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Franz und Einheit

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Franz von Assisi (1181/2 – 1226) wird bis heute als «verrückter» Heiliger verehrt: Er umarmt Aussätzige, erscheint Papst Innozenz im Traum als Retter der Kirche und sein Bettelorden verbreitet sich schon zu Lebzeiten explosionsartig in Europa. Er redet mit Tieren und schafft mit dem Sonnengesang das erste greifbare italienische Gedicht. Sein 800ster Todestag am 03. Oktober 2026 ist Grund genug, ihn zu erinnern.  

Hat Franziskus meditiert? 
Ich weiss es nicht. Hier deute ich einige seiner Lebensstationen bildhaft-allegorisch für die Kontemplationspraxis der via integralis, das Sitzen in Stille. 

Das göttliche Geheimnis ist für Franziskus nicht weit weg in den Himmeln, sondern konkret, hier, jetzt, auf dem Boden der Tatsachen. Eine moderne Ikone zeigt ihn zusammen mit der heiligen Klara in meiner Schweizer Heimat, dem Kanton Zug: Barfuss, Vögel in den Händen, im Vordergrund der Zuger See mit tanzenden Röteln, dahinter die berühmte Silhouette der Rigi mit Funkantenne zum Himmel.

Eine erste allegorische Deutung sei gewagt:
Auch Kontemplation ist immer konkret, findet im Alltag statt, auf dem nackten Boden der Tatsachen. Hier ist das Tor für die grosse Erfahrung.  

Franziskus wird in eine erfolgreiche Kaufmannsfamilie geboren. In den italienischen Städten bildet sich eine reiche bürgerliche Oberschicht. Der geschäftstüchtige Vater wählt den Namen Franziskus, um den Handel mit Frankreich zu stärken. Bildung, dolce vita, die Sicherheit eines bürgerlichen Elternhauses, prägen die ersten Lebensjahre. Franziskus ist privilegiert. Er richtet sich ein im guten Leben.

Ein zweiter Hinweis:
Auch Kontemplierende sind privilegiert. Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde. Wir können es uns leisten, in Stille zu sitzen. In warmen Räumen, auf weichen Matten, die Hintern auf Baumwollkissen. 

Geschichten des Rittertums inspirieren den Jüngling Franziskus mit zwei Idealen. Einerseits der heroische Kampf für eine gerechte Sache – andererseits die Minne als «grosse Liebe». Etwas setzt sich in seinem Herzen fest: Da muss es doch mehr geben als dieses privilegierte Leben. Eine Sehnsucht flackert in seinem Herzen auf. 

Eine dritte allegorische Überlegung:
Kennen wir das nicht auch in unserer Übungspraxis? Dieses heroische Gefühl als Meditierende jemand ganz Besonderes sein zu wollen, jemand, der sich vor anderen Menschen auszeichnet? Manchmal sogar gepaart mit Überheblichkeit: Wie toll würde die Welt aussehen, wenn noch mehr Menschen so üben würden wie wir?!  Zugleich erleben wir in den stillen Momenten auf dem Kissen, da berührt uns etwas – in Minne, ganz zart – was scheinbar nicht von dieser Welt ist. Wir «lieben» diese Übung. 

Mit 20 Jahren zieht Franz in den Städtekrieg mit Perugia. Hauen und Stechen, Mord und Totschlag. Schliesslich Verletzung, Krankheit, über ein Jahr eingekerkert beim Gegner. Franz ist am Boden, am tiefsten Punkt. 

Ein vierter Transfer:
Mitunter holt uns in den Perioden des Sitzens das ganze Elend der Welt ein. Da ploppt wie aus dem Nichts unser Lebenskampf auf, die Gewalt, der Schmerz von Niederlagen, die Demütigungen, Schuld, Selbstzweifel. Jetzt gilt es standzuhalten, sitzen zu bleiben und dem, was sich da offenbart, nicht auszuweichen.

1207 gibt Franziskus in einem bewegenden Augenblick dem leiblichen Vater auf dem Domplatz von Assisi seine prächtigen Kleider zurück. Er verlässt seine bisherige Existenz und seine Rolle in der Gemeinschaft. Er steht buchstäblich nackt da. 

Ein fünfte Übertragung:
Als Übende haben wir immer unsere ganze Existenz dabei. Wir üben als gewordene Menschen. Doch das Früher nützt uns nichts. Das, was wir einmal in der Welt und in der Übung erfahren haben, es zählt nicht. Sondern: Es geht darum nackt, Atemzug um Atemzug in diesen einen Augenblick einzuwilligen.

Sinnkrise, Franziskus hört in St. Damiano den Ruf Jesu: «Baue meine Kirche wieder auf.» Der verrückte Heilige nimmt diesen Anruf wörtlich. Mit den eigenen Händen, Stein um Stein, renoviert er die verfallene Kapelle. In einer Begegnung mit dem Aussätzigen fällt er diesem um den Hals und erfährt: Er umarmt Christus selbst.

Eine sechste Erkenntnis:
Kontemplation ermöglicht es, unseren Alltag zu heiligen. Der Alltag ist die wahre Übung. Beim Blumengiessen, in der Begegnung mit der knurrigen Nachbarin im Wäschekeller, im mühseligen Bücken und Putzen der Kloschüssel ist alles enthalten. Es fehlt nichts. 

Erstens kommt es anders und zweitens als Franz denkt. Die Bewegung um Bruder Franziskus und Schwester Klara wächst rasant. Und die “Minderen Brüder” werden – entgegen dem Wunsch ihres Gründers – noch zu dessen Lebzeit ein kirchlicher Orden. Franz zieht sich zurück, in die Stille der Natur. Und bricht auf, buchstäglich zu neuen Ufern. 1219, während des Kreuzzugs von Damiette, soll er in Ägypten Sultan al-Kamil begegnet sein, dem Führer des muslimischen Heeres. Eine Begegnung, die tiefe gegenseitige Wertschätzung und interreligiöses Bewusstsein bei beiden eröffnet.

Als Siebtes:
In der via integralis kennen wir beides, das tätige Leben und den Rückzug. Alltag und Kissen sind Übung. Die Kontemplationstage und -wochen, an stillen Orten, helfen integrieren. Scheinbar Gegensätzliches vereint sich. Der Weg des Erwachens und der Integration bewirkt eine Öffnung für interreligiöses Bewusstsein in wertschätzender Bewahrung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und er geschieht auch in Verantwortung für kommende Generationen.

Seine letzten Lebensjahre sind geprägt von schwerer Krankheit. Franziskus erblindet. Er weiss, das nahende Ende, Bruder Tod, erwartet ihn. Und während dieser Leidenszeit entsteht der Sonnengesang. «Laudato si» ist Gebet, Hymnus, Dank, Lobpreis, ein dichterisches Gewebe, in dem aus Sternen, Natur, Wind, Wasser, Feuer und Erde, Fürsorge, Leid, Tod, aus Allem, das göttliche Geheimnis spricht. 

Ein letzter Gedanke:
In der Kontemplation lernen wir, Leben, alles Leben, ist Lobgesang. Und in allem offenbart sich das lebendige EINE. Es gibt keine Trennung zwischen Schwester Mond und uns. Eins mit Dir, Urgrund allen Seins – vermag eine Erfahrung aufzuleuchten: Dein ICH-Bin ist mein ICH BIN. 

Christian Dillo, Zen-Meister, Abt und spiritueller Leiter das Boulder Zen Centers nennt diese Erfahrung ganz simpel “Lebendigkeit”: «Das Gefühl des innigen Vertrautseins mit der Welt ist (also) unabhängig vom Erleben hoher Intensität oder grandioser Naturschönheit. Lebendigkeit kann sich einstellen, wenn man das Gewicht eines Glases Wasser in der eigenen Hand fühlt, während man sich mit einer guten Freundin unterhält, oder wenn man auf einem Spaziergang den Frühlingswind auf der Haut spürt. Lebendigkeit kann sogar zum Hintergrundempfinden all unseres Erlebens werden – es ist möglich, uns in unserem Traurig- und Glücklichsein gleichermassen lebendig zu fühlen». (Dillo, der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit, S. 25) 

Franziskus besingt diese Einheitserfahrung im Sonnengesang als «laudato si». 
Übende der via integralis sagen mit Johannes vom Kreuz: Nada! 

Bernhard Lenfers Grünenfelder
Kontemplationslehrer via integralis
Seelsorger St. Johannes Zug

Fotos: Bernhard Lenfers Grünenfelder
Ikone: Franziskus und Klara vor der Rigi von Janina Zang

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