{"id":6184,"date":"2022-06-03T13:00:00","date_gmt":"2022-06-03T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=6184"},"modified":"2022-05-30T14:48:05","modified_gmt":"2022-05-30T12:48:05","slug":"ploetzlich-ernsthaft-krank-die-spirituelle-dimension-in-der-krankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2022\/06\/03\/ploetzlich-ernsthaft-krank-die-spirituelle-dimension-in-der-krankheit\/","title":{"rendered":"Pl\u00f6tzlich ernsthaft krank &#8211; Die spirituelle Dimension in der Krankheit"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Winfried Semmler-Koddenbrock<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-top\" style=\"grid-template-columns:19% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"402\" src=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/vi_Portrait-WinfriedSemmlerKoddenbrock.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-911 size-full\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/vi_Portrait-WinfriedSemmlerKoddenbrock.jpg 300w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/vi_Portrait-WinfriedSemmlerKoddenbrock-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><em>Der Leib ist unverf\u00fcgbar. In der Erfahrung von schwerer Krankheit wird die ganze Zumutung dieser menschlichen Grundkonstante sp\u00fcrbar. Winfried Semmler-Koddenbrock, Jahrgang 1956, geht dieser Zumutung und den Chancen aus seiner Erfahrung als Pastoral\u00adreferent, Krankenhaus\u00adseelsorger und Organisationsberater&nbsp;i.R., Kontemplationslehrer via integralis, Mitglied in der \u00d6kumenischen Gemeinschaft Katharina-Werk Basel, und mit langj\u00e4hriger Erfahrung in der geistlichen Beratung, nach<\/em>.<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Menschen eine ernsthafte Krankheit bekommen, ist das oft wie ein Schock und sie stellen sich viele Fragen: Gibt es eine Heilung? Woher kommt meine Krankheit? Was kann ich von der Medizin erwarten? Was kann ich f\u00fcr mich selber tun? Trauer, Zorn und Zweifel sind da, Zeiten von Abwehr und Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch tiefere Fragen kommen oft durch: Wer bin ich eigentlich und was macht mein Leben aus? Was soll diese Krankheit, wie geht es weiter, habe ich nicht mehr viel Zeit zum Leben? Es wird manchmal zum ersten Mal konkret bewusst, was vorher alle theoretisch wissen: irgendwann muss ich sterben. Fragen nach Sinn, nach Ausrichtung und auch danach, ob es einen tiefen Halt gibt, brechen auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus der Begleitung kranker Menschen im Krankenhaus wei\u00df ich, dass eine Krankheit auch eine Chance ist, sich und sein Leben umfassender zu sehen und neue Wege zu beschreiten.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wir sind Spiegelwesen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wer bin ich eigentlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sind wir? Wenn ich (schwer) krank bin, sind mir Aktivit\u00e4ten und Leistung und die daraus folgenden Best\u00e4tigungen durch andere im allt\u00e4glichen Leben erst einmal weitgehend genommen. Wer bin ich dann noch? Hildegard von Bingen &#8220;sieht&#8221; den Menschen in einer Vision als Spiegelwesen Gottes: &#8220;Ich habe zur Anschauung meines Antlitzes Spiegel geschaffen, in denen Ich alle Wunder meiner Urspr\u00fcnglichkeit, die nimmermehr aufh\u00f6ren, betrachte&#8221; (4. Schau ihrer Kosmos-Schrift). Wir Menschen spiegeln Gott und wir spiegeln einander. Paulus schreibt in 2 Kor 3,18 (in der \u00dcbersetzung meiner Jerusalemer Studienbibel): &#8220;Wir alle aber, die wir mit unverh\u00fclltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn widerspiegeln, werden in das gleiche Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn aus geschieht, welcher Geist ist.&#8221; Gott zeigt sich auch durch jeden Menschen und durch mich. Wir spiegeln das G\u00f6ttliche, ich als Mensch und Person spiegle das g\u00f6ttliche Du, die gro\u00dfe Liebe. Diese Verwandlung, von der Paulus spricht, dass wir Gott immer \u00e4hnlicher werden, geschieht von Gott her \u2013 wenn wir es zulassen (siehe Eberhard Nestle, Sprachlicher Schl\u00fcssel zum Griechischen Neuen Testament, bearbeitet von Fritz Rienecker, Gie\u00dfen, 14. Auflage 1974, 405). K\u00f6nnte es sein, dass auch meine Krankheit ein St\u00fcck dieser Umwandlung ist? Ein gewagter Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der gro\u00dfe Leib<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich bedeutet dieses Spiegeln auch: Es gibt keine getrennte Existenz, nur das eine gro\u00dfe Gewebe des Lebens und des Kosmos, in dem jede und jeder einzelne von uns ein Knoten ist. Die Mystiker und die Physiker sagen uns, dass das so ist. Albert Einstein: &#8220;Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen &#8230; Er erf\u00e4hrt sich selbst, seine Gedanken und Gef\u00fchle als getrennt von allem anderen&nbsp;\u2013&nbsp;eine optische T\u00e4uschung des Bewusstseins&#8221; (in: Wie Zen mein Christsein ver\u00e4ndert, hg. von Michael Seitlinger und Jutta H\u00f6cht-St\u00f6hr, Freiburg 2004, S. 168).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hei\u00dft nun auch, dass die Welt auf uns und unseren K\u00f6rper wirkt: die nahe Umwelt und die weite Welt, das Positive und Sch\u00f6ne wie auch das Belastende in der Welt. Der Egoismus, der Kapitalismus, alle geistigen und materiellen Str\u00f6mungen wirken auf uns. Die wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Kriege in der Welt wirken auf mich und meine Umwelt. Jede liebevolle Begegnung, jede gro\u00dfherzige Haltung anderer, jedes positive Vorbild, jeder inspirierende Mensch wirkt auf mich. Die Welt unseres blauen Planeten und der ganze Kosmos wohnen in mir, ich kann mich dem nicht entziehen. Heinrich Seuse: &#8220;Ein gelassener Mensch sollte alle seine Seelenkr\u00e4fte so z\u00e4hmen, dass, wenn er in sich hineinschaut, sich ihm da das All zeigt&#8221; (in, Der Weg der Meister 1, hg. von P. Ermin D\u00f6ll, Eigenverlag Dietfurt, <sup>2<\/sup>1988, S. 209).<br>Wir sind ein Leib und ich bin eine Zelle darin (vgl. Eph 4,13-16). Die Seele-Geist-K\u00f6rper-Welt-Gott-Einheit ist der gro\u00dfe Leib, und das ist auch mein Leib, nicht nur mein hautverkapseltes Ich. In der Meditation k\u00f6nnen wir das erfahren, dass ich eins bin mit allem. Ich bin keine abgetrennte Insel in der Welt und gleichzeitig bin ich doch ein einmaliger Knoten im gro\u00dfen Gewebe dieser Welt. Es geht darum, dass ich meinen konkreten K\u00f6rper bewohne, so wie er ist. Auch in Zeiten der Krankheit. Je mehr ich mit meinem K\u00f6rper in Kontakt und in Resonanz bin, desto mehr komme ich auch in dem gro\u00dfen Menschheitsk\u00f6rper in Resonanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kommuniziere mit deinen Organen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pia Gyger, meine langj\u00e4hrige geistliche Lehrerin und Zen-Meisterin schrieb: <br><em>&#8220;Kommuniziere mit Deinen Organen und wisse, Du kommunizierst mit dem ewigen Wort, das in jeder Zelle Deines K\u00f6rpers west.<br>Erkenne MEIN Wirken im Dr\u00e4ngen Deines K\u00f6rpers, sich neu auszurichten.<br>Sprich an MEINE Gegenwart in Deinen Zellen und befiehl in MEINEM Namen ihr Erwachen.<br>In Freude und Leichtigkeit werdet Ihr ausrichten Eure Kr\u00e4fte, h\u00f6rend auf die Weisung Eurer Organe, die schwingen im Licht des Auferstandenen.<br>Lerne den neuen Atem.<br>Atme ein das alles Dunkel wandelnde Licht des Auferstandenen.&#8221;<\/em><br>(Pia Gyger, Maria. Tochter der Erde, K\u00f6nigin des Alls, M\u00fcnchen 2002, S. 19)<br>Gott ist in jeder meiner Zellen gegenw\u00e4rtig. Er ist da!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Quelle in uns entdecken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Stille und in der Hingabe im Alltag kann ich die Quelle entdecken, aus der ich lebe, und etwas von der Einheit von allem zuerst erahnen und dann erfahren. Angelus Silesius dichtet: \u201eWie t\u00f6richt tut der Mann, der aus der Pf\u00fctze trinkt und die Fontaine l\u00e4sst, die ihm im Haus entspringt.\u201c Ich bin eins mit Gott, der Quelle allen Lebens. Gott wohnt in mir und ich&nbsp;wohne in Ihm. In Ihm bin ich geborgen und unendlich geliebt. Der Urgrund, aus dem wir leben, ist zugleich der oder die Ganz-Andere und das Geheimnis unseres Lebens. Die Sehnsucht wird uns leiten. In Jesus Christus hat Er uns sein Angesicht gezeigt, hat er uns vorgelebt, wie diese Liebe ist &#8211; ber\u00fchrbar, erfahrbar, nahbar. Und in jeder und jedem von uns zeigt Er sich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>In Resonanz leben<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hartmut Rosa hat die Bedeutung der Resonanz betont (Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016). Wir k\u00f6nnen das in vielerlei Hinsicht aufgreifen: Wie kann ich in Resonanz mit dem Unbekannten, den wir Gott nennen, leben? Wie in Resonanz zu meinen tiefen Impulsen? Wie kann ich meine inneren Impulse \u00fcberhaupt wahrnehmen und ernst nehmen? Und wie kann ich in Resonanz mit meinem K\u00f6rper leben? Vielleicht spiegelt mir auch meine Krankheit etwas \u00fcber mein Leben oder meinen K\u00f6rper, so dass ich mich tiefer verstehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Beziehung zur Umwelt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie lebe ich die Beziehung zu mir und zu meiner Umwelt (und zur gro\u00dfen Welt) so, dass ich zu mir und zugleich zur Welt finde? Oder anders formuliert: Ich m\u00f6chte nicht mich verlieren, mich nicht zu sehr an andere oder an \u00e4u\u00dfere Erwartungen anpassen, vielleicht nicht mal an meine eigenen Erwartungen. Und zugleich m\u00f6chte ich mich nicht abkapseln von meiner Umwelt. Wie finde ich eine Resonanz, die mir und der Welt gut tut? In der ich immer mehr den Impulsen aus meiner Tiefe folge, mutig bin, Dinge beim Namen nenne &#8211; und zugleich von Herz zu Herz verbunden bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie kann ich mich sch\u00fctzen vor Einfl\u00fcssen, die mir nicht gut tun? Es ist v.a. das Ma\u00df an Impulsen von au\u00dfen, die wir besser dosieren, um uns nicht zu \u00fcberfordern. Es ist unsere Aufgabe, in Balance zu kommen, zwischen Geben und Nehmen, zwischen Kontakten mit anderen und Zeiten f\u00fcr mich. &#8230; Aber wir k\u00f6nnen uns nicht grunds\u00e4tzlich aus der Energie der Welt zur\u00fcckziehen, Augen, Ohren, H\u00e4nde und v.a. das Herz schlie\u00dfen. Uns nach au\u00dfen zu verschlie\u00dfen, macht uns auch krank. Denn in unserem Herzen schl\u00e4gt auch das Herz der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zu mir finden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Krankheit ist eine Einladung, mich mir zuzuwenden und die tiefen, leisen Signale meiner Seele wahrzunehmen und auf sie zu achten. Viele Menschen leben zu einseitig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Zu viel Verpflichtung und Einsatz f\u00fcr andere (oder zu wenig)<\/li><li>Zu viel Arbeit<\/li><li>Zu viel Festhalten an Erwartungen, an Besitz, &#8230;<\/li><li>Zu wenig Bewegung und Natur<\/li><li>&#8230;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir sind psychologisch am besten reguliert, wenn wir uns geliebt, verbunden und wertgesch\u00e4tzt f\u00fchlen und wenn wir selber lieben, statt indifferent oder m\u00fcrrisch oder hasserf\u00fcllt zu&nbsp;sein.\u201c (Diego Hangartner, Vortrag &#8220;Warum Empathie nicht Mitgef\u00fchl ist&#8221; bei der Lehrer*innen-Fortbildung der Kontemplationsschule via integralis am 03.09.2016)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das gro\u00dfe Ja leben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Krankheit ist eine Einladung, mich dem Fluss meines Lebens hinzugeben, der tiefer ist und oft anders flie\u00dft als meine Pl\u00e4ne und mein Wollen. Manchmal durchkreuzt das Leben meine Pl\u00e4ne und mein Wollen. Stelle ich mich meinem Leben? Wir sind durch jede Situation im Leben eingeladen und oft herausgefordert, das gro\u00dfe Ja zu leben. Im Lied auf Zazen von Hakuin Zenji hei\u00dft es: &#8220;Dieser Leib das Leben des Buddha.&#8221; Wenn wir mit der Tiefe unseres Lebensstromes in Resonanz kommen, finden wir darin oft unser Gl\u00fcck. In meiner Erfahrung kann ich sagen: Ich bin Gottes gro\u00dfe Liebe. Kann ich mich \u00f6ffnen f\u00fcr diese gro\u00dfe Liebe, sie selber werden und &#8211; oft ohne Worte &#8211; von ihr Zeugnis geben?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was kann ich konkret tun?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auf das Positive schauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit unserem Kopf und Bewusstsein schaffen wir einen ganzen Teil unserer Welt&nbsp;\u2013&nbsp;und den anderen Teil beeinflussen wir damit. Ein und dasselbe Ereignis kann von unterschiedlichen Personen ganz unterschiedlich erlebt, rezipiert und verarbeitet werden. In schwierigen Lagen sich hadern und zweifeln zu erlauben, kann befreiend sein. Nur wenn ich darin h\u00e4nge bleibe, verbaue ich mir selbst meinen Weg. So erlebe ich im Krankenhaus Patienten, die sind auf das Klagen ausgerichtet. Andererseits erlebe ich Patienten, die sehen in all den Grenzen doch noch das Positive. Letztere leben oft auch mehr aus der Hoffnung, worauf auch immer sich diese jeweils bezieht. Manche habe diese Haltung schon von fr\u00fch auf wie geschenkt bekommen, viele andere haben sie sich im Lauf des Lebens (hart) erarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kopf und Herz s\u00e4hen wir mit unseren Gedanken, Einstellungen und Blickwinkeln die Samen, die in unserem Alltag als Fr\u00fcchte aufgehen. S\u00e4e ich Selbstmitleid, Benachteiligung und Missgunst &#8211; oder s\u00e4e ich Selbstannahme, Dankbarkeit und Vertrauen? In einem Text einer j\u00fcdischen Gruppe etwa aus der Zeit Jesu hei\u00dft es \u201eMein Herz ist ein Garten, genannt Eden.&nbsp;Mein Garten ist fruchtbar und sch\u00f6pferisch. Wie der Urgarten Eden kann er ein Segen oder&nbsp;ein Fluch sein. Der Meister hat gesagt: \u201aWie der Mensch in seinem innersten Herzen denkt, so&nbsp;ist er.\u2018 Von heute an beginne ich ein neues Leben. Ich pflanze einen neuen Garten und ernte&nbsp;neue Gedanken und \u00dcberzeugungen. Ich bin der Meisterg\u00e4rtner meines Lebens, Wie ich mich jeden Tag f\u00fchle, wird das Resultat dessen sein, was ich zu mir selber sage und was ich immerwieder zu mir gesagt habe\u201c (gek\u00fcrzter Text aus einer Schriftrolle, die in einer Felsspalte am&nbsp;Toten Meer gefunden wurde).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Meditation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meditieren hilft. Wer es nicht kennt, kann es lernen (im Internet unter Zen oder Kontemplation suchen). Besser ist, klein anzufangen. 10, 15 Minuten am Tag, m\u00f6glichst regelm\u00e4\u00dfig, dann wirkt es: aufrecht sitzen (notfalls im Bett liegend, wenn es nicht anders geht), mit (leicht) offenen Augen, auf den Atem achten, eins werden mit dem Atem. Alle Gedanken und Gef\u00fchle, die aufsteigen, d\u00fcrfen sein. Wir nehmen sie wahr, aber wir verfolgen sie m\u00f6glichst nicht, sondern kehren immer wieder zum Atem zur\u00fcck. Und wenn wir lange getr\u00e4umt oder in den Assoziationsketten versunken sind \u2013 sobald wir es merken: nicht \u00e4rgern, sondern einfach wieder zur\u00fcck zum Atem gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und f\u00fcr wen die gestaltlose Meditation nicht passt, f\u00fcr den sind regelm\u00e4\u00dfige Zeiten der Stille auch ein Weg. Ich habe das als 17-J\u00e4hriger begonnen, nach meinem ersten Aufenthalt in Taiz\u00e9. Das hat mir sehr gut getan. Die Wirkungen von Zen oder Kontemplation jedoch gehen noch deutlich tiefer, das kann ich aus eigener Erfahrung und aus der Begleitung anderer Menschen sagen. Regelm\u00e4\u00dfige Meditation ist ein Beitrag zur psychischen und k\u00f6rperlichen Gesundheit, gibt neue Kr\u00e4fte, st\u00e4rkt die Intuition und f\u00f6rdert Selbsterkenntnis und Selbstannahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Spiritualit\u00e4t und spirituelle Begleitung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spirituelle Begleitung durch eine erfahrene geistliche Begleiter:in oder eine Kontemplationslehrer:in ist immer sinnvoll. Manchmal geht die spirituelle Dimension tiefer als die psychologische und die medizinische. Ein spiritueller Weg ersetzt grunds\u00e4tzlich keine schulmedizinische Behandlung. Ein spiritueller Weg erg\u00e4nzt und unterst\u00fctzt die normale Medizin und kann dann&nbsp;durchaus viel bewirken. Spiritualit\u00e4t st\u00e4rkt die Resonanz in der \u201evertikalen Resonanzachse\u201c, wie Hartmut Rosa das nennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Trappist Thomas Merton formuliert das so:&nbsp;\u201eIm innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an dem S\u00fcnde und Illusion nicht zu r\u00fchren verm\u00f6gen. Es ist ein Punkt der lauteren Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der ganz Gott geh\u00f6rt. Nie k\u00f6nnen wir \u00fcber diesen Punkt verf\u00fcgen, sondern Gott f\u00fcgt von diesem Punkt aus unser Leben. Er l\u00e4sst sich nicht von Phantasien unseres eigenen Geistes erreichen, er l\u00e4sst sich nicht mit gewaltt\u00e4tigem eigenen Wollen erobern. Dieser kleine Punkt der Nichts-heit und der absoluten Armut ist der Punkt der reinen Herrlichkeit Gottes in uns.\u201c Gott f\u00fcgt von diesem Punkt aus unser Leben! Wir d\u00fcrfen Vertrauen und uns anvertrauen. Eine Begleitung hilft, das zu entdecken und sich dem zu \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Erwartungen loslassen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts Bestimmtes erwarten. Auch die Erwartung loslassen, dass ich geheilt werde. Es ist besser, daran nicht anzuhaften. Das Leben ist ein Abenteuer, der Ausgang ist offen. Mit dem Wunder kann nicht gerechnet werden, auch wenn es nicht ausgeschlossen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Frieden und Vers\u00f6hnung als Arbeit und als Geschenk<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das, was wir erwarten k\u00f6nnen, hat viel mit dem biblischen Begriff&nbsp;\u201eSchalom\u201c&nbsp;zu tun. Dieser&nbsp;wird gew\u00f6hnlich mit \u201eFrieden\u201c \u00fcbersetzt. \u201eDas hebr\u00e4ische Wort \u201aschalom\u2018 bedeutet urspr\u00fcnglich \u201aheil, unversehrt, gesund, geordnet, gl\u00fccklich sein\u2018. &#8230; Schalom meint die psycho-physische Harmonie des Menschen, sein Wohlbefinden\u201c (Praktisches Bibellexikon, Freiburg 1969, S. 345). Schalom-Heil-Heilung ist umfassender als eine k\u00f6rperliche Heilung. Gott will, dass wir auf unserem Weg immer heiler werden trotz und mit Krankheit. Das hat viel mit Frieden mit mir und meinem Schicksal zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oft ist dazu Vers\u00f6hnungsarbeit und Ausrichtung n\u00f6tig. Aus spiritueller Sicht ist gerade eine Krankheit eine Einladung, mich mit meinem K\u00f6rper und mit meiner Geschichte (auch Familiengeschichte!) zu vers\u00f6hnen und Frieden zu finden. Es hat mit dem Nach-Hause-Kommen in dieses mein reales Leben zu tun. Welche Lebensw\u00fcnsche sperren sich gegen Vers\u00f6hnung? Wo will ich etwas, was nicht gut ist f\u00fcr mich&nbsp;\u2013&nbsp;oder wo will ich zu viel? Wo gibt es Beziehungen, die mich belasten oder frustrieren? Und was kann ich daf\u00fcr tun, dass sich da etwas \u00e4ndert? Zu wem muss ich vielleicht auch mehr Abstand einnehmen&nbsp;\u2013&nbsp;und zu wem mehr N\u00e4he und Offenheit wagen? Das sind nur wenige Fragen von vielen m\u00f6glichen, die bei so einer inneren und \u00e4u\u00dferen Arbeit anstehen k\u00f6nnten. Oft geht das nur in kleinen Schritten. Und jeder Schritt ist ein Schritt mehr zu mir. Das Unterwegssein ist wichtig, das Ankommen geschieht letztlich sowieso immer im Jetzt. Und in diesem Ankommen im Jetzt liegt etwas von diesem Heilen und dem Frieden. Auch das Leben mit Krankheit kann erf\u00fclltes Leben sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schlie\u00dfe mit dem Gedicht von Hilde Domin:<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bitte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir werden eingetaucht<br>und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen, <br>wir werden durchn\u00e4sst<br>bis auf die Herzhaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wunsch nach der Landschaft<br>diesseits der Tr\u00e4nen<br>taugt nicht,<br>der Wunsch, den Bl\u00fctenfr\u00fchling zu halten,<br>der Wunsch, verschont zu bleiben,<br>taugt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es taugt die Bitte,<br>dass bei Sonnenaufgang die Taube,<br>den Zweig vom \u00d6lberg bringe.<br>Dass die Frucht so bunt wie die Bl\u00fcte sei, <br>dass noch die Bl\u00e4tter der Rose am Boden<br>eine leuchtende Krone bilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dass wir aus der Flut,<br>dass wir aus der L\u00f6wengrube<br>und dem feurigen Ofen<br>immer versehrter und immer heiler <br>stets von neuem<br>zu uns selbst<br>entlassen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:15px\"><em>Der Beitrag ist erstmals erschienen in:<br>inspiration. Zeitschrift f\u00fcr christliche Spiritualit\u00e4t und Lebensgestaltung. Ausgabe 4\/2021, S. 10-17<br>Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung des Echter Verlag, W\u00fcrzburg<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\"><\/pre>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winfried Semmler-Koddenbrock Der Leib ist unverf\u00fcgbar. In der Erfahrung von schwerer Krankheit wird die ganze Zumutung dieser menschlichen Grundkonstante sp\u00fcrbar. Winfried Semmler-Koddenbrock, Jahrgang 1956, geht dieser Zumutung und den Chancen aus seiner Erfahrung als Pastoral\u00adreferent, Krankenhaus\u00adseelsorger und Organisationsberater&nbsp;i.R., Kontemplationslehrer via integralis, Mitglied in der \u00d6kumenischen Gemeinschaft Katharina-Werk Basel, und mit langj\u00e4hriger Erfahrung in der geistlichen&hellip;&nbsp;<a href=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2022\/06\/03\/ploetzlich-ernsthaft-krank-die-spirituelle-dimension-in-der-krankheit\/\" rel=\"bookmark\">Read More &raquo;<span class=\"screen-reader-text\">Pl\u00f6tzlich ernsthaft krank &#8211; Die spirituelle Dimension in der Krankheit<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"neve_meta_sidebar":"","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","neve_meta_reading_time":"","footnotes":""},"categories":[37,507],"tags":[],"class_list":["post-6184","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-newsletter","category-nl-013"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6184"}],"version-history":[{"count":36,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6184\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6788,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6184\/revisions\/6788"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}