{"id":4581,"date":"2021-05-21T01:05:00","date_gmt":"2021-05-20T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=4581"},"modified":"2021-05-16T23:42:12","modified_gmt":"2021-05-16T21:42:12","slug":"was-ist-was-kann-was-will-die-via-integralis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2021\/05\/21\/was-ist-was-kann-was-will-die-via-integralis\/","title":{"rendered":"Was ist, was kann, was will die via integralis?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\"><strong>Regula Tanner und Markus Heil im Gespr\u00e4ch mit Niklaus Brantschen zum Thema der Jahresversammlung am 19.01.2021<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Wir schauen an diesem Wochenende zur\u00fcck auf unsere Geschichte und verbinden uns mit den Wurzeln der via integralis. Du, Niklaus, hast zusammen mit Pia Gyger 2004 die via integralis ins Leben gerufen. Damals startete der erste Lehrgang. Nun bist du hier \u2013 15 Jahre sp\u00e4ter \u2013 auf unserer Jahresversammlung, zusammen mit 50 Lehrerinnen und Lehrern aus vier verschiedenen Lehrg\u00e4ngen &#8211; und das in einer aufregenden Zeit: rundum ist die Welt in Aufruhr durch einen Virus und politisch &#8211; so sieht es aus &#8211; bleibt kein Stein mehr auf dem andern. <strong>Was besch\u00e4ftigt dich in dieser Zeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Regula, danke dir f\u00fcr diese Frage. Bevor ich jedoch darauf eingehe, m\u00f6chte ich zu deinem Stichwort <strong>Wurzel<\/strong> und Ursprung und zum Titel eurer Tagung etwas sagen. Du hast zu Recht gesagt, der urspr\u00fcngliche Titel war, \u201ewas kann, was will die vi\u201c und gestern im Vorgespr\u00e4ch haben wir dann noch hinzugef\u00fcgt: \u201eWas ist die via integralis?\u201c Und da sage ich: Die via integralis seid ihr! Sie steht und f\u00e4llt mit den Menschen, die sich auf diesem Weg \u201evia\u201c der Integration bewegen. Die Wurzeln der Idee, die liegen lange zur\u00fcck. Schon in den 80-iger Jahren haben Pia und ich am Strand von Kamakura\/Japan, am Meer spazierend, uns dar\u00fcber die ersten Gedanken gemacht. Und ich finde es sch\u00f6n, dass wir die Wurzeln bedenken. Denn es gibt das sch\u00f6ne Wort bei Paulus <em>\u201eNicht du tr\u00e4gst die Wurzel, die Wurzel tr\u00e4gt dich\u201c<\/em> (R\u00f6m 11,18). Das bezieht sich zun\u00e4chst auf die j\u00fcdische Tradition, auf der das Christentum ruht; und das bezieht sich bei uns auch auf die Tradition des Zen, die uns vom Osten geschenkt ist und die uns pr\u00e4gt, in der wir verwurzelt sind. Sp\u00e4ter in den 2000-er Jahren haben wir dann diese kleine Schule mit so grosser Hoffnung gegr\u00fcndet.<br>Jetzt zu deiner Frage im Blick auf heute. Was besch\u00e4ftigt mich in dieser Zeit? Mir scheint, es ist wirklich ein <strong>Leben im Provisorium<\/strong>, eine H\u00e4ngepartie, nenne ich das. Man weiss nicht, was noch kommt. Und das positiv formuliert, das Virus hilft uns, so zu leben, als lebten wir nicht, so zu planen, als planten wir nicht, so uns auf die Zukunft hinzubewegen, als bewegten wir uns nicht.<br>Dieser Gedanke stammt von Paulus, aber er ist auch in andern Traditionen bekannt, ich denke an <em>inschallah <\/em>\u2013 also so Gott will oder im Jakobusbrief: \u201eSage nicht, ich werde dies oder jenes tun, sondern: wenn Gott will, werden wir noch leben und dann dies und jenes tun&#8230;\u201c (Jak 4,15) \u2013 kurz gesagt: Provisorium, leben ohne zu wissen, wo das hinf\u00fchrt, planen ohne zu wissen, ob die Pl\u00e4ne so, wie wir das gerne h\u00e4tten, realisierbar sind. Das ist heilsam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke in letzter Zeit \u00f6fters an Bernie Glassman, der Pia und mir Inka Sh\u00f4mei<sup>1<\/sup> gegeben hat. Bei ihm ist eine der 3 Essenzen des Zen das \u201eNot knowing\u201c, das Nichtwissen. Ich verstehe heute immer mehr, was das heisst. Es ist nicht das Noch-Nicht-Wissen, ich werde es wissen, wenn ich mehr studiere. Sondern es ist ein radikales Nicht-Wissen. Es geht um eine Erfahrung, nach der man unterscheiden lernt, zwischen Sicherheit und Gewissheit. Ich bin mir gewiss, dass es gut ist \u2013 aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin nicht sicher, wie es weitergeht \u2013 aber ich habe die Gewissheit und jetzt christlich gesprochen die Heilsgewissheit, oder Zen-m\u00e4ssig, dass es gut ist, wie es ist:<br>Ja, es ist gut! Jeder Tag ein guter Tag, nicht nur das: auch jeder halbe Tag und jede Stunde und auch diese Stunde. So gesehen ist es eine Chance genau das zu lernen, was es heisst \u201eich weiss nicht, aber ich habe eine Gewissheit\u201c. Diese Gewissheit sollten wir leben und ausstrahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Hast du den Eindruck, <strong>die Welt \u2013 oder wir: lernen wir etwas aus dieser Krise?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: <em>Ich <\/em>versuche, etwas zu lernen. Die grosse Welt, ja, wenn es schmerzvoll genug ist, wenn es ans Lebendige geht, dann kann allenfalls etwas einge\u00fcbt, gelernt werden. Aber im Allgemeinen lernen wir nur, wenn wir es auch tun. Also was jetzt in dieser sogenannten Corona-Zeit praktiziert wird, Homeoffice, weniger Fliegen, weniger Herumreisen, das wird gleichsam einge\u00fcbt f\u00fcr die Zukunft. Ja; ich kann mir vorstellen, dass etwas von dem nachher auch bleibt. Wer weiss?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Also wenn ich dir zuh\u00f6re, dann sagst du, die Welt muss lernen, wieder bescheidener zu werden im Umgang mit den Ressourcen. Oder <strong>gibt es noch mehr, was uns diese Krise vielleicht lehren kann?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Das eine habe ich schon gesagt, dass das Planen nicht bedeuten soll, alles inklusive der Zukunft im Griff zu haben. Wenn uns jemand vor einem Jahr gesagt h\u00e4tte, wie komisch wir jetzt da unterwegs sind, nicht wie geplant in Wislikofen, sondern virtuell jeder zu Hause vor seinem Bildschirm sitzend, dann h\u00e4tten wir gesagt, geht\u2019s dir noch. Aber an solche Unsicherheiten und Unw\u00e4gbarkeiten werden wir uns gew\u00f6hnen m\u00fcssen; und wer weiss, wovor wir uns in Zukunft noch sch\u00fctzen m\u00fcssen. Es ist nicht absehbar. Und insofern kann ich nur sagen, bleiben wir offen und verlieren wir das Hoffen nicht, offen und hoffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Markus: Niklaus, ich m\u00f6chte auf das <strong>Verh\u00e4ltnis der via integralis zu den christlichen Kirchen<\/strong> zu sprechen kommen. Nicht wenige von uns besch\u00e4ftigen sich beruflich oder ehrenamtlich in der Kirche, zahlreiche Kontemplationsgruppen treffen sich in kirchlichen R\u00e4umen. Das Verh\u00e4ltnis ist nicht immer einfach. Es erinnert an alte Konflikte, welche die Mystik in der Amtskirche immer wieder ausgel\u00f6st hat. Wie siehst du heute dieses Verh\u00e4ltnis zwischen Stille und kirchlich organisiertem Glauben? Wie bist du damit umgegangen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Ein wichtiger Schl\u00fcssel liegt in der Information und Transparenz. Ich kann nur sagen, meine Politik gegen\u00fcber meinem Orden war: Informieren, informieren, informieren. Zum Beispiel: Wenn ich im Sommer in Japan war, habe ich immer einen ausf\u00fchrlichen Brief an die Mitbr\u00fcder in der Schweiz geschrieben, habe genau informiert, was ich tue, was wir dort tun, was an Begegnungen m\u00f6glich ist. Ich habe die Jesuiten miteinbezogen. Sp\u00e4ter habe ich Pater Lassalle nach Sch\u00f6nbrunn eingeladen, immer im Januar jeweils f\u00fcr 2 Wochen. Er hat in unserer Jesuiten-Kommunit\u00e4t gewohnt. Die Begegnung mit ihm und meine Informationen haben Angst abgebaut. Angst entsteht da, wo man nicht weiss, was alles gemacht wird. Und an einem bestimmten Punkt habe ich gemerkt, ich kann nicht erwarten, dass sie meine Projekte unterst\u00fctzen, wenn sie nicht abgeholt werden, da wo sie sind. Wir k\u00f6nnen vor allem eins: den Leuten sagen, kommt und seht! Und wenn sie nicht kommen und schauen, informieren wir wenigstens, so machen wir\u2019s&#8230; und dann braucht es auch etwas Charme! Mit einem L\u00e4cheln, nicht stur, den eigenen Weg gehen, den Weg der Integration. Wir geben ihnen zu verstehen, ihr seid ja wirklich bl\u00f6d, wenn ihr dieses wunderbare Instrument des Sitzens in Stille nicht aufnehmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Niklaus, wir waren vorher schon kurz mit dir am Strand von Kamakura. <strong>Was bedeutet dir Japan?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Japan ist buchst\u00e4blich das Land der aufgehenden Sonne! Wenn ich mich jetzt an Japan erinnere, dann kommt das sch\u00f6ne Land zuerst. Ein Aufstieg in der Nacht auf den Fuji, um den Sonnenaufgang zu erleben. Zusammen mit einem Freund waren wir die ganze Nacht unterwegs&nbsp; und kamen bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel an. Und dann zu sehen, wie die Japaner beim Shint\u00f4-Schrein mit gefalteten H\u00e4nden die Sonne begr\u00fcssten, da wurde mir deutlich, warum die Japaner die Sonne im Wappen haben, diese rote Kugel, und warum sie shintoistisch gepr\u00e4gt sind, ganz eng verbunden mit der Natur. Oder ich erinnere mich an Nikko, diese wundersch\u00f6ne Stadt n\u00f6rdlich von Tokyo. Es gibt ein Sprichwort: \u201eSage nicht nekko, bevor du Nikko gesehen hast\u201c. Sage nicht sch\u00f6n, bevor du Nikko gesehen hast. Die Erinnerung an den Nationalpark von Nikko, wo Pia und ich mit dem letzten Geld, das wir hatten, wunderbar Z\u00fcrcher Geschnetzeltes mit R\u00f6sti gegessen haben, und wir festgestellt haben, die Japaner sind Meister im Kopieren; sie kopieren alles, von der westlichen K\u00fcche bis zu den Produkten der westlichen Industrie. Das f\u00e4llt mir ein. Und wenn ich jetzt umgekehrt schaue, was wir in Japan \u00fcber diese wunderbare Natur hinaus gelernt haben, dann ist es der Weg der Stille und die Kultur der Stille, wie es Graf D\u00fcrkheim formuliert hat, die in Japan wirklich gef\u00e4hrdet ist. Yamada Roshi, unser Lehrer, hat gelegentlich gesagt, in Japan stirbt das Zen, es wird aber ver\u00e4ndert durch Amerika und Europa wieder zur\u00fcckkehren. Also mit andern Worten, wir k\u00f6nnen das Zen von Japan lernen, aber wir m\u00fcssen es nicht 150 prozentig japanisch machen, sondern k\u00f6nnen es in westlicher Weise tun. Zum Beispiel m\u00fcssen wir nicht immer schon um 4 Uhr aufstehen, wenn wir eine Zen-Woche machen, es gen\u00fcgt vielleicht auch erst um halb 6Uhr.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Dennoch stellt sich die Frage, <strong>wie viel Japan braucht die via integralis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Wenn wir uns darauf besinnen, was Zen in seinem Kern meint, dann ist es die \u00dcbung, das Sitzen in Stille:&nbsp; ohne Worte, ohne Begriffe, jap.: <em>munen muso<\/em> und an diesem Punkt d\u00fcrfen wir keine Abstriche machen. Wir sind keine via integralis, wenn wir dieses Herzst\u00fcck der Zen-Meditation nicht ernst nehmen! Das war eine Diskussion \u2013 ich kann mich sehr gut erinnern \u2013 bei der Konzeption der via integralis, ob wir das Herzensgebet, das ich einige Zeit intensivst praktiziert habe, f\u00fcr die via integralis als Element dazu nehmen sollen. Und wir sind zur \u00dcberzeugung gekommen, nein. Die via integralis verbindet Zen mit christlicher Mystik, und wenn Zen, dann Zen und wenn Sitzen, dann Sitzen und wenn Schweigen, dann Schweigen, und wenn ohne Begriffe, dann eben ohne Begriffe, da gibt\u2019s keine Abstriche. Da bin ich inzwischen noch klarer als fr\u00fcher. Also nicht ein bisschen Sitzen und ein bisschen Denken.<br>Ich habe f\u00fcr die Zeitschrift \u201ereformiert Punkt\u201c ein Interview gegeben, und sie wollten wissen (die Reihe heisst \u201eder andere Blick\u201c), was ich denn \u201esehe\u201c im Zen. Und ich gab zu Protokoll: \u201eIch sehe mit offenen Augen Nichts!\u201c Dieses Nichts ist unaufgebbar, also nicht ein bisschen denken, denn ein bisschen denken, ist halt doch denken. Ein bisschen schwanger ist schwanger. Also \u201eNICHTS\u201c &#8211; aber das mit ganzem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Markus: Kannst du, Niklaus, noch etwas \u00fcber <strong>dein neuestes Buch <\/strong>sagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Das neueste Buch tr\u00e4gt den Titel \u201eGottlos beten\u201c und wird im Herbst bei Patmos erscheinen. Es geht aus von folgender Begebenheit. Ich hatte einen Vortrag in Z\u00fcrich f\u00fcr einen Wirtschaftsklub \u00fcber Meditation, viele Jahre sind das her. Am Schluss fragte ein Anwesender: \u201eKann ein Atheist meditieren?\u201c Und ich sagte, ja, er kann. Entweder h\u00f6rt er auf zu meditieren oder er h\u00f6rt auf Atheist zu sein.<br>Diese Frage hat mich auch im Blick auf den Buddhismus immer wieder besch\u00e4ftigt: k\u00f6nnen Buddhisten beten und wenn ja, wie tun sie das? Sie beten n\u00e4mlich, wenn ich sehe, wie sie sich vor dem grossen Buddha in Kamakura verneigen, still stehen oder in einem Tempel am Boden sitzen\u2026 sie beten einfach anders als wir, aber wie? Das ist das Thema des Buches.&nbsp;<br>Dazu ein weiteres Beispiel, damit es konkret wird: Albert Camus Roman \u201eDie Pest\u201c. Ein Buch, das in der Pandemie w\u00e4hrend der ersten Welle wieder neu entdeckt wurde, weil es genau beschreibt, was bei einer Pandemie, hier ist es die Pest, konkret in einer Stadt in Algerien geschieht: die Unsicherheit, die Unm\u00f6glichkeit, Leute anst\u00e4ndig zu beerdigen mit der n\u00f6tigen Ruhe, die \u00dcberforderung der \u00c4rzte und Pfleger. Der Roman gipfelt in der Aussage des Protagonisten: Wie kann ich ein Heiliger sein ohne Gott? Und er wird dann gefragt: Wie kannst du so viel Gutes tun, ohne an Gott zu glauben? Und die Antwort war: Weil ich Mensch bin.<br>Mit \u00e4hnlicher Intention fordert der Dalai Lama von den Religionen mehr Ethik. Es gibt inzwischen mindestens 1 Milliarde Menschen, die im religi\u00f6sen Sinn \u00fcberhaupt nicht glaubt. Wie erreiche ich sie und wie motiviere ich diese Menschen, ein ethisch fundiertes Leben zu gestalten und zu leben?<br>Mein neues Buch richtet sich vor allem an Menschen, die nicht wissen, \u201ewo Gott hockt\u201c, und die auch nicht den andern sagen, wo Gott hockt. Ich wende mich an Suchende, die sich engagieren, zum Beispiel f\u00fcr die Umwelt, weil f\u00fcr sie die Natur, die Welt, die Leiden der Kreatur einen \u201eheiligen\u201c Charakter haben, aus dem heraus sie handeln\u2026 Das Buch wird 5 Teile haben und geht aus von einem alten Wort: <em>ars orandi, ars credendi<\/em>. D.h. so wie ich bete, so glaube ich. Und ich f\u00fchre das weiter: so wie ich glaube, so lebe ich, so wie ich lebe, so sterbe ich. Am Schluss gibt es dann noch ein Kapitel \u00fcber die Liebe. Das Buch wird im Herbst im Patmos-Verlag erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Niklaus, noch eine letzte Frage: wir sind mit dir zum Ursprungsimpuls zur\u00fcckgegangen. Die via integralis ist in der Zwischenzeit gewachsen und hat sich weiterentwickelt. Du siehst, uns ist diese Verbindung zur Wurzel wichtig und sind dir sehr dankbar, dass du heute bei uns bist. Pia und du, ihr habt immer wieder gesagt, die via integralis sei \u201eeuer liebstes Kind\u201c. Dieses hat inzwischen allerdings die Kinderschuhe ausgezogen und ist heute ein Verein mit ca. hundert Lehrenden und mehreren hundert Menschen, die mit uns regelm\u00e4ssig meditieren. Wir sind gross geworden und eigenst\u00e4ndig. <strong>Was m\u00f6chtest du diesem nun erwachsen gewordenen Kind mit auf den Weg geben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Was geben Eltern den Kindern mit auf den Weg? Wenn du so fragst, was m\u00f6chte ich unserem \u201eKind\u201c, dem Kind von Pia und mir, mitgeben, dann antworte ich spontan: \u201eMein Sein\u201c. Die Art und Weise, wie ich lebe oder versuche zu leben. Das heisst, mich immer wieder aufzurappeln. Es sind jetzt grade 3 Jahre her, dass ich einen massiven medizinischen Eingriff hatte und mich dann langsam, langsam, langsam wieder zur\u00fcckholen musste in das aktive Leben. Dieser Geist und die Bereitschaft zum steten Wiederanfangen, dieses Dabei-Bleiben und immer wieder neu anfangen, immer wiederholen und dabei bleiben\u2026<br>Eine weitere Anregung verdanke ich einer russischen \u00c4rztin, welche Astronauten nach ihrer R\u00fcckkehr aus dem All betreute. Sie sagte, laufe, und wenn du nicht laufen kannst, dann gehe, und wenn du nicht gehen kannst, dann krieche, aber bewege dich. Dieses Wort m\u00f6chte ich f\u00fcr uns abwandeln und sagen: Sitze, Sitze auf dem Kissen und wenn du nicht auf einem Kissen sitzen kannst, dann sitze auf einem Schemel und wenn du nicht auf einem Schemel sitzen kannst, dann sitze auf einem Stuhl, aber sitze! Das ist das A und O. Im Sitzen \u201esetzt sich so manches\u201c und bekommt seinen richtigen Platz; was wirklich wichtig ist, das zeigt sich, und das andere f\u00e4llt weg.<br>Schliesslich: h\u00f6rt auf eure Lehrer, ihr habt gute Leiter und gute Lehrer. Ich finde es sehr sch\u00f6n, dass in der via integralis das Zen auf ihrem Weg heute und auch in Zukunft pr\u00e4sent ist. Also: Tut das Eine, sitzt Zazen und vernachl\u00e4ssigt nicht das Andere: seid als Christen (mit Christus?) auf dem Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Niklaus, ganz herzlichen Dank.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><sup>1<\/sup>&nbsp;Inka Shomei, das \u00abSiegel&nbsp; der&nbsp; Best\u00e4tigung\u00bb, ist der Name der Zeremonie, mit der ein neuer\/eine neue&nbsp; Zen-Meisterin&nbsp; eingesetzt&nbsp; wird. Es&nbsp; bedeutet die \u00dcbertragung der vollen Lehrbefugnis&nbsp; als eigenst\u00e4ndige und unabh\u00e4ngige Zen-Meister. Diese schlie\u00dft die Kompetenzen, selber Zen-Lehrende zu ernennen, Zen-Meister\/innen&nbsp; als Nachfolger zu best\u00e4tigen und, wenn gewollt, eine&nbsp; eigene Zen-Linie zu begr\u00fcnden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:60px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fragen aus dem Plenum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Niklaus, es gibt grosses Interesse an deinem neuen Buch \u201eGottlos beten\u201c. Dazu u.a. die Frage: Sollen wir im s\u00e4kularen Raum das Bruder-Klaus-Gebet beten? Wie geht das? Das Gebet geht eindeutig von einer personalen Gottesbeziehung aus. Wie k\u00f6nnen wir Menschen in die Stille begleiten, die keine Gottesbeziehung haben? Oder anders gefragt: gottlos dankbar sein, geht das wirklich oder ist das nicht ein bisschen geschummelt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Zur letzten Frage: Gottlos dankbar sein &#8211; wie geht das? Thich Nhat Hanh, den ihr alle kennt, ist jetzt grade 94 Jahre geworden. Er berichtet in seinem Buch \u201eLebendiger Christus \u2013 lebendiger Buddha\u201c von einem Gespr\u00e4ch bei einem Kongress \u00fcber Religion und Frieden, wo er u.a. \u00fcber die Bedeutung der Dankbarkeit zu sprechen kam. Daraufhin sprach ihn ein evangelischer Pfarrer an: Aber sie k\u00f6nnen ja gar nicht dankbar sein, sie glauben ja nicht an Gott. Verbl\u00fcfft antwortete&nbsp; Thich Nhat Hanh: \u201eUnd ob ich dankbar sein kann\u201c, und z\u00e4hlt auf, wof\u00fcr er alles dankbar ist: f\u00fcr jeden Bissen Reis, f\u00fcr die Natur, f\u00fcr die Pflaumenbl\u00fcten in Plumvillage in S\u00fcdfrankreich usw. Und dann res\u00fcmiert er \u201eIch bin so dankbar, ich weiss gar nicht, warum er sagt, ich kann nicht dankbar sein\u201c.<br>Dahinter steckt die Frage, gibt es eine echte Beziehung zu jener Wirklichkeit, die wir Gott nennen und mit Du ansprechen. Wie ist die Beziehung zu dieser Wirklichkeit, wenn ich dankbar bin, ohne den Adressaten zu benennen? Ist das weniger dankbar? Ist es nicht vielleicht radikales Dankbarsein auf eine Wirklichkeit hin, die gr\u00f6sser ist als mein Du, die Vorstellung von einem Du? Da f\u00e4ngt die Diskussion an.<br>In der Praxis, w\u00fcrde ich sagen, das Bruder-Klaus-Gebet selbstverst\u00e4ndlich beten! Wenn ich eine Messe lese, sage ich \u201eDu mein lieber Gott\u201c. Ich habe es bis jetzt, obwohl das manche w\u00fcnschen, noch nicht geschafft, eine Messe zu feiern, ohne das Wort \u201eGott\u201c und \u201eDu\u201c zu gebrauchen. Und das mache ich von Herzen. Ich sage, <em>Du mein Gott, nimm alles von mir\u2026 <\/em>aber wie ist das? Wir werden hineingenommen in dieses Geheimnis, das wir Gott nennen. Und dann d\u00fcrfen wir nicht zu bescheiden sein und sagen, Gott ist der Grosse und ich bin der\/die Kleine. Eigentlich m\u00fcssen wir da nochmals \u00fcber die B\u00fccher und in unser Herz hineinhorchen und wissen, was es heisst, Ihr seid das Licht der Welt, nicht Ihr empf\u00e4ngt das Licht der Welt, sondern Ihr seid das Licht der Welt. Und Ihr seid Christus, ein anderer Christus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Also: <\/em>Ich w\u00fcrde nicht z\u00f6gern, dieses Gebet zu beten, und gleichzeitig sagen, das ist eine Tradition. Im Grunde wissen wir ja, es ist mehr als ein mir <em>vorgestelltes<\/em> Gegen\u00fcber. Darum w\u00fcrde ich keine Hemmung haben, das zu beten, und die Menschen werden mit beten oder nicht, genauso wie ich eben <em>munen muso<\/em> \u2013 ohne Worte, ohne Begriffe \u2013 sitze. Das Eine tun und das Andere nicht lassen. Also nicht alles aufgeben oder nicht mehr wagen, ein <em>Vater unser<\/em> zu sprechen oder das Bruder-Klaus-Gebet. Dann ist keine Integration mehr m\u00f6glich. Aber mein Beten ver\u00e4ndert sich mit der Zen-Praxis und gibt mir eine grosse Freiheit. Sie macht es mir auch m\u00f6glich, Gott mit Du anzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Was ist der Kerngedanke der vi, den wir Interessierten als Erstes mitgeben sollten?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Das eine ist das H\u00f6ren, das andere ist die Begegnung, die Praxis, die Einladung \u201ekommt und seht\u201c. Es gibt von Mutter Theresa in Kalkutta nicht nur Schwestern, sondern auch Br\u00fcder, Brothers of Charity. Die Novizen dort heissen ganz einfach \u201ecome and see\u201c. Es gibt ein Gedicht von Brecht \u201eDer Zweifler\u201c aus dem Jahr 1937, wo er sagt: \u201ewie handelt man, wenn man Euch glaubt, was ihr sagt\u201c. Dann sind es die Fr\u00fcchte, an denen man sie erkennt, also die Fr\u00fcchte z\u00e4hlen. Wir sollten nicht so sehr \u00fcber die Wirkungen der via integralis predigen, sondern sie leben und die Leute einladen mitzumachen, sie da abholen, wo sie sind und dann schauen, was passiert. Es ist das Beispiel, die \u00dcberzeugung, die z\u00e4hlen. \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Einige unter uns machen Kontemplationsangebote in Altenheimen. Hast du da Erfahrungen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Ja, grunds\u00e4tzlich, ob alt oder nicht \u2013 wir haben jahrelang in einem Gef\u00e4ngnis in Z\u00fcrich mit Gefangenen und einer Gruppe von ausw\u00e4rts meditiert. Ich zitiere gerne Yamada Roshi, der uns immer wieder eingesch\u00e4rft hat: \u201e<em>fitting to the situation<\/em>\u201c \u2013 es muss zur Situation passen. Mit einem Kind muss ich auf kindliche Weise pr\u00e4sent sein, mit Pubertierenden auf pubertierende Weise, mit Menschen, die verliebt sind, auf ihre Weise, ich finde es immer wieder sch\u00f6n, wenn Menschen verliebt sind und heiraten wollen, die Freude sp\u00fcren und sich freuen an ihrer Freude. Und jetzt bei alten Menschen, das weiss ich nicht. Doch, ich m\u00fcsste es wissen, ich geh\u00f6re ja auch dazu. Ich meine: angemessen die Situation sp\u00fcren, wie f\u00fchlen sie sich, k\u00f6nnen sie noch aufrecht sitzen, m\u00fcssen sie anlehnen oder vielleicht auch liegen und so auf den Atem achten. Also ganz der Situation angemessen, und den Menschen \u2013 in diesem Fall den alten, vielleicht gebrechlichen Menschen \u2013 nahe sein. Im bereits erw\u00e4hnten Buch \u201eDie Pest\u201c von Camus wird geschildert, wie der Arzt einen Jungen, der sterben muss, retten will:&nbsp; Er wird eins mit dem Atem des Jungen, er versucht ganz eins zu werden mit dem Jungen und ihn so am Leben zu halten. Und so ist es auch hier: ganz eins werden. Wir kennen zwar, wir sind immer eins mit allem. Aber hier wird\u2019s konkret.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Eine Frage an dich in deiner Rolle als Gr\u00fcndervater und Zenmeister. Wir kommen bei der Praxis des Zazen immer wieder in die Situation, \u00fcber buddhistische Texte zu reden bzw. sie zu zitieren oder rezitieren. Wie sollen wir mit diesen Texten umgehen? Was sind unsere Kompetenzen als vi-Lehrer, wenn wir keine Zen-Lehrer sind? Es gibt einzelne, die beides sind. Aber f\u00fcr uns alle: was ist da zu beachten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Eher zur\u00fcckhaltend sein. Sitzen ja, wirklich und aus ganzem Herzen. Aber mit den Texten \u2013 da w\u00e4re ich zur\u00fcckhaltend. Nicht zu viel Zen-m\u00e4ssiges Ritual machen&#8230; \u00c4hnlich w\u00fcrde ich zur\u00fcckhaltend sein mit den Texten. Man kann in der Unterweisung einmal auf einen Text Bezug nehmen oder das <em>Lied auf Zazen<\/em> genauer anschauen, meditieren und interpretieren, vielleicht auch mal rezitieren, aber nicht unbesehen einsetzen, um \u201eattraktiver\u201c zu sein. Die Gongs sind auch gut, auch attraktiv. Es ist halt immer noch so, dass Zen hier in unsern Breitengraden mehr zieht als Kontemplation oder eine rein christliche \u00dcbung. Also: ich w\u00fcrde es mit Vorsicht geniessen, und dann muss es ganz stimmen und gef\u00fcllt sein. Aber keinesfalls so als Etikett brauchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Du hast vorhin auf die Frage, was du uns mitgeben m\u00f6chtest, gesagt, die Art und Weise wie ich lebe, <strong>mein Sein<\/strong>. Kannst du dazu zum Abschluss noch etwas mehr sagen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niklaus: Ich lade alle ein, einen Moment aufrecht zu sitzen, auf den Atem zu achten und einfach nur zu <strong><em>sein<\/em><\/strong>. Stillzusitzen, ohne mich zu bewegen. Ich bin wichtig noch bevor ich etwas tue, ich darf sein. \u2013 Und wenn ich einen Gong h\u00e4tte, w\u00fcrde ich ihn jetzt anschlagen. Gong!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regula: Niklaus, ganz herzlichen Dank.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regula Tanner und Markus Heil im Gespr\u00e4ch mit Niklaus Brantschen zum Thema der Jahresversammlung am 19.01.2021 Regula: Wir schauen an diesem Wochenende zur\u00fcck auf unsere Geschichte und verbinden uns mit den Wurzeln der via integralis. Du, Niklaus, hast zusammen mit Pia Gyger 2004 die via integralis ins Leben gerufen. Damals startete der erste Lehrgang. Nun&hellip;&nbsp;<a href=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2021\/05\/21\/was-ist-was-kann-was-will-die-via-integralis\/\" rel=\"bookmark\">Read More &raquo;<span class=\"screen-reader-text\">Was ist, was kann, was will die via integralis?<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":4896,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"neve_meta_sidebar":"","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","neve_meta_reading_time":"","footnotes":""},"categories":[107,65,37,159],"tags":[],"class_list":["post-4581","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ahnen","category-interview","category-newsletter","category-nl-011"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4581"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4957,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4581\/revisions\/4957"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4896"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}