Interview mit Yves Saillen

Der Inter-Kulturalität des Anlasses entsprechend haben wir uns in der „Lago-Lodge“ (italienisch-englisch)“ am Bielersee, der „Stamm-Beiz“ (schwiizerdütsch) von Yves, verabredet. Biel ist eine typische Grenzstadt der Westschweiz, wo die „suisses allemands“ und die „romands“ Nachbarn sind, man auf der Strasse ganz gut auf Deutsch fragen und die Antwort auf Französisch erhalten kann. Das Interview führte Regina Grünholz – natürlich bilingue!

Via integralis (Regina Grünholz): Yves, gibt es ursprüngliche französische Mystikertexte?

YS: Ja, sicher gibt es das, so z.B. von Blaise Pascal, Francois Fénelon, Thérèse de Lisieux, Charles de Foucauld, Teilhard de Chardin (Wissenschaftler und Mystiker zugleich), Madeleine Delbrêl, Simone Weil, Henri Le Saux und andere mehr. Teilhard de Chardin (als Herzstück – Wissenschaftler und Mystiker zugleich) und Henri Le Saux (Lettres d`un sannyasi chrétien à Josef Lemarié) machen einen Teil derer aus, die mich am meisten inspiriert haben. Ansonsten habe ich mich nicht eigens mit der französischen Mystik befasst.

VI: Gibt es ursprüngliche französische Zen-Texte?

YS: Zahlreiche klassische Texte wurden ins Französische übersetzt. Was mich betrifft, so habe ich für meine Schüler unter anderem Kommentare zu Texten von Seng-Tsàn, dem dritten chinesischen Patriarchen, zu Houei-Neng (Eno), dem sechsten Patriarchen und zu Dogen verfasst.

VI: Übersetzt Du selber deutsche oder anderssprachige Texte ins Französische?

YS: Nein, dafür habe ich keine Zeit. Für meine Praxis integriere ich deutsche, englische, japanische und chinesische Texte, die von anderen ins Französische übersetzt wurden.

VI: Wäre Interesse da für einen Newsletter der via integralis auf Französisch?

YS: Ich weiss nicht. Die französisch sprechende Sangha ist im Moment klein. Vor einigen Jahren habe ich für sie eine website geschaffen (www.meditation-zen-vi.ch). Über diesen Kanal und durch einen Rundbrief, der zweimal im Jahr per Post verschickt wird, verbreite ich die wichtigsten Informationen.

VI: Wie steht es allgemein mit dem Interesse an Meditation im französischen Sprachraum? Wie mit dem Bekanntheitsgrad der via integralis?

YS: Wie überall auf der Welt interessieren sich auch die Frankophonen für Meditation und praktizieren sie gerne. Aber sie sind gewohnt, die Grenzen der verschiedenen Traditionen, wie diejenigen des Buddhismus oder des Christentums, zu respektieren. Die Grundlagen der buddhistischen Tradition und der christlichen Mystik in einer einzigen Schule oder Methode zu vereinen – das ist ihnen eher fremd. Ich bin im Augenblick der einzige durch die Kontemplationsschule via integralis ernannte Lehrer in der französischen Schweiz und in Frankreich. Seit ich 2007 zu lehren begonnen habe, hatte ich zahlreiche Gelegenheiten darüber zu sprechen und Meditationswochen zu leiten. Eine kleine Gruppe langjährig Praktizierender unterstützt mich bei dieser Aufgabe.

VI: Hast Du Schüler? Schülerinnen? Du arbeitest nicht mit Schlüsselworten sondern mit „Nur-Sitzen“ (Shikantaza)? Woran erkennst Du die Entwicklung eines Schülers / einer Schülerin?

YS: Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die formal Schüler bei mir sind. Andere wiederum sind es in einer informellen Weise. Ich bin ja der Einzige in der Region, der Schüler anleitet und Übende begleitet. Shikantaza ist eines der zentralen Elemente in der buddhistischen Tradition, bei der die Praxis des Zazen unmittelbare Verwirklichung und Weitergabe des Dharma ist. Das Dharma bedeutet dabei zugleich die Lehre des Buddha als auch den WEG der Verwirklichung. Die Praxis des Zazen ist somit Verwirklichung des Buddha Weges. Sogar dann, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Zazen IST Verwirklichung, und als solche konkretisiert sie sich auch im Alltag. Die Praktizierenden sind angehalten, jegliche Absicht fallen zu lassen, jegliche Erwartung ganz radikal loszulassen und nichts als in dieser Haltung, an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt, präsent zu sein. Auf diese Weise zeigt sich, was ist, das So-sein. Nicht mehr und nicht weniger. In seiner ganzen Fülle. Auf diesem Übungsweg ist das Lehren eher ein Anstossen, ein Unterrichten im Sinne einer Begleitung der Praxis, als die Weitergabe von Wissen. Die in der täglichen Praxis, allein oder mit anderen, im Sitzen für ein paar Stunden bis hin zu mehreren Tagen und im persönlichen Gespräch mit dem Lehrer oder in der Gruppe gemachten Erfahrungen können so verbalisiert und dabei Schritt für Schritt integriert werden, was zu einem spirituellem Weg, einer Art Transformation bei den Praktizierenden führt. Meine Ausbildungszeit war im Wesentlichen eine Zeit des Experimentierens, des Entdeckens, des Integrierens und der Transformation. Sie ist die Basis meiner Lehrkompetenz, welche von meinem Lehrer Niklaus Brantschen bestätigt wurde. Diese Kompetenz ist es, welche es mir erlaubt, die Fortschritte meiner Schüler einzuschätzen, indem ich ihr Verhalten beobachte, ihr Üben, ihre Gegenwärtigkeit, auch indem ich auf ihre Aussagen höre während der Einzelgespräche. Ich empfehle, das Nicht-Wissen zu praktizieren, ohne explizit zwischen deutscher und spanischer Mystik oder buddhistischer Sichtweise zu unterscheiden.

VI: Wie war Dein eigener spiritueller Weg? Wie kamst Du zum „Nur-Sitzen“ (Shikantaza)? Wieso nicht mit Schlüsselworten? Wo liegt Deine Präferenz? Was waren Marksteine in Deiner Entwicklung?

YS: Es war die nicht-gesuchte spirituelle Erfahrung, die ich mit 24 Jahren machte, welche mich den Zen-Buddhismus und die Übung des Zazen entdecken liess. Diese hat mich besonders durch ihre Einfachheit und Feinsinnigkeit beeindruckt. Ich begann, Shikantaza zu praktizieren, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. In der Folge hatte ich die Gelegenheit, diesen Weg auszuloten und zu vertiefen und konnte so die verschiedenen Schulen besser verstehen und unterscheiden. Ich nahm eher wahr, was im Eigentlichen die Soto und die Rinzai Schule ausmachen. Die Begegnung mit Niklaus Brantschen, sein Lehren und seine Begleitung, gaben mir die Bestätigung, dass mein Weg darin bestand und heute noch meiner ist, Shikantaza zu praktizieren. Es ist eines der zentralen Elemente der Soto Tradition, oder in der Sprache der via integralis: den „Weg des Nada“ zu gehen. Diese Praxis hat mir den Erfahrungsweg zur Wesensnatur eines jeden Dinges, oder gemäss unserer christlichen Tradition, zu Gott hin, eröffnet, was die Integration der Erfahrung und das anschliessende „Vergessen“ mitbeinhaltet – ein langsamer Prozess, der in die Einfachheit eines erfüllten Lebens mündet, je von Augenblick zu Augenblick.

VI: Du hast beim Lehrertreffen uns von deiner Erkrankung erzählt (M.Parkinson). Möchtest Du hier etwas dazu sagen? Fühlst Du Dich beeinträchtigt?

YS: Diese Krankheit entwickelt sich, bevor man noch irgendwelche Vorzeichen bemerkt. Bei mir war es so: Ich habe festgestellt, dass mein Schreibfluss nicht mehr harmonisch war, dass die Bewegungen meines rechten Arms und rechten Beins weniger fliessend vor sich gingen, und dass ein Zittern bestimmte Bewegungen störte. Dank verschiedener Therapien ist mein Zustand recht stabil. Allgemein bin ich langsamer geworden und unsicherer als zuvor, aber das Meditieren hilft mir sehr immer präsent zu sein.

VI: Gibt es verschiedenen Phasen, verschiedene Zeiten von mehr oder weniger Akzeptanz?

YS: Zu erfahren, dass ich von dieser Krankheit betroffen bin, hat mich überrumpelt, und ich fühlte mich in Frage gestellt. Die Akzeptanz geht nicht ohne Arbeit an mir selber. Sie beeinflusst auch die gesamte Organisation meines Lebens. Ich lerne es, mit mehr Klarheit zu unterscheiden, welches die Prioritäten sind, und wo ich zu wählen habe. Ich konzentriere mich auf Wesentliches.

VI: Wie wirkt sich die Krankheit auf Deine Spiritualität und Deinen Alltag aus?

YS: Dieses oben zitierte Infrage-Gestelltsein betrifft auch mein spirituelles Leben. Es gibt mir die Gelegenheit, alles, was in meinen Augen noch überflüssig ist, zu lassen zu Gunsten einer Vertiefung, grösserer Einfachheit und auch grösser werdendem Vertrauen. Mein spirituelles Leben erfährt so eine Belebung und zunehmende Intensität auch im Alltag.

VI: Möchtest Du sonst noch etwas von Dir privat mitteilen?

YS: Aufgewachsen bin ich in der Agglomeration Lausanne, als drittes von sechs Kindern. Meine Sozialisation inklusive Schulen fand im katholischen Milieu dieser Region statt. Nach meinem Studium an der Universität von Lausanne, war ich beruflich als Sozialarbeiter im Kindes- und Erwachsenenschutz tätig. Ich bin noch bis Ende Jahr beim Sozialamt Biel/Nidau angestellt, bin verheiratet, Vater von drei Söhnen und Grossvater von vier Enkelkindern.

VI: Zum Schluss: Wie sieht die via integralis in 20 Jahren aus? Wir haben diese Frage ja schon einmal an einem Lehrer-Weiterbildungswochenende in den Raum gestellt …

YS: Vor meiner Erkrankung hatte ich da eine genaue Vorstellung – meine Krankheit liess mich das als Vor-stellung erkennen! Ich bin überzeugt, dass die via integralis Zukunft hat. Sie wird sich aber von sich selber emanzipieren müssen, wird kräftiger werden in ihrer Präsenz. Als Form soll sie immer mehr vergessen werden. Das Konzept darf nicht zu stark sein. Das bleibt vorläufig ein Spannungsfeld. Es geht um eine Kraft IN uns. Und die ist möglich, wenn Menschen ganz dabei sind, im Dialog. Ich setze mich ein für die Verbreitung der via integralis im französischen Sprachraum. Die Form der via integralis ist dafür wichtig. Klarheit entsteht und nimmt nur zu, wenn diese Praxis gepflegt wird. Und dann bin ich zuversichtlich. Die Übung lohnt sich wirklich, weitermachen – unbedingt!

VI: Lieber Yves, ich danke dir, dass du dir Zeit genommen und uns Einblick gegeben hast in Dein Leben.

Regina Grünholz, Biel/CH, 26. April 2019

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