{"id":801,"date":"2018-05-12T16:10:48","date_gmt":"2018-05-12T14:10:48","guid":{"rendered":"http:\/\/s774323011.online.de\/?p=801"},"modified":"2020-05-05T14:02:52","modified_gmt":"2020-05-05T12:02:52","slug":"das-vaterunser-mantra-der-fuelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2018\/05\/12\/das-vaterunser-mantra-der-fuelle\/","title":{"rendered":"Das Vaterunser \u2013 Mantra der F\u00fclle"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"tm6\"><strong><span class=\"tm7\">Der spirituelle Impuls\u00a0<\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span class=\"tm8\">J\u00fcrgen Lembke,\u00a0<\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span class=\"tm8\">Das Vaterunser \u2013 Mantra der F\u00fclle?<\/span><\/strong><\/h2>\n<figure id=\"attachment_834\" aria-describedby=\"caption-attachment-834\" style=\"width: 213px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-834\" src=\"http:\/\/s774323011.online.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/J\u00fcrgen-Lembke-2017-B-213x300.jpg\" alt=\"\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/J\u00fcrgen-Lembke-2017-B-213x300.jpg 213w, https:\/\/viaintegralis.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/J\u00fcrgen-Lembke-2017-B.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-834\" class=\"wp-caption-text\">J\u00fcrgen Lembke<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>J\u00fcrgen Lembke ist Kontemplationslehrer und der Pr\u00e4sident des Vereins via integralis; seit vielen Jahren Zen-Studium mit Niklaus Brantschen SJ; im Beruf Projektmanager im Gesundheitswesen. Dieser Impuls wurde anl\u00e4sslich von Kontemplationstagen 2017 gehalten.<\/em><\/p>\n<p>Das Gebet, das Jesus von Nazareth seine J\u00fcnger lehrte, hat seit fr\u00fchester Zeit in der Liturgie eine zentrale Bedeutung f\u00fcr alle Christen eingenommen. Die \u00fcberlieferten Formulierungen gehen, mit Ausnahme des Lobpreises im letzten Abschnitt, auf die Logienquelle Q zur\u00fcck und d\u00fcrften deshalb mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit so von Jesus gelehrt worden sein.<\/p>\n<p>Obwohl das Gebet \u00fcber die Jahrhunderte bis heute bewahrt wurde, gab es wiederholt Anlass f\u00fcr Diskussionen und Kommentare. Die eingangs erw\u00e4hnte sp\u00e4tere Erg\u00e4nzung des Herrengebetes mit der Doxologie,\u00a0<strong>\u201eDenn dein ist das Reich\u2026.\u201c<\/strong>\u00a0welche auf 1 Chr 29,10f zur\u00fcckgeht, scheint eine Folge von \u00dcberlegungen zu sein, welche gegen\u00fcber der urspr\u00fcnglichen Fassung gemacht wurden. Ich denke, dass der Urheber mit dieser Erg\u00e4nzung betonen wollte, dass das Wesentliche doch bereits erf\u00fcllt sei und wie Jesus an anderer Stelle verk\u00fcndet, das Reich Gottes mitten unter uns ist. Im vergangenen Dezember wurde in den Tagesmedien einmal mehr besprochen, ob die \u00dcbersetzungen aus dem Griechischen korrekt seien. Durch eine \u00c4u\u00dferung von Papst Franziskus wurde insbesondere die Bitte\u00a0<strong>\u201eund f\u00fchre uns nicht in Versuchung\u201c<\/strong>\u00a0diskutiert (20 Minuten, 2017), (NZZ, 2017).<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier nicht in die Diskussion um die rechte \u00dcbersetzung eintreten. Vielmehr m\u00f6chte ich die Haltung betrachten, mit der dieses so vertraute Bittgebet, auf uns und unsere Umwelt einwirkt. Zum Abschluss schlage ich einen leicht modifizierten Wortlaut vor, der nach Belieben im Einklang mit dem traditionellen Wortlaut gebetet werden kann.<\/p>\n<p>In den Evangelientexten, sowohl bei Lukas als auch bei Matth\u00e4us, wird das Vaterunser als Bittgebet \u00fcberliefert.<\/p>\n<p><strong>Bei Lukas (Lk 11,1\u20134 EU) mit dem Wortlaut:<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e<strong>1<\/strong>\u00a0Und es geschah: Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner J\u00fcnger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine J\u00fcnger beten gelehrt hat!\u00a0<strong>2<\/strong>\u00a0Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.\u00a0<strong>3<\/strong>\u00a0Gib uns t\u00e4glich das Brot, das wir brauchen!\u00a0<strong>4<\/strong>\u00a0Und erlass uns unsere S\u00fcnden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im Kontext wird bei Lukas ausgef\u00fchrt, dass wer bittet auch erh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Bei Matth\u00e4us (Mt 6.5-13 EU) finden wir die f\u00fcr den liturgischen Gebetstext grundlegende Form:<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201c<strong>5<\/strong>\u00a0Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Stra\u00dfenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.\u00a0<strong>6<\/strong>\u00a0Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schlie\u00df die T\u00fcr zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.\u00a0<strong>7<\/strong>\u00a0Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erh\u00f6rt, wenn sie viele Worte machen.\u00a0<strong>8<\/strong>\u00a0Macht es nicht wie sie; denn euer Vater wei\u00df, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.\u00a0<strong>9\u00a0<\/strong>So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name,\u00a0<strong>10<\/strong>\u00a0dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde.\u00a0<strong>11<\/strong>\u00a0Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!\u00a0<strong>12<\/strong>\u00a0Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!\u00a0<strong>13<\/strong>\u00a0Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem B\u00f6sen!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wie erw\u00e4hnt, wurde \u00fcber die\u00a0<strong>\u201erichtige\u201c<\/strong>\u00a0\u00dcbersetzung wiederholt argumentiert. Das\u00a0<strong>\u201et\u00e4gliche Brot\u201c<\/strong>\u00a0l\u00e4sst sich aus dem Originaltext so sicher nicht herleiten. Das griechische Wort, so lehren uns die Theologen, kommt nur isoliert im Kontext dieser Gebets\u00fcberlieferung vor und l\u00e4sst sich nicht wirklich \u00fcbersetzen. Dennoch ist es \u00fcber die Jahrhunderte in der Tradition als das\u00a0<strong>\u201et\u00e4gliche Brot\u201c<\/strong>\u00a0verankert worden.<\/p>\n<p>Die Abrahamitischen Religionen sind schriftbasierte Religionen. F\u00fcr Juden, Christen und Muslime hat die korrekte \u00dcbersetzung gro\u00dfes Gewicht. Wir werden gewarnt kein Jota zu \u00e4ndern \u2013 was uns davon abhalten sollte, \u00fcberhaupt erst einen \u00dcbersetzungsversuch zu starten (Mt. 5,18 EU).<\/p>\n<p>Um uns der Gefahr der falschen \u00dcbersetzung zu entziehen, k\u00f6nnten wir uns an einem Urtext der Cha\u2019n Literatur orientieren. In dem Werk,\u00a0<strong>\u201eVerse \u00fcber den Glaubensgeist\u201c \u201eShinshinmei\u201c<\/strong>\u00a0wird uns geraten, auf unseren\u00a0<strong>\u201eGlaubensgeist\u201c<\/strong>\u00a0gut achtzugeben. (Sosan, 1979) Die Verse wollen unserem Denken einen Spiegel vorhalten und ermuntern, von unseren Vorstellungen Abstand zu nehmen. Der Er\u00f6ffnungsvers liest sich so:\u00a0<strong>\u201eEs ist nicht schwer den Weg zu durchdringen, wenn du nur frei bist von Neigung und Abneigung.\u201c<\/strong>\u00a0Die biblische Entsprechung dazu w\u00e4re wohl die Warnung, sich nicht unter den Einfluss der Frucht der Unterscheidung von Gut und B\u00f6se zu bringen. Wenn wir uns der Neigung \/ Abneigung, Gut \/ B\u00f6se hingeben, ist unser Geist unvermeidlich in Wirren verloren.<\/p>\n<p>Wie also sollen wir beten? Ringen nach der richtigen \u00dcbersetzung? Uns nicht durch Wertungen in Wirren st\u00fcrzen? Beides trifft zu. Und noch ein drittes k\u00f6nnte zu unserem Nutzen bedacht werden.<\/p>\n<p>Der Gebetsunterricht, welcher uns Jesus erteilt \u2013 nicht zu plappern wie die Heiden sondern in einem wohlformulierten Gebet in den Dialog mit Gott zu treten \u2013 ist wertvoll. Im gleichbleibenden Wortlaut werden wir zusammen mit Gott an die ewig g\u00fcltigen Themen der Soheit unseres Lebens herangef\u00fchrt und vergegenw\u00e4rtigen uns diese. Bei allen aktiven Christen weltweit sind die sieben Bitten wie ein Mantra inkorporiert. Das hei\u00dft sie sind \u201eFleisch geworden\u201c. Es braucht nur den initialen Ansto\u00df und schon sind wir hineingenommen in den Fluss der Worte. Es betet.<\/p>\n<p>So gut dies auch ist, m\u00f6chte ich hier zum Innehalten einladen. Was ist uns in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen? Plappern wir das Vaterunser entgegen der urspr\u00fcnglichen Intention einfach herunter? Ist uns wirklich der Gehalt der Worte Fleisch geworden?<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigen wir den Kontext, in dem das Gebet bei Lukas und Matth\u00e4us eingebettet ist, k\u00f6nnen wir uns bildhaft vorstellen, unter welchen Umst\u00e4nden Jesus das Gebet lehrte. Bei Lukas bittet einer der J\u00fcnger, Jesus m\u00f6ge\u00a0sie ein Gebet lehren. Bei Matth\u00e4us lehrt Jesus, sich an die J\u00fcngerschar wendend. In beiden Beispielen geht er auf den Mangel ein, den wir scheinbar so oft sp\u00fcren und der uns antreibt. Beide Male laden seine Ausf\u00fchrungen am Rande der Gebetsworte dazu ein, Vertrauen zu haben und etwa darauf zu z\u00e4hlen, dass der Vater gew\u00e4hrt um was wir bitten oder im zweiten Fall, dass es eigentlich keine Worte braucht, da der Vater schon wei\u00df, was wir brauchen, bevor uns dies bewusst ist. Ohne allzu viel in den Kontext hineininterpretieren zu wollen, k\u00f6nnte man die von Jesus vermittelten Bitten als Korrektiv angesichts einer Haltung des Mangels an Vertrauen, auf Seiten der J\u00fcngerschaft betrachten. In dieser Form war es gewiss ein geeignetes Mittel, um den J\u00fcngern in ihrer Geisteshaltung hilfreich Anleitung zu geben. Denn wie schnell verlieren wir uns in einer Flut von dr\u00e4ngenden Gedanken, wenn sich mal das Grundempfinden in uns festgesetzt hat, dass wir, um gl\u00fccklich und sorglos zu sein, erst noch dies und jenes ben\u00f6tigen. Die Reduktion dieser Flut an Bitten auf das Wesentliche, welche uns im Vaterunser begegnen, ist demnach ein Gegenmittel.<\/p>\n<p>In dieser seit damals \u00fcberlieferten Form beten Christen seither. So habe auch ich dieses Gebet gelernt. Ich sehe mich und meinen j\u00fcngeren Bruder mit gefalteten H\u00e4ndchen auf dem Bett sitzen, w\u00e4hrend unsere Mutter am Bettrand kniend, mit uns die Worte vor dem zu Bett gehen gesprochen hat. Dieses abendliche Ritual endete wohl als ich dreizehn Jahre alt war. Das Gebet ist mir jedoch bis heute wichtig geblieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jahre trug ich das Unser Vater (wie die reformierten das Gebet beginnen) eher wie ein Koan mit mir herum und h\u00f6rte beim Beten gleichsam einen inneren Kommentator im Hintergrund, der sich \u00fcber den einen oder anderen Aspekt des Gebets kritisch \u00e4u\u00dferte. So stolperte auch ich etwa \u00fcber den Gott, der uns in Versuchung f\u00fchrt. Dieser Prozess f\u00fchrte dazu, dass ich das Gebet f\u00fcr mich und m\u00f6glicherweise f\u00fcr jene, die \u00e4hnlich empfinden, neu formulieren musste. Denn wie in jedem Gebet, liegt im Vaterunser viel \u201efleischformende Kraft\u201c. Um zu illustrieren was ich meine, hole ich etwas aus.<\/p>\n<p>Als ich im Sommer 2014 am ersten Native American Bearing Witness Retreat der Zen Peacemaker mit den Lakota teilnahm, f\u00fcgte sich mir, beim H\u00f6ren auf die Zeugnisse der verschiedenen Stammes\u00e4lteren, vieles, das hinsichtlich des Vaterunsers in mir gegart hatte, zusammen. Neben der Teilnahme am Morgengebet, das uns und alle Himmelsrichtungen einschloss, wurden wir Zeugen davon, wie tief die Traumata der Kolonisation durch die Europ\u00e4er bis auf den heutigen Tag gegenw\u00e4rtig sind. Steven Newcomb (Newcomb, 2008) zeigte uns auf, wie die Legitimation, die\u00a0<strong>\u201eHeiden\u201c<\/strong>\u00a0mit aller H\u00e4rte zu unterwerfen, auf den p\u00e4pstlichen Bullen des 16. Jahrhunderts aufbaute. Diese sind unverst\u00e4ndlicherweise, in ihrem Wortlaut bis heute von der Kirche<strong>\u00b9<\/strong>\u00a0unwiderrufen.<\/p>\n<p>Von den Lakota lernten wir das Wort\u00a0<strong>\u201ewa\u0161icun\u201c<\/strong>, mit dem die Weissen bezeichnet werden. Ein sehr \u00e4hnlich lautendes Wort\u00a0<strong>\u201ewa\u0161in icu\u201c<\/strong>\u00a0bedeutet\u00a0<strong>\u201enimmt das Fett\u201c<\/strong>\u00a0und benennt den Drang eines Menschen, in diesem Kontext der Weissen, sich das beste Land anzueignen und zu unterwerfen und alle darin enthaltenen Sch\u00e4tze auszubeuten. K\u00f6nnte diese Haltung etwas mit den Worten zu tun haben, welche wir auf uns einwirken lassen? Wenn wir die imperativen Worte\u00a0<strong>\u201eGeheiligt werde dein Name!\u201c<\/strong>\u00a0beten, ist es da nicht ein kurzer Schritt dann jene zu vernichten, welche nicht in gleicher Weise Gott heiligen?<\/p>\n<p>Worte schaffen Realit\u00e4t. Der Auftakt des Johannesevangeliums berichtet uns, wie zu allem Anfang alles aus dem Wort entstand und wie dieses Fleisch wurde. Die Intention bei Johannes soll uns Gottes Plan vermitteln, und dass alles, was danach folgt, diesem urspr\u00fcnglichen wortgewordenen Gedanken folgt. Diese Einsicht ist nicht exklusiv christlich. Die Weisheitsliteratur enth\u00e4lt viele Beispiele, die diese Dynamik nachzeichnet \u2013 alles was zun\u00e4chst blosses Wort ist, wird letztlich Fleisch. Will sagen, es manifestiert sich in unserer greifbaren Welt. Dies gilt f\u00fcr die wiederholten Worte der Zuneigung, welche Eltern ihren Babys ins Ohr fl\u00fcstern und die dadurch ein inniges, f\u00fchlbares Band mit ihren Kindern kn\u00fcpfen. Zum Beispiel pflegten wir mit unseren beiden Kindern ein sehr schlichtes Ritual. Es begann damit, dass wir eines der Kinder mit Namen ansprachen und fragten\u00a0<strong>\u201eWei\u00dft du was?\u201c<\/strong>\u00a0Auf das rituelle\u00a0<strong>\u201eNein\u201c<\/strong>\u00a0des Kindes, folgte dann unsererseits die Affirmation\u00a0<strong>\u201eIch habe dich ganz fest lieb!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>So wie ich bei dem genannten Beispiel mit meinen Kindern, die Worte als Grundlage f\u00fcr eine innige Beziehung betrachte, schaffen wir mit entsprechenden Worten die entgegengesetzte Realit\u00e4t. Ein Beispiel hierf\u00fcr sehe in der Mantra-artigen Diffamierung der Juden w\u00e4hrend dem dritten Reich. Die ge\u00e4usserten Beschimpfungen, Juden seien Ungeziefer, gipfelten darin, die Worte manifeste Realit\u00e4t werden zu lassen. Dieser Fleisch gewordene, negative Gedanke, f\u00fchrte dazu, Millionen von Juden, Roma und andere als\u00a0<strong>\u201eUnmenschen\u201c<\/strong>\u00a0Klassierte mit Insektizid umzubringen.<\/p>\n<p>Nach diesen Reflexionen zur Wirkm\u00e4chtigkeit der Gedanken m\u00f6chte ich wieder zum Vaterunser zur\u00fcckkehren. Wie angedeutet sind die Zeiten, in denen ich dieses Gebet in seiner gegenw\u00e4rtigen Lesung beten konnte, vorbei. Zun\u00e4chst \u2013 und das in aller Deutlichkeit \u2013 per se ist nichts Schlimmes in dem Gebet enthalten. Doch sollten wir die Haltung, mit welcher wir beten, betrachten, denn der Wortlaut schafft Realit\u00e4t. Der Text des Vaterunsers atmet grammatikalisch das \u201eNoch-Nicht\u201c des Konditionalen, den potentiellen Mangel an Brot, Vergebung und Beistand. Zugespitzt formuliert ist das Vaterunser im g\u00e4ngigen Wortlaut ein Mantra des Mangels.<\/p>\n<p>Geheiligt werde dein Name: selbst wenn ich seinen Namen heilige, das\u00a0<strong>\u201eWerde\u201c<\/strong>\u00a0suggeriert, dass noch nicht alle Anderen den Namen heiligen; dasselbe gilt f\u00fcr\u00a0<strong>\u201eDein Reich komme\u201c<\/strong>. Ist es denn noch nicht da? Und klingt es nicht fast blasphemisch zu beten\u00a0<strong>\u201eDein Wille geschehe\u201c?<\/strong>\u00a0Geschieht denn sein Wille zurzeit nicht?<\/p>\n<p>Es liegt mir\u00a0<span class=\"tm9\">fern, den Glaubensgeist in Wirren zu st\u00fcrzen. Bei der Formulierung der aktualisierten Form des Vaterunsers\u00a0<\/span>haben mich drei Aspekte besonders geleitet. Erstens sollte der neue Wortlaut alternativ zum traditionellen gesprochen werden k\u00f6nnen. Zweitens sind die S\u00e4tze im Pr\u00e4sens verfasst und sprechen somit aus der Gegenwart<strong>\u00b2<\/strong>\u00a0und beziehen sich auf dieselbe. Der dritte Aspekt ist nicht unmittelbar in den Worten enthalten. Vielmehr ist der Betende eingeladen, jede Aussage auf drei Haltungen hin zu betrachten. Anstatt wie bisher die Bitten unver\u00e4ndert zu wiederholen mag entsprechend unserer st\u00e4ndig wechselnden Gem\u00fctszust\u00e4nde jede Zeile in etwas anderem Licht erscheinen. In der \u00f6stlichen Cha\u2019n Tradition begegnen wir immer wieder drei essentiellen Haltungen, welche wir w\u00e4hrend der \u00dcbung des Zazens aufbringen sollten:<\/p>\n<ul>\n<li>Unersch\u00fctterliches Vertrauen und Dankbarkeit, dass wir den Weg erreichen, bzw. die Zusagen der Tradition zutreffend sind und wir daran teilhaben<\/li>\n<li>Riesigen Zweifel, hinsichtlich unserer Praxis und der menschlichen Neigung, sich voreilig ein Bild zu machen und unkritisch stehenzubleiben.<\/li>\n<li>Absolute Entschlossenheit, mit der ganzen zur Verf\u00fcgung stehenden Kraft die Wahrheit zu verwirklichen bzw. das unserem Leben inh\u00e4rente Potential zur Entfaltung zu bringen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hinsichtlich des Vaterunsers k\u00f6nnten wir demnach die einzelnen Zeilen wie einer inneren Checkliste folgend beten, indem wir kurz pr\u00fcfen, in welcher Haltung wir die aktuelle Zeile beten. In einer Haltung des Vertrauens und Dankbarkeit, oder des Zweifels oder mit Entschlossenheit.<\/p>\n<p>Die aktualisierte Form weist dieselbe Anzahl Silben auf, wie die gebr\u00e4uchliche Fassung, sodass wir mit wenig \u00dcbung dieses Gebet weiterhin in Gemeinschaft mit allen Gl\u00e4ubigen beten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich erhoffe mir, dass manche es mal mit der aktualisierten Formulierung versuchen und die Worte und deren Wirkung innerlich verkosten und dieses zentrale Gebet f\u00fcr sich neu entdecken m\u00f6gen.<\/p>\n<h3>Der liturgische Text des Vaterunser<\/h3>\n<h4>Oekumenische Fassung<br \/>\n(als Bittgebet)<\/h4>\n<p>Vater unser im Himmel,<br \/>\ngeheiligt werde dein Name.<br \/>\nDein Reich komme.<br \/>\nDein Wille geschehe,<br \/>\nwie im Himmel so auf Erden.<br \/>\nUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute.<br \/>\nUnd vergib uns unsere Schuld,<br \/>\nwie auch wir vergeben unsern Schuldigern.<br \/>\nUnd f\u00fchre uns nicht in Versuchung,<br \/>\nsondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<br \/>\nDenn dein ist das Reich und die Kraft<br \/>\nund die Herrlichkeit in Ewigkeit.<strong>\u00b3<\/strong><br \/>\nAmen.<\/p>\n<h4>Aktualisierte Fassung<br \/>\n(Vertrauen und Dank, Zweifel, Entschluss)<\/h4>\n<p>Vater unser im Himmel<br \/>\nGeheiligt wird dein Name<br \/>\nDein Reich ist hier<br \/>\nDein Wille geschieht<br \/>\nwie im Himmel so auf Erden.<br \/>\nUnser t\u00e4gliches Brot gibst du uns heute<br \/>\nUnd vergibst uns unsere Schuld,<br \/>\nwie auch wir vergeben unseren Schuldnern<br \/>\nUnd bist mit uns in der Versuchung<br \/>\nund erl\u00f6st uns von dem B\u00f6sen<br \/>\nJa, Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit<br \/>\nin Ewigkeit<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgen Lembke, Mai 2018<\/strong><\/p>\n<p>\u2013<br \/>\n<strong>\u00b9<\/strong>\u00a0Ich schreibe bewusst Kirche und nicht \u201eKatholische Kirche\u201c. Die Situation ist nat\u00fcrlich komplex. Was ist mit den englischen Einwanderern, den Nachkommen der anderen europ\u00e4ischen Staaten? Das Eingest\u00e4ndnis des Unrechtes hat von allen zu kommen.<br \/>\n<strong>\u00b2<\/strong>\u00a0Oder das gegenw\u00e4rtige Nun der Ewigkeit.<br \/>\n<strong>\u00b3<\/strong>\u00a0Die Doxologie bzw. der Lobpreis ist erst sp\u00e4ter dem Vaterunser hinzugef\u00fcgt worden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der spirituelle Impuls\u00a0 J\u00fcrgen Lembke,\u00a0 Das Vaterunser \u2013 Mantra der F\u00fclle? J\u00fcrgen Lembke ist Kontemplationslehrer und der Pr\u00e4sident des Vereins via integralis; seit vielen Jahren Zen-Studium mit Niklaus Brantschen SJ; im Beruf Projektmanager im Gesundheitswesen. Dieser Impuls wurde anl\u00e4sslich von Kontemplationstagen 2017 gehalten. 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