Religionen begegnen – Spiritualität vertiefen.
Der dreijährige Universitätslehrgang, der zum sechsten Mal von der Universität Salzburg und vormals dem Lassalle-Haus, jetzt mit dem Kloster Kappel, durchgeführt wird, wirkt für mich wie ein geistig-intellektueller Jungbrunnen. Meine persönliche Motivation für diesen Lehrgang ist eine tiefe Überzeugung, die mich seit Jahren begleitet, dass Friedensarbeit und interreligiöser Dialog eng miteinander verbunden und verknüpft sind. Je mehr Menschen in Offenheit dem Andern, Andersartigen, Fremden begegnen können, desto fruchtbarer wird der Dialog. Mehr Wissen hilft, Fragen zu stellen, sich zu öffnen und mit dem Herzen ganz Ohr zu sein. Wenn es dann gelingt, in den Raum des Nichtwissens einzutreten, kann Resonanz entstehen, in der sich nicht Religionen, sondern Menschen begegnen.
Darin sehe ich Parallelen zur via integralis. Der Hintergrund aus der Ausbildung zur Kontemplationslehrerin, in der christlichen Mystik und Zen-Buddhismus vertieft werden, bildet für mich in diesem Lehrgang eine wertvolle Basis, um den Blickwinkel und den Horizont auf andere Religionen und Traditionen auszuweiten und diese Vielfalt als Bereicherung zu erfahren. Dasselbe erlebe ich in der Kontemplation, in der mir oft eine Erfahrung von globaler Verbundenheit mit allen Menschen, aus allen Nationen, Religionen und Kulturen zuteilwird. So rezitieren wir es auch in unserer «Ausrichtung der Kräfte», konkret auch bei unserem wöchentlichen «Schweigenden Gehen für den Frieden» in Thusis. Bei dieser Aktion kann ich mein Friedens-Anliegen in die Tat umsetzen.
Informationen zum Lehrgang
In jährlich sechs jeweils drei- bis vier-tägigen Wochenend-Seminaren entdecken wir im Lehrgang «Spirituelle Theologie» mit qualitativ hochstehenden Inhalten die Grundlagen der Spiritualität, von Religionstheologie, -philosophie, -soziologie, -psychologie, -wissenschaft, Befreiungstheologie. Mittlerweile im zweiten Studienjahr, sind wir in der Auseinandersetzung mit den drei abrahamitischen Religionen – dem Christentum, Judentum und Islam – sowie der christlichen Mystik und ostkirchlichen Spiritualität. Es folgen die Traditionen aus dem asiatischen Raum: Zen-Buddhismus, Hinduismus, Daoismus, Shintoismus, Konfuzianismus, sowie die indigenen und säkularen Formen der Spiritualität. Im dritten Studienjahr stehen verschiedene Themen mit mehr Aktualitätsbezug im Zusammenhang mit Spiritualität im Fokus: Esoterik, Ökospiritualität, Gender, Sexualität, Dialog und Politik, Umgang mit Gewalt und Macht bzw. mit Machtmissbrauch. Innerhalb des Lehrgangs haben wir Gelegenheit, verschiedene Gebetsräume kennenzulernen: eine Synagoge, Moscheen, ein Benediktinerkloster, in dem ein Teil der Mönche im orthodoxen Ritus lebt oder das Haus der Religionen in Bern.
Ein wesentlicher Teil der Ausbildung betrifft die persönliche Auseinandersetzung aufgrund von biografischen Anknüpfungen, ob innerhalb der Seminareinheiten oder in den schriftlichen, persönlichen Reflexionen nach jeder Seminareinheit. So können Fragen zur eigenen spirituellen Entwicklung in einem weiteren Bedeutungszusammenhang verstanden werden. Dies wird unterstützt durch die bunte Vielfalt an Teilnehmenden verschiedenen Alters und aus unterschiedlichen Berufskontexten, auch in selbst zu bildenden Lerngruppen. Der Austausch untereinander ist für mich inspirierend in seiner Vielfalt. Es geht in jedem Lernprozess darum, Sprache zu finden für das eigene spirituelle Fragen und Erleben, was wiederum identitätsstiftend wirkt.
Begegnung mit dem Islam
So erging es mir in der Auseinandersetzung mit dem Islam, von dem ich bis anhin wenig wusste. Mouhanad Khorchide, einer von drei Dozierenden zur Einführung in den Islam, erläuterte uns das monologische und dialogische Modell. Ersteres steht für eine wortgetreue Lesart und Auslegung des Korans, in der es vor allem darum geht, Gott anzubeten, der weiss, was er will, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt, und dass dies seit jeher so war.
Im dialogischen Modell wird Gott als Schöpfer des Menschen angesehen, dem es um Liebe und Barmherzigkeit geht, der auf unsere Hände angewiesen ist, um seine Liebe zu verwirklichen, um eine friedliche Welt zu erschaffen, in der Frauen und Männer gleich sind, jedes Lebewesen seine Lebensberechtigung hat.
Durch die verschiedenen Sichtweisen der Dozierenden erkannte ich einmal mehr, wie verbindend, aber auch wie trennend die Inhalte der einzelnen Religionen sein können, und wie stark der geschichtliche und kulturelle Hintergrund das spirituelle Leben jedes Einzelnen prägt, aber auch ganzer Gesellschaftsgruppen.
Ich denke, dies ist in allen Religionen ähnlich, so wie diese auch viele Gemeinsamkeiten in ethischen Fragen aufweisen. Letztlich ist immer die Ursehnsucht des Menschen angesprochen, sich nach etwas Grösserem als wir es sind, auszurichten, die Suche nach Sinn und Erklärungen unseres Daseins, unseres Lebens und Sterbens. Diese Suche nach dem «Heiligen» in jedem und jeder von uns. Vor allem in den mystischen Erfahrungen der einzelnen Religionen und Traditionen begegnet uns das alles Verbindende zwischen uns Menschen und Gott, Buddha, Allah, Brahma, wie auch immer wir es / sie / ihn nennen mögen. Und irgendwie fühle ich mich da zu Hause, bin ich tief angesprochen in meinem Herzen, das bei allen Menschen, überall auf der Welt, auf die gleiche Weise schlägt.
So lese ich beispielsweise im Buch «Sieben verlorene Perlen» von Mouhanad Khorchide wie der Islam in einer erzählerischen Form dargelegt wird, die das Lernen leicht macht. Er schreibt: «… die Bejahung von Vielfalt setzt allerdings selbstsichere Identitäten voraus, die im Anderen nicht das verunsichernde Fremde sehen, sondern das Neue, das uns neugierig macht. … Wer ‘Ich’ sagt, hat damit ‘Du’ gesagt. Und wer meint, von ‘Ich’ ohne ‘Du’ reden zu wollen, der entfremdet sich von sich selbst. Die Haltung der Annahme von Vielfalt ist letztlich eine Haltung der Freiheit. Denn der Mensch kann nur frei sein, wenn er die Freiheit des anderen bejaht und sich dem anderen öffnet. … Der Koran lehrt (aber), dass es zum muslimischen Wahrheitsanspruch gehört, dass Gott Vielfalt will und diese auch schützen will.»
Persönliche Erfahrungen
Nochmals zum Lehrgang: Diesen kann man als akademische Expertin oder mit einem Master abschliessen. Entsprechend gibt es mehr oder wenig zu erarbeiten: Pflichtlektüre, schriftliche persönliche Reflexionen, Modulprüfungen, Erarbeitung eines Portfolios über die Dauer des Lehrgangs oder eben die Masterarbeit. Es ist auch möglich, lediglich an den Kurseinheiten teilzunehmen, ohne jegliche Arbeiten zu schreiben. Persönlich empfinde ich es als tief beglückend, für die Modulprüfungen ein selbst gewähltes Thema zu vertiefen, Bücher aus meinem Fundus hervorzuholen und neu zu lesen und mit neu entdeckten Texten zu verweben. Ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und einen Essay darüber zu verfassen, erlebe ich als sehr kreativen Akt.
Was mir Mühe bereitet, ist eine männerdominierte Sichtweise, die uns mehrheitlich vermittelt wird, und wie marginal Frauenstimmen immer noch sind – sei’s im religions-wissenschaftlichen Bereich oder in der Ausübung / Auslegung der heiligen Schriften der verschiedenen Traditionen. Da können wir Frauen und Männer uns lediglich immer neu auf den Weg machen, um den vorhandenen Frauenstimmen Raum zu geben, sie einzufordern, sie zu hören, zu sehen und zu würdigen. Frauen nicht nur nebenbei oder als Verzierung wahrzunehmen, sondern als gleichberechtigte Partnerinnen, ermöglicht eine Begegnung auf Augenhöhe. Ich möchte mich nicht entmutigen lassen: Mit einigen Mitstudierenden werden wir die Frage nach den Frauen, den Frauenstimmen, immer wieder benennen und einbringen – und wir werden von der Lehrgangsleitung sehr wohl gehört. Doch – was wir alle längst wissen: Veränderungen brauchen Zeit. Wir sagen uns:
«Nicht müde werden,
sondern dem Wunder leise,
wie einem Vogel,
die Hand hinhalten.» (Hilde Domin)
Für allfällige Rückfragen oder bei Interesse stehe ich gerne zur Verfügung.
Ursula Klumpp
Kontemplationslehrerin via integralis

Lehrgangsinformationen Uni Salzburg
Beitragsbild: Ein interreligiöser Ort – die Flughafenkirche Zürich



