Meditieren mit Demenzkranken Menschen

Bernd Schille

Kontemplation im Pflegeheim – Eine Anstiftung

Gegen das Altern ist kein Kraut gewachsen. Das Alter setzt Grenzen. Die Kräfte lassen nach und unerwünschte Gäste melden sich: Einschränkungen der Beweglichkeit und Nachlassen der Sinneskraft. Der Geist ist nicht mehr so geschwind. Vergesslichkeiten nehmen zu. Neue Herausforderungen fehlen schon mal. Manchmal entsteht Langeweile. Besonders ängstigend: der mögliche Verlust der Selbständigkeit. Entsteht Pflegebedürftigkeit, fühlt man sich mit der nicht gewollten Abhängigkeit nicht selten überfordert. Dazu Müdigkeiten, Schwäche, Krankheiten: Die Vorzeichen des Sterbens, die Boten des Todes stellen sich ein.

Wenn so vieles abnimmt und verabschiedet werden muß, was man zeitlebens als sichere Ausstattung gewohnt war, ist das für manche die absolut schwerste Lebensphase. Viele, die damit konfrontiert sind, spüren instinktiv, dass selbst das Leben kein Eigentum ist und aus den festhaltenden Händen gleitet. Manche wären froh, es ginge schneller zu Ende. Doch Scheiden will gemeistert sein. Im Alter sehen sich Seele und Geist einem hohem Reifungsdruck ausgesetzt. Das „Ich“ erfindet sich neu als ein zutiefst Abschiedliches. Mit biographischen Retouren und Fotoalben allein ist es nicht getan. Ganzwerden im langsamem Verschwinden und Frieden finden im Weggehen und Sterben sind große Aufgaben. Alt sein wird zu hoher Zeit. Rumsitzen ist zu wenig. Kinderspiele zu flach.

Hier setzt unsere Erfahrung ein: Kontemplation kann ein wunderbarer Weg sein, aus dem „Sitzenmüssen“ einen Dienst zu entwickeln, das für manche langweilige Däumchendrehen in ein Dasein fürs Ganze zu wandeln. Wir haben es ausprobiert.

Alte Menschen im Pflegeheim sitzen oft. Das ist der Ausgang.

Zusammen mit sechs Mitgliedern unserer Meditationsgruppe haben wir in Illingen 2010 ein mutiges Abenteuer begonnen. Wir begannen mit alten und dementiell erkrankten Menschen in einem saarländischen Pflegeheim Kontemplation zu üben. Dabei entdeckten alle Beteiligten Überraschendes: Gemeinsame, gestaltete Stille kann selbst für dementiell erkrankte Menschen eine Hilfe sein, wenn sie von Übenden mit eigener kontemplativer Erfahrung begleitet wird.

Was haben wir gemacht? Wir vereinbarten mit der Heimleitung einen monatlichen Termin für ein Kontemplatives Gebet. Das Haus stellte uns den Raum zur Verfügung, wir brachten alle für die Kontemplation erforderlichen Utensilien mit: Gong, Texte und Lieder, einige Kissen und Matten für uns (die BewohnerInnen saßen auf Stühlen bzw. im Rollstuhl). Freiwillige Teilnahme der BewohnerInnen, soweit wir das feststellen konnten, war uns oberstes Prinzip, sowie das freundliches Ansprechen und die einladende Motivierung.

Wir bereiteten uns in der Gruppe intensiv vor, auch auf die veränderte Kommunikation mit demenzkranken Menschen. Dann entwickelten wir für den monatlich geplanten Anlass ein einfaches und klares Rahmenprogramm von ca. 30-40 Minuten, vergleichbar mit einem ökumenischen Gebetsgottesdienst, allerdings mit 2x 10 Minuten gemeinsamer Stille.

Manche Aufgeregtheit im Vorfeld legte sich rasch in der immer gleich bleibenden Abfolge der immer gleichen Schritte des Betens, dem einführenden Singen, dem Klang des Gongs. Vor allem das mantrische Rezitieren im Kontext der Kontemplation (u.a. das Bruder-Klaus-Gebet) führte zu konsistenten inneren Erlebnisverläufen und Erfahrungen bei Menschen, die sich sonst in ihrer aktuellen Lebensphase keine einzige Geschichte aus mehreren Sätzen mehr einprägen können.

Beeindruckend die Reaktionen einer schwerst demenziellen alten Dame während eines solchen Anlasses im Laufe der ca. 30 Minuten: „Ich habe solche Angst!“ Dann nach einigen Minuten „Ich will heim!“. Nach einer weiteren Weile: „Ich will zu meinem Papa!“ Dann hellt sich der suchende und verlorene Gesichtsausdruck auf: „Ist das so schön!“ Sie lächelt. Dann sagt sie froh: „Jetzt bin ich daheim!“ Eine Pflegekraft, welche der Szene aus der Ferne zusieht, beginnt zu weinen. „Ich wußte nicht, was war, aber ich war so gerührt!“, sagt sie später.

Es wurde deutlich: Die klare und einfache Struktur des Kontemplativen Gebets, die von den Freiwilligen gehalten wird, nimmt auch Kranke mit, deren mentale Kontrolle durch das innere Chaos dramatisch aufgehoben ist; sie bekommen von außen Halt durch die gestaltete Mitte im Raum und die Rituale, und erhalten – wenigstens partiell – in je verschiedener Weise Zugang zur eigenen inneren Mitte, aus der haltgebende Sicherheit wachsen kann. Auf diese Weise kann Angst schwinden und es ist möglich dabei zu bleiben, ohne zu sehr aus der Reihe zu tanzen, sich zu exponieren und den „negativen“ (abwehrenden, einschränkenden) Reaktionen der Bezugspersonen ausgesetzt zu sein. Mancher fühlt sich den nicht mehr steuerbaren Impulsen von innen weniger ausgeliefert. Das nicht beherrschbare Drauflosreden nimmt ab und verstummt gar. Kontemplation eröffnet einen Zugang zu erstaunlichen, weil im Alltag nicht (mehr) gesehenen und bewussten Ressourcen. Trotz mentaler Verwirrtheit erlebten wir bei vielen eine eindrucksvolle Wachheit und eine anrührende Präsenz. Verhaltensweisen, die gewöhnlich als störend beschrieben werden wie z.B. das unkontrollierte Weglaufen, gewinnen Struktur und werden zum Pendeln zwischen Außen und „Innenwelt“:

Die Weglaufende ging zur Tür und fasste die Klinke, schaute auf die stille Runde zurück, schaute auf die Klinke, kam wieder zurück in die Runde und statt wie immer durch die Tür zu verschwinden, kehrt sie auf ihren Platz zurück und setzt sich nieder. Das geschulte Fachpersonal staunte. Auch wir waren sprachlos.

Und immer wieder hatten wir Grund zum Staunen. Insgesamt zweieinhalb Jahren konnten wir dieses Angebot im Pflegeheim durchführen. Inzwischen haben sich Dinge verändert, und das Angebot wurde wieder eingestellt. Aber es veränderte nachhaltig meine Sicht auf das Schicksal von demenzkranken Menschen. Und ich bin heute überzeugt: Kontemplation schafft auch für alte Menschen einen Raum für essentielle Reifung und hilft auch im Pflegeheim mit Würde zu leben.

Natürlich muß vieles bedacht und achtsam vorbereitet sein, damit die Beteiligten sich auch bei Schwierigkeiten nicht vorschnell auf alte Vorurteile zurückziehen: „Das geht halt nicht…“. Eine große Unterstützung ist es, wenn noch geistig starke alte Menschen bereit sind, zusammen mit dementiell Erkrankten zu kontemplieren. Unser Projekt ist gelungen. Unsere Erfahrungen haben wir in einem kleinen Reader zusammengefasst, der leider vergriffen ist. Eine zweite, erweiterte Auflage ist in Vorbereitung. Der Titel: Bernd Schille, kontemplativ – Eine Anstiftung.

Man kann die kleine Broschüre gegen Selbstkostenpreis bei mir bestellen: Ich freue mich auch auf Rückmeldungen und Fragen.

Bernd Schille, Mai 2018

Kontakt: Bernhard Schille und Christiane Singer-Schille
Email: zentrum.kontemplation@gmail.com

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