{"id":7732,"date":"2023-05-26T00:43:00","date_gmt":"2023-05-25T22:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=7732"},"modified":"2023-10-27T15:50:19","modified_gmt":"2023-10-27T13:50:19","slug":"den-wasserkrug-umstossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2023\/05\/26\/den-wasserkrug-umstossen\/","title":{"rendered":"Den Wasserkrug umstossen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Spiritueller Impuls<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Fr\u00fchjahr 2022 entschloss ich mich, mein Amt als Gr\u00fcndungspr\u00e4sident des Vereines via integralis abzugeben. Nach \u00fcber sechs Jahren intensiver Arbeit f\u00fcr den Aufbau dieser Gemeinschaft von Frauen und M\u00e4nnern, deren tiefes Anliegen die Vermittlung der Kontemplation ist, fand ich es an der Zeit, neuen Gesichtern den Platz freizumachen. Ich machte meine Absicht innerhalb der Gesamtleitung bekannt. Worauf mich Margrit Wenk-Schlegel fragte, ihre Nachfolge in der Spirituellen Leitung anzutreten. Bereits bei ihrer Berufung in die Spirituelle Leitung 2020 hatte sie angek\u00fcndigt, nur f\u00fcr einen befristeten Zeitraum in dieser Rolle t\u00e4tig zu sein. Ihre Anfrage l\u00f6ste bei mir einen intensiven Prozess aus. Diesen m\u00f6chte ich f\u00fcr den folgenden Impuls reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ging es Ihnen auch schon mal so, dass Sie vor einer wichtigen Entscheidung standen und sich zun\u00e4chst mit einer Vielzahl von Fragen konfrontiert sahen. In meinem Fall stieg in mir, nach der Anfrage durch Margrit, die dualistische Frage hoch: &#8216;Bin ich christlich genug\u2018 f\u00fcr dieses Amt? So wie die Frage formuliert ist, verlangt sie ein Ja oder ein Nein, unterscheidet richtig und falsch.&nbsp;Ich lade Sie ein, mit mir dieser exemplarischen Frage nachzugehen und gleichzeitig etwas \u00fcber meine Biografie zu erfahren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich vor \u00fcber dreissig Jahren bei Niklaus Brantschen Roshi begann, den Zen-Weg ernsthaft zu studieren, h\u00e4tte ich mich am ehesten als Buddhisten bezeichnet, obwohl ich formal bis heute der evangelisch-reformierten Kirche angeh\u00f6re. Durch das Vorbild meines Lehrers begann ich mich wieder f\u00fcr die christliche Erfahrungsweise zu \u00f6ffnen und bekam viel Inspiration in seinen einfach gehaltenen Eucharistiefeiern. Einem damaligen Impuls folgend, in Gemeinschaft zu leben, trat ich mit meiner Familie der christlichen Kreuz Jesu Gemeinschaft bei, welche Mitte der 90er-Jahre Teil der charismatischen Erneuerung der katholischen Kirche war. Die damaligen Erfahrungen sind f\u00fcr mich bis heute sehr wertvoll. Den Zen-Weg bin ich \u00fcber die ganze Zeit intensiv weitergegangen. Sp\u00e4ter vertiefte ich durch die Teilnahme am via integralis Lehrgang die Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz dieser Vorgeschichte besch\u00e4ftigte mich die Ausgangsfrage weiter: &#8216;Bin ich christlich genug?&#8217; Ich \u00fcbte viel Zazen, das Sitzen in Konzentration, welches wir in der christlichen Mystik als Kontemplation bezeichnen. Ich zog mich zudem zu einem Retreat bei einem Freund zur\u00fcck, an dessen Ende sich die Antwort so klar zeigte, dass ich aus einer inneren Gel\u00f6stheit heraus \u00fcber diese kleinliche Frage lachen konnte. Noch gleichentags teilte ich in aller Freiheit Margrit Wenk<strong>&#8211;<\/strong>Schlegel mein Einverst\u00e4ndnis mit, mich als ihren Nachfolger zu berufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es liegt in unserer Natur, dass wir zuweilen, trotz jahrzehntelanger Kontemplation, bei der es um die Realisation geht, dass wir zu allem, das ist, vertrauensvoll Ja sagen k\u00f6nnen, immer wieder in dualistische richtig \/ falsch Unterscheidungen verfallen. Am Beispiel eines Koan aus der Sammlung Mumonkan sind Sie eingeladen, dies aus der Zen-Perspektive zu betrachten. Koan-Sammlungen geben in der Zen-Tradition meist Situationen wieder, in denen wir auf Menschen treffen, die mit ihren existentiellen Fragen zur Natur ihres Seins, ihren Meistern begegnen (1). Wenngleich Koan hierzulande eher den Ruf haben, \u2018rational nicht l\u00f6sbare R\u00e4tsel&#8217; zu sein, bedeutet Koan eigentlich \u2018\u00d6ffentlicher Aushang\u00b4. Die Koan weisen auf die <em>eine <\/em>Wirklichkeit hin, in der es im Zen geht. Wenn wir diese Wirklichkeit erfahren, f\u00e4llt das Paradox.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dieser allgemeinen Hinf\u00fchrung zu <strong>den <\/strong>Koan, wende ich mich nun dem Wortlaut des Koan 40 zu: \u00abDen Wasserkrug umstossen\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abAls Meister Isan sich noch unter Hyakuj\u00f4s F\u00fchrung schulte, hatte er das Amt des \u201aTenzo\u2018 inne. Hyakuj\u00f4 wollte einen Meister f\u00fcr das Kloster auf dem Berg Daii ausw\u00e4hlen. Darum rief er den M\u00f6nchs\u00e4ltesten und seine anderen Sch\u00fcler zu sich, forderte sie auf, ihre Einsicht zu demonstrieren, und sagte, dass der Beste ausgesandt werden sollte. Dann nahm er einen Wasserkrug, stellte ihn auf den Boden und sagte: \u201eIhr d\u00fcrft ihn nicht einen Wasserkrug heissen! Wie wollt ihr ihn also benennen?\u201c Der M\u00f6nchs\u00e4lteste sagte: \u201eEr kann doch nicht eine Holzsandale genannt werden.\u201c Hyakuj\u00f4 fragte den Isan. Dieser stiess den Krug sofort mit dem Fuss um und ging davon. Hyakuj\u00f4 lachte und sagte zum M\u00f6nchs\u00e4ltesten: \u201eIsan hat dem M\u00f6nch vom ersten Sitz den Rang abgelaufen.\u201c Und er bestellte Isan zum Gr\u00fcnder des neuen Klosters.\u00bb<\/p>\n<cite>Mumonkan, Die torlose Schranke (2)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schilderung f\u00fchrt uns zum Beginn des 9. Jahrhunderts zur\u00fcck. Isan, der Protagonist unserer Geschichte, ist zu der Zeit Hyakuj\u00f4\u2019s Sch\u00fcler und als Chefkoch (Tenzo) f\u00fcr das leibliche Wohl der M\u00f6nche besorgt. Hyakuj\u00f4 tritt hier als Meister auf, der offensichtlich auf der Suche nach einem geeigneten Leiter f\u00fcr ein geplantes Kloster ist. Wie \u00fcblich gibt es ein Bewerbungsverfahren nach Zen-Kriterien: Wer pr\u00e4sentiert seine Einsicht in die letzte Wirklichkeit anhand einer Aufgabe am deutlichsten? Hier: Der inmitten der versammelten Sch\u00fclerschaft platzierte Wasserkrug darf nicht mehr als solcher bezeichnet werden. &#8220;Aber wie denn sonst&#8221;, so fragt der M\u00f6nchs\u00e4lteste, der als solcher zu den Favoriten f\u00fcr den Job gelten d\u00fcrfte. F\u00fcr ihn steht fest, von der Tradition kann nicht abgewichen und der Krug pl\u00f6tzlich \u201aHolzsandale\u2018 genannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wasserkrug steht f\u00fcr unser dualistisches Anhaften. Die Fragen wie: &#8216;Bin ich christlich genug?&#8217; &#8216;Bin ich ordentlich genug gekleidet?&#8217; &#8216;Darf ich als Katholik in einen reformierten Gottesdienst?&#8217; &#8216;D\u00fcrfen wir im Meditationsraum eine h\u00f6lzerne Statue stehen haben, die den Buddha in der Zazen-Haltung darstellt und der uns so lediglich zeigt, wie man sitzend meditiert?&#8217; Im Alltag mit seinen Konventionen wird von uns eine ad\u00e4quate Antwort auf diese Fragen gefordert und damit zusammenh\u00e4ngend auch das soziale Miteinander realisiert. Erfahrung aus der Tiefe unseres Seins transzendiert diese Dualit\u00e4t. Damit werden wir frei, aus der unmittelbaren Einsicht ins Handeln zu kommen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Freiheit tritt zutage, nachdem Hyakujo nun den Isan an die Reihe nimmt. Dieser, ohne Z\u00f6gern, st\u00f6sst den Krug einfach um und geht von dannen. Worauf Hyakujo verk\u00fcndet, dass Isan dem M\u00f6nchs\u00e4ltesten den Rang abgelaufen habe, da dieser sp\u00fcrte, worauf es Hyakujo ankam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ich den Kl\u00e4rungsprozess durchlaufen hatte, f\u00fchlte ich mich sehr mit Isan verbunden. Aus der Perspektive der letzten Wirklichkeit sind unsere Kategorisierungen schal. Dort gibt es nirgends einen Copyright-Stempel, auf dem steht, christlich\u00a9, Zen\u00a9, buddhistisch\u00a9, islamisch\u00a9, hinduistisch\u00a9 usw. Solche Unterscheidungen kommen in der Regel immer erst nach gemachter Erfahrung. Letzten Endes sollten wir uns hinsichtlich der letzten Wirklichkeit, dem G\u00f6ttlichen, nicht an solchen Begriffen messen. Wenn wir angehalten sind, uns kein Bild von Gott zu machen, geht es nicht nur um G\u00f6tzenbilder, sondern auch darum, innere Bilder abzulegen. Dazu geh\u00f6rt, den Krug entschieden umzustossen, um im Bild unserer Geschichte zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Rolle bezogen, welche ich zusammen mit Regula Tanner in der Spirituellen Leitung mittlerweile aus\u00fcbe, nehme ich mir vor, mich nicht nach vordergr\u00fcndigen Zugeh\u00f6rigkeiten zu orientieren. Mein Wunsch ist, Menschen auf die letzte Wirklichkeit hin zu begleiten, welche sich in der mystischen Erfahrung einstellt. Innerhalb unserer Kontemplationsschule m\u00f6chte ich mich daf\u00fcr einsetzen, die Breite der Erfahrungsm\u00f6glichkeiten offenzuhalten und die uns allen gemeinsame Tiefe des Seins zu erschliessen, soweit dies nur irgend m\u00f6glich ist. Wobei sich dieses Sein, wie immer wir es benennen m\u00f6gen, nicht endg\u00fcltig erschliessen l\u00e4sst. Deshalb sprechen wir ja vom Geheimnis des Glaubens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die seit dem 4. Jahrhundert fix formulierten Formeln suggerieren einen gegebenen Sachverhalt, der wohl als geteiltes Bekenntnis Gemeinsamkeit schafft. Jedoch w\u00e4re konkrete Nachfolge Jesu nicht, an den Ort zu kommen, wo &#8220;der Vater und ich eins sind&#8221; (Joh 10,30)? Und wie ist das mit dem Brot und dem Wein? Gepr\u00e4gt von den einfachen Eucharistiefeiern mit Pater Niklaus Brantschen fand ich, dass die Einheit von allem, welche mystisch erfahren werden kann, in diesen Feiern auf einzigartig sch\u00f6ne Weise zum Ausdruck kam. Vor kurzem nahm ich an einer Eucharistiefeier teil. Die Dankesfeier ber\u00fchrte mich bis zum  Zeitpunkt, als der Zelebrant nach der Konsekration versehentlich den kleinen Wasserkrug umstiess und, sichtlich erleichtert dar\u00fcber, dass er nicht den Wein versch\u00fcttet hatte, spontan ausrief: \u00abEs ist nur Wasser!\u00bb Nun ist es aber so, dass es kein <em>Nur-Wasser<\/em> gibt. Es gibt Wasser. Und dieses Wasser ist, wie auch der Wein und das Brot, mein Leib. Und wenn ich in dieses Gewahrsein gelange, ist Einheit. Was m\u00fcsste da durch das Trinken des Weines noch vergeben werden? Nach der Feier ging ich weg, mit den ber\u00fchmten Zeilen aus Hakuin Zenji&#8217;s &#8220;Lied auf Zazen&#8221; im Bewusstsein: &#8220;Wie traurig, dass die Menschen das Nahe nicht sehen!&#8221; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Suche nach Antworten m\u00fcssen wir selbst antreten. Wer keine Fragen hat, kommt nicht wirklich weiter. Jemand anderem eine Antwort auf eine Frage zu geben, die nie gestellt wurde, ist fruchtlos. Dennoch hoffe ich, dass die eine oder andere Frage bei Ihnen bleibt und Sie dranbleiben, bis diese gekl\u00e4rt sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von J\u00fcrgen Lembke,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>J\u00fcrgen Lembke wurde im Februar 2023 in die Spirituelle Leitung der via integralis berufen. Als Zen-Lehrer (Sensei) der Glassman-Lassalle Zen-Linie bietet er die meisten seiner Kurse im Lassalle-Haus oder im Rebberg Zendo in Wettingen an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(1) Meisterinnen gibt es in den klassischen Koan-Sammlungen nur wenige. Es gibt die folgende neue Koan-Sammlung: Das verborgene Licht, 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. Zusammengestellt von Florence Caplow und Susan Moon; 2016, Edition Steinrich; Darin werden ausschliesslich Situationen, in denen Frauen die Hauptrolle spielen, dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(2) <span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\">Mumonkan \u2013 Die torlose Schranke: Zen-Meister Mumons Koan-Sammlung, kommentiert von Yamada Ko\u00fbn Roshi; 2011, K\u00f6sel Verlag&nbsp;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiritueller Impuls Im Fr\u00fchjahr 2022 entschloss ich mich, mein Amt als Gr\u00fcndungspr\u00e4sident des Vereines via integralis abzugeben. Nach \u00fcber sechs Jahren intensiver Arbeit f\u00fcr den Aufbau dieser Gemeinschaft von Frauen und M\u00e4nnern, deren tiefes Anliegen die Vermittlung der Kontemplation ist, fand ich es an der Zeit, neuen Gesichtern den Platz freizumachen. 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