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Bewusstsein aus islamischer Sicht

Steinmännchen vor Meereshintergrund

Islamische (wörtlich: gottergebene) Mystik ist keine Romantik

Als Imam, der auch Meditationen anleitet und verschiedene Formen der Traditionen kennenlernte, beschäftigt mich seit jeher aus privaten wie aus theologischen Gründen, wozu diese Meditationen dienen und was sie in uns aufzeigen oder bewegen dürfen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist für mich der Begriff des Bewusstseins, der nicht nur die geistige, sondern für mich auch die körperliche Welt umfasst. Da ich nicht viele Artikel kenne, die diesen ganzheitlichen Blick aus einer progressiven Theologie heraus versuchen zusammenzufassen, war für mich bei der Anfrage, einen Beitrag für den Blog der via integralis zu schreiben, sofort klar: Ich schreibe etwas zu Bewusstsein.

Was verstehen wir unter Sufismus?

Ich möchte zum Einstieg den Sufismus als einen Sammelbegriff aufgreifen, um ihn gleich wieder in den Hintergrund zu rücken. Ein eurozentrischer Blick romantisiert die Sufis sehr stark. Teile von Rumis Gedichten und Sprüchen (13. Jh.) sind beliebte Zitate, jedoch ist sein monumentales Werk Mathnawi nur Wenigen ein Begriff und noch Wenigeren gut bekannt. Ich zähle mich trotz langjähriger Lektüre auch nicht zu den Kennern dieses bedeutenden Werkes, eher zu den von ihm im Herzen stark bewegten Menschen. Sind denn Sufis nicht die «Moderaten», welche die spirituelle Dimension der islamischen Religion leben? Dies, indem sie (dreh)tanzen und regelmässig meditieren, um des Namens Gottes zu gedenken und Ihn zu verinnerlichen? Ist das nicht schon Romantik, mindestens ein wenig?

So viel ist klar: Unter den Sufis gibt es auch erzkonservative, sehr orthodoxe Gläubige, die noch genauer auf die Geschlechtertrennung schauen und penibler auf die Einhaltung der Regeln eines sehr traditionellen Islams pochen als so mancher Imam einer gewöhnlichen Moschee. Und dann gibt es Orte wie die der Mevlevi Schweiz, die ich auch besuche, in der der Scheich Peter Hüseyin Cunz kraft seines Amtes eine offene Gruppe aufbaute im Namen eines sonst sehr traditionell orientierten Ordens. Sein Anliegen: die Essenz bewahren. Es gilt also generell genau hinzuschauen, da der Sufismus natürlich auch nicht frei ist von Kultur, Konfession und Tradition. Dies ist wichtig für mich beim Finden möglicher Perspektiven auf unser Bewusstsein.

Auch sei hier unbedingt die sagenumwobene Rabia von Basra aus dem 8. Jhdt. erwähnt, die für mich als die Mutter der islamischen Mystik gilt. Die Legende von ihr als Sklavin, der ihr Herr die Freiheit schenkte aufgrund ihrer grossartigen spirituellen Kenntnisse, ist ein Symbolbild für die Bedeutung der Freiheit und des Friedens durch die beständige Verehrung des gütigen, geschlechtlosen, alles umfassenden Gottes.

Der Koran als Quelle islamischer Mystik

Als Koranexeget möchte ich in die erste Quelle jeglicher islamischer Mystik schauen: den Koran.1

Koran 26:87-90 Und schmähe mich nicht am Tag (des Jüngsten Gerichts), wo sie auferweckt werden; am Tag, wo weder Vermögen noch Kinder nützen, außer dem, der zu Gott mit einem heilvollen Herz (bi-qalbin salīm) kam. Und der Garten wurde den Achtsamen nähergebracht.

Das Adjektiv salîm teilt sich dieselbe Wurzel wie das Wort Islam oder Muslim: sîn-lâm-mîm. Die Wurzel umfasst Bedeutungen wie Frieden, Friedensstiftung, Unversehrtheit, Hingabe, Ergebung oder Widerstandslosigkeit. Im Sinne des göttlichen Bewusstseins stehen wir also vor dem Antlitz des Göttlichen mit einem unversehrten, heilvollen Herzen da, wenn wir widerstandsfrei und erlöst sind.

Wie gelangen wir nun zu dieser Form des Bewusstseins? Der Koran beschreibt unser Selbst mit dem Begriff nafs, welcher verschiedene Zustände annehmen kann; so wie unser Ego. Darin ist der Hauch oder Geist Gottes verankert, der ruh auf Arabisch (oder die ruach auf Hebräisch), aus dem wir erschaffen sind. Wir haben also alle, unabhängig von der Religion, diesen göttlichen Kern in uns, der als Fundament menschlicher Würde gilt: Koran 17:70 Wir haben bereits den Kindern Adams Würde verliehen, sie auf dem Festland und auf dem Meer getragen, sie mit guten Dingen versorgt und sie über viele, die wir erschufen, in vorzüglicher Weise bevorzugt.

Nun kann unsere Identität, unser Selbstbild dieser Würde im Weg stehen (12:53) oder aber diese Würde ehren (75:2, 89:27-28). Das Festland kann hier die materielle Welt und das Meer die seelische Welt symbolisieren.2 Diese Verbindung des Geistigen und Weltlichen ist wesentlich, denn nach dem Koranvers 39:70 wird jeder Seele bzw. jedem Selbst (nafs) voll zurückerstattet, was sie hier auf Erden im Äusseren und Inneren getan hat. Dies ist keine Verbindung, die mit einem Leistungsgedanken verknüpft ist, welche Gott ablehnt (8:35), sondern mit einer ständigen Suche nach und Umkehr zu Gott und somit zum innersten Kern von uns selbst. Wie viel stärker ist die Wirkung, wenn mein Handeln wirklich aus Gottes Liebe heraus wirkt? Ich werde geliebt, da ich einfach existiere. Dafür muss ich nichts tun. In einer Freitagsansprache sagte ich einst: Gott behält Seine Gnade denen vor, die Achtsamkeit (taqwa; gewöhnlich, jedoch falsch, oft mit «Gottesfurcht» übersetzt) pflegen und zur Läuterung (zakâh; ebenfalls oft falsch übersetzt mit «Almosensteuer») ihrer Selbst und dieser Welt beisteuern (vgl. 7:156, 6:12, 6:54). Dabei ist der Fokus die tiefe Aufrichtigkeit, Dankbarkeit sowie die Hilfeleistung für andere im Dienste Gottes als gottergebene (islamische) Tugenden und keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, dass ich Leistung beweise, indem ich diese oder jene Errungenschaften ergattere.

Selbstheilung – Wunden, in die das Licht Gottes eindringen kann

Aus diesen Versen leite ich ab, dass eine Selbstheilung auf Erden notwendig ist und die Verbindung zum eigenen Herzen nicht vergessen gehen darf. Dies ist der schwierigste Weg auf dem Pfad zu Gott hin, da eine Auseinandersetzung mit sich selbst geöffnet wird, die nicht nur romantisch idealisiert bleiben kann, sondern schmerzhaft ernüchternd ist. So kann es schmerzhaft und ernüchternd sein, wenn ich beispielsweise bemerke, dass ich mich in meinem Selbstbild derart verformt habe, dass ich mich anderen anpasse und mich nicht mehr als ich selbst zeige. Wenn sich nun andere von mir entfernen, wenn ich beginne mich selbst zu zeigen, dann war ich bereits vorher einsam in mir durch meine Selbstdistanz. Diese Einsamkeit war also vorher schon da, nur verdeckt. Dies kann vielerlei Gründe haben, wie etwa entwicklungstraumatische Ursprünge, die sich so tief in meine Psyche vernarben, dass ich den Blick dafür selbst nicht mehr haben konnte. Deshalb haben Mystik und Psychologie für mich einen engen Zusammenhang, nicht nur in neuerer Zeit, wenn wir den Begriff ‘ilmu-n-nafs (Lehre der Seele) anschauen.

Mein Herz kann psychisch bedingt und symbolisch gesprochen nicht nur ein Stein, sondern laut Koran dann härter als Stein werden: 2:74 Dann aber verhärteten sich nach diesem eure Herzen, so dass sie wie Steine sind oder noch härter. Und gewiss, aus manchen Steinen mögen Flüsse entspringen und andere mögen Risse bekommen, aus denen dann das Wasser herausfliesst, und andere fallen aus Ehrfurcht vor Gott herunter. Und Gott ist nicht achtlos dessen, was ihr tut.

Die Herzensverbindung lebendig zu halten ist also wichtig, denn selbst als Stein ist Hoffnung gegeben. Einige mögen Wunden (Risse) erhalten, in die das Licht Gottes eindringen kann. Einige können aus ihrer Erfahrung selbst zu einer Inspirationsquelle (Fluss) werden und andere können ein Beispiel für die Ehrfurcht Gottes sein, was für mich eine tiefe spirituelle Verbundenheit mit allem Seienden darstellt. Es kann auch notwendig werden, unsere Herzen bei Verlust oder Gefahr aktiv wiederzubeleben. Wenn ich bereits ein Stein bin, also die Verbindung verloren habe, kann ich mich darum kümmern, dass ein Fluss oder ein Riss entsteht oder mein Bewusstsein gestärkt wird. Die hoffnungsvolle Botschaft ist, dass selbst als Stein noch die Möglichkeit besteht, die Verbindung wieder mit Leben zu füllen.

Im Koran werden viele verschiedene Ebenen des Seins angesprochen, damit wir dabei nicht in die Irre gehen mögen. Wir sollen nachdenken (tafakkur), reflektieren, sinnieren (tadabbur), uns unseres Verstandes (‘aql) bedienen, Lehren (‘ibra) ziehen oder zu den Einsicht Übenden (‘ulu-l-albâb) gehören. Genauso ist es wichtig zu spüren (scha’ara), zu fühlen (ahassa) und unsere seelischen oder empfindungsorientierten Herzen (qalb oder fu’âd) auf dem Weg Gottes einzusetzen. So ist auch Jesus im Koran als Prophet und Wort Gottes ein Beispiel dafür, wie er den Zustand seiner Jünger erfühlt (im arabischen Wortlaut ‘ahassa’ – er fühlte, 3:50-52).

2:20 Beinahe raubt der Blitz ihre Blicke. Jedes Mal leuchtet er für sie, dann gehen sie darin und wenn es sich um sie verdunkelt, dann stehen sie. Hätte Gott gewollt, dann hätte er ihr Gehör und ihre Blicke weggenommen. Gott ist gewiss über alle Dinge mächtig.

Dieser Vers ist wesentlich im Verständnis unseres Bewusstseins. Ich gehe auch dann, wenn ich keinen Blitz sehe, weil das Licht Gottes zur Hilfe ausreicht. Ich kann mein inneres Licht, den göttlichen Geist (ruh) in uns allen, für andere zur Verfügung stellen, so wie die anderen mir ihr inneres Licht zur Verfügung stellen können. Unsere Sinne (wörtlich wie auch metaphorisch) sollen also geschärft bleiben und nicht abgelenkt werden. Gott hat uns diese Fähigkeit bereits geschenkt, wir dürfen sie im Innern erkennen. Wir wachen auf zum Bewusstsein (Gottes) hin. Deshalb verwechseln viele die Reihenfolge: Nicht tun, um etwas zu sein. Sondern aus dem Sein dürfen und können wir tun.

Dabei ist es wichtig, bei sich selbst zu bleiben. Wenn ich also beim Beispiel von vorhin merke, dass andere sich von mir distanzieren, da ich mein Selbstbild anders geprägt habe, suche ich die Schuld nicht bei anderen und ist es nicht ihr “Fehler”, dass sie sich dann von mir entfernen. Es geht hierbei nicht um eine Schuldsuche, sondern um die Stärkung der Selbstverantwortung. Gott ändert den Zustand eines Volkes nicht eher, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist (13:11). Und für diese Änderung unseres Selbst brauchen wir Geduld oder Standhaftigkeit (sabr), Hoffnung bzw. Zuversicht und auch Zeit (3:200, 65:3). Das Gras wächst nicht schneller, wenn wir daran ziehen.

Dankbarkeits-Dhikr

13:17 Er sandte Wasser vom Himmel herab, dann fluteten sich Täler nach ihrem Maß. So trug die Flut anwachsenden Schaum. Und ein ihm vergleichbarer Schaum ist in dem, worüber man das Feuer anzündet, im Trachten nach Schmuck oder Utensilien. So prägt Gott die Wahrheit und die Falschheit. Was nun den Schaum angeht, vergeht er auflösend, und was den Menschen nützt, bleibt in der Erde. So prägt Gott die Gleichnisse.

Wir benötigen Zeit für dieses Aufwachen zum Bewusstsein hin, damit der ablenkende Schaum vergeht. Das dafür nötige Vertrauen wird von Gott gestärkt, indem Er (Sie/Es) uns mitteilt, dass wir in uns sicher sind, sowohl geistig als auch körperlich. Er belastet keine Seele über ihr Vermögen hinaus (2:286). Somit können wir das Prinzip des embodiment, also der Verkörperung nutzen, um diese Sicherheit in uns zu manifestieren, da unser Ego generell misstrauisch bleibt, gerade nach Verletzungen (12:53). Dies kann zum Beispiel in Meditationen, islamisch Dhikr genannt, geschehen, wenn wir in Dankbarkeit kontemplieren, dass Gott uns die Sicherheit gibt im Fundament der Existenz auf dieser Erde. Zum Beispiel schickt Er uns einen Regen, der nicht salzig auf die Erde herabströmt, sondern durch das Wasser die zuvor tote Erde wiederbelebt (56:68-70, 6:141).

Diesen sogenannten Dankbarkeits-Dhikr kann ich konkret wie folgt üben:

Beim Einatmen sage ich al-Hamdu (das Lob …) und halte meinen Atem für einige Sekunden, die Lobpreisung ausdehnen.
Beim Ausatmen sage ich lillah (… ist für Gott) für … und nenne etwas, wofür ich das Bewusstsein für die unendliche Versorgung Gottes stärken möchte.
Beispiele, die ich nutzen kann: für den Regen, den Wechsel von Tag und Nacht (es ist nicht immer Tag/Nacht), Tiere, Partner, Familie, Sprachen, Farben, Sehen/Augen, Hören/Ohren, Klänge, Gefühle/Fühlen, Denken, Verstand, Vernunft, Herz, Empfindungen, Schmecken, Meere, Berge, geistige wie materielle Nahrung, … Oder ich kann mich in Wortfindung versuchen. Mein Gedicht „Die Stille atmen“, geschrieben während einer schwierigen Phase, ist solch ein Versuch in Anlehnung an einige Koranverse:

Zeit, sie verweilt in des Mondes Umarmung,
Tränen, Samen der inneren Erbarmung.

Die Narben des Geistes, Getriebe am Firmament,
erzählen lichte Geschichten von Liebe, die brennt.

Die Blumen der Hoffnung blühen nur im Licht,
bedeckt in den Wäldern, verborgen in Sicht.

In der Tiefe des Seins, wo die Wurzeln sich finden,
erblüht eine Kraft, die die Wunden überwinden.

Erweckt sich das Herz und die Wunden vernarben,
ent-deckt der Gefühlsfluss den heiligen Garten.

So atme die Stille, tanz‘ im Schatten des Zweifels
Trage die Brille im Glanz der Ergebenheiten

Die Winde der Barmherzigkeit flüstern Heilung
Fühl’ in Warmherzigkeit düster die Befreiung

Diese Befreiung meiner Selbst und die Sicherheit kann ich mir aber nicht erdenken. Unsere Angst vor Verlust, besonders Kontrollverlust sitzt sehr tief. Gott spricht davon, dass wir uns zuerst Gott ergeben und Ihn (Sie/Es) allein als genug ansehen (Genügsamkeit kultivieren) müssen, bevor wir die Sicherheit erfahren (49:14, 39:36). Das arabische Wort imân, das auf Deutsch gewöhnlich als Glaube übersetzt wird, bedeutet jedoch in der Wurzel eine zutiefst verankerte Sicherheit. Ich glaube nicht blind, sondern ich entwickle eine tiefe, verlässliche, weise und auf Verkörperung sowie Wissen basierte Zuversicht in Gottes Schöpfung und Wirken und verlasse mich darauf zusammen mit all meinen Fähigkeiten und Unsicherheiten. Und dann lasse ich los und vertraue auf Gott (tawakkul) in all der Versorgung, dass Er mein Licht vervollkommne (66:8).

In der Unendlichkeit des Kosmos sind wir bedeutungslos klein, aber für Gott sind wir bedeutungsvoll, eben würdevoll. Dieses Bewusstsein zu pflegen, ist enorm schwer und gerade deshalb herzensnotwendig für unser Leben.

Kerem Adıgüzel, People Leader bei den SBB in der IT, liberaler Imam, Initiant des Vereins Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe, Autor.

  1. Im Artikel wurde die Hanif-Übersetzung des Koran verwendet, nachzulesen auf alquran.eu. Ebenfalls empfehlenswert ist die Übersetzung von Muhammad Asad. ↩︎
  2. Der Koran verfügt über mehrere Deutungsebenen, die nicht beim Wörtlichen enden, sondern eben auch symbolische Ebenen umfassen. So ist das Meer oftmals ein Symbolbild für die Seele, wofür auch andere Koranverse Hinweise liefern. In diesem Zusammenhang ist das Buch Die Kultur der Ambiguität von Thomas Bauer sehr erhellend, um nicht dem oft in den Medien oder fundamentalistischen Strömungen vorhandenen Fehler zu unterliegen, den Koran und seine Verse oder den Islam – auf Deutsch “Gottergebenheit” – als eine eindeutige Angelegenheit zu betrachten. ↩︎

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