Über das Handeln im Aussen

Von Jürgen Lembke, Präsident der via integralis, Zen-Lehrer der Glassman-Lassalle Zen-Linie

Das Schwerpunktthema dieses Newsletters ist das Handeln im Aussen, zum Wohl der Welt. Es ist ein schwer fassbares Thema und ich fürchte, es gibt kein einfaches Rezept, wie wir zum Wohl der Welt beitragen könnten. Wie für viele Generationen vor uns, liegt es an uns, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen. Dazu laden die folgenden Gedanken ein.

Zunächst wirkt unsere Welt mit den vielerorts zugänglichen Informationen scheinbar transparent und übersichtlich. Dennoch stellt für mich und für viele, mit denen ich spreche, die erschlagende Flut der Informationen eine konstante Überforderung dar. In den letzten Jahren wurden wir Zeugen davon, wie führende Persönlichkeiten unter dem Schlagwort «Fake News» die allgemeine Verunsicherung zum eigenen Vorteil anheizten. Auch wenn wir die fragwürdigen Absichten solcher Personen ausser Acht lassen, bleibt die unfassbare Flut von Fakten. Ich arbeite, neben meiner Tätigkeit als Zen-Lehrer, für eine Softwarefirma, welche ein Klinikinformationssystem für Schweizer Krankenhäuser entwickelt. Von Krankenhäusern wird der Wunsch nach einem System, das Ärzte bei der klinischen Entscheidungsfindung unterstützt, immer drängender. Das ist aber bisher nur im Ansatz möglich. Denn allein in diesem Bereich erscheinen laufend neue wissenschaftliche Publikationen, welche in die Algorithmen eingearbeitet werden müssten.

Ähnlich geht es uns, wenn wir uns für etwas einsetzen wollen. Sei es im Einsatz für die Umwelt und die Biodiversität, seien es Hilfsmassnahmen für die Menschen in Konfliktgebieten oder für Benachteiligte hierzulande, immer sind wir gefordert, aus den zahllosen Hilfsangeboten ein passendes zu wählen. Und ist das Passende vielleicht gar nicht dabei, erweitern wir das Angebot durch eine zusätzliche eigene Initiative.

Bisher habe ich die mentale Ebene angesprochen, die scheinbar dominant unser Handeln bestimmt. Aber nur scheinbar. Im Umgang mit politischen Fragen oder den allgegenwärtigen Corona-Massnahmen in den Medien und im privaten Umfeld zeigt sich, wie sich zahllose Emotionen entzünden. Die dabei erhitzten Gemüter lassen sich vielfach nicht befrieden. Auch nicht durch einen Appell wie «Lasst Frieden walten unter euch!», der zu Advent häufig erklingt. Frieden können wir nicht einfach machen oder einfordern. Wenn jemand von einem anderen fordert «Nun sei doch einfach friedlich!», merken wir sofort, dass da etwas nicht stimmt. Etwas in uns rebelliert.

In seinem Buch «The Righteous Mind» schreibt Jonathan Haidt über seine Erkenntnisse als Moral-Psychologe. Anschaulich werden wir mit weitverbreiteten Mustern vertraut gemacht und lernen, wie instinktgesteuert wir reagieren. Der von ihm feinfühlig beschriebene selbstgerechte – oder eher: gerechtigkeitsbedürftige Geist ist bestimmend für die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen.
Spannend ist, wie rasch unsere Instinkte zu einem Schluss kommen und die viel gelobte Rationalität erst sekundär zum Zuge kommt: nämlich, um mit logischen Argumenten unseren Bauchentscheid nachträglich zu legitimieren. Mindestens so spannend ist, dass sich der Instinkt kaum durch logische Gegenargumente beeinflussen lässt.

Folgende zwei Beispiele, das eine aus der buddhistischen Tradition, das andere aus der abrahamitischen, geben je auf ihre Art die fundamentale Schwierigkeit des Menschen bei der Lebensbewältigung wieder. Beiden ist zunächst die Erfahrung der letzten Wirklichkeit als makellos und gut gemeinsam. Die zwei Geschichten verkünden dann, worin unsere Schwierigkeiten liegen. Während die erste von den drei Giften spricht, warnt die zweite davor, das Leben durch Wertungen zu verlieren. Nun folgen also die zwei Beispiele.
Im Kegon Sutra ruft Gautama Buddha, anschliessend an seine Erleuchtungserfahrung aus: «Wie wunderbar, alle Wesen sind ihrer Natur nach makellos. Wie schade, dass sie der Anhaftung, der Abneigung und der Illusion unterliegen.» In der Erleuchtungserfahrung wird die Vollkommenheit erlebt, gefolgt von der Einsicht, dass unsere inneren Regungen mit Vorsicht zu geniessen sind. Die drei Gifte, die traditionellerweise als Gier (Anhaften), Hass (Ablehnen) und Ignoranz (Nicht-Verstehen) unser Leben trüben, können überwunden werden.
Die zweite Geschichte finden wir in der Schöpfungsgeschichte, im Buch Genesis. Hier ist Gott zufrieden mit seiner Schöpfung – “Und Er sah, dass alles gut war!” Er beobachtet mit Genugtuung, wie sein Geschöpf, Adam, die im verliehene mentale Fähigkeit zur Unterscheidung anwendet um allen Dingen einen Namen zu geben. Hier begegnen wir Adam und Eva in einer Szene, die das Dilemma von Richtig und Falsch, Gut und Böse als Ausgangspunkt für unsere Vertreibung aus dem Paradies zeichnet. Der Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und dessen literarisch zugespitzte Konsequenz, nämlich der Verlust der Fülle, ja gar der Tod, sind tiefsinnig. Für mich repräsentiert der Baum in seiner Gestalt unsere fein verästelten Nervensysteme, sowohl jenes unseres Hirns, als auch jenes unseres vegetativen Nervensystems. Im Text der Genesis werden wir alle, zusammen mit Adam und Eva, ermächtigt, allen Dingen einen Namen zu geben. Die Geschichte will, mit dem ins Aussen projizierten Symbol der Frucht, die uns Gut und Böse unterscheiden lässt, davor bewahren, unseren Frieden an die unselige Richtig/Falsch-Differenzierung zu verlieren. Denn, wir können es noch so paradiesisch haben; passiert etwas, das uns zuwider ist, verfallen wir augenblicklich unter den Bann der Wirkung dieser Frucht. Und schwups, sind wir raus aus dem Paradies. Wenn die Kirche bis heute an der Sündhaftigkeit des Menschen festhält, ist das ein tragisches missverstehen dieser archetypischen Erzählung. Zu wünschen wäre ein Gegenmittel.

In dieser Hinsicht erweist sich die Kraft des Zazen bzw. der Kontemplation als hilfreich. Wenngleich es vielen Übenden um die Erlangung der Erleuchtung gehen mag oder darum, Gott zu erfahren, realisieren alle, die länger auf dem Weg der übergegenständlichen Meditation sind, wie allmählich eine Vereinfachung ihres Lebens eintritt. Mir scheint es so, als ob mit dieser einfachen Übung des am Boden Sitzens und dem Atem folgen, wir mit jedem Ausatmen ein wenig von der Wirkung dieser unbekömmlichen Frucht über die Atemwege abgeben. Je hingebungsvoller wir üben, umso toleranter werden wir gegenüber Richtig und Falsch; in uns wie auch in der Welt.

Ergänzend zur Praxis des Zazen sind mir seit vielen Jahren die drei Grundhaltungen der Zen Peacemaker, die Bernie Glassman Roshi formulierte, hilfreiche Begleiter in meinem Alltag geworden. In meinen Worten gebe ich diese so wieder: Ausgangspunkt ist die Haltung des «Nicht-Wissens». Dieses Nicht-Wissen umfasst das unfassbare, nicht beurteilbare Wesen unserer Existenz, welches wir nicht vergegenständlichen oder objektivieren können. Es bleibt absolut, unergründlich und geheimnisvoll. Nur ein kleiner Aspekt zielt dabei darauf ab, dass wir mangels Wissen kein Urteil bilden können.
Die zweite Haltung, «Zeuge Sein», lädt uns ein, mit unserem ganzen Sein von dem, was wir erfahren, betroffen zu sein. Es geht nicht nur darum, etwas möglichst adäquat in einem Zeugenbericht wiederzugeben. Zeuge Sein beinhaltet für mich in gesundem Mass in einer Situation mitzugehen, diese, wie Ignatius sagen würde, zu verkosten und deren Wirkung einzuschätzen.
Die dritte Haltung dreht sich um «wohlwollendes Handeln». Dabei ist nicht blinder Aktivismus gemeint, sondern tatsächlich wohlwollendes Teilhaben am Geschehen dieser Welt.
Die drei Haltungen sind nicht als voneinander getrennt aufzufassen. Als Ganzes gesehen, geben sie uns ein wertvolles Instrument an die Hand, an der Welt heilsam teilzunehmen.

Mit dieser Ermutigung wünsche ich uns allen gutes Gelingen und ein goldenes Händchen bei der Wahl unserer Aktionen für die Welt.

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