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NENNT MICH BEI MEINEM NAMEN!

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Das in den über 2500 Jahren verborgene Licht von Zen Frauen und ihre große Bedeutung leuchtet heute hell auf. Auch zahlreiche Zen-Geschichten von Frauen, die nur mit “eine alte Frau“ betitelt werden, wurden durch forschendes und dokumentierendes Engagement vorwiegend von Frauen unserer Zeit ans Licht gehoben. Viele davon finden sich im Buch „Das verborgene Licht“ mit 100 Geschichten erwachter Frauen, herausgegeben von Florence Caplow und Susan Moon, das vor 10 Jahren auf deutsch erschien und große Resonanz erfährt.

In den Geschichten begegnen uns starke und wirkmächtige Frauenpersönlichkeiten, die oft unscheinbar daherkommen, als Straßenverkäuferin, an Wegkreuzungen, bei der Haus- und Feldarbeit, mitten im Alltag. Sie überraschen, machen sprachlos mit ihrer unaufgeregten, klaren Autorität und den scheinbar paradoxen Aussagen, die aufzeigen, dass ihr schlichtes Leben zweifellos in der Erfahrung des Erwachens verankert ist. 

Mönche, Gelehrte und mitunter auch Meister, wenn sie nach dem Weg fragen, etwas essen, trinken oder auch nur plaudern wollen, stolpern geradezu über diese unbestechliche Präsenz und Unmittelbarkeit der erwachten Erfahrung. In diesen Begegnungen erscheint das voneinander Lernen und sich Inspirieren so offensichtlich, wie auch das Wachrütteln aus Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit. Und manchmal macht sich pure Freude aneinander in schallendem Gelächter breit, wie zwischen Meister Hakuin und einer „alten Frau“.

Auch hier wird die Frau nicht mit Namen genannt. Beim Lesen frage ich mich, wie könnte sie heißen? In dem ich mich ganz auf sie einlasse, höre ich ihre Bitte: „Fragt mich nach meinem Namen, dann bin ich. Nennt mich bei meinem Namen, dann begegnen wir uns. Erinnert an meinem Namen, dann sind wir verbunden“.

Bei meiner Ernennung zur Zenlehrerin erhielt ich von Anna Myoan Gamma Roshi den Namen Shinmyo, er bedeutet HerzLicht. Im Rahmen des Rohatsu Sesshin 2025 weihte sie mich zur Priesterin. Ich erhielt einen weiteren Namen: Kanzeon. Es ist die Bodhisattva des Mitgefühls. Namen können Wegweiser sein, Einladung und Auftrag, als Menschen jeglichen Geschlechts das in uns schlummernde menschliche Potential zu entfalten.

Indem wir die Weisheit und Botschaft der namenlos gebliebenen Frauen in uns selbst verkörpern und ins Leben bringen und dem Erwachen aller Wesen dienen, rufen wir die erwachten Frauen der Vergangenheit in der Tat bei ihrem Namen und tragen das Licht, dessen Ursprung im Dunkeln liegt, in ihrem Namen weiter.

Möge es fruchtbar sein für unsere Welt.

Gabriele Geiger-Stappel
Zenlehrerin (Sensei) und Kontemplationslehrerin via integralis

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Newsletter ZZOK Luzern, Jan. 2026

Zazenkai mit Gabriele zum Thema : 
27.06.2026, 10:00 – 16:00 Uhr
Anm.: www.zenzentrum-offenerkreis.ch

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