Ich möchte folgendes Zitat von Meister Dogen diesem Bericht voranstellen:
Dein Leben ist es!
Alles ist euer Leben. Tag und Nacht, was immer euch begegnet, ist euer Leben; daher sollt ihr euer Leben der Situation anpassen, die euch im Augenblick begegnet. Verwendet eure Lebenskraft dazu, aus den Umständen, die auf euch zukommen, eine Einheit mit eurem Leben zu gestalten, um die Dinge an den richtigen Platz zu setzen.
Dieser klare Hinweis tröstet mich jetzt. So war es mir nicht immer bewusst. Ich litt häufig und meinte, das müsste nicht sein, dies wollte ich möglichst schnell wegschaffen, ausschliessen aus meinem Leben, auch Fehler sollten nicht sein. Das war häufig sehr sehr anstrengend. Der „strafende, angsteinflössende Gott“ war von der Kirche aus – vor 85 Jahren – noch sehr aktiv unterwegs. Leider wurde “ER” falsch vermittelt. Sein uns gelehrtes Image hat nicht gedient, sondern geschadet. Das musste revidiert werden, und das habe ich dann auch getan, in anstrengender erlösender Arbeit an mir.
Bei alldem war die Liebe zu Christus gross, unsäglich gross, ich würde sagen: ich war verliebt in ihn. Beinahe wäre ich Nonne geworden, hätte meine Mama nicht gesagt, das kannst du mir nicht antun. Ich war ihre einzige Tochter. Doch dann kam alles anders, und es war auch gut so. Ich verband mich mit dem Mann, mit dem ich mein Leben teilte, mich formierte, viel lernte und eine Familie haben durfte mit vier Kindern. Das war eine grosse Aufgabe und grosse Freude. Ich konnte meine Liebe zu Christus als Grundlage für meine Partner- und Elternschaft leben und ich war froh, dieses Fundament zu haben. Das Leben verlangte viel von mir.
Doch die Suche und Sehnsucht blieb. Ich habe somit nach einer Lektüre fürs Erlernen der ZEN-Meditation in einer Bibliothek gesucht. Dabei traf ich eine Freundin, die mich keck fragte, wonach ich suche. Ich bekannte ihr, ich möchte die Zen-Meditation erlernen und ich müsse wohl nach Japan reisen. Sie versicherte mir dann, dass das auch in der Schweiz zu haben sei. Ich erkundigte mich, reiste postwendend nach Bad Schönbrunn und besuchte mein erstes Sesshin bei Niklaus Brantschen, der just ordiniert aus Japan zurückkam. Das war ein steiler Einstieg. Beim allerersten Dokusan (Einzelgespräch), als ich Niklaus erzählte, ich sei Mutter von vier Kindern, sagte er: „Ja, und nun wirst auch du geboren.“ Ich wusste, was er meinte. Mittlerweile kenne ich die weisen Worte von:
Meister Eckhart, Deutscher Mystiker (1260 – 1328):
Warte alleine auf die ewige Geburt in dir, die im Grunde und im Innersten der Seele geschieht, so findest du alles Gut, allen Trost, alle Wonne.
Ich blieb Jahrzehnte überzeugt Schülerin von Niklaus, blieb aktiv in der „Passiven Reinigung SITZEN.“ Dabei hat mich kein strafender, sondern ein gütiger Lehrer und Meister begleitet. Als ich bekannte, ich könne dies nicht mehr für mich alleine behalten, hat er mich aufgemuntert und begleitet, das teure Gut in meiner Umgebung in Gruppen weiterzugeben, was ich heute noch gerne mache. Dann kam der erste Kontemplationslehrgang der via integralis dazu, der den Buddhaweg und das Christliche vereinte. So wurde ich als meditierender kontemplativer Mensch älter, alt, konnte Menschen, meinen Kindern, Enkeln, in der letzten Phase seines Lebens meinem hilfsbedürftigen Mann, beistehen. Lernen hat kein Ende. Jetzt muss und darf ich lernen allein und All-Ein zu sein, und das verlangt von mir einiges ab. Niklaus hat bei seiner Trauerzeit um Pia gesagt, es bleibe ihm nur ein Flügel, das kann ich gut nachempfinden. Ich bin jetzt mit dem zweiten Engelsflügel Gottes unterwegs und hoffe, wenn ich nicht mehr dienen kann, mit beiden Flügeln in die ewige Heimat zu wechseln.
Alles ist mein Leben – nichts ist ausser mir.
Mögen alle Lebewesen glücklich sein.
Lisbeth Wermelinger, Kontemplationslehrerin via integralis

Anmerkung:
Meister Dogen 1200 – 1253, (Dogen Zenji) war ein einflussreicher japanischer Zenmeister, Philosoph und Abt, der die Praxis Zazen (Sitzmeditation) aus China nach Japan übertrug und als Begründer des Soto-Zen gilt, in dem er die authentische Buddha-Lehre erneuerte, die er in der Praxis des Alltags dem Nur-Sitzen, verwirklicht sah. Körper und Geist in der Meditation und im Leben sind untrennbar eins.



