Die Hose zu kurz, das Hemd zu lang

Foto: Margrit Wenk-Schlegel

Margrit Wenk-Schlegel

Antritts- und Vorstellungsreferat von Margrit Wenk anlässlich des Jahrestreffens vom 7. bis 9. Februar 2020 in der Propstei Wislikofen

Mein grosser Dank gilt Euch, Hildegard und Bernhard für das Vertrauen, das Ihr uns entgegenbringt. Regula, ich freue mich, mit Dir zusammenzuarbeiten und zu gestalten auch verbunden mit Dir, Juris, unserem Bruder aus Lettland. Danke allen Lehrer*innen fürs Mittragen und Mitarbeiten in den vergangenen Jahren. Um dieses Miteinander bitte ich Euch auch in Zukunft.

Persönliche Vorstellung

Schon als Kleinkind war ich ein Heimwehkind. Eine brennende Sehnsucht nach der vermeintlich verlorenen Heimat in der geistigen Welt bestimmte mein Leben. Dieses Sehnen liess eine Krankheit entstehen, die mich immer wieder in Nahtoderfahrungen brachte, als Kind und Erwachsene. So war ich eine Grenzgängerin, bis ich erfuhr, dass ich nicht sterben muss um wieder in die ursprüngliche Einheit mit Gott zu kommen. Danach wurde auch meine Krankheit diagnostiziert, und seither bin ich gesund und lebe sehr gerne. Schon als Jugendliche suchte ich die Stille in Taizé, bei den Kleinen Schwestern Jesu, in Mediationskursen. Im Erwachsenenalter war diese Suchbewegung begleitet von heftigen Kundalini-Schüben. Wie glücklich war ich, als ich nach Jahren der Suche endlich in Pia Gyger meine Lehrerin fand. Sie half mir, Erfahrungen zu verstehen und zu integrieren. Seit 41 Jahren bin dich verheiratet mit Charlie. Wir sind Eltern von drei erwachsenen Kindern und drei Sternenkindern und erleben grosse Freude mit unseren vier Enkeln. Ein Riesengeschenk ist es für mich, dass Charlie in allen Kontemplationskursen assistiert und mit seiner Herzenskreativität die Gottesdienste gestaltet. Dreieinhalb Jahre lebten und arbeiteten wir in Kolumbien und erlebten dort eine ganz natürliche Verbindung von Spiritualität und sozialem Engagement. Der Kontakt mit Armut, Gewalt und der Befreiungstheologie hat uns nachhaltig geprägt. Viele Lieder der Landbevölkerung drücken tiefe Erfahrungen aus: „Der Name Gottes heute ist Dolores, Chepe, Berta, Jose, Araceli…“ 

Ein Blick auf die via integralis

In Dankbarkeit denke ich an Pia Gyger und Niklaus Brantschen, unsere Gründungseltern, die uns diesen Weg eröffnet haben. Sie haben langjährige Schülerinnen und Schüler in die erste Ausbildungsgruppe zusammengerufen. Durch das Erkunden des alten/neuen Weges entstand viel Dynamik. Alles musste neu definiert werden. Der neue, gärende Wein suchte sein Gefäss, das noch nicht so klar geformt war. Was haben wir gerungen, diskutiert, uns auseinandergesetzt, erarbeitet, verworfen, ausprobiert, festgelegt, erneuert…! Es hat oft geschäumt. Anregend und manchmal auch aufregend. Dabei habe ich die Kultur des Sich-zumutens gelernt. Bernhard und Hildegard, nachdem Pia und Niklaus Euch die Verantwortung für die via integralis übertragen haben, habt ihr in Zusammenarbeit mit vielen den Organismus mit viel Herzblut ausgestaltet, habt Strukturen geklärt, Inhalte eingebracht und die Leitung in einer geschwisterlichen Art gestaltet. Ganz grossen, herzlichen Dank für das Leben, das Ihr gestaltet und ermöglicht habt! Wenn ich die vielen Angebote unserer Lehrer*innen sehe, freue ich mich, welche Anziehungskraft die via integralis ausstrahlt für den kraftvollen Weg nach innen und dem daraus erwachsenden Engagement für die Welt – ganz nach der Erfahrung: „Wer Gott umarmt, findet in seinen Armen die Welt“. Vermutlich hat jeder Lehrer, jede Lehrerin eine persönliche Vorliebe und Resonanz mit bestimmten Mystiker*innen oder Zenmenschen. „Meine grosse Liebe gilt den beiden ‚interreligiösen Brüdern“ Franz von Assisi und Ryokan. Sie sind für mich Leitbilder der totalen Hingabe an die Innerlichkeit, immer neu hinein in die Tiefenerfahrung der Erleuchtung und der Gottesbegegnung. In beiden brannte eine sanfte und doch lodernde Flamme der Liebe zum Urgrund und gleichzeitig – oder gerade aus dieser Erfahrung heraus – eine brennende Liebe für die Welt und ein grosses Mitgefühl für die Menschen und alle Geschöpfe. Beide waren Vagabunden der Liebe und begeisterte, schlichte und einfache Botschafter der Verbundenheit mit allen Wesen. Franziskus und Ryokan gingen mit offenen Augen durchs Leben. Ihre Herzen waren durch das Leiden und die Liebe weit geöffnet. Aus dieser Offenheit heraus lebten sie eine tiefe Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens, die in verschiedenen Formen aus ihnen heraussprudelte. In befreiender Demut und Hingabe dienten sie dem Leben. Der Kernsatz von Franz von Assisi, der mich immer wieder herausfordert in meinem Leben, ist: „Lass mich ein Werkzeug deines Friedens sein.“ Von Ryokan ist es ein befreiender Satz, der uns ermuntert, ganz einfach Mensch zu sein, nicht perfekt und vollkommen, sondern gütig und barmherzig und doch konsequent auf dem Weg: „die Hose zu kurz, das Hemd zu lang, mir freundlich zulächelnd versuche ich, meinen Weg geradeaus weiterzugehen.“ Gehen wir verbunden miteinander den Weg geradeaus weiter, den Weg des persönlichen Erwachens und des Begleitens von Menschen auf diesem Weg. Machen wir Schritte im Wissen, dass wir ein Teil der Menschheit sind im Prozess der Bewusstseinsöffnung, der hoffentlich immer tiefer in die Verbundenheit mit allem Leben führt. Möge unser gemeinsamer Weg ein fruchtbarer und kraftvoller Dienst an der Menschheit und für den Frieden in der Welt sein. Lasst uns Werkzeuge des göttlichen Friedens sein, auch wenn das Hemd zu lang und die Hose zu kurz ist.

Margrit Wenk