{"id":5390,"date":"2021-11-26T06:01:00","date_gmt":"2021-11-26T05:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=5390"},"modified":"2021-11-21T19:29:33","modified_gmt":"2021-11-21T18:29:33","slug":"erwaegungen-zum-handeln-im-aussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2021\/11\/26\/erwaegungen-zum-handeln-im-aussen\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Handeln im Aussen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"has-medium-font-size wp-block-heading\">Von J\u00fcrgen Lembke, Pr\u00e4sident der via integralis, Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Zen-Linie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Schwerpunktthema dieses Newsletters ist das Handeln im Aussen, zum Wohl der Welt. Es ist ein schwer fassbares Thema und ich f\u00fcrchte, es gibt kein einfaches Rezept, wie wir zum Wohl der Welt beitragen k\u00f6nnten. Wie f\u00fcr viele Generationen vor uns, liegt es an uns, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen. Dazu laden die folgenden Gedanken ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst wirkt unsere Welt mit den vielerorts zug\u00e4nglichen Informationen scheinbar transparent und \u00fcbersichtlich. Dennoch stellt f\u00fcr mich und f\u00fcr viele, mit denen ich spreche, die erschlagende Flut der Informationen eine konstante \u00dcberforderung dar. In den letzten Jahren wurden wir Zeugen davon, wie f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten unter dem Schlagwort \u00abFake News\u00bb die allgemeine Verunsicherung zum eigenen Vorteil anheizten. Auch wenn wir die fragw\u00fcrdigen Absichten solcher Personen ausser Acht lassen, bleibt die unfassbare Flut von Fakten. Ich arbeite, neben meiner T\u00e4tigkeit als Zen-Lehrer, f\u00fcr eine Softwarefirma, welche ein Klinikinformationssystem f\u00fcr Schweizer Krankenh\u00e4user entwickelt. Von Krankenh\u00e4usern wird der Wunsch nach einem System, das \u00c4rzte bei der klinischen Entscheidungsfindung unterst\u00fctzt, immer dr\u00e4ngender. Das ist aber bisher nur im Ansatz m\u00f6glich. Denn allein in diesem Bereich erscheinen laufend neue wissenschaftliche Publikationen, welche in die Algorithmen eingearbeitet werden m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich geht es uns, wenn wir uns f\u00fcr etwas einsetzen wollen. Sei es im Einsatz f\u00fcr die Umwelt und die Biodiversit\u00e4t, seien es Hilfsmassnahmen f\u00fcr die Menschen in Konfliktgebieten oder f\u00fcr Benachteiligte hierzulande, immer sind wir gefordert, aus den zahllosen Hilfsangeboten ein passendes zu w\u00e4hlen. Und ist das Passende vielleicht gar nicht dabei, erweitern wir das Angebot durch eine zus\u00e4tzliche eigene Initiative.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bisher habe ich die mentale Ebene angesprochen, die scheinbar dominant unser Handeln bestimmt. Aber nur scheinbar. Im Umgang mit politischen Fragen oder den allgegenw\u00e4rtigen Corona-Massnahmen in den Medien und im privaten Umfeld zeigt sich, wie sich zahllose Emotionen entz\u00fcnden. Die dabei erhitzten Gem\u00fcter lassen sich vielfach nicht befrieden. Auch nicht durch einen Appell wie \u00abLasst Frieden walten unter euch!\u00bb, der zu Advent h\u00e4ufig erklingt. Frieden k\u00f6nnen wir nicht einfach machen oder einfordern. Wenn jemand von einem anderen fordert \u00abNun sei doch einfach friedlich!\u00bb, merken wir sofort, dass da etwas nicht stimmt. Etwas in uns rebelliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem Buch \u00abThe Righteous Mind\u00bb schreibt Jonathan Haidt \u00fcber seine Erkenntnisse als Moral-Psychologe. Anschaulich werden wir mit weitverbreiteten Mustern vertraut gemacht und lernen, wie instinktgesteuert wir reagieren. Der von ihm feinf\u00fchlig beschriebene selbstgerechte \u2013 oder eher: gerechtigkeitsbed\u00fcrftige Geist ist bestimmend f\u00fcr die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. <br>Spannend ist, wie rasch unsere Instinkte zu einem Schluss kommen und die viel gelobte Rationalit\u00e4t erst sekund\u00e4r zum Zuge kommt: n\u00e4mlich, um mit logischen Argumenten  unseren Bauchentscheid nachtr\u00e4glich zu legitimieren. Mindestens so spannend ist, dass sich der Instinkt kaum durch logische Gegenargumente beeinflussen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Folgende zwei Beispiele, das eine aus der buddhistischen Tradition, das andere aus der abrahamitischen, geben je auf ihre Art die fundamentale Schwierigkeit des Menschen bei der Lebensbew\u00e4ltigung wieder. Beiden ist zun\u00e4chst die Erfahrung der letzten Wirklichkeit als makellos und gut gemeinsam. Die zwei Geschichten verk\u00fcnden dann, worin unsere Schwierigkeiten liegen. W\u00e4hrend die erste von den drei Giften spricht, warnt die zweite davor, das Leben durch Wertungen zu verlieren. Nun folgen also die zwei Beispiele.<br>Im Kegon Sutra ruft Gautama Buddha, anschliessend an seine Erleuchtungserfahrung aus: \u00abWie wunderbar, alle Wesen sind ihrer Natur nach makellos. Wie schade, dass sie der Anhaftung, der Abneigung und der Illusion unterliegen.\u00bb In der Erleuchtungserfahrung wird die Vollkommenheit erlebt, gefolgt von der Einsicht, dass unsere inneren Regungen mit Vorsicht zu geniessen sind. Die drei Gifte, die traditionellerweise als Gier (Anhaften), Hass (Ablehnen) und Ignoranz (Nicht-Verstehen) unser Leben tr\u00fcben, k\u00f6nnen \u00fcberwunden werden.<br>Die zweite Geschichte finden wir in der Sch\u00f6pfungsgeschichte, im Buch Genesis. Hier ist Gott zufrieden mit seiner Sch\u00f6pfung \u2013 &#8220;Und Er sah, dass alles gut war!&#8221; Er beobachtet mit Genugtuung, wie sein Gesch\u00f6pf, Adam, die im verliehene mentale F\u00e4higkeit zur Unterscheidung anwendet um allen Dingen einen Namen zu geben. Hier begegnen wir Adam und Eva in einer Szene, die das Dilemma von Richtig und Falsch, Gut und B\u00f6se als Ausgangspunkt f\u00fcr unsere Vertreibung aus dem Paradies zeichnet. Der Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se und dessen literarisch zugespitzte Konsequenz, n\u00e4mlich der Verlust der F\u00fclle, ja gar der Tod, sind tiefsinnig. F\u00fcr mich repr\u00e4sentiert der Baum in seiner Gestalt unsere fein ver\u00e4stelten Nervensysteme, sowohl jenes\u00a0unseres Hirns, als auch jenes unseres vegetativen Nervensystems. Im Text der Genesis werden wir alle, zusammen mit Adam und Eva, erm\u00e4chtigt, allen Dingen einen Namen zu geben. Die Geschichte will, mit dem ins Aussen projizierten Symbol der Frucht, die uns Gut und B\u00f6se unterscheiden l\u00e4sst, davor bewahren, unseren Frieden an die unselige Richtig\/Falsch-Differenzierung zu verlieren. Denn, wir k\u00f6nnen es noch so paradiesisch haben; passiert etwas, das uns zuwider ist, verfallen wir augenblicklich unter den Bann der Wirkung dieser Frucht. Und schwups, sind wir raus aus dem Paradies. Wenn die Kirche bis heute an der S\u00fcndhaftigkeit des Menschen festh\u00e4lt, ist das ein tragisches missverstehen dieser archetypischen Erz\u00e4hlung. Zu w\u00fcnschen w\u00e4re ein Gegenmittel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Hinsicht erweist sich die Kraft des Zazen bzw. der Kontemplation als hilfreich. Wenngleich es vielen \u00dcbenden um die Erlangung der Erleuchtung gehen mag oder darum, Gott zu erfahren, realisieren alle, die l\u00e4nger auf dem Weg der \u00fcbergegenst\u00e4ndlichen Meditation sind, wie allm\u00e4hlich eine Vereinfachung ihres Lebens eintritt. Mir scheint es so, als ob mit dieser einfachen \u00dcbung des am Boden Sitzens und dem Atem folgen, wir mit jedem Ausatmen ein wenig von der Wirkung dieser unbek\u00f6mmlichen Frucht \u00fcber die Atemwege abgeben. Je hingebungsvoller wir \u00fcben, umso toleranter werden wir gegen\u00fcber Richtig und Falsch; in uns wie auch in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erg\u00e4nzend zur Praxis des Zazen sind mir seit vielen Jahren die drei Grundhaltungen der Zen Peacemaker, die Bernie Glassman Roshi formulierte, hilfreiche Begleiter in meinem Alltag geworden. In meinen Worten gebe ich diese so wieder: Ausgangspunkt ist die Haltung des \u00abNicht-Wissens\u00bb. Dieses Nicht-Wissen umfasst das unfassbare, nicht beurteilbare Wesen unserer Existenz, welches wir nicht vergegenst\u00e4ndlichen oder objektivieren k\u00f6nnen. Es bleibt absolut, unergr\u00fcndlich und geheimnisvoll. Nur ein kleiner Aspekt zielt dabei darauf ab, dass wir mangels Wissen kein Urteil bilden k\u00f6nnen. <br>Die zweite Haltung, <strong>\u00ab<\/strong>Zeuge Sein<strong>\u00bb,<\/strong> l\u00e4dt uns ein, mit unserem ganzen Sein von dem, was wir erfahren, betroffen zu sein. Es geht nicht nur darum, etwas m\u00f6glichst ad\u00e4quat in einem Zeugenbericht wiederzugeben. Zeuge Sein beinhaltet f\u00fcr mich in gesundem Mass in einer Situation mitzugehen, diese, wie Ignatius sagen w\u00fcrde, zu verkosten und deren Wirkung einzusch\u00e4tzen. <br>Die dritte Haltung dreht sich um   <strong>\u00ab<\/strong>wohlwollendes Handeln<strong>\u00bb<\/strong>. Dabei ist nicht blinder Aktivismus gemeint, sondern tats\u00e4chlich wohlwollendes Teilhaben am Geschehen dieser Welt. <br>Die drei Haltungen sind nicht als voneinander getrennt aufzufassen. Als Ganzes gesehen, geben sie uns ein wertvolles Instrument an die Hand, an der Welt heilsam teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser Ermutigung w\u00fcnsche ich uns allen gutes Gelingen und ein goldenes H\u00e4ndchen bei der Wahl unserer Aktionen f\u00fcr die Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von J\u00fcrgen Lembke, Pr\u00e4sident der via integralis, Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Zen-Linie Das Schwerpunktthema dieses Newsletters ist das Handeln im Aussen, zum Wohl der Welt. Es ist ein schwer fassbares Thema und ich f\u00fcrchte, es gibt kein einfaches Rezept, wie wir zum Wohl der Welt beitragen k\u00f6nnten. 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