Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,24)

Spiritueller Impuls von Margrit Wenk

Wie jedes Jahr lasse ich mich von der Jahreslosung der evangelisch-reformierten Kirchen anregen. Wie sehr dieser Satz in die Herausforderung unserer Zeit durch das Coronavirus passt. Eine spannungsgeladene Situation: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,24), ruft ein verzweifelter Vater, der seinen kranken Sohn zu den Jüngern gebracht hat. Die Jünger konnten nicht helfen. Spannung, Hilflosigkeit, Aggression. Einer fehlte, Jesus. Endlich kommt er. Der besorgte Vater fordert Jesus heraus und schreit verzweifelt: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Ein grundehrlicher Mann. Jesus erwischt ihn an seiner Schwachstelle. „Du sagst: wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.“ Da brüllt der Vater verzweifelt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Dieser Mann mutet sich total zu. Nackte Ehrlichkeit. Er setzt alles auf die Karte Vertrauen.

Wenn wir den Weg der Kontemplation entschieden gehen, kommen wir unweigerlich in Phasen, in denen der alte Glaube zusammenfällt und sich vermeintliche Sicherheiten auflösen. Nichtwissen, Ratlosigkeit, Nacht der Seele…

Solche Phasen auszuhalten und bei andern Menschen zu begleiten fordert uns ganz. Wie hilfreich ist es zu wissen, dass diese Erfahrungen unabdingbar zum Befreiungsweg gehören. Sie lösen uns schmerzhaft von Anhaftungen an Scheinsicherheiten. Johannes vom Kreuz beschreibt diese Phase des Weges sehr eindrücklich in seinem Buch „Die dunkle Nacht der Seele.“ „Nur auf dem Pfade der Nacht erreicht man die Morgenröte“, schreibt auch Khalil Gibran.

In seinem Hirtenbrief im Januar 2020 schrieb Bischof Markus von St. Gallen: „Mein Glaube ist doch immer neu ein Suchen, ein Ringen, manchmal auch ein Zweifeln, jedenfalls immer wieder herausgefordert von neuen Erfahrungen und Ereignissen im Leben.“

Meister Eckehart ermuntert uns, uns allen Dingen zu entziehen, alle Kräfte zu sammeln: „das alles kehre in den Grund, darin dieser Schatz verborgen liegt. Soll dies geschehen, so musst du alle anderen Werke fallen lassen und in ein Unwissen kommen, wenn du ihn finden willst.“ Dieses Unwissen verlangt Mut. Und doch ist das radikale Loslassen aller Vorstellungen gleichzeitig eine Übung des Vertrauens. So beschreibt auch der Zen-Buddhismus, dass der Grosse Zweifel aus dem Grossen Vertrauen erwächst.

Es ist wohl einzigartig unter den grossen Religionen, dass Zen sogar zum Grossen Zweifel auffordert. Für unser menschliches Ermessen steht der Zweifel doch im Gegensatz zum Vertrauen. Zweifelnd sind wir verschlossen, ängstlich, anhaftend an vermeintliche Sicherheiten. Halt eben ohne Vertrauen. Ja, diese Art von Zweifel ist hinderlich auf dem Weg. Sie hinterfragt, durchsucht, ist misstrauisch, will festhalten, engt ein. Wenn wir aber die drei Grundqualitäten des Zen anschauen, wird klar, dass es da um eine andere Art des Zweifelns geht. Drei Qualitäten werden auf dem Zenweg geübt: Die Grosse Entschiedenheit, das Grosse Vertrauen, und daraus erwächst der Mut, sich ganz einzulassen in den Grossen Zweifel. Dazu ermuntert uns Buddha, der gelehrt hat, nichts einfach zu glauben, sondern selber in die Erfahrung zu gehen. Der Grosse Zweifel ist der Mut, ganz radikal loszulassen, was wir als Sicherheit und Vorstellung in uns tragen. Ein existentielles sich Einlassen in das Nichtwissen. Darin eröffnet sich uns die totale Offenheit, weil es nichts mehr gibt, was begrenzt. Forschergeist, Neugier, Entdeckerlust, Nichtwissen, offene Weite. Eine Energie, die im jetzigen Augenblick verortet vorwärts strebt und immer wieder neu aufräumt mit Konzepten. Denn darin sind wir ja Meister, dass wir immer neue Konzepte schaffen. Nur Offenheit ohne Anhaften. Das braucht Mut und totale Hingabe und kann nur auf der Grundlage des Grossen Vertrauens vollzogen werden. Boshan, ein Zenmeister sagte: „Wenn du vollständig vertraust, wirst du vollständig zweifeln. Zweifelst du vollständig, wirst du ebenso vollständig erwachen.“ (Boshan 1575-1630). An anderer Stelle sagt Boshan sogar: „In der Zenpraxis ist der essentielle Punkt derjenige, Zweifel zu entfachen!“

Der grosse Zweifel und das mutige Weitergehen entstehen also nicht aus einer Haltung des Mangels. Denn der grosse Zweifel bewahrt uns vor dem Stehenbleiben in einmal gemachten Erfahrungen. Immer wieder neu aufbrechen, denn mit Tauler wissen wir: „Alles, worauf der Mensch mit Lust ausruht, wird wurmstichig und fault.“

Das immer wieder neue Aufbrechen gründet in der nicht-gewussten Zusage, die Augustinus Gott in sich sagen hört: „Du würdest mich nicht suchen, wenn ich dich nicht schon gefunden hätte.“

Margrit Wenk