{"id":2433,"date":"2017-05-23T18:14:38","date_gmt":"2017-05-23T16:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=2433"},"modified":"2020-06-18T12:23:45","modified_gmt":"2020-06-18T10:23:45","slug":"natsnet-eine-frau-aus-eritrea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2017\/05\/23\/natsnet-eine-frau-aus-eritrea\/","title":{"rendered":"Natsnet &#8211; eine Frau aus Eritrea"},"content":{"rendered":"<p>Seit September 2016 wohnt sie die Woche \u00fcber bei mir. Natsnet ist 20. Ihr Name bedeutet auf Tigrinya, der Sprache Eritreas: Freiheit. Sie ist drei Jahre nach Beendigung des B\u00fcrgerkriegs 1993 geboren. Ihr Vater Mehari, ca. 60 Jahre alt, soll eine Schule geleitet haben. Die Mutter Senait ist etwas j\u00fcnger als er. Sie hat 7 Kinder zur Welt gebracht. Sie ist Analphabetin. Auf ihrer Stirn ist ein blaues Kreuz eint\u00e4towiert, das sie als Christin kennzeichnet.<br \/>\nDer Vater geht t\u00e4glich in den Deutsch-Integrationskurs und zur Kirche. Ausser zur Kirche &#8211; die Orthodoxen d\u00fcrfen hier oft katholische Kirchen mitbenutzen &#8211; f\u00e4hrt er nach Bern, um die zweij\u00e4hrige Abrehet, Yaldiyans, eine der Schwestern Natsnets, uneheliche Tochter zu h\u00fcten &#8211; sie lebte \u00fcber ein paar Jahre mit einem \u00c4thiopier zusammen, sie wollten heiraten &#8211; da verabschiedete er sich zugunsten einer Landsm\u00e4nnin und kehrte nach \u00c4thiopien zur\u00fcck. Jetzt ist sie allein und wohnt mit Abrehet in einer Berner Vorortsgemeinde. Eine S\u00fcdamerikanische Tagesmutter hilft aus, wenn Yaldiyan zur Arbeit oder zur Schule muss. Sie hat nach einer Anlehre im Altersheim die dreij\u00e4hrige Lehre zur K\u00f6chin begonnen und steht im dritten Ausbildungsjahr, kurz vor Abschluss. Sie freut sich, dass sie bald nicht mehr vom Sozialamt abh\u00e4ngig sein wird.<\/p>\n<p>Das ist auch Natsnets Vision &#8211; ihr Traum: Ja,ich kann es schaffen! Der Ehrgeiz ist gross, fast unerm\u00fcdlich lernt Natsnet und eignet sich Neues an. Deswegen sind die Eltern hierhergekommen. Sie sitzen in ihrer 4-Zimmerwohnung, der TV l\u00e4uft, auf diese Art sind sie erstaunlich informiert \u00fcber alles, was auf der Welt so geht. Den Schweizer Sender bekommen sie aus irgendeinem Grund nicht. Die k\u00e4rglich eingerichtete Wohnung ist in der Stube mit einem grossen Marienposter geschm\u00fcckt, hellblauer Mantel, eine weisse Madonna. Auch deswegen m\u00f6chte ich gerne einen zweiten Anlauf nehmen und wenigstens Natsnet, lieber auch ihren Eltern, die schwarze Maria von Einsiedeln zeigen. \u2013 Mehari meinte anfangs kopfsch\u00fcttelnd: Ich lebe alleine? Habe nur ein Kind? Ich habe eine gute Bildung, das heisst ich bin gl\u00fccklich, es kann mir doch gar nichts fehlen!<\/p>\n<p>Natsnet hat in der Zwischenzeit sehr wohl gemerkt, was unsere westlichen Probleme sind. Sie hatte fr\u00fcher Agronomie studiert, hat sich hier auf eigene Faust an der Kantonsschule (Gymnasium) Solothurn gemeldet und wurde probehalber f\u00fcr 5 Monate im naturwissenschaftlichen Zweig aufgenommen. Es stellte sich heraus, dass sie sprachlich nicht mitkam und ausserdem einen Schulweg t\u00e4glich von \u00fcber drei Stunden zur\u00fccklegen musste. Sie durfte im Herbst 2016 mit den an der Fachmittelschule FMS, einer eigenen Abteilung der Kantonsschule, neu beginnenden 16-j\u00e4hrigen Sch\u00fclern starten.<br \/>\nNatsnet hat das Zimmer unserer Tochter bezogen, die jetzt in Bern studiert. Ich selber komme etwas unregelm\u00e4ssiger zum stillen Sitzen, helfe daf\u00fcr bei der Unterscheidung von Masse und Gewicht oder einer Powerpoint Pr\u00e4sentation \u00fcber den tropischen Regenwald.<br \/>\nWir waren zusammen im Film \u201eDie g\u00f6ttliche Ordnung\u201c. Was wir heute in der Schweiz einigermassen an Gleichberechtigung von Frau und Mann erreicht haben &#8211; dem ging ein langer Kampf voraus. Das hat sie gut verstanden.<\/p>\n<p>Natsnet weihte mich ein, warum sie ihren Freund sch\u00e4tzt: er hat nichts dagegen, dass sie eine Ausbildung macht. Eritreische Frauen sind heute generell noch daheim am Herd und kochen stundenlang enjera mit Gem\u00fcsepaste. Enjera ist eine Art Pfannekuchen aus saurem Teig, von dem ein Rest immer stehen gelassen und dann weiterverwendet wird. Sie haben tausend aufgeplatzte Bl\u00e4schen an der Oberfl\u00e4che. Man reisst einh\u00e4ndig ein St\u00fcck ab und verpackt einh\u00e4ndig die Fleischsauce oder das Gem\u00fcse darin zu einem mundgerechten Happen. Finger abschlecken ist am Ende der Mahlzeit erlaubt.<br \/>\nDas Kaffeetrinken ist eine Zeremonie: es werden bei Tisch auf einem kleinen \u00d6fchen Kaffeebohnen ger\u00f6stet, diese dann in ein K\u00e4nnchen gegeben, in welchem Wasser aufgekocht wird. Das alles macht die Mutter, auf einem niedrigen Schemelchen sitzend. Der erste st\u00e4rkste Sud ist f\u00fcr die M\u00e4nner und den Besuch, der zweite schw\u00e4chere f\u00fcr die Frauen und der dritte evtl. f\u00fcr die Kinder. Es besteht eine sehr strenge Haltung gegen\u00fcber Genussmitteln und Angst vor ihrem Suchtpotential. So hat Natsnet erst vor Weihnachten bei mir ihren ersten kleinen Schluck Alkohol getrunken.<\/p>\n<p>Die erste romantische Phase ist vorbei von: <em>J\u00f6h, du hast einen Fl\u00fcchtling bei dir aufgenommen! So gut!<\/em><br \/>\nDas Vertrauen wuchs in Millimeterschritten im Laufe des letzten \u00be Jahres. Ich erfahre bei fast jeder Begegnung etwas Neues aus ihrem Leben oder aus der Geschichte der Familie oder des Landes Eritrea. Es sind kleine Geschenke, die ich nicht erzwingen kann. Ich habe den Platz einer Mama Regina, beim Vater habe ich die Stellung einer Grossmutter &#8211; so oder so zur Familie geh\u00f6rig.<br \/>\nAber Natsnet ist, bei aller Reife, noch jung, auch noch ein Kind. Einmal waren wir zusammen im Winter auf dem Weissenstein, unserem Hausberg. Ich fragte sie nicht, aber auf der Talfahrt in der Sechsergondel sagte sie, sie h\u00e4tte schon ein bisschen Angst gehabt. Oben spazierten wir zum Hinterweissenstein, dort gab\u2019s Kaffee und ein St\u00fcck Zopf.<br \/>\nSie ist sehr anspruchslos in ihrem Essen. Spart auch, denn die Leistungen des Sozialamts sind knapp bemessen. So koche ich meistens am Vortag so viel, dass sie sich etwas mitnehmen und \u00fcber Mittag im Mikrowellenger\u00e4t an der Schule w\u00e4rmen kann.<br \/>\nSie kauft auch ab und zu selber ein: es gibt da wohl noch Verbesserungspotential. Grosse Laibe weissen Brotes vom Aldi, einen 5-Kilosack Kartoffeln. Meine K\u00fcchenorganisationsf\u00e4higkeiten sind gefragt, da ich nicht gerne verdorbene Lebensmittel wegwerfe und andererseits gerne ausgewogen koche.<br \/>\nIch lege ihr morgens eine Banane, N\u00fcsse oder einen Apfel hin zum z\u2018 N\u00fcni. Sie geht oft ohne Fr\u00fchst\u00fcck los, vielleicht eine Milch mit Kaffee.<\/p>\n<p><em>Anmerkung:<br \/>\n\u2022 Ausser Natsnet tr\u00e4gt keine der genannten Personen den hier verwendeten Namen.<br \/>\n\u2022 Dieser Beitrag ist eine gek\u00fcrzte Fassung. Den vollen Artikels k\u00f6nnen Sie auf www.meditieren-fuer-eine-friedliche-welt.org lesen, inkl. Literaturangaben und einer aktuellen Information des SEM, Staatssekretariat f\u00fcr Migration in Bern)<\/em><\/p>\n<p><strong>Regina Gr\u00fcnholz, Mai 2017<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit September 2016 wohnt sie die Woche \u00fcber bei mir. Natsnet ist 20. Ihr Name bedeutet auf Tigrinya, der Sprache Eritreas: Freiheit. Sie ist drei Jahre nach Beendigung des B\u00fcrgerkriegs 1993 geboren. Ihr Vater Mehari, ca. 60 Jahre alt, soll eine Schule geleitet haben. Die Mutter Senait ist etwas j\u00fcnger als er. 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