Es ist ein Privileg, den Weg nach Innen gehen zu dürfen

Das aktuelle Interview mit Hildegard Schmittfull von Claudia Nothelfer, November 2019

Claudia Nothelfer (CN): Liebe Hildegard, die letzten Jahre waren mit viel Abschied verbunden, von Pia Gyger, vom Fernblick, vom Gemeinschaftshaus des Katharina-Werks an der Holeestrasse – und auch dieses zu Ende gehende Jahr bringt wieder einen Abschied mit sich: du legst dein Amt als Spirituelle Leiterin der via integralis in andere Hände und beendest damit auch deine Mitarbeit im Ausbildungsteam des dreijährigen Lehrgangs. Beides ist noch fast unlösbar mit deiner Person verbunden. Wie geht es dir selbst in diesem Übergang?

Hildegard Schmittfull (HS): Das stimmt, ich bin jetzt in einem Alter, in dem Abschiede mich begleiten. Ich denke oft in Dankbarkeit an Pia Gyger und an Niklaus Brantschen, unseren Gründerpersönlichkeiten. Ich durfte, zusammen mit Bernhard Stappel, 2012 in ihre Nachfolge treten, nachdem wir bereits vorher 5 Jahre lang die Geschäftsführung der vi innehatten. Jetzt ist die Zeit gekommen, mein Amt weiterzugeben. Ich tue dies voll Freude. Zum einen spüre ich eine gewisse Müdigkeit, denn die Zeit des Aufbaus war sehr arbeitsintensiv. Zum anderen habe ich das Gefühl, das Haus ist bestellt. Damit vi weiter wachsen kann, braucht es jüngere Leute. Zum Glück haben wir in unserer Lehrerschaft sehr kompetente Kollegen und Kolleginnen, so schaue ich zuversichtlich in die Zukunft.

CN: Es erscheint mir wie gestern, als Pia Gyger und Niklaus Brantschen dir und Bernhard Stappel in einem feierlichen Akt die Spirituelle Leitung der via integralis übergegeben haben. Du hast als Leiterin und Lehrerin den angehenden Kontemplations-lehrerInnen der vi sehr viel mit auf den Weg gegeben, menschlich, spirituell und theologisch. Gewähr uns nun bitte einen Blick «hinter die Kulissen» der Spirituellen Leitung und wie du dich aus deiner Sicht in dieser Aufgabe finden und entfalten konntest. Was war dir besonders wichtig?

HS: Es war eine Aufgabe, die mir sehr entsprochen hat. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit der Praxis der Zen-Meditation und der Kontemplation bereits über 30 Jahre lang unterwegs, ich hatte ein Theologiestudium hinter mir und habe lange Zeit Menschen therapeutisch und spirituell begleitet. Nun mit anderen KontemplationslehrerInnen „eine Linie“ aufzubauen, wie wir es anfangs nannten, war ein aufregendes und spannendes Ereignis. Zum einen war da eine LehrerInnengruppe, die labormässig Zen und christliche Mystik als einen sich befruchtenden Weg entfalteten und reflektierten. Wir hatten bis dato kein Modell dafür. Z.B. begannen wir etwa 2008 mit der Entfaltung eines Initiationsweges auf der Basis von biblischen Schlüsselsätzen. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Engagements war zu dieser Zeit, kollegiale und hierarchische Strukturen in Einklang zu bringen, so dass die operativen Geschäfte demokratisch gehandhabt werden konnten, während die Beauftragung der Lehrer und Lehrerinnen ein hierarchischer Vollzug war. Das bedeutet, die Vollmacht wird weitergegeben wie z.B. bei einer Priesterweihe. Zum zweiten ging es darum, die Lassalle-Kontemplationsschule LKS inhaltlich und strukturell weiter zu entwickeln. Ich hatte mich schon vorgängig lange mit mystischer Theologie beschäftigt. So war das eine Gelegenheit, lustvoll eine Fülle von Themen , zu entfalten, zu vertiefen und zu integrieren. Z.B. die christlichen Mystiker und Mystikerinnen, die Geschichte der christlichen Kontemplation und der Zen-Tradition, u.a.. Es war uns ein Herzensanliegen, den Blick über das eigene Gärtlein hinaus zu werfen z.B. auf die transpersonale Psychologie oder auch den Dialog zwischen Mystik und Naturwissenschaft/Quantenphysik zu suchen. Inzwischen haben wir den 4. Ausbildungsgang der LKS abgeschlossen und zählen etwa 100 vi LehrerInnen. Bereits im letzten Ausbildungsgang haben wir die Hauptleitung der Ausbildung in jüngere Hände gelegt. Zum dritten haben wir den Aufbau eines Zweiges der vi in Lettland begleitet. In einem unserer letzten Newsletter war ein Interview mit Juris Rubenis, in dem davon berichtet wurde.

CN: Du bist auch Zen-Lehrerin. Wie spielte das zusammen, als Zen-Lehrerin zugleich die Spirituelle Leitung einer christlichen Kontemplationsschule inne zu haben? Haben sich die beiden Wege in deiner Funktion ergänzt und befruchtet?

HS: Das kann ich aus vollem Herzen bejahen. Ende der 70 er Jahren begann ich Zen-Meditation zu praktizieren. Ein Gewinn meines Weges liegt darin, dass ich über Zen zu einem neuen Zugang in meine christliche Tradition gefunden habe. Es ist einfach spannend, zu realisieren, wie die letzte Wirklichkeit in verschiedenen Traditionen erfahren und in Sprache gebracht wird. Es war darüber hinaus ein grosses Geschenk, dass ich bei Niklaus Brantschen und Pia Gyger den Koan-Weg gehen durfte und darüber meine Kenntnisse über die budhistische Zen-Tradition vertiefen konnte. Nicht zuletzt war das für mich die beste Vorbereitung für die Entfaltung des Initiationsweges mit biblischen Schlüsselsätzen.

CN: Deine Nachfolgerin ist bestimmt, Regula Tanner wird zusammen mit Margrit Wenk die Spirituelle Leitung von dir und Bernhard Stappel übertragen bekommen. Hast du Wünsche an eure Nachfolgerinnen? Was sollten sie weiterführen oder auch ändern, was besonders im Auge haben?

HS: Ich glaube, dass beide eine grosse Kompetenz und spirituelle Autorität mitbringen, um diese Aufgabe wahrzunehmen. Da habe ich grosses Vertrauen. Da unsere Gruppe grösser wird, wird auch die Integrationsarbeit intensiver. Aber sie sollen wissen, dass es viele Kräfte gibt, die sie unterstützen werden.

CN: Bis vor zwei Jahren war das Katharina-Werk Trägerin der via integralis, heute ist die vi formal ein Verein. Sie ist gewissermassen dem Katharina-Werk erwachsen, durch Pia Gyger, deren «Kind» die via integralis war. Was war genau die Rolle eurer Gemeinschaft in der via integralis durch all die Jahre?

HS: Pia Gyger und Niklaus Brantschen als Gründerin und Gründer war es ein Anliegen, eine solide Basis für die vi schaffen. Und so lag es nahe, dass das Katharina-Werk Trägerin wurde, nachdem das Lassalle-haus abgelehnt hatte. Da über Pia die meisten Katharinen kontemplierten, wurde auch eine starke Gruppe von uns Mitglied in der vi. Darüber hinaus hat das Katharina-Werk uns tatkräftig unterstützt sowohl personell als auch mit Räumlichkeiten und Infrastruktur. Mit Bernhard und mir sind mehrere Mitglieder des Katharina-Werkes in die Leitung und in die Ausbildungsgruppe der vi gerufen worden. Nicht zuletzt bin ich grosszügig freigestellt worden für die Aufbauarbeit, die sehr zeitintensiv war..

CN: Gehen wir noch weiter zurück: Wie hast du denn selbst, als frühere Sozialarbeiterin und spätere Theologin zum Katharina-Werk gefunden? Erzähl uns bitte etwas aus deinem Leben, deiner Ursprungs-Sehnsucht und Motivation.

HS: Ich habe früher viel und gerne gearbeitet und hatte dabei das Glück, mich selbst verwirklichen zu können. Aber irgendwann kam die Zeit, in der ich mich fragte, ob das alles in meinem Leben war. Und dann lernte ich ganz zufällig die Zen-Meditation kennen. Das war das Beste, was mir in meinem Leben geschehen konnte. Ich habe es immer als Privileg empfunden, diesen Weg nach innen gehen zu dürfen und die Erfahrung zu machen, dass Gott meinem Leben Weite, Tiefe und Lebendigkeit gibt. Meine Kontemplationspraxis hat meine Grenzen gesprengt und mich verbunden mit der ganzen Welt.

CN: Wie siehst du dein weiteres inneres und äusseres Wirken in der via integralis? Gibt es weitere Verzichtspläne im Hinblick auf deine Kurstätigkeit oder nimmst du ein neues Aufgabenfeld in den Blick? Wird sich etwas in der Begleitung deiner Schüler und Schülerinnen ändern?

HS: Noch biete ich Kontemplationskurse an. Aber ich denke im Blick mein Alter langsam daran, mein Engagement abzubauen und auch da die Kursarbeit langsam in jüngere Hände zu legen. Ansonsten möchte ich ein lebendiges Mitglied der LehrerInnengruppe sein, das – wenn nötig, seine Kompetenzen zur Verfügung stellt.

CN: Du darfst auf ein reiches spirituelles Leben zurückblicken. Was ist für dich persönlich die grösste Herausforderung für die kommende Zeit und Lebensphase?

HS: Ich möchte die letzten Jahre meines Lebens und die körperlichen und geistigen Minderungen mit einer gewissen Gelassenheit leben können. Da bin ich noch nicht, dafür möchte ich üben.

CN: Was möchtest du der vi als Gemeinschaft mit auf den Weg geben und wie würdest du dein Erbe für die vi umschreiben?

HS: Ich glaube, dass die vi etwas ganz Besonderes ist. Da sind inzwischen etwa 100 „Erwachte“ auf einem Haufen, die fähig sind, die Menschen und die Welt nondual wahrzunehmen. Das schenkt Zugehörigkeit. Das ist eine gute Bedingung, ein „Höheres Wir“ entstehen zu lassen. Solch eine Gruppe versammelt in sich eine spirituelle Kompetenz, die wie ein Energiezentrum ausstrahlen muss auf unsere Kirchen, unsere Gesellschaften und die daran mitarbeitet, den globalen Wandel zu humanisieren unsere Welt zu beseelen.

CN: Vielen Dank!

Claudia Nothelfer, November 2019

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