„LIEBE“ – ein Kongress

Eindrücke vom Kongress der Akademie Heiligenheld zum Thema „Liebe“
vom 19. bis 21. Mai 2017 in Bad Kissingen. Von Helena Shang-Meier.

Ich sitze im Zug auf der Rückfahrt vom diesjährigen Kongress der Akademie Heiligenfeld in Bad Kissingen. Ich war gespannt auf das Kongressthema: „Liebe“ ist ja so zentral menschlich und gleichzeitig wenig gesellschaftsfähig (von Plattitüden abgesehen), und auch nicht gut vertreten in der immer mehr technisch verstandenen Medizin, geschweige denn in Wirtschaft und Politik. Der Versuch war es wert, das Thema aus den verschiedensten Fachdisziplinen und durch eine Vielzahl von Referenten und Referentinnen, Vorträgen und Workshops näher zu beleuchten. Auch jetzt bin ich noch ganz erfüllt von den Eindrücken und Begegnungen. Hier eine kleine Auswahl von dem, was in mir nachklingt…

Nicht ganz zufällig stand Musik am Anfang und am Ende dieses Kongresses: Es begann mit Improvisationen von Markus Stockhausen und seiner Partnerin Tara Boumann; den Abschluss vertonte Rolf Verres, Musiker und Dozent für Medizin. Die Botschaft: Musik ist die Sprache des Lebens; sie übersteigt alles bloß Mentale, Konzeptuelle und bringt die Seele zum Schwingen. Darin ist sie der Liebe gleich, mit der wir einen universellen Raum betreten, der immer um uns ist, wo immer wir uns dafür öffnen. Wer Gleichklang oder Resonanz verspürt (resonare = klingen, wiederhallen), kommt zum Ursprung zurück.
Auch in den Workshops ging es ums Erleben. So konnte man mittels einer Klangreise, an der ich teilnahm, an sehr archaische Gefühle herankommen. Bei manchen TeilnehmerInnen löste dies zum Teil Angst, Irritation oder Ärger aus. Das war nicht zufällig: denn es ging um die Integration der Schatten. Ähnlich war Integrationsarbeit von uns verlangt im Workshop „Das schwarze Potential der Liebe – Opfer, Täter, Vergebung“ von Brigitte Maria Magdalena Mahr. Für mich stand danach die Einsicht, dass Vergebung vor allem uns selbst, wenn wir vergeben können, befreit und entlastet.
Interessant war die Perspektive des Philosophen Wilhelm Schmid: „die Liebe ist Deutung“. Probleme entstehen seiner Meinung nach da, wo Menschen das Verständnis der Liebe nicht als Deutung verstehen, sondern als (objektive) Wahrheit. Als Deutung vermag es die Liebe, alle Gegensätze und Widersprüchlichkeiten zu integrieren – von der romantischen Liebe bis zur Pragmatik des Alltags. Ein Beispiel: Liebe ist wie der Atem: beim Einatmen erfahren wir wunderbare Harmonie und das Einssein mit der Welt und beim Ausatmen das Sich-Trennen und Verabschieden, das Sich-Erholen voneinander. Schmid beschrieb auch eine Farbenlehre der Liebe: z.B. die Bedeutung der blauen Stunden (in einem Dialog) oder der purpurnen Stunden (bei Wahrnehmung der transzendentalen Aspekte unserer Beziehung).
Anselm Grün erörterte wie wir, wenn wir lieben, „Liebe sind“, und wie wir Eins werden mit der Quelle der Liebe, denn „Gott“ und „Liebe“ sind nach biblischer Lesart synonym. Er sprach vom Kreuz als Einheit der Gegensätze, das Kreuz als Gebärde der Umarmung, das Gegensätze zulässt und trotzdem verbindet.
Psychotherapeutische Aspekte kamen vielfach zur Sprache. Z.B. von Victor Chu im Beitrag über „Vaterliebe“: Die Auswirkungen von Vaterlosigkeit ist vielfältig, z.B. dass eine Ideologie als Vaterersatz an die Stelle tritt. Gewalt und Krieg kommen von Vaterlosigkeit und können als Ausdruck einer pervertierten Männlichkeit gelten. Vaterlosigkeit kann auch die Quelle von „Krieg gegen die eigene Familie“ sein oder beim Entstehen von männlichem und weiblichem Narzissmus.
Im Beitrag „Liebe in der Familientherapie“ von Ulrike Weiss wurde anhand der Bindungstheorie das Beispiel einer vierköpfigen Familie dargestellt, die in der Heiligenfeld-Klinik behandelt wurde. Das Behandlungskonzept bestand aus 3 Phasen: (1) Einsicht in die dysfunktionale Beziehung bekommen und beginnende Dekonstruktion, (2) Schritte einer Neuorientierung, und (3) die Entwicklung eines neuen Selbstkonzeptes der Beteiligten.
Die Ethnologin Christina Kessler sprach vom „Herzquotient“ (HQ statt IQ) und zeigte auf, wie wir in der Zusammenschau der verschiedenen Disziplinen zu einem neuen Verständnis des Menschen kommen können, das sich mit dem Motto „amo ergo sum“ (ich liebe also bin ich) beschreiben lässt. Sie benennt 33 Herzensqualitäten, die zusammen einen Übungsweg ergeben, der mit faszinierender Konsequenz die natürliche Intelligenz des Herzens entfaltet. Die Toren nach Innen werden geöffnet und ein Tor führt zum nächsten. Wo es um Erkenntnis und später um Hingabe geht, und wo im Drehpunkt dieser beiden die Demut steht, im Sinne von „Dein Wille geschehe“.
Soweit einige Eindrücke aus dem offiziellen Programm, an dem ich teilgenommen habe. Neben den inhaltlichen Impulsen und Inspirationen waren für mich aber auch die zahlreichen herzlichen und liebevollen Begegnungen wichtig. Es ist nun das fünfte Mal, dass ich an diesem Kongress teilnehme. Und wie in den vergangenen Jahren auch stärkt mich das Wissen, dass ich nicht alleine stehe in meinem Bemühen, eine ganzheitliche Medizin zu pflegen, bei der die Spiritualität als Ausdruck des Lebens unverzichtbar ist.
Das Thema des nächsten Kongress ist „Kairos – Den Wandel gestalten“ vom 7.-10. Juni 2018 in Bad Kissingen. Eine frühzeitliche Anmeldung lohnt sich!

Helena Shang Meier, Mai 2017
Ärztin für Psychosomatische Medizin, Kontemplationslehrerin via integralis

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