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Weg des Nada – Dienst ohne Erwartung

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Ich gehe den Vertiefungsweg des Nada und werde von Gabriele Geiger-Stappel begleitet. Die Nada Vertiefungsgruppe trifft sich dreimal im Jahr zum gemeinsamen Sitzen, zum Dialog aus der Stille und zum Studium von Texten aus der Nada Tradition der christlichen Mystik.

Seit September 2025 beschäftigen wir uns mit Meister Eckhart, der die Haltung des Nada in seinem „Ohn Warum“ zusammenfasst. Am letzten Wochenende befassten wir uns mit der Predigt 28 zu Martha und Maria und mit der Verkörperung der Nada Erfahrung im Alltag.

Jede und jeder aus unserer Gruppe lebt Nada auf eigene Weise, Im Folgenden meine Erfahrung aus einem Abschnitt in unserem Leben, der uns erschüttert und bereichert hat:

Wir haben zwei jugendliche Mädchen aus dem Balkan bei uns in Pflegschaft aufgenommen. Ich kenne E., die Jüngere, und I., die Ältere seit einigen Jahren aus der Schule, wo ich sie betreute und die siebenköpfige Familie immer mal wieder unterstützte.

Der Anfang

Es war nachts um elf. Die Türklingel. Ich schlief bereits, als mein Mann mich weckte: „E. und I. sind hier. Sie wollen nicht mehr nach Hause.“
Ich weiß noch, dass ich in diesem Moment nicht weit dachte. Zwei Mädchen standen vor unserer Tür. Sie brauchten ein Bett. Also machten wir ein Bett für sie.
Am nächsten Morgen das erste Bild, das mich traf: Ihre Schuhe. Ordentlich nebeneinandergestellt auf der Treppe. So still. So sorgfältig. Etwas in mir öffnete sich.

Was dann kam

Wir erfuhren von physischer und psychischer Gewalt, die die beiden Jahre begleitet hatte. Es war E., die Jüngere, die gesagt hatte: „Ich gehe – egal ob allein oder zusammen.” 
Es folgten Gespräche mit dem Jugendamt, Kontakt mit der Polizei, die uns des Kindesentzugs bezichtigte, Ungewissheit – und schließlich die Entscheidung: Die Mädchen dürfen bleiben.

Was wir ließen

Das Erste waren unsere Zimmer. Wir räumten sie aus und richteten sie neu ein – für die beiden.
Mein Mann ließ seinen Schlaf – von dem Moment an, als die Verantwortung begann. Und ja, er ließ das Badezimmer und richtete sich in der Toilette ein.
Ich ließ meine Musikübungen, meine Gymnastikmatte, den stillen Platz für die tägliche Meditation. Ich ließ das so genannte geordnete Leben.
Wir ließen unsere Ruhe – und merkten irgendwann, dass wir sie nicht vermissten. Zumindest nicht sofort.

Der Alltag

Erstaunlicherweise funktionierte das Zusammenleben. Die Mädchen halfen, sahen was zu tun war, waren rücksichtsvoll. Das hätte ich nicht erwartet.

Unser Badezimmer wurde zum Schönheitssalon. Es fiel mir schwer, das zuzulassen und die Kontrolle über den Zustand unserer Wohnung zu lassen. Unsere Essenszeiten und Essensgewohnheiten änderten sich. Die Küche roch nach Nudeln in allen Variationen, nach Döner und Pizza, nach Ketchup und Mayo. Mülltrennung? Ein Projekt für später. Die Tonnen quollen über. Ich übte mich täglich darin, die Kontrolle loszulassen.

Die Mädchen wollten vor allem eins, schön sein und gesehen werden. Hinter all dem Äußeren erkannten wir nach und nach, wie tief die Wunden waren. Eine Psychotherapeutin sprach von Verwahrlosung. Nicht böse gemeint – aber das Wort saß. Mit viel Unterstützung von außen gelang es uns, Psychotherapie und psychiatrische Begleitung zu organisieren.

Die Krisen

Beide Mädchen waren stark untergewichtig. Sie aßen unregelmäßig, manchmal nur eine einzige Mahlzeit am Tag. Gekocht wurde viel — gegessen wenig. Die Reste übernahmen mein Mann und ich. Bei E. deutete sich früh eine Essstörung an. Mit I. kamen wir zweimal in die Notaufnahme.

Als E. über Haarausfall klagte, bestand ich darauf, dass sie einen Bluttest machen ließ. Das Ergebnis führte zur sofortigen Einweisung in die Kinderklinik: ein chronischer, jahrelanger Eisenmangel. Der Arzt sagte uns, dass sie es unter normalen Umständen nicht überlebt hätte.

Die Familie

Kein Tag verging ohne Anrufe, Drohungen, Versprechungen. Das Familiengericht hatte den Eltern das Sorgerecht entzogen und ein Kontaktverbot ausgesprochen – aber Verbote halten keine Handys auf. Die Geräte klingelten Tag und Nacht. Die Mädchen konnten nicht widerstehen. Wir verstanden: Diese ständige Erreichbarkeit war kein Trost, sie war ein Sog.

Der Vater sagte zu I., er werde uns umbringen.
Wir lebten weiter.

Die Unterstützung

Was mich bis heute bewegt: Wie viele Menschen für uns da waren. Auch Gabriele und Bernhard Geiger-Stappel. Wenn die Wellen hoch waren, schrieb ich Gabriele.

Einmal schickte sie mir einen Satz aus der Bhagavadgita (zentrale Schrift des Hinduismus):
„Du hast ein Recht auf die Handlung, niemals aber auf ihre Früchte. Lass die Früchte der Handlung nicht dein Motiv sein, aber verfalle auch nicht in Untätigkeit. Der Wert einer Handlung liegt nicht in ihrem Ausgang, sondern in der Reinheit ihrer Absicht.”

Ich las ihn. Dieser Satz war so etwas wie ein Leuchtturm in der Nacht für mich.

Die Eskalation

I. wandte sich zunehmend wieder der Familie zu. Sie begann zu lügen, zu verschleiern. E. wusste es – und litt schweigend darunter. Die Schwestern hatten trotz oder wegen ihrer symbiotischen Beziehung immer tiefere Konflikte. Es endete in einem Suizidversuch. E. wollte nicht mehr leben. In einem stillen Gespräch danach sagte sie mir, dass dieser Gedanke sie schon lange begleitete. Lange vor uns.

Das Jugendamt brachte I. in eine Jugendunterkunft. Am nächsten Tag kehrte sie zu den Eltern zurück.
E. blieb noch eine Woche. Dann hielt sie es ohne ihre Schwester nicht mehr aus.

Der Abschied

Wir konnten die Schwestern nicht retten vor sich selbst, vor ihrer Familie, vor ihren eigenen Entscheidungen. Sie kehrten zurück in ihre Herkunftsfamilie. Das, wofür wir gesorgt und gehofft hatten, löste sich auf.

Und doch.
Für einige Monate standen ordentlich zwei Paar Schuhe auf unserer Treppe. Für einige Monate wussten sie: Es gibt da Menschen. Ohne Bedingung. Ohne Berechnung.

Was bleibt?
Der Dienst. Er war wahr.

Gabi Schröder
Kontemplationslehrerin via integralis

1 Kommentar zu „Weg des Nada – Dienst ohne Erwartung“

  1. Helena Durtschi

    Liebe Gabi

    Danke für diesen Bericht, euer herzhaftes Engagement.
    Als Sozialarbeiterin war ich während 5 Jahren im Migrationsbereich auf einem spezialisierten Sozialdienst tätig. Viele Integrationsprozesse sind sehr komplex, die Integration ist ein langer und schwieriger Prozess.
    Eure Erfahrungen haben mich inspiriert und mich an die Zeit erinnert, als ich Flüchtlinge begleitet habe und oft mit schwierigen Familiensystemen konfrontiert war. In dem Sinn möchte ich noch eine ergänzende Sichtweise einbringen.
    Ich kenne die Familie, die du schilderst nicht, weiss nicht, was sich in dieser Familie ereignet hat und weiss nicht, was möglich gewesen wäre oder was nicht.
    Doch in der Beratung von vielen Familiensystemen wurde mir zunehmend wichtig, ein systemisches und ressourcenorientiertes Vorgehen zu wählen.
    Konkret heisst das: Die Sichtweise aller Familienmitglieder einbeziehen. Oft sind alle traumatisiert. Als Familie mussten sie ihr Heimatland unfreiwillig verlassen, sind entwurzelt, leben in einem fremden Land mit anderen Werten, mit einer anderen religiösen Kultur und Geschichte und können die Sprache nicht oder nicht gut sprechen. Sie erleben Ausgrenzung, Rassismus und sind mit dem ständigen Gefühl konfrontiert, eigentlich nicht willkommen zu sein. Sie erfahren täglich, was es heisst, zur untersten sozialen Schicht zu gehören. Und vor allem tragen sie auch viele unverarbeitete schlimme Erinnerungen in ihrem Innern.
    Eines der grössten Probleme ist zudem, dass die Männer keine Erwerbsarbeit finden und damit ihre traditionelle Ernährerrolle verlieren. Das ist mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden und mit Statusverlust in der Familie.
    Das einzige, was vor allem den Eltern Heimat gibt, ist die Familie, wo noch die alte Ordnung gilt.
    Heikel wird es aber, wenn die Kinder in die Pubertät kommen, selbstwirksam und autonom werden möchten und die Zugehörigkeit nicht mehr in der Familie suchen, sondern bei Gleichaltrigen im neuen Land.
    Dann erleben sich die Eltern noch wertloser, viele Mütter werden depressiv und Väter erleben Gefühle von ohnmächtiger Wut, die dann auch zu Gewalthandlungen führen kann.
    Ich habe mehrere Situationen erlebt, in denen Jugendliche in einen grossen Loyalitätskonflikt kamen. Eigentlich wollten sie in der Familie bleiben, hielten aber die Situation in der Familie kaum mehr aus, teilweise auch, weil sie eingeschüchtert wurden oder Gewalt erlebten. Einige wurden sozial und psychisch auffällig, andere suchten Hilfe und flohen. In solchen Situationen punktuell zu helfen, kann sehr wertvoll sein, meine Erfahrung ist aber, dass möglichst schnell versucht werden sollte, die jungen Menschen in irgendeiner Weise in ihr Familiensystem zurück zu begleiten(sofern das zumutbar ist). Denn da sind ihre Wurzeln.

    Was dabei sehr wertvoll sein kann, ist der Einbezug von interkulturellen Mediator:innen. Sie sprechen die Sprache der Familie, verstehen ihre Kultur, können übersetzen, vermitteln. So können im besten Fall mit dem ganzen Familiensystem Lösungen gefunden werden. So haben auch die Jugendlichen die Chance, die Sorgen ihrer Eltern zu hören. So können auch die Eltern besser verstehen, warum ihre Kinder eigene Wege gehen wollen.

    Und auch für uns Helfende kann es sehr wertvoll sein, die kulturellen Werte des Herkunftslandes mit interkulturellen Mediator:innen besser verstehen zu lernen. Denn was in unserer westlichen Kultur als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist in anderen Kulturen komplett anders: so kennen viele Kulturen das Konzept der Adoleszenz/Pubertät nicht, man wird vom Kind direkt zum Erwachsenen.

    Durch Interkulturelle Mediation können wir erkennen, dass wir selber auch Lernende sind und bleiben. Wir werden herausgefordert, uns mit unserem Wertesystem auseinanderzusetzen und das verändert uns: Denn neben Werten, die in meinen Augen unhinterfragt bleiben müssen (Gleichberechtigung aller Geschlechter und Kulturen) gibt es auch Sachen, die in unserer leistungs- und konsumorientierten Kultur verlorengegangen sind und da können wir viel von anderen Kulturen lernen.
    Viele Probleme können nicht gelöst werden, Beratungsprozesse scheitern. Auf der spirituellen Ebene ist mir wichtig geworden, unerlöstes Leiden von Menschen, die ich begleite, in mein Sitzen «hineinzunehmen», mich in die Menschen und ihr Leiden hineinzufühlen mit der Haltung «Mögen alle Wesen Kraft und Trost erfahren in ihrem Leid und Frieden finden in ihrem Leben».
    Denn im tiefsten Grunde wissen wir alle: wir sind nicht getrennt.

    Helena Durtschi

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