Willigis Jäger (gest. am 20. März 2020)

Foto: Willigis Jäger (* 1925, † 2020)

Willigis Jäger (1925 – 2020)

Ein Nachruf von Ursula Nuzzo-Forrer

Willigis Jäger OSB (1925 – 2020) war deutscher Benediktinerpater, Mystiker und Zen-Meister mit dem Namen Kyo-un Roshi. Er gründete und leitete das Meditationszentrum St. Benedikt in Würzburg, den Benediktushof, ein überreligiöses und überkonfessionelles Zentrum für Meditation und Achtsamkeit.

Das erste Mal durfte ich Willigis Jäger am Kontemplationskurs im April 2001 im Haus St. Benedikt in Würzburg begegnen. Es war „Verstehen“ auf den ersten Blick! Nach dem ersten Gespräch sagte Willigis zu mir: Du gehst jetzt in die Bibliothek, besorgst Dir das Buch „Die Welle ist das Meer“, liest es heute Nacht und kommst morgen wieder zum Gespräch! Das habe ich getan, und dann war es „Verstehen auf den zweiten Blick!“ So wurde ich Schülerin von Willigis.

In dieser kurzen Zusammenfassung meiner Erfahrungen auf dem spirituellen Weg mit Willigis möchte ich auf seine wichtigsten Lehrsätze hinweisen und darauf, was sie bei mir, und sicher bei vielen weiteren seiner Schülerinnen und Schülern, bewirkten und noch bewirken werden.

„Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt ist ein Irrweg.“

Willigis wollte uns durch eine zeitgemässe Lehre eine Hilfe für den Alltag geben, eine Lehre die „raus aus dem „Egotunnel“, wie er es nannte, führt. Sein ganzes Wirken dürfen wir zusammenfassend als „Liebe und Hingabe für die Menschheit„ bezeichnen.

„Wir haben uns als Menschheit in eine katastrophale Egozentrik hinein entwickelt. Wir werden als Spezies aus dieser Misere nur herauskommen, wenn wir unser wahres Wesen erkennen.“

Wie aber finden wir zu unserem wahren Wesen? In all seinen Kursen war es Willigis wichtig, alltagsnah und alltagstauglich seine Lehre zu vermitteln. Es soll ein einfacher Weg sein, auch wenn er nicht ganz leicht ist. Wenn wir ihn fragten: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Antwortete er ganz einfach:

„Ganz Mensch zu sein! Weil Gott in mir als Mensch durch diese Zeit gehen möchte.“

Ganz Mensch, ganz diese individuelle Note in der Symphonie Gottes zu werden, wie Willigis es nannte, dafür war für mich die psychologische Begleitung essentiell. Das Körperbewusstsein war immer Teil der Kurse, und so begleitete Willigis uns jeweils mit seinen Worten mindestens während einer Sitzung zur ganzheitlichen Wahrnehmung.

„Der Körper ist unser Partner und Freund auf dem spirituellen Weg. Spirituelle Wege setzen im Körper an. Er ist der Ausgangspunkt, gleichsam das Gefäss, in dem die Begegnung mit der göttlichen Wirklichkeit gefasst ist. Tatsächlich steht der Körper unserem wahren Selbst näher als der Gedanke. Der Gedanke grenzt ein, der Körper öffnet für umfassendere Bewusstseinserfahrungen.“

Wichtige Worte während dieser „Hinführung in die Stille“ waren immer wieder das Spüren, das Horchen, das Lauschen in die Stille hinter der Stille.

„Spüre, horche, lausche in die Weite und Unendlichkeit hinein.“

Unterstützend für unser Körperbewusstsein waren die Körperachtsamkeitsübungen, das Körpergebet mit Beatrice Grimm und in den Intervallen das kontemplative Gehen. Es entstand ein spezieller Raum der körperlichen Leichtigkeit und Ganzheit. Der Tanz zum Abschluss gehörte immer dazu, Willigis hat immer mitgetanzt, erst 2015 und 2016 dann nicht mehr. Willigis: „Ich bin auch ein Tanzschritt im ewigen Tanz Gottes“.

„Die Quelle des menschlichen Leidens liegt in der Identifikation mit dem Ego. Unser Ego-Bewusstsein ist eine Illusion.“

Gut geführt und getragen während der Kurse waren wir fähig, unser Leid anzunehmen, und es bei uns auszuhalten, damit Wandlung und Heilung geschehen konnten. Die frohen Gesichter der Menschen, die jeweils mit viel weniger Ballast nach den Kursen wieder den Heimweg antraten, bezeugten es. Das Tönen am Morgen auf JEOSCHUA und am Abend auf SCHALOM-SALAM, das bis in unsere Zellen hinein wirkte, begleitete uns während der Kurse und begleitet mich noch heute vor und nach den Meditationen.

„Shakyamuni Buddha und Jesus Christus haben uns Wege in eine tiefere Erfahrungsebene gezeigt, die ins Hier und Jetzt führt, in den Augenblick. Nur eine zeitgemässe, trans-konfessionelle Spiritualität führt uns in die nächste Entwicklungsstufe unserer Spezies.“

Durch seine langen Aufenthalte in Kamakura/Japan und als Zen-Meister war er tief mit der östlichen Lehre verbunden, es war ihm aber ein Anliegen, den Erfahrungsweg der Mystik in unseren eigenen Kirchen wieder lebendig werden zu lassen. Seine Lehre führte aber weit darüber hinaus in eine universelle, Spiritualität. Als ich jeweils im Gespräch meine Schwierigkeiten mit der Katholischen Kirche vorbrachte, ermunterte er mich, dran zu bleiben, nicht auszutreten sondern eine Gruppe zu bilden, und den Weg in die Kirche hinein zu tragen. Seit März 2003 biete ich in meinem Meditationszentrum „zur Quelle“ hier in Müllheim Kontemplationsabende und -Tage an, und seit 2011 auch in der Evangelischen Kirche Müllheim monatlich ein kontemplatives Abendgebet für beide Konfessionen, aber auch für Konfessionslose.

Für mich persönlich war es ganz wichtig, dass ich in den Vorträgen von Willigis die Lehre der Mystik von Ost und West mit klaren Worten und auf verständliche Art zu hören bekam. Es war Willigis wichtig, dass auch ungeübte und religionsferne Menschen an seinen Kursen teilnehmen konnten, ihnen widmete er teilweise besondere Aufmerksamkeit und Zeit für Gespräche, sodass auch sie während den Kursen durchhielten und viele dann den Weg weitergehen konnten.

„Wer sich auf die Stille einlassen kann, mit dem geschieht etwas. Die Stille verändert uns, eint und heilt.“

So durften wir jeweils am Ende eines Kurses, auch an Pfingsten, eine sehr tiefgreifende Agape-Feier erleben, bei der auch Tränen des Berührtseins bei vielen Teilnehmenden fliessen durften. Sein tiefes Mitgefühl war immer spürbar an den Kursen, aber er legte auch grossen Wert auf Disziplin, war auch streng, wenn sich einige nicht an die Struktur und die Regeln halten wollten. In seinen Vorträgen gehörten zwei Themen immer dazu: Das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ (Lk 15,11-32): damit wollte er uns sagen, am Ende steht nicht ein „strafender Vater“, der uns erwartet, nein, ein gütiger Vater erwartet uns: „gib ihm Schuhe, einen Ring, gib ihm ein Kleid, er hat sein wahres Wesen gefunden, wir wollen ein Fest feiern“. In all seinen Vorträgen war ihm als unsere Lebenshilfe wichtig, dass wir den Tod nicht zu fürchten brauchen.

„Sterben ist nach unserer Geburt das wichtigste Ereignis in unserem Leben. Wir sollten darauf hin leben wie auf ein Fest – das Fest unserer Heimkehr zu unserem Ursprung.“

 Das ist im Moment nicht einfach, angesichts des grossen Leids, das die Welt in diesen Tagen erfährt. „Feiern“ heisst für mich jetzt einfach still und dankbar zu sein. Sicher ist unser spiritueller Weg eine sehr grosse Hilfe dabei. Eine andere Geschichte war das Gleichnis von „Maria und Marta„ – wie sie auch Meister Eckehart (Predigt 28) darstellt: es war ihm wichtig aufzuzeigen, der Weg muss in den Alltag führen, Maria muss noch zu Marta werden, wir dürfen nicht bei der Entzückung stehen bleiben. Ganz wichtig ist für mich, im Alltag die Balance zu finden, zwischen Aktion und Meditation.

„Unser soziales Verhalten erwächst aus keinem Gebot, sondern aus der Erfahrung der universellen Liebe.“

Schon bald durfte ich durch die Anfrage von Beatrice Grimm an den Kursen mithelfen, in der Übergangszeit in der Villa Unspunnen, dann ab 2003 am Benediktushof. In dieser schwierigen Übergangszeit in der Villa Unspunnen, in der Willigis nicht wusste, wie es weitergeht, fragte er mich: Willst Du nicht nach Bad Schönbrunn wechseln, ins Lassalle-Haus? Das war damals noch zu früh für mich, erst 2009 war ich reif für die Ausbildung in der Lassalle Kontemplationsschule via integralis.

In der Anfangszeit am Benediktushof war für uns alle speziell spürbar, wie wir als Maschen im Netz verbunden sind. Wir alle spendeten einen materiellen Beitrag, damit auch noch die restlichen Anschaffungen, wie letzte Möbel und weitere Gegenstände, besorgt werden konnten und die Kurse 2003 starten durften. Anfangs wurde noch gebohrt und gehämmert, und ich sagte zu Willigis: Das ist wunderbar, hier wird gebohrt, damit wir den Weg in die Tiefe finden können!

Später kamen dann die Kurse im Felsentor auf der Rigi dazu. Diese Kurse an Pfingsten waren auch für Willigis eine besondere Zeit – er genoss es, die Gespräche, wenn es das Wetter erlaubte, draussen im Garten zu führen, und so entstand auch für uns eine persönliche Nähe und entspannte Atmosphäre. Trotzdem blieb immer die klare, geordnete Struktur erhalten.

„Es gibt keine Trennung zwischen Spiritualität und Alltag. Erst mit dieser Erkenntnis sind wir auf dem wirklichen spirituellen Weg angekommen.“

Wie in allen Zen- und Kontemplationskursen war die tägliche kurze Arbeitszeit Teil der Übung:

„Bleibt in der Übung, ob Ihr geht, steht oder, wenn ihr nachts nicht schlafen könnt.“

Kontemplation ist eine Lebenshaltung, sie bleibt über das Kursende erhalten und führt in einen von Achtsamkeit und Respekt gegenüber allen Wesen geprägten Alltag. Sein tiefes Mitgefühl durfte ich an Pfingsten 2015 erleben. Als ich ein paar Tage nach der Beisetzung meiner Zwillingsschwester wieder zum Assistieren am Kurs im Felsentor teilnahm, kam Willigis auf mich zu und sagte: „ Ich nehme Deine Schwester mit ins Gebet“. Speziell danke ich Willigis auch für seine Weisheit und Güte, die es mir ab 2009 erlaubte, parallel zu ihm auch den Weg der via integralis zu gehen (es gab damals keine entsprechende Schulung am Benediktushof). So konnte ich mich auch in der Schweiz vernetzen, wofür ich heute sehr dankbar bin.

An Pfingsten 2016 kam Willigis das letzte Mal zum Kontemplationskurs ins Felsentor. Wieder durfte ich assistieren, und ich spürte, dass es wohl das letzte Mal sein würde. Er sagte zu mir, dass er müde sei, dass er alles aufgeschrieben habe und alles gesagt habe, „eigentlich möchte ich jetzt sterben, aber es ist nicht so einfach, wollen kann man nicht, man muss gerufen werden!“

Ich danke Beatrice Grimm von Herzen, dass sie es zusammen mit einem Betreuungsteam ermöglicht hat, dass Willigis bis zum Schluss am Benediktushof liebevoll umsorgt werden konnte.

„Wo gehen wir hin, wenn wir sterben? Wir gehen zurück in den Seinsgrund, aus dem wir gekommen sind.“

Lieber Willigis nun bist Du in den Seinsgrund zurückgekehrt, für uns ist es eine Ehre, Deine Anliegen weiter zu tragen, jede, jeder auf seine Weise, nicht als Deine Kopien, was Dir so wichtig war! Viele Male schon durfte ich erleben, wie geprägt ich von Dir bin, wie Deine Lehre in mir wirkt, wie getragen ich mich fühle von all den Vorträgen, die ich hörte, durch all Deine Bücher, die ich lesen durfte und die CDs, die wir weiter hören dürfen.

Mögen wir, alle Deine Schülerinnen und Schüler, den Weg weiter gehen, offen für neue Erfahrungen und Begegnungen, die uns weiter reifen und zum Wohle aller Wesen beitragen lassen, und mögen wir, wenn die Zeit kommt, wie Du, den Tod willkommen heissen!

Wir sind und bleiben verbunden als Maschen im grossen Netz! Jedes Mal bedanktest Du Dich für unsere Mithilfe an den Kursen. Jetzt begleiten Dich unsere Liebe und Dankbarkeit in die neue Seinsweise – es war wohl auch Liebe auf den ersten Blick zu Dir – zum Urgrund.

„Das EINE ist meine wahre Natur – und die Natur aller Wesen. Es ist zeitlos und entfaltet sich in der Zeit. Es entsteht nicht bei meiner Geburt und vergeht nicht durch meinen Tod. Dieses EINE ist der Urgrund aller Dinge.“

Ursula Nuzzo-Forrer

Alle Zitate von Willigis stammen aus den Büchlein: In jedem Jetzt ist Ewigkeit, Jenseits von Gott, Der spirituelle Jahresbegleiter 2015.