{"id":8174,"date":"2023-12-01T00:31:00","date_gmt":"2023-11-30T23:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/viaintegralis.ch\/?p=8174"},"modified":"2023-11-17T19:46:18","modified_gmt":"2023-11-17T18:46:18","slug":"beruehre-die-wunden-lesetipp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/viaintegralis.ch\/fr\/2023\/12\/01\/beruehre-die-wunden-lesetipp\/","title":{"rendered":"Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk: Ber\u00fchre die Wunden"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-medium-font-size\">Buchbesprechung von Claudia Nothelfer<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>&#8220;Ber\u00fchre die Wunden&#8221; empfinde ich als kostbare, eher anspruchsvolle theologische Reflexion. Sie arbeitet das genuin Christliche in einer Weise heraus, die jegliche S\u00fcssigkeit christlicher Religiosit\u00e4t zur\u00fcckweist. Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk legt den Finger in die Wunden von damals und heute, in authentischem Mitgef\u00fchl und kompromissloser Klarheit. Das Buch kann all jenen eine Bereicherung sein, die die billige Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Glaubens nicht (mehr) ertragen, sondern sich herausfordern und ber\u00fchren lassen vom Leid, das Menschen einander antun.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Titelbild mag Assoziationen wecken, die das Buch jedoch so nicht einl\u00f6st, ausser durch den Wein als Sakrament des Blutes im Zentrum des Bildes. Vermutlich nicht zuf\u00e4llig \u00abmeditiert\u00bb Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk in vierzehn Kapiteln die Wunden Jesu und unz\u00e4hliger Menschen &#8211; wie einen Kreuzweg religi\u00f6sen Lebens und theologischen Bedenkens. Dabei erlebt er, wie im Ber\u00fchren von Wunden Christusbegegnung stattfindet. In ergreifender Weise nimmt er die Lesenden mit an Orte und Geschehnisse des Leids, etwa nach Jerusalem, Auschwitz und quer durch die Geschichte Europas. Im Verwundeten aller Orten findet er Gott als ein Geheimnis, das nicht in unber\u00fchrter Glorie in den Himmeln thront, sondern <em>sich ereignet<\/em> in unserer, der Geschichte der Menschheit. \u00abMein Gott ist der verwundete Gott\u00bb, bekennt Hal\u00edk. Gott wird ber\u00fchrbar im menschlichen Leid.<br>Ausgangspunkt bildet die nach\u00f6sterliche Erz\u00e4hlung von Thomas, der, ersch\u00fcttert durch die Ber\u00fchrung der Wunden des Auferstandenen, bekennt: \u00abMein Herr und mein Gott!\u00bb (Joh 20,24-29). Der Weg zu Christus wird von seinen verwundeten H\u00e4nden und seinem durchstochenen Herzen ge\u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hal\u00edk greift zur\u00fcck auf die Leidensgeschichte Jesu, in der die Spirale der Gewalt durchbrochen wird: Die  Wahrheit \u00fcber menschliche Gewalt findet ihren Platz in der menschlichen Ohnmacht, die der gefolterte Jesus wortlos <em>verk\u00f6rpert<\/em>. \u00abSieh da, der Mensch!\u00bb bekennt Pilatus im Angesicht eines Karfreitags, an dem ein Mensch <em>nichts<\/em> w\u00e4re ohne Ostermorgen. Denn schlimmer als der Tod ist die abgrundtiefe Verlassenheit im \u00abMein Gott, warum hast du mich verlassen?\u00bb Mit dieser bitteren Frage geht Jesus durch die Finsternis <em>hindurch, <\/em>durchleidet sie als \u00abTod Gottes\u00bb, den Dialog mit seinem Vater nicht abbrechend &#8211; und setzt darin ein Vorzeichen der Auferstehung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erfahrung des \u00abtoten\u00bb, nicht anwesenden Gottes auf Golgotha, betrachtet mit der konstruktiven Kritik Nietzsches am Christentum, zieht sich durch die Essays wie ein roter Faden. Wer dies au\u00dfer Acht l\u00e4sst, w\u00fcrde das Christentum zu einer bequemen &#8220;unverwundeten Religion&#8221; machen. Christlich glauben heisst f\u00fcr Hal\u00edk, sich ber\u00fchren zu lassen von der verwundeten und verwundbaren Welt, wie sie sich in Jesus, dem Christus, am Karfreitag der Welt zeigt. Schauen wir weg oder unber\u00fchrt mit \u00absauberen H\u00e4nden\u00bb zu? Wo sind die \u00abguten Frommen\u00bb, die die \u00abB\u00f6sen\u00bb ihr satanisches Werk tun lassen, erleichtert dar\u00fcber, selbst verschont zu sein? Karfreitag gibt den Anstoss, aus der Illusion der Unschuld und zur Umkehr zu erwachen, Mitverantwortung f\u00fcr die Welt zu ergreifen.<br>Das Wesentliche des wirklich <em>christlichen<\/em> Glaubens benennt Hal\u00edk als ein Trotzdem und Dennoch, als ein verwundeter, durchstossener, gekreuzigter und auferstandener Glaube.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcdische \u00abTheologie nach Auschwitz\u00bb ist f\u00fcr Hal\u00edk von zentraler Bedeutung nach der grauenhaften Erfahrung des Schweigens Gottes und dessen Ohnmacht. Anwesend war Gott in jenen, die auch dort nicht aufh\u00f6rten zu beten oder ihn wie Hiob zum Gericht riefen. Aus der Perspektive eines vom Leid nicht selbst betroffenen Menschen ist das F\u00fcrbittgebet ein Gespr\u00e4ch mit Gott, insofern es uns tief bewegt und uns distanziert von den egozentrischen W\u00fcnschen ans Leben. Es ist ein Bekenntnis dazu, nicht zu vergessen, nicht wegzuschauen und diesem Gott hinzuhalten, was ich nicht zu \u00e4ndern vermag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine zutiefst christliche Theologie ist f\u00fcr Hal\u00edk eine <em>Theologe des Kreuzes <\/em>(wie sie etwa Martin Luther entwickelt hat). Sie weiss von der vielleicht einzigen Erkenntnis Gottes als jene g\u00f6ttliche Kraft, die in der Schw\u00e4che, Erniedrigung und Ohnmacht allen gekreuzigten Lebens verborgen ist. Dazu geh\u00f6rt der augen\u00f6ffnenden Blick auf die enge Verbindung von Auferstehung und Vergebung. Der Auferstandene erscheint nicht als R\u00e4cher, sondern als der Vergebende. Er bringt den Frieden und den Geist der Vergebung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Kreuz her erweist sich jegliche Metaphysik im Bem\u00fchen, das g\u00f6ttliche Wesen abstrakt zu erfassen, als sinnlos. Denn <em>theologisch<\/em> <em>korrekt<\/em> wissen wir, dass wir nicht wissen. Darum ist Gott nicht <em>hinter<\/em> den Kulissen der Wirklichkeit, sondern in der Tiefe der Wirklichkeit zu finden. Und der einzige Ort, so Hal\u00edk, wo das Wort Gottes Sinn gewinnt, ist die Geschichte Jesu. Und diese ist nicht nur schwer, sie ist auch leichtf\u00fcssig tanzend, eine Geschichte der Freiheit. Nur durch sie und durch Jesus selbst kennen wir den lebendigen Gott. Die Person Jesu lebt vor allem <em>Beziehung<\/em>: zu Gott, zu uns und in dem, was wir im Geist Christi wirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Zen-Schulung bei Pater Enomiya-Lassalle und seiner Kontemplationspraxis erf\u00e4hrt Hal\u00edk Gott unter seinem Gegenteil, verborgen in den Paradoxa. Sie lassen ihn das bekannte Koan \u00fcber Buddha umformulieren in \u00abBegegnest du Christus, so t\u00f6te ihn!\u00bb Christus kann nicht Gegenstand der Meditation sein, sondern es geht darum, <em>in Christus zu sein<\/em>, im Geiste eins mit ihm zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiter geht Hal\u00edk auf die Kritik in der Gesellschaft an Kreuzesdarstellungen mit \u00abh\u00e4sslichem\u00bb Corpus ein, im Widersrpruch zu deren Faszination an der Wanderausstellung \u00abK\u00f6rperwelten\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schliesslich betrachtet der Autor jene, die Jesus im Schatten des Kreuzes verlassen haben und jene, die Jesus bis zum Kreuz gefolgt sind, etwa Frauen wie Veronika, die Mutter Jesu und Maria Magdalena. Sie waren erste Zeuginnen der Auferstehung. Sie erkannten Jesus \u00abim Leib\u00bb, was meint: &#8220;in der unverwechselbaren Identit\u00e4t der Person&#8221;. Weder seine Person noch die Erfahrung derselben kann festgehalten werden. Mit Christus leben heisst, mit ihm auf dem Weg zu bleiben durch alle H\u00f6hen und Niederungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten Kapitel des Buches geht es um Schritte zur Heilung von Wunden der Welt. Dazu geh\u00f6ren f\u00fcr Hal\u00edk Umkehr, Busse, Demut \u2013 oder schlicht: der Mut zur Wahrheit \u00fcber sich selbst. Er schliesst sich der psychologischen Erkenntnis an: &#8220;Was nicht angenommen ist, kann nicht erl\u00f6st werden&#8221;. Menschen d\u00fcrfen Wunden haben, sie anerkennen, eigene und andere Wunden ber\u00fchren und sich von Ber\u00fchrungen heilen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Person: Der Autor, Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk, * 1948 und 1978 heimlich in Tschechien zum Priester geweiht, war als Psychotherapeut t\u00e4tig, durchlief eine Zen-Schulung bei Pater Lasalle, praktiziert und lehrt das Herzensgebet und ist heute Soziologieprofessor in Prag. Er ist ein namhafter Autor profunder theologischer Literatur. Das vorliegende Buch hat er zum grossen Teil in einer Waldeinsiedelei im Rheinland verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk, Ber\u00fchre die Wunden. \u00dcber Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung, Freiburg im Breisgau 2013, 240 S., ISBN 978-3-451-30739-3.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung von Claudia Nothelfer &#8220;Ber\u00fchre die Wunden&#8221; empfinde ich als kostbare, eher anspruchsvolle theologische Reflexion. Sie arbeitet das genuin Christliche in einer Weise heraus, die jegliche S\u00fcssigkeit christlicher Religiosit\u00e4t zur\u00fcckweist. Tom\u00e1\u0161 Hal\u00edk legt den Finger in die Wunden von damals und heute, in authentischem Mitgef\u00fchl und kompromissloser Klarheit. 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