Das Vaterunser – Mantra der Fülle

Der spirituelle Impuls 
Jürgen Lembke, 
Das Vaterunser – Mantra der Fülle?

Jürgen Lembke

Jürgen Lembke ist Kontemplationslehrer und der Präsident des Vereins via integralis; seit vielen Jahren Zen-Studium mit Niklaus Brantschen SJ; im Beruf Projektmanager im Gesundheitswesen. Dieser Impuls wurde anlässlich von Kontemplationstagen 2017 gehalten.

Das Gebet, das Jesus von Nazareth seine Jünger lehrte, hat seit frühester Zeit in der Liturgie eine zentrale Bedeutung für alle Christen eingenommen. Die überlieferten Formulierungen gehen, mit Ausnahme des Lobpreises im letzten Abschnitt, auf die Logienquelle Q zurück und dürften deshalb mit größter Wahrscheinlichkeit so von Jesus gelehrt worden sein.

Obwohl das Gebet über die Jahrhunderte bis heute bewahrt wurde, gab es wiederholt Anlass für Diskussionen und Kommentare. Die eingangs erwähnte spätere Ergänzung des Herrengebetes mit der Doxologie, „Denn dein ist das Reich….“ welche auf 1 Chr 29,10f zurückgeht, scheint eine Folge von Überlegungen zu sein, welche gegenüber der ursprünglichen Fassung gemacht wurden. Ich denke, dass der Urheber mit dieser Ergänzung betonen wollte, dass das Wesentliche doch bereits erfüllt sei und wie Jesus an anderer Stelle verkündet, das Reich Gottes mitten unter uns ist. Im vergangenen Dezember wurde in den Tagesmedien einmal mehr besprochen, ob die Übersetzungen aus dem Griechischen korrekt seien. Durch eine Äußerung von Papst Franziskus wurde insbesondere die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“ diskutiert (20 Minuten, 2017), (NZZ, 2017).

Ich möchte hier nicht in die Diskussion um die rechte Übersetzung eintreten. Vielmehr möchte ich die Haltung betrachten, mit der dieses so vertraute Bittgebet, auf uns und unsere Umwelt einwirkt. Zum Abschluss schlage ich einen leicht modifizierten Wortlaut vor, der nach Belieben im Einklang mit dem traditionellen Wortlaut gebetet werden kann.

In den Evangelientexten, sowohl bei Lukas als auch bei Matthäus, wird das Vaterunser als Bittgebet überliefert.

Bei Lukas (Lk 11,1–4 EU) mit dem Wortlaut:

1 Und es geschah: Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! 2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! 4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!“

Im Kontext wird bei Lukas ausgeführt, dass wer bittet auch erhält.

Bei Matthäus (Mt 6.5-13 EU) finden wir die für den liturgischen Gebetstext grundlegende Form:

5 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 6 Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. 7 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, 10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! 12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben! 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!“

Wie erwähnt, wurde über die „richtige“ Übersetzung wiederholt argumentiert. Das „tägliche Brot“ lässt sich aus dem Originaltext so sicher nicht herleiten. Das griechische Wort, so lehren uns die Theologen, kommt nur isoliert im Kontext dieser Gebetsüberlieferung vor und lässt sich nicht wirklich übersetzen. Dennoch ist es über die Jahrhunderte in der Tradition als das „tägliche Brot“ verankert worden.

Die Abrahamitischen Religionen sind schriftbasierte Religionen. Für Juden, Christen und Muslime hat die korrekte Übersetzung großes Gewicht. Wir werden gewarnt kein Jota zu ändern – was uns davon abhalten sollte, überhaupt erst einen Übersetzungsversuch zu starten (Mt. 5,18 EU).

Um uns der Gefahr der falschen Übersetzung zu entziehen, könnten wir uns an einem Urtext der Cha’n Literatur orientieren. In dem Werk, „Verse über den Glaubensgeist“ „Shinshinmei“ wird uns geraten, auf unseren „Glaubensgeist“ gut achtzugeben. (Sosan, 1979) Die Verse wollen unserem Denken einen Spiegel vorhalten und ermuntern, von unseren Vorstellungen Abstand zu nehmen. Der Eröffnungsvers liest sich so: „Es ist nicht schwer den Weg zu durchdringen, wenn du nur frei bist von Neigung und Abneigung.“ Die biblische Entsprechung dazu wäre wohl die Warnung, sich nicht unter den Einfluss der Frucht der Unterscheidung von Gut und Böse zu bringen. Wenn wir uns der Neigung / Abneigung, Gut / Böse hingeben, ist unser Geist unvermeidlich in Wirren verloren.

Wie also sollen wir beten? Ringen nach der richtigen Übersetzung? Uns nicht durch Wertungen in Wirren stürzen? Beides trifft zu. Und noch ein drittes könnte zu unserem Nutzen bedacht werden.

Der Gebetsunterricht, welcher uns Jesus erteilt – nicht zu plappern wie die Heiden sondern in einem wohlformulierten Gebet in den Dialog mit Gott zu treten – ist wertvoll. Im gleichbleibenden Wortlaut werden wir zusammen mit Gott an die ewig gültigen Themen der Soheit unseres Lebens herangeführt und vergegenwärtigen uns diese. Bei allen aktiven Christen weltweit sind die sieben Bitten wie ein Mantra inkorporiert. Das heißt sie sind „Fleisch geworden“. Es braucht nur den initialen Anstoß und schon sind wir hineingenommen in den Fluss der Worte. Es betet.

So gut dies auch ist, möchte ich hier zum Innehalten einladen. Was ist uns in Fleisch und Blut übergegangen? Plappern wir das Vaterunser entgegen der ursprünglichen Intention einfach herunter? Ist uns wirklich der Gehalt der Worte Fleisch geworden?

Berücksichtigen wir den Kontext, in dem das Gebet bei Lukas und Matthäus eingebettet ist, können wir uns bildhaft vorstellen, unter welchen Umständen Jesus das Gebet lehrte. Bei Lukas bittet einer der Jünger, Jesus möge sie ein Gebet lehren. Bei Matthäus lehrt Jesus, sich an die Jüngerschar wendend. In beiden Beispielen geht er auf den Mangel ein, den wir scheinbar so oft spüren und der uns antreibt. Beide Male laden seine Ausführungen am Rande der Gebetsworte dazu ein, Vertrauen zu haben und etwa darauf zu zählen, dass der Vater gewährt um was wir bitten oder im zweiten Fall, dass es eigentlich keine Worte braucht, da der Vater schon weiß, was wir brauchen, bevor uns dies bewusst ist. Ohne allzu viel in den Kontext hineininterpretieren zu wollen, könnte man die von Jesus vermittelten Bitten als Korrektiv angesichts einer Haltung des Mangels an Vertrauen, auf Seiten der Jüngerschaft betrachten. In dieser Form war es gewiss ein geeignetes Mittel, um den Jüngern in ihrer Geisteshaltung hilfreich Anleitung zu geben. Denn wie schnell verlieren wir uns in einer Flut von drängenden Gedanken, wenn sich mal das Grundempfinden in uns festgesetzt hat, dass wir, um glücklich und sorglos zu sein, erst noch dies und jenes benötigen. Die Reduktion dieser Flut an Bitten auf das Wesentliche, welche uns im Vaterunser begegnen, ist demnach ein Gegenmittel.

In dieser seit damals überlieferten Form beten Christen seither. So habe auch ich dieses Gebet gelernt. Ich sehe mich und meinen jüngeren Bruder mit gefalteten Händchen auf dem Bett sitzen, während unsere Mutter am Bettrand kniend, mit uns die Worte vor dem zu Bett gehen gesprochen hat. Dieses abendliche Ritual endete wohl als ich dreizehn Jahre alt war. Das Gebet ist mir jedoch bis heute wichtig geblieben.

Für Jahre trug ich das Unser Vater (wie die reformierten das Gebet beginnen) eher wie ein Koan mit mir herum und hörte beim Beten gleichsam einen inneren Kommentator im Hintergrund, der sich über den einen oder anderen Aspekt des Gebets kritisch äußerte. So stolperte auch ich etwa über den Gott, der uns in Versuchung führt. Dieser Prozess führte dazu, dass ich das Gebet für mich und möglicherweise für jene, die ähnlich empfinden, neu formulieren musste. Denn wie in jedem Gebet, liegt im Vaterunser viel „fleischformende Kraft“. Um zu illustrieren was ich meine, hole ich etwas aus.

Als ich im Sommer 2014 am ersten Native American Bearing Witness Retreat der Zen Peacemaker mit den Lakota teilnahm, fügte sich mir, beim Hören auf die Zeugnisse der verschiedenen Stammesälteren, vieles, das hinsichtlich des Vaterunsers in mir gegart hatte, zusammen. Neben der Teilnahme am Morgengebet, das uns und alle Himmelsrichtungen einschloss, wurden wir Zeugen davon, wie tief die Traumata der Kolonisation durch die Europäer bis auf den heutigen Tag gegenwärtig sind. Steven Newcomb (Newcomb, 2008) zeigte uns auf, wie die Legitimation, die „Heiden“ mit aller Härte zu unterwerfen, auf den päpstlichen Bullen des 16. Jahrhunderts aufbaute. Diese sind unverständlicherweise, in ihrem Wortlaut bis heute von der Kirche¹ unwiderrufen.

Von den Lakota lernten wir das Wort „wašicun“, mit dem die Weissen bezeichnet werden. Ein sehr ähnlich lautendes Wort „wašin icu“ bedeutet „nimmt das Fett“ und benennt den Drang eines Menschen, in diesem Kontext der Weissen, sich das beste Land anzueignen und zu unterwerfen und alle darin enthaltenen Schätze auszubeuten. Könnte diese Haltung etwas mit den Worten zu tun haben, welche wir auf uns einwirken lassen? Wenn wir die imperativen Worte „Geheiligt werde dein Name!“ beten, ist es da nicht ein kurzer Schritt dann jene zu vernichten, welche nicht in gleicher Weise Gott heiligen?

Worte schaffen Realität. Der Auftakt des Johannesevangeliums berichtet uns, wie zu allem Anfang alles aus dem Wort entstand und wie dieses Fleisch wurde. Die Intention bei Johannes soll uns Gottes Plan vermitteln, und dass alles, was danach folgt, diesem ursprünglichen wortgewordenen Gedanken folgt. Diese Einsicht ist nicht exklusiv christlich. Die Weisheitsliteratur enthält viele Beispiele, die diese Dynamik nachzeichnet – alles was zunächst blosses Wort ist, wird letztlich Fleisch. Will sagen, es manifestiert sich in unserer greifbaren Welt. Dies gilt für die wiederholten Worte der Zuneigung, welche Eltern ihren Babys ins Ohr flüstern und die dadurch ein inniges, fühlbares Band mit ihren Kindern knüpfen. Zum Beispiel pflegten wir mit unseren beiden Kindern ein sehr schlichtes Ritual. Es begann damit, dass wir eines der Kinder mit Namen ansprachen und fragten „Weißt du was?“ Auf das rituelle „Nein“ des Kindes, folgte dann unsererseits die Affirmation „Ich habe dich ganz fest lieb!“

So wie ich bei dem genannten Beispiel mit meinen Kindern, die Worte als Grundlage für eine innige Beziehung betrachte, schaffen wir mit entsprechenden Worten die entgegengesetzte Realität. Ein Beispiel hierfür sehe in der Mantra-artigen Diffamierung der Juden während dem dritten Reich. Die geäusserten Beschimpfungen, Juden seien Ungeziefer, gipfelten darin, die Worte manifeste Realität werden zu lassen. Dieser Fleisch gewordene, negative Gedanke, führte dazu, Millionen von Juden, Roma und andere als „Unmenschen“ Klassierte mit Insektizid umzubringen.

Nach diesen Reflexionen zur Wirkmächtigkeit der Gedanken möchte ich wieder zum Vaterunser zurückkehren. Wie angedeutet sind die Zeiten, in denen ich dieses Gebet in seiner gegenwärtigen Lesung beten konnte, vorbei. Zunächst – und das in aller Deutlichkeit – per se ist nichts Schlimmes in dem Gebet enthalten. Doch sollten wir die Haltung, mit welcher wir beten, betrachten, denn der Wortlaut schafft Realität. Der Text des Vaterunsers atmet grammatikalisch das „Noch-Nicht“ des Konditionalen, den potentiellen Mangel an Brot, Vergebung und Beistand. Zugespitzt formuliert ist das Vaterunser im gängigen Wortlaut ein Mantra des Mangels.

Geheiligt werde dein Name: selbst wenn ich seinen Namen heilige, das „Werde“ suggeriert, dass noch nicht alle Anderen den Namen heiligen; dasselbe gilt für „Dein Reich komme“. Ist es denn noch nicht da? Und klingt es nicht fast blasphemisch zu beten „Dein Wille geschehe“? Geschieht denn sein Wille zurzeit nicht?

Es liegt mir fern, den Glaubensgeist in Wirren zu stürzen. Bei der Formulierung der aktualisierten Form des Vaterunsers haben mich drei Aspekte besonders geleitet. Erstens sollte der neue Wortlaut alternativ zum traditionellen gesprochen werden können. Zweitens sind die Sätze im Präsens verfasst und sprechen somit aus der Gegenwart² und beziehen sich auf dieselbe. Der dritte Aspekt ist nicht unmittelbar in den Worten enthalten. Vielmehr ist der Betende eingeladen, jede Aussage auf drei Haltungen hin zu betrachten. Anstatt wie bisher die Bitten unverändert zu wiederholen mag entsprechend unserer ständig wechselnden Gemütszustände jede Zeile in etwas anderem Licht erscheinen. In der östlichen Cha’n Tradition begegnen wir immer wieder drei essentiellen Haltungen, welche wir während der Übung des Zazens aufbringen sollten:

  • Unerschütterliches Vertrauen und Dankbarkeit, dass wir den Weg erreichen, bzw. die Zusagen der Tradition zutreffend sind und wir daran teilhaben
  • Riesigen Zweifel, hinsichtlich unserer Praxis und der menschlichen Neigung, sich voreilig ein Bild zu machen und unkritisch stehenzubleiben.
  • Absolute Entschlossenheit, mit der ganzen zur Verfügung stehenden Kraft die Wahrheit zu verwirklichen bzw. das unserem Leben inhärente Potential zur Entfaltung zu bringen.

Hinsichtlich des Vaterunsers könnten wir demnach die einzelnen Zeilen wie einer inneren Checkliste folgend beten, indem wir kurz prüfen, in welcher Haltung wir die aktuelle Zeile beten. In einer Haltung des Vertrauens und Dankbarkeit, oder des Zweifels oder mit Entschlossenheit.

Die aktualisierte Form weist dieselbe Anzahl Silben auf, wie die gebräuchliche Fassung, sodass wir mit wenig Übung dieses Gebet weiterhin in Gemeinschaft mit allen Gläubigen beten können.

Ich erhoffe mir, dass manche es mal mit der aktualisierten Formulierung versuchen und die Worte und deren Wirkung innerlich verkosten und dieses zentrale Gebet für sich neu entdecken mögen.

Der liturgische Text des Vaterunser

Oekumenische Fassung
(als Bittgebet)

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.³
Amen.

Aktualisierte Fassung
(Vertrauen und Dank, Zweifel, Entschluss)

Vater unser im Himmel
Geheiligt wird dein Name
Dein Reich ist hier
Dein Wille geschieht
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gibst du uns heute
Und vergibst uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldnern
Und bist mit uns in der Versuchung
und erlöst uns von dem Bösen
Ja, Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit
Amen.

Jürgen Lembke, Mai 2018


¹ Ich schreibe bewusst Kirche und nicht „Katholische Kirche“. Die Situation ist natürlich komplex. Was ist mit den englischen Einwanderern, den Nachkommen der anderen europäischen Staaten? Das Eingeständnis des Unrechtes hat von allen zu kommen.
² Oder das gegenwärtige Nun der Ewigkeit.
³ Die Doxologie bzw. der Lobpreis ist erst später dem Vaterunser hinzugefügt worden.

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