{"id":5089,"date":"2021-11-26T06:00:00","date_gmt":"2021-11-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=5089"},"modified":"2021-11-26T07:10:57","modified_gmt":"2021-11-26T06:10:57","slug":"von-lehrerinnen-und-schuelerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2021\/11\/26\/von-lehrerinnen-und-schuelerinnen\/","title":{"rendered":"Von Lehrer*innen und Sch\u00fcler*innen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">von Hildegard Schmittfull, Spirituelle Leiterin AD, <br>Zen-Lehrerin der Glassman-Lassalle Zen-Linie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im April dieses Jahres haben wir eine Fortbildung zum Thema Lehrer*in-Sch\u00fcler*in-Verh\u00e4ltnis durchgef\u00fchrt und sind der Frage nachgegangen: Was ist die Rolle der spirituellen Autorit\u00e4t in der Begleitung auf dem spirituellen Weg nach innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben den Blick auf die zen-buddhistische und die christlich-kontemplative Tradition gerichtet und festgestellt, dass im Zentrum pers\u00f6nlicher, spiritueller H\u00f6herentwicklung jahrtausendelang die hierarchische Beziehung zwischen Lehrer*in und Sch\u00fcler*in stand. Doch die mit der Postmoderne einhergehende Autorit\u00e4tskrise und ihr Gleichheitsideal haben dieses Verh\u00e4ltnis relativiert, wenn nicht sogar in Frage gestellt, und zwar in zweifacher Hinsicht: Einerseits haben einzelne spirituelle Lehrer durch Missbrauch zur Krise beigetragen. Andererseits wurde das hierarchische Verh\u00e4ltnis mit dem Gef\u00fchl des Unterlegenseins als Sch\u00fcler*in in der postmodernen Zeit verworfen. Ken Wilber, der amerikanische Bewusstseinsforscher, kritisiert diese Generation und meint: Die Ansicht, dass im \u00e4usseren jegliche Lehrer*innen \u00fcberfl\u00fcssig seien, w\u00e4re eine massive \u00dcbertreibung und ein Fehlschluss. Es gehe vielmehr darum, unsere Erwartungen neu anzupassen und herauszufinden, was in dieser Beziehung hilfreich und angemessen ist.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Zen-Meister Dieter Wartenweiler, Mitglied der Glassmann-Lassalle-Zen-Linie, l\u00e4dt zu einem Suchprozess nach dem rechten Verh\u00e4ltnis ein: \u00abEs sieht so aus, als ob eine Demokratisierung des Geistes stattfindet. Wir m\u00fcssen ehrlich pr\u00fcfen, wo patriarchale Strukturen und die autorit\u00e4re Macht Einzelner die Entwicklung des kollektiven Bewusstseins behindern. Lehrer und Sch\u00fcler werden in Zukunft wohl vermehrt auf gleicher Ebene unterwegs sein und sich gemeinsam entwickeln, und auch die Rituale verlieren ihren hierarchischen Charakter.\u00bb<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh\u00f6rt zu unserem Selbstverst\u00e4ndnis in der via integralis, das Lehrer*in-Sch\u00fcler*in-Verh\u00e4ltnis immer neu zu reflektieren. Dabei fliessen unterschiedliche Erfahrungen ein. Viele von uns haben Erfahrungen in der Zen-Praxis, andere wiederum sind st\u00e4rker gepr\u00e4gt von der Begleitung in der christlichen Tradition. Konsens besteht sicher zu folgenden Einsichten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Menschen suchen sich eine Lehrerin oder einen Lehrer, um sich auf dem Weg nach innen, in die eigene Tiefe begleiten zu lassen. Dies ist ein sukzessiver Weg des Erwachens, verbunden mit einer radikalen Selbstbegegnung, begleitet von der Transformation aller egozentrischen Strebungen und der Integration von abgespalteten Anteilen. Auf diesem Weg tritt unser tiefstes Wesen, unser menschliches Potential, ja unsere Bestimmung f\u00fcr das Leben hervor oder, wie Graf D\u00fcrckheim sagt, der eigene innere Meister, die innere Meisterin wird entwickelt, \u00fcbernimmt die F\u00fchrung und weist hin auf den Platz im Leben. Dabei k\u00f6nnen Phasen auftauchen, in denen sich Sch\u00fcler*in und Lehrer*in auf ein Gehen im Nichtwissen einlassen und darauf vertrauen m\u00fcssen, dass dies Teil des Geburtsprozesses ist.<\/li><li>Dieser Prozess ist zutiefst existentiell und kann nur in einer wirklich vertrauensvollen Atmosph\u00e4re und Beziehung geschehen. Von Seiten der Lehrer*innen braucht es die Haltung des Ermutigens, des F\u00f6rderns, aber auch des Forderns, von Seiten der Sch\u00fcler*innen die Bereitschaft zu folgen, sich anzuvertrauen. Und obwohl den Lehrer*innen dabei die gr\u00f6ssere Verantwortung zukommt, geht es heute nicht mehr darum, dass Sch\u00fcler*innen ihre Verantwortung einfach abgeben. Mariana Caplan spricht von einer \u00abbewussten Sch\u00fclerschaft\u00bb<a href=\"#_ftn1\">[3]<\/a>, die ein kritisches Vertrauen einschliesst <em>und <\/em>eine bewusste Entscheidung, sich auf die F\u00fchrung einzulassen.<\/li><li>Authentische spirituelle Lehrer*innen haben ihre Aufgabe mit rein spirituellen Mitteln (z.B. Gespr\u00e4ch, Unterweisungen oder \u00dcbungen) an ihren Sch\u00fcler*innen zu erf\u00fcllen. Auch wenn heute niemand mehr Vollkommenheit von spirituellen Lehrer*innen erwartet, so kann doch selbstverst\u00e4ndlich erwartet werden, dass spirituelle Lehr*innen bez\u00fcglich ihres Umgangs mit Macht und Sexualit\u00e4t reflektiert umgehen und achtsam sind gegen\u00fcber m\u00f6glichem Missbrauch. Inge Hasswani<a href=\"#_ftn2\">[4]<\/a> bringt es so auf den Punkt: \u00abGesunde Machtaus\u00fcbung ist einfach der Gebrauch der vollen Lebenskraft, zu bejahen, was unmittelbar aus dem Herzen hervorgeht und sie sich entfalten zu lassen. Wenn das gelingt, verliert das Aus\u00fcben \u00e4usserer Macht seinen Reiz. Es ist nicht mehr notwendig. Wahre Macht beginnt damit, die volle Eigenverantwortung f\u00fcr sich zu \u00fcbernehmen, und zwar aufgrund der Erkenntnis, wer man wirklich ist. Und sie vollendet sich darin, dass man seinen g\u00f6ttlichen Kern f\u00fcr alle sichtbar in sein Leben integriert hat\u2026\u00bb<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschliessend: Zweifelsohne hat sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Lehrer*innen und Sch\u00fcler*innen im Zen und in der Kontemplation bei uns im Westen ver\u00e4ndert, wie sich auch in den letzten Jahrzehnten unser Verh\u00e4ltnis zu Autorit\u00e4ten \u00fcberhaupt ver\u00e4ndert hat. Die Begegnung zwischen Lehrer*in und Sch\u00fcler*in geschieht zunehmend auf Augenh\u00f6he. Wenn ich pers\u00f6nlich meine Erfahrungen reflektiere, und zwar jene zu Pia Gyger und Niklaus Brantschen als meine Lehrerin bzw. als mein Lehrer, als auch jene zu meinen Sch\u00fcler*innen, dann kann ich feststellen, dass in vielen dieser Beziehungen eine freundschaftliche Qualit\u00e4t spielte, die mich meines Wissens nicht gehindert hat, auf dem Weg zu fordern und zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>Elizabeth Debold in: Was ist Erleuchtung, Heft Nr. 10\/Herbst 2003, Auszug aus: Mariana Caplan, Do You Need a Guru? Understanding the Student-Teacher-Relationship in an era of false prophets (London: Thorsons, 2002)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a>Macht und Freiheit, in: Visionen, Heft Nr. 9\/2012, S. 10-14<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[3]<\/a>In: EnlightenNext Impulse, Herbst 2012, Freiheit und Demut, Die Sch\u00fcler-Lehrer-Beziehung im 21. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\">[4]<\/a>Dieter Wartenweiler, Referat beim Sangha-Treffen am 16. Juni 2013.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hildegard Schmittfull, Spirituelle Leiterin AD, Zen-Lehrerin der Glassman-Lassalle Zen-Linie Im April dieses Jahres haben wir eine Fortbildung zum Thema Lehrer*in-Sch\u00fcler*in-Verh\u00e4ltnis durchgef\u00fchrt und sind der Frage nachgegangen: Was ist die Rolle der spirituellen Autorit\u00e4t in der Begleitung auf dem spirituellen Weg nach innen. 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