\u00fcr ein Kontemplatives Gebet. Das Haus stellte uns den Raum zur Verf\u00fcgung, wir brachten alle f\u00fcr die Kontemplation erforderlichen Utensilien mit: Gong, Texte und Lieder, einige Kissen und Matten f\u00fcr uns (die BewohnerInnen sa\u00dfen auf St\u00fchlen bzw. im Rollstuhl). Freiwillige Teilnahme der BewohnerInnen, soweit wir das feststellen konnten, war uns oberstes Prinzip, sowie das freundliches Ansprechen und die einladende Motivierung. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm12\"><span class=\"tm13\">Wir bereiteten uns in der Gruppe intensiv vor, auch auf die ver\u00e4nderte Kommunikation mit demenzkranken Menschen. Dann entwickelten wir f\u00fcr den monatlich geplanten Anlass ein einfaches und klares Rahmenprogramm von ca. 30-40 Minuten, vergleichbar mit einem \u00f6kumenischen Gebetsgottesdienst, allerdings mit 2x 10 Minuten gemeinsamer Stille. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\">Manche Aufgeregtheit im Vorfeld legte sich rasch in der immer gleich bleibenden Abfolge der immer gleichen Schritte des Betens, dem einf\u00fchrenden Singen, dem Klang des Gongs. Vor allem das mantrische Rezitieren im Kontext der Kontemplation (u.a. das Bruder-Klaus-Gebet) f\u00fchrte zu konsistenten inneren Erlebnisverl\u00e4ufen und Erfahrungen bei Menschen, die sich sonst in ihrer aktuellen Lebensphase keine einzige Geschichte aus mehreren S\u00e4tzen mehr einpr\u00e4gen k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm6\"><em><span class=\"tm8\">Beeindruckend die Reaktionen einer schwerst demenziellen alten Dame w\u00e4hrend eines solchen Anlasses im Laufe der ca. 30 Minuten: \u201eIch habe solche Angst!\u201c Dann nach einigen Minuten \u201eIch will heim!\u201c. Nach einer weiteren Weile: \u201eIch will zu meinem Papa!\u201c Dann hellt sich der suchende und verlorene Gesichtsausdruck auf: \u201eIst das so sch\u00f6n!\u201c Sie l\u00e4chelt. Dann sagt sie froh: \u201eJetzt bin ich daheim!\u201c Eine Pflegekraft, welche der Szene aus der Ferne zusieht, beginnt zu weinen. \u201eIch wu\u00dfte nicht, was war, aber ich war so ger\u00fchrt!\u201c, sagt sie sp\u00e4ter. <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\">Es wurde deutlich: Die klare und einfache Struktur des Kontemplativen Gebets, die von den Freiwilligen gehalten wird, nimmt auch Kranke mit, deren mentale Kontrolle durch das innere Chaos dramatisch aufgehoben ist; sie bekommen von au\u00dfen Halt durch die gestaltete Mitte im Raum und die Rituale, und erhalten \u2013 wenigstens partiell \u2013 in je verschiedener Weise Zugang zur eigenen inneren Mitte, aus der haltgebende Sicherheit wachsen kann. Auf diese Weise kann Angst schwinden und es ist m\u00f6glich dabei zu bleiben, ohne zu sehr aus der Reihe zu tanzen, sich zu exponieren und den \u201enegativen\u201c (abwehrenden, einschr\u00e4nkenden) Reaktionen der Bezugspersonen ausgesetzt zu sein. Mancher f\u00fchlt sich den nicht mehr steuerbaren Impulsen von innen weniger ausgeliefert. Das nicht beherrschbare Drauflosreden nimmt ab und verstummt gar. Kontemplation er\u00f6ffnet einen Zugang zu erstaunlichen, weil im Alltag nicht (mehr) gesehenen und bewussten Ressourcen. Trotz mentaler Verwirrtheit erlebten wir bei vielen eine eindrucksvolle Wachheit und eine anr\u00fchrende Pr\u00e4senz. Verhaltensweisen, die gew\u00f6hnlich als st\u00f6rend beschrieben werden wie z.B. das unkontrollierte Weglaufen, gewinnen Struktur und werden zum Pendeln zwischen Au\u00dfen und \u201eInnenwelt\u201c: <\/span><\/p>\n<p class=\"tm6\"><em><span class=\"tm8\">Die Weglaufende ging zur T\u00fcr und fasste die Klinke, schaute auf die stille Runde zur\u00fcck, schaute auf die Klinke, kam wieder zur\u00fcck in die Runde und statt wie immer durch die T\u00fcr zu verschwinden, kehrt sie auf ihren Platz zur\u00fcck und setzt sich nieder. Das geschulte Fachpersonal staunte. Auch wir waren sprachlos. <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\">Und immer wieder hatten wir Grund zum Staunen. Insgesamt zweieinhalb Jahren konnten wir dieses Angebot im Pflegeheim durchf\u00fchren. Inzwischen haben sich Dinge ver\u00e4ndert, und das Angebot wurde wieder eingestellt. Aber es ver\u00e4nderte nachhaltig meine Sicht auf das Schicksal von demenzkranken Menschen. Und ich bin heute \u00fcberzeugt: Kontemplation schafft auch f\u00fcr alte Menschen einen Raum f\u00fcr essentielle Reifung und hilft auch im Pflegeheim mit W\u00fcrde zu leben. <\/span><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\">Nat\u00fcrlich mu\u00df vieles bedacht und achtsam vorbereitet sein, damit die Beteiligten sich auch bei Schwierigkeiten nicht vorschnell auf alte Vorurteile zur\u00fcckziehen: \u201eDas geht halt nicht\u2026\u201c. Eine gro\u00dfe Unterst\u00fctzung ist es, wenn noch geistig starke alte Menschen bereit sind, zusammen mit dementiell Erkrankten zu kontemplieren. Unser Projekt ist gelungen. Unsere Erfahrungen haben wir in einem kleinen Reader zusammengefasst, der leider vergriffen ist. Eine zweite, erweiterte Auflage ist in Vorbereitung. Der Titel: Bernd Schille, kontemplativ \u2013 Eine Anstiftung.<\/span><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\">Man kann die kleine Brosch\u00fcre gegen Selbstkostenpreis bei mir bestellen: Ich freue mich auch auf R\u00fcckmeldungen und Fragen. <\/span><\/p>\n<p><strong>Bernd Schille, Mai 2018<\/strong><\/p>\n<p class=\"tm6\"><span class=\"tm7\"><strong>Kontakt:<\/strong> Bernhard Schille und Christiane Singer-Schille<br \/>\n<\/span><strong><span class=\"tm7\">Email: <\/span><\/strong><a href=\"mailto:zentrum.kontemplation@gmail.com\"><span class=\"tm7\">zentrum.kontemplation@gmail.com<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Schille Kontemplation im Pflegeheim \u2013 Eine Anstiftung Gegen das Altern ist kein Kraut gewachsen. Das Alter setzt Grenzen. 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