Wie der Mensch seine Werke am vernünftigsten wirken soll

von Jürgen Lembke anlässlich des Jahrestreffens vom 7. bis 9. Februar 2020 in der Propstei Wislikofen

Die Jahresversammlung der via integralis 2020 steht unter dem Motto „Wie der Mensch seine Werke am vernünftigsten wirken soll“. Der Titel stammt von Meister Eckehart’s Erfurter Rede Nummer 7. Darin behandelt er die Haltung, mit welcher ein Mensch sich im Spannungsfeld zwischen Schöpfer und Schöpfung bewähren kann. Aus dem Inhalt dieser Rede können wir zahlreiche Anregungen für eine sinnvolle Lebensführung gewinnen, Anregungen, die auch für uns als Lehrende gelten.

Im übertragenen Sinn möchte ich reflektieren, wie wir als Gemeinschaft von Lehrenden unsere Werke am vernünftigsten wirken sollen. Die Reflexion soll sich auf vier Aspekte beziehen, nämlich „Veränderung“, „Wachstum“, „Tradition“ und natürlich die konkreten Handlungen, „Werke“, die wir vollbringen. Diese vier Aspekte stehen nicht für sich allein sondern beziehen sich wechselseitig aufeinander. Sie beinhalten etwas Fluktuierendes, Dynamisches. Manchmal stehen Wachstum oder Veränderung im Vordergrund. Manchmal geht’s mehr darum uns zu fragen, wie wir etwas zusammenhalten können, und wie wir die Tradition gewichten. Bezogen auf unsere Situation heute können wir feststellen, dass unsere Gruppe noch einmal deutlich angewachsen ist. Heute sind ca. sechzig Lehrende hier versammelt. Seit November 2019 sind rund 100 Kontemplationslehrende Mitglieder des Vereins. Weiter werden wir heute Nachmittag den Wechsel in der Spirituellen Leitung bezeugen und mitgestalten. Neben den Ernennungen von Regula Tanner und Margrit Wenk feiern wir auch die Ernennung von Juris Rubenis zum Kontemplationslehrer Stufe 3, welche bereits früher in Lettland stattgefunden hat. Somit kann er in Lettland nun selber Menschen, die den Lehrgang absolviert haben, zu Kontemplationslehrenden ernennen. Damit würdigen wir seinen Einsatz und die Aufbauarbeit, welche er in seiner Heimat zusammen mit Inga, seiner Frau, geleistet hat. Gestern Abend haben wir bereits Maryline Darbelley begrüsst, unser künftiges, erstes primär französisch-sprachiges Mitglied, in unserem Kreis. Am Sonntag werden wir zum ersten Mal in der jungen Vereinsgeschichte Gesamterneuerungswahlen des Vorstands durchführen. Wir haben in unseren Statuten festgeschrieben, dass wir auf drei Jahre gewählt werden. Um es uns einfacher zu machen beschloss die Gesamtleitung im vergangenen Sommer, diese Wahlen in einem Drei-Jahres-Rhythmus durchzuführen.

Alle diese Ereignisse beeinflussen die eingangs genannten vier Aspekte und werden ihrerseits entsprechend unserer Haltung erlebt, gelebt, verinnerlicht oder zurückgewiesen. In diesen vier Aspekten oder Feldern wandeln wir uns, wir wachsen weiter, wir übernehmen etwas und geben es weiter. Und es hat Auswirkung darauf, wie wir unser Leben gestalten, was für Angebote wir machen oder wie wir uns grundsätzlich im Alltag bewähren. Aus dieser wechselseitigen Weiterentwicklung entspringt je neu unsere Identität. Identität können wir nicht definieren oder festschreiben. Es ist vielmehr ein dynamischer Prozess, in dem wir immer wieder je neu werden. Wir sind damit Teil eines Schöpfungsprozesses der immerwährend ist. Und wir zeigen uns darin jeweils so, wie wir gerade sind. Wenn wir uns so weiterentwickeln und eines dieser Felder überhandnimmt, merken wir, „jetzt geht’s ans Eingemachte“, dann hören wir unter Umständen „ich komme nicht mehr mit!“, „wir drehen uns um uns selbst!“, „wir sollten mehr tun!“ oder „hier bin ich zu Hause!“ „dies ist meine Heimat!“. Dies sind alles Aussagen, anhand derer wir feststellen können, dass es jetzt stimmt oder, dass Anpassung und gegebenenfalls aufmerksames Reflektieren gefordert ist.

Meister Eckehart beginnt seine Rede, indem er uns etwas aus unserem Leben spiegelt, und zwar folgendermassen:

„Man findet’s bei vielen Leuten, und leicht gelangt der Mensch dahin, wenn er will, dass ihn die Dinge, mit denen er umgeht, nicht hindern noch irgendeine haftende Vorstellung in ihn hineinsetzen; denn, wo das Herz Gottes voll ist, da können die Kreaturen keine Stätte haben…“

In diesem vollen Herz-Gottes-Geist erfahren wir, wenn wir uns darauf einlassen, wie alles ineinander eingefaltet ist. Eingefaltet zum einen in der Erfahrung unserer zentralen Praxis, des Zazen, und durch diese zudem in der Einheit aller kreatürlichen Unterscheidung im blossen Sein. Wenn wir ganz in diese Erfahrung eintauchen, gibt es keine Kreatur mehr und keine Unterscheidung, dann sind wir gewissermassen zu Hause.

Aber Meister Eckehart bleibt bei dieser Aussage nicht stehen. Diesem Verweis auf den Herz-Gottes-Geist…

„… Daran aber soll’s uns nicht genügen; wir sollen uns alle Dinge in hohem Maße zunutze machen, sei’s was immer es sei, wo wir sein, was wir sehen oder hören mögen, wie fremd und ungemäß es uns auch sei. Dann erst sind wir recht daran und nicht eher. Und nimmer soll der Mensch darin zu Ende kommen; vielmehr kann er darin ohne Unterlass wachsen und immer mehr erreichen in einem wahren Zunehmen.“

Er ermutigt uns darin, uns gegenüber allem was uns begegnet zu öffnen, egal ob es fremd oder ungemäss erscheint, so in dieser ursprünglichen Haltung, in der wir aufgefordert sind, nicht zu urteilen, sondern uns wirklich vertrauensvoll auf alles einzulassen, was uns begegnet. Dies ist ein Querverweis zur Zen-Tradition und ihrem wiederholten Aufruf, nicht in der tiefen Erfahrung der Einheit stehen zu bleiben und somit auf der hundert Fuss hohen Spitze des Fahnenmastes sitzen zu bleiben sondern von dort weiterzugehen, zurück in die Welt. Und hier in der Welt weiter zu lernen, alle Phänomene anzunehmen. Er fährt dann fort:

„Und der Mensch soll zu allen seinen Werken und bei allen Dingen seine Vernunft aufmerkend gebrauchen und bei allen ein einsichtiges Bewusstsein von sich selbst und seiner Innerlichkeit haben und in allen Dingen Gott ergreifen in der höchsten Weise, wie es möglich ist.“

Aus diesen Zeilen höre ich Bernie Glassman heraus, der uns einlädt alles anzunehmen, was uns begegnet, mehr noch, aus diesen Zutaten das erhabene Mahl zuzubereiten. An gestern Nachmittag zurückdenkend, als wir hier in der Propstei Wislikofen angekommen sind und plötzlich realisiert haben, dass der Benediktsaal, den wir sonst traditionsgemäss immer zur Verfügung hatten, schon anderweitig für eine Feier vergeben wurde, habe ich zunächst gestutzt. Dann hatte ich die Idee, zuoberst unter dem Dach, beim Durchgang zum Raum der Stille, wo üblicherweise ein paar Stühle und ein Salontisch stehen, Platz für unsere Kontemplationseinheiten herzurichten. Dann beim Zazen gestern abend und heute früh habe ich gedacht: „ist doch wunderbar, sehr angenehm, guter Boden, solid, da kann man gut sitzen.“ Meister Eckehart fährt weiter:

„Denn der Mensch soll sein, wie unser Herr sprach: „Ihr sollt sein wie Leute, die allzeit wachen und ihres Herrn harren“ (Luk. 12,36). Wahrhaftig, solche harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, von wannen er komme, dennen sie harren, und sie erwarten ihn in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht doch etwa darin sei. So sollen auch wir in allen Dingen bewusst nach unserm Herrn ausschauen. Dazu gehört notwendig Fleiß, und man muss sich’s alles kosten lassen, was man nur mit Sinnen und Kräften zu leisten vermag; dann wird’s recht mit den Leuten, und sie ergreifen Gott in allen Dingen gleich, und sie finden von Gott gleich viel in allen Dingen.“

So sind auch wir eingeladen, alles je neu mit staunenden Sinnen wahrzunehmen, aufzunehmen und aus dieser letzten Wirklichkeit heraus zu leben, zu gestalten und in absichtsloser Einfachheit unser Leben zu führen und das zu praktizieren, was wir hier miteinander üben. Es braucht dazu nicht sehr viel.

In den vergangenen Wochen und Monaten war in verschiedenen Emails und Gesprächen wiederholt die Identität der via integralis ein Thema. Besonders beim Übersetzen des via integralis Buches ins Englische, das ich dabei das erste Mal richtig Wort für Wort gelesen habe, wurde mir dies besonders deutlich. Bei dieser Arbeit ist mir aufgefallen, dass auf den rund einhundertfünfzig Seiten der Begriff „va integralis“ ungefähr einhundertzwanzigmal genannt wurde. Dies ist in meinem Empfinden deutlich zu viel. Wir sollten weniger darüber sprechen, was die via integralis ist, sondern vielmehr darüber, was wir tun, wie wir in der Welt aktiv sein können, und was wir mit allen in der Welt teilen können. Am Abschlusswochenende des vierten Kontemplationslehrganges im November 2019 habe ich den Teilnehmenden unsere schönen Powerpoint-Folien gezeigt, um ihnen unser Vereinsleben nahezubringen. Auf jeder dieser Folien war in der Mitte des dargestellten Inhaltes das via integralis Emblem enthalten. Vielleicht mögen einige von euch sich auch daran erinnern, dass ich die ersten Jahre nach der Vereinsgründung anlässlich unserer Veranstaltungen das Symbol, auf ein Tuch genäht, in der Mitte des Raumes hingelegt hatte. Das war am Anfang gut und identitätsstiftend. Dennoch denke ich heute, wir sollten das Emblem nicht zum goldenen Kalb werden lassen und es nur sparsam einsetzen, wie z.B. heute Nachmittag, wenn in würdigem Rahmen Hildegard Schmittfull und Bernhard Stappel die Spirituelle Leitung, welche sie bis anhin innehatten, an Margrit Wenk und Regula Tanner übertragen werden. Eckehart fährt fort uns zu zeigen, dass es um die Werke geht und um die Art wie wir handeln:

„Wohl ist ein Werk anders als das andere; wer aber seine Werke aus dem gleichen Gemüt täte, wahrlich, dessen Werke wären auch alle gleich, und mit wem es recht stünde, wem Gott so (eigen) geworden wäre, fürwahr, dem leuchtete Gott ebenso unverhüllt im weltlichen wie im allergöttlichsten Werk.“

Da ist mir das Schweizer Volkslied mit dem Titel „Es isch mer alles eis Ding“ in den Sinn gekommen (die 60 anwesenden via integralis Lehrer und Lehrerinnen beginnen spontan zu singen, Anm. d. Red.) … es ist ein wunderbares Lied, das ganz einfach ausdrückt, wie alles zusammenkommt. Wie das Nicht-Urteilende alles annimmt, gerade so wie es sich gerade zeigt und aus einem Guss ist. Daraus folgend entsteht das Lieben, das schliesslich ganz natürlich und einfach strömt und fliesst.

Heute wird die allenthalben vorhandene Wehmut, die mit dem Abschied von Hildegard und Bernhard aus der Spirituellen Leitung einhergeht, einfach zu einem Moment im unendlichen Lauf des Lebens, der abgelöst wird durch die Freude darüber, dass Regula und Margrit diese wichtige Funktion übernehmen, und dass wir mit den neuen Lehrenden so viele engagierte Menschen neu in unserem Kreis haben. Auf diese Weise lernen wir, wie der Mensch sich darauf einlässt, Gott in allen Dingen zu haben. Dies tun wir, indem wir untereinander Beziehung schaffen, im wachen Ausschauen darauf, was es gerade braucht. Das kann bezogen auf die praktischen Dinge bedeuten, dass wir unsere website überarbeiten oder, dass wir morgen an unserer Generalversammlung die Arbeitsgruppe Mehrsprachigkeit ins Leben rufen. Dazu gehört auch die allfällige Überarbeitung von gestandenen Texten. Und nicht zuletzt die wiederkehrende Reflexion darüber, was die Welt und die Menschheit brauchen und wir nicht nur um uns selbst kreisen. Zu schauen, was die Menschen, die wir begleiten an Stille, Inspiration und Leiblichkeit benötigen. So werden wir schliesslich selber zu den Augen und Händen von Kanzeon, breiten Marias Mantel weit aus oder setzen uns mit Greta Thunberg dafür ein, was die Erde nötig hat. Und so lernen wir, das zu werden, wozu wir berufen sind – Menschen, die ihre Werke vernünftig wirken.

Jürgen Lembke

Nummer 7 aus den Erfurter Reden des Meister Eckehart, Reden der Unterweisung: www.eckhart.de/index.htm?reden.htm